XIV

Feldwebel Rinke war erstaunt, daß er auf seinen Brief an Conradi, der

eine sehr freundliche Aufforderung zu recht baldigem Besuch enthielt,

heute aus Vohwinkel die Antwort bekam: ›Leider jetzt unabkömmlich.‹

Was sollte das heißen? Sollte der die Josefine schon vergessen haben?

Denn daß der Conradi nicht mal einen Tag Urlaub bekommen könnte,

wie er schrieb, war doch kaum anzunehmen. So schlimm würden die

Arbeiterkrawalle dort wohl nicht sein!

Mit einem etwas geringschätzigen Lächeln las Rinke den Brief noch

einmal durch. Conradi sprach von einem Arbeiteraufstand in und um

Solingen, von Bedrohung benachbarter Eisengießereien, von einem

Aufgebot der ganzen Gendarmerie im Bezirk. Dienst Tag und Nacht – gar

nicht aus den Kleidern kommen – Fabrikgebäude bewachen – Chausseen

abpatroullieren und so weiter. Hastig war’s hingekritzelt, als wäre es

im stehen geschrieben. Kaum ein Gruß darunter.

Ausreden! Als ob nicht der Anblick allein eines preußisch gedrillten

Gendarmen mit blanker Waffe schon genügt haben würde, einen ganzen

Haufen solchen Gesindels in die Flucht zu jagen! Der Conradi hatte nur

keine Lust zu kommen.

Verärgert ging der Feldwebel heute seinen Pflichten nach. Er erboste

sich in Gedanken gegen sich selber – wer hatte ihn geheißen, dem

jüngeren Kameraden so die Avancen zu machen? Und böse war er auch auf

Josefine – das kam von ihrem bockigen Wesen, nun schnappte der ab.

In einer nervösen Unruhe lief Rinke hin und her. Seit ein paar Tagen

verließ ihn die Angst nicht mehr – in einer schlaflosen Nacht hatte

sich’s in ihn eingebohrt wie eine fixe Idee –: hatte der Leutnant von

Clermont mit der Josefine etwas vor?

Ein Wunder wäre das nicht, er war jung, sie war jung, sie war hübsch

und er wahrhaftig ein glänzender Herr, in den sich ein Mädel wohl

verschießen konnte. Und die Josefine war jetzt in den Jahren.

»Himmelkreuzsakrament!« fluchte der Feldwebel in sich hinein, und dann

rannte er plötzlich, von einer heftigen Unruhe erfaßt, an die Stiege,

die zu seiner Wohnung hinaufführte, und lauschte. Ob der Leutnant schon

wieder nach der Küche kam und um heißes Wasser bat? Über den Gang waren

es ja nur ein paar Schritt – und der Gang war einsam und dunkel!

Das Blut stieg dem Vater zu Kopf, er kletterte eilends hinauf.

Vorsichtig lugte er durch die Thürspalte. Josefine war in der Küche –

allein!

Sie saß auf dem Schemel am Fenster, das Messer, mit dem sie Kartoffeln

schälen sollte, war ihrer Hand entfallen, die Kartoffeln waren

aus ihrer Schürze bis mitten in die Küche gekollert, sie merkte es

nicht. Sie merkte nicht einmal, daß der Zipfel ihres Rockes in die

Wasserschüssel am Boden stippte. Mit einem glücklichen Gesicht träumte

sie in den blauen Himmel hinein – oder starrte sie nach dem Fenster der

Offiziersstube drüben?!

Behutsam schlich Rinke wieder hinunter, er schämte sich, den Spion

gespielt zu haben; und doch war er erst beruhigt, als er den Leutnant

von Clermont zum Thor schreiten sah.

Der ging nun aus. Schlank und elastisch schritt er über das holprige

Pflaster längs der Blocks; geschickt balancierte sein Fuß im

blitzblanken, schmalen Stiefel über schmutzige Stellen. Ein Stäubchen

lag ihm wohl auf dem Waffenrockärmel, er schnippte es weg, und dann

pfiff er in die laue Luft und machte mit einem: ›ksch, ksch – puff!‹

die hungrigen Spatzen bange, die unter den knospenden Ahornbäumen

schirpend des Frühlings warteten. In einem Schwurr flogen sie auf;

über’s ganze Gesicht lachend, sah er ihnen nach.

So heiter, so wohlgemut, was kostet die Welt?!

Der Feldwebel sah dem schlanken Offizier nach, bis das schwere Thor

hinter ihm in’s Schloß gefallen war. Nein, da war kein Zweifel, den

mußte ja ein Mädel lieben! Und konnte man ihr darum böse sein? Nein,

nicht einmal! Lachte einem doch selber das Herz im Leib, wenn man dem

nachsah. Der Junge hatte doch noch mehr los, wie sein Vater! Man merkte

es, daß der im Korps erzogen war, von Grund auf militärisch. Forsch

war er, ein Sappermenter. Vor der Front stand er wie ’ne Tanne, seine

helle Stimme schmetterte über den Platz. Die Kerle hatten Dampf vor

ihm; er sah jeden Mann, sein Auge, das sonst so lustig herumfackelte,

bekam dann einen ganz niederträchtig scharfen Blick. Sein Kinn straffte

sich, und wenn er zwischen den zusammengebissenen Zähnen herausstieß:

›Krummer Hund!‹ dann zitterten sie alle! Der Feldwebel schmunzelte.

Und bei den Vorgesetzten war der Leutnant auch gut angeschrieben – ja,

der kriegte noch mal die Generalsepauletten! Ach, wie stolz konnte der

Major auf seinen Sohn sein!

Das Schmunzeln verschwand jäh, ein Zug von Gram vertiefte die Furchen,

die Rinke von der Nase herab nach den Mundwinkeln liefen. Ach ja, =der=

Junge konnte ’nem Vater schon Freude machen!

Er stand noch lange und starrte auf einen der schmalen Abdrücke, die

der leichte Tritt des Leutnants, kaum sichtbar, im weichen Grund

hinterlassen.

Wenn er nur die Josefine in Sicherheit wüßte! Ihm wurde heiß und kalt.

Aber vielleicht täuschte er sich? Nun, desto besser. Doch gefährlich

war die Nähe jedenfalls. Zu fatal, daß der Conradi dienstliche

Abhaltung vorschützte! Der Esel! War es denn die Josefine nicht wert,

daß man sich ein bißchen um sie mühte? Solch ein Mädel zu gewinnen, ist

ebenso schwer, wie Major werden.

Der Feldwebel grollte dem Kameraden. Arbeiterunruhen – Unsinn! Grollend

ging er zum Mittagessen.

Droben fand er große Aufregung. Die Knaben waren soeben aus der Schule

gekommen, vor Eifer schrieen sie durcheinander: daß der Wehrwolf

bei Hammersphar brennen sollte; daß die Gießereien zu Rinkenberg und

Höchscheid und Burgthal demoliert würden; daß die Aufständischen auf

Solingen selber los marschierten.

»Alle Maschinen, sagen se, sind ausenanderjerissen – hau – un auf de

Eisenstangen han se de Fabricksherren aufjespießt!«

Frau Trina schrie laut auf: »Materdeies, wann die hiehin kommen!«

Sie war gar nicht zu halten, wollte durchaus auf die Straße und

Erkundigungen einziehen.

Der Vater wetterte noch über den Unsinn – die Jungen schwiegen, aber in

ihren herausgedrückten Augen las man weitere Schreckensnachrichten – da

wurde auch schon Alarm geblasen.

Grell tutete es von den Höfen herauf, die Trommel wirbelte.

Aufgescheucht aus ihrer kurzen Mittagsrast, rannte die Mannschaft

umher. Stiegen knarrten, Thüren klappten, Kommandos erschallten. In

einer halben Stunde schon rückten zwei Kompagnien Sechzehner aus, sie

waren für Solingen designiert.

Also Conradi hatte doch keine Ausflüchte gemacht?! Mit einer gewissen

Befriedigung stand der Feldwebel im Kasernenthor und sah den

Abmarschierenden nach, sah den letzten Tornister, das letzte Paar der

nägelbeschlagenen Kommißstiefel um die Ecke verschwinden. Ihm war’s

lieb, daß seine Kompagnie nicht Befehl zum ausrücken erhalten hatte

– die Waffen gegen solches Pack zu gebrauchen, war keine Ehre. Das

war keinen Schuß Pulver wert wie ein ehrlicher Feind. Stockprügel,

Stockprügel! Gewehr umgedreht und mit dem Kolben ihnen den Hintern

versohlt! Er spuckte aus:

»Bande!«

Die Aufregung seiner Frau war ihm lächerlich. Was, Angst?! Nur die

Bajonettspitzen brauchte der Pöbel von weitem blitzen zu sehen und den

gleichmäßigen Tritt der Kolonne zu hören, da gab er schon Fersengeld.

Es giebt nichts auf der Welt, was so einschüchternd wirkt, wie die

Geschlossenheit der Truppe und das militärische Kommando.

Frau Trina aber gab sich nicht zufrieden. Sie war im ›Bunten Vogel‹

gewesen; da hatte die Wirtsstube gestopft voll gesessen. Die Leute

erzählten von einer Deputation, die von Köln nach Berlin gereist war.

Alle waren sich darüber einig, daß der König mehr Freiheiten geben

mußte. Etliche hatten gar gewußt, daß in Berlin selber auch Unruhen

ausgebrochen seien – mit Pflastersteinen war nach den Soldaten vor’m

Schloß geworfen worden!

Der Feldwebel höhnte: »I wohl, Soldaten mit Pflastersteinen schmeißen!

Hat sich was! Daß du dir solchen Blödsinn vorreden läßt!«

Rinke glaubte an diese Gerüchte nicht. Ja, hier am Rhein, da mochte es

wohl schon eher möglich sein, daß es einmal rebellisch spukte – Volk

ohne Haltung, ohne Disziplin! – aber in Preußen, in der Hauptstadt,

gleichsam unter den Fenstern Seiner Majestät?! Unmöglich!

Der Feldwebel hielt sich heute noch strammer als gewöhnlich. Als er

auf die Straße trat, um hinüber in’s Stammlokal zu gehen, reckte er

sich kerzengerade; wie Falken, zum niederstoßen bereit, lauerten seine

Blicke. Die Mütze hatte er etwas schief auf das, an den Schläfen schon

stark ergraute Haar gerückt und den Schnauzbart aufgestrichen; er sah

unternehmend aus.

Die Kameraden am runden Tisch fanden, daß heute nicht gut mit

Rinke auskommen war. In der That, die ewigen Erzählungen von den

Pöbelrevolten reizten ihn – war es der Rede wert, nur ein Wort über

so etwas zu verlieren?! Als gar einer im Flüsterton, mit bedenklicher

Miene, die Geschichte zum besten zu geben wagte, die auch Frau Trina

heute berichtet, riß ihm die Geduld. Was, der Pöbel sollte die

Schloßwachen insultiert haben –?! Ein solcher Gedanke schon war eine

Beleidigung des ganzen preußischen Militärs!

Mit Mühe nur ließ der Feldwebel sich beruhigen. Mißmutig, früher als

sonst, ging er heim.

Auf der Straße war noch reges Leben. Vor den Hausthüren standen

Gruppen, Menschenmassen wogten hin und her. Neugierige liefen hinter

schreienden Knaben drein, die ausposaunten, daß man hinter Bilk und vom

Hammer Damm aus die ganze Stadt Neuß brennen sehen könne.

Viele rannten hinaus auf die Felder. Jenseits Dorf Hamm, über’m Rhein,

mußte ein mächtiger Brand wüten. Rauchmassen wälzten sich dem Strom zu,

und Feuersäulen lohten auf; Funkenregen, ganze Funkengarben schossen

durch’s nächtliche Dunkel.

Bleiche Gesichter sahen sich an. Bis auf die Kasernenstraße glaubten

ängstliche Gemüter den Brandgeruch zu spüren. Viele Bürger stiegen zur

Bodenluke heraus auf’s Dach und observierten den Himmel.

Am Morgen wurde es bekannt: eine große Fabrik zu Neuß war

niedergebrannt, von ruchlosen Händen angesteckt. Und aus Mülheim an der

Ruhr, aus Lübbecke, aus Gütersloh, aus Elberfeld, aus vielen andern

Orten in geringerer und weiterer Entfernung liefen beunruhigende

Gerüchte ein. Die Wirtshäuser der Stadt waren heute überfüllt, dicht

gedrängt saßen die Bürger auf der Bierbank; so viel hatten sie lange

nicht am Stammtisch zu bereden gehabt. Es war ein Sonntag, aber auch

wenn es Wochentag gewesen, wäre keiner seinen Geschäften nachgegangen,

denn der St. Sebastian-Schützenverein hielt heute Generalversammlung

auf dem Hunsrück. Da strömte alles hin. –

In der Kaserne war es still, totenstill. Im Morgengrauen war noch

Militär nach Lennep ausgerückt, dabei hatte es für kurze Zeit Leben

gegeben. Jetzt lag der weite Platz leer, in den Pfützen spiegelte sich

eine bleiche Sonne, und der scharfe Märzwind schnaufte darüber hin.

Die Sonntage waren immer langweilig, der heutige kam Rinke endlos

vor. Zeitung mochte er nicht lesen, wozu sollte er sich ärgern? Mit

großen Schritten lief er in der Stube auf und ab, und dann stand er

wieder am Fenster und trommelte unruhig auf die Scheiben. Stirnrunzelnd

betrachtete er den Himmel – so zerrissen war der, bedeckt von gejagten

Wolken, die in fratzenhaften Umrissen Gestalt von Ungeheuern gewannen.

Jetzt trieb ein Untier von der Allee heran, mit ausgebreiteten

Schwingen segelte es über den Kanal, über den Exerzierplatz, gerade

auf’s Fenster zu. Unwillkürlich trat der Feldwebel zurück, ihm war,

als senke sich das schwarze Wolkengebild schwer herab.

»Josefine!«

Keine Antwort. Noch einmal:

»Josefine!«

Wo steckte sie nun wieder?! Er ging in die Küche, in die Schlafkammer,

durch die ganze Wohnung. Er rief auch auf dem Gang. In der Leere hallte

seine Stimme. Fröstelnd rieb er sich die Hände. Ganz allein! Die Käthe

war mit den Jungen zu den Großeltern gegangen; vielleicht die Josefine

auch? Sie hatte ihm aber nicht Adieu gesagt.

Er entschloß sich, auch auszugehen. Das Seitengewehr umschnallend,

verließ er die Wohnung; auf einmal hatte er’s eilig.

War sie mit der Mutter gegangen – oder wo war sie? Einen scheuen Blick

warf er hinauf zur Offiziersstube; der Leutnant schien nicht da zu

sein, denn der Bursche fläzte sich am Fenster.

Seine Unruhe trieb ihn nach dem ›Bunten Vogel‹.

Als er so, weit ausholenden Trittes, durch die Straßen schritt, fiel

ihm plötzlich ein, wie er schon mehr als einmal dorthin geeilt in Hast

und Unruhe, einen Flüchtling zu suchen. Das erste Mal: die junge Mutter

und das junge Kind – ach, was war die Josefine für ein süßes Kindchen

gewesen!

Mit Blitzesschnelle entrollten sich ihm siebzehn Jahre. Immer

Josefine! In der Wiege – in den ersten Schuhchen – pfeilschnell

dahinschießend im wilden Lauf – beim exerzieren – mit dem Schulranzen

– am Einsegnungstag im ersten langen Kleid – eine Mutter unter den

Geschwistern – fleißig am Waschzuber – trillernd wie eine Lerche –

immer und immer Josefine! Allezeit war sie seines Herzens Freude und

Wonne gewesen.

Ihn dünkte heute die unbestimmte Angst um sie fast größer, als jene,

die er empfunden in schneeiger Winternacht, da er hier entlang

gestürzt, den verlorenen Sohn zu suchen.

Immer und immer der gleiche Weg, das Pochen an die gleiche Thür! Mußten

sie denn alle dahin laufen, immer nach dem ›Bunten Vogel.‹ Weib, Sohn,

Tochter?! Und er wie ein Narr hinterdrein?!

Ein jähes Gefühl stieg in ihm auf, das sein Blut wallen machte und sein

Auge verdunkelte. O, dieses behäbige Bürgerhaus mit seiner allezeit

offenen Thür, mit seiner ewigen Lampe unterem Marienbild, mit seinem

Duft nach Rheinland und Rheinwasser! Es stahl ihm das, was sein war.

Des Feldwebels Gesicht wurde sehr finster, mit einem bösen Blick sah er

umher – o, diese Stadt! Nein, er hatte sie nie lieben gelernt, verhaßt

war ihm ihr Pflaster! Nie würde er hier eine Heimat finden, fremd blieb

ihm ewig dieser Boden!

Diese nie versagende Fröhlichkeit widerte ihn an – horch, wahrhaftig,

da gröhlten sie schon wieder!

Er war auf dem Hunsrück angelangt. In der Wirtschaft bei Prehl standen

Fenster und Thüren offen, die Räume schienen zu eng, um die noch immer

zuströmenden Männer und Burschen zu fassen. Drinnen redete einer mit

mächtiger Stimme. Aha, jetzt erschallten brausende Hochrufe! Was war

denn los?

Eine schwarz-rot-goldene Fahne entfaltete sich plötzlich aus einem

Fenster des Obergeschosses, flatterte im Winde und blähte sich. Und

innen im Lokal und außen auf der Gasse huben plötzlich hunderte wie aus

einer Kehle an:

»Freiheit, die ich meine,

Die mein Herz erfüllt!«

Weithin dröhnten die kräftigen Stimmen der St. Sebastian-Schützenbrüder.

Der Feldwebel blieb an der jenseitigen Häuserreihe stehen – was, waren

sie jetzt schon alle betrunken?! Es schien so. Sie jubelten laut, sie

schlugen sich auf die Schultern, sie schüttelten sich die Hände, sie

sanken sich in die Arme, sie küßten sich – Männer küßten sich! Buben,

kaum drei Käse hoch, wurden in die Höhe gehoben, jubelnd haschten sie

nach dem schwarz-rot-goldenen Zipfel. Klatschend trieb der Wind die

Fahne gegen Mauer und Fenster; jetzt breitete sie sich aus und spannte

sich über die Gasse wie ein straffes Tuch in leuchtenden Farben.

Schwarz-rot-gold – hm! Kopfschüttelnd ging Rinke weiter; aber erneuter

Gesang schallte hinter ihm drein und verfolgte ihn bis zum Ende der

Gasse, noch weiter:

»Deutschland, Deutschland über alles!«

Trotzig stieg es in ihm auf – schwarz-rot-gold, was sollte das?! Es gab

nur eine Fahne:

›Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben?

Die Fahne weht mir schwarz und weiß voran!‹

Schwarz-weiß! Ein ungeheurer Stolz schwoll in ihm. Aufgereckt,

kerzengerade stieg der Preuße über die Straße; ein paar Knaben lachten

hinter ihm her. So kam er im ›Bunten Vogel‹ an.

Seine Frau und seine Söhne fand er dort. Josefine nicht.

»Och Jott, Rinke, du has auch immer jett,« sagte Frau Trina auf sein

hastiges Fragen nach der Tochter. Ordentlich mitleidig sah sie ihren

Mann an. »Wat du der immer für Sorg’ machst, rein um jar nix! Wenn mer

so is, kann mer ja sein Leben nit froh werden. Wo soll dat Fina dann

hin sein? Et is doch kein klein Stümpken meh, dat verloren jeht!«

Rinkes erstes Gefühl war gewesen, wieder nach Hause zu eilen und dort

auf die Tochter zu warten; nun blieb er doch hier. Wenn er nun allein

zu Hause blieb mit seinen Gedanken?! Ihm grauste davor. Mechanisch

streifte er die Handschuhe herunter und schnallte das Seitengewehr ab.

Frau Trina hatte ihn neben sich auf die Bank gezogen, sie freute sich,

daß er endlich wieder einmal mit ihr hier saß. Nun zwinkerte sie

vergnügt ihrem Ältesten zu:

»Du, Willem, bring dem Pappa jett zu drinken!« Der Sohn that’s, aber

dann drückte er sich zur Thür hinaus, die Großmutter mußte selber

aufstehen und dem Schwiegersohn das Bierglas neu füllen.

Heute waren keine Gäste im ›Bunten Vogel‹, alles hockte beim Prehl

auf dem Hunsrück. Eine große Behaglichkeit lag über der halbdunklen,

altmodischen Wirtsstube. Das ewige Lämpchen unter’m Marienbild glimmte

mild mit rötlichem Schein; friedlich still war’s draußen auf der

Straße, kein Hund bellte, kein Fußtritt hallte.

Stiller wurde es auch in des Feldwebels Seele.

Frau Trina hatte ihre Hand in die seine geschoben; das war lange nicht

geschehen. Auch das freundliche Gesicht der alten Frau, gegenüber am

Tisch, that ihm wohl. Nachtragend war die nicht, das mußte man ihr

lassen, und der alte Peter Zillges auch nicht, der lächelte in einem

fort, kindisch zufrieden.

Ein Gespräch wollte aber trotzdem nicht in Fluß kommen; man begnügte

sich, nur einander freundlich anzusehen. Langsam sank die Dunkelheit.

Da krachte auf einmal ein Schuß auf der Straße, die Frauen stießen ein

erschrockenes: ›Jesus Maria!‹ aus. Die Knaben wollten neugierig zur

Thür stürzen, ein barsches: ›Halt!‹ des Vaters rief sie zurück. Der

Feldwebel war auch aufgesprungen und horchte, den Kopf vorgeneigt.

Noch mehr Schüsse.

Und nun plötzlich Fackelglanz draußen im Dunklen: ein ganzer Trupp

Menschen zog vorüber, Männer, Jünglinge, Knaben.

Und nun Freudengeschrei: »Illuminieren! Bürjer, Lichtches eraus! Hoch

de König! Vivat, de soll leben! Lichtches eraus, Bürjer, illuminieren!«

Die Stimmen gellten durcheinander.

Das war ein Trappeln und Rennen, ein Pflasterdröhnen; die stille

Ratingerstraße belebte sich wie durch Zauberschlag.

Hunderte von Menschen. Nun trabte ein Rudel Jungen heran:

»Hä küt, hä küt! Hoch de San Sebastian-Schützeverein! Hoch de König!

Hoch, hoch, hoch!«

Ein paar Stadtmusikanten fiedelten und bliesen aus vollen Backen. Jetzt

brausende Jubelrufe – der Chef von St. Sebastian erschien, fast wankend

unter der Wucht der schwarz-rot-goldnen Fahne. Jubelnd, jauchzend,

singend umringten ihn die Schützen. Heute marschierten sie nicht

in Reih’ und Glied, heute lief jeder wie er wollte und schwamm auf

Freudenwogen.

»Düsseldorfer Bürger, Stadt illuminieren!« Von allen Seiten tönte das

Verlangen, der Rheinwind trug den Ruf weiter.

Und Menschen, Menschen, froh erregte Menschenscharen.

Und Freudenschüsse vom Mühlenplätzchen, vom Burgplatz, vom Markt her;

nach dem Rathaus drängte die Menge.

Das knatterte und knallte und blies und fiedelte und juchzte und

frohlockte. Die Träger schwangen ausgelassen ihre Fackeln, greller

Schein überglänzte alles, flüssiges Feuer tropfte auf’s Pflaster; wie

bespritzt mit Blut standen die weißen Mauern der Häuser.

Frau Trina war mit der Mutter und den Kindern an die Hausthür gelaufen,

in größter Neugier faßte sie einen der Vorüberstürzenden am Ärmel: »Wat

es dann passiert? Sagt doch!«

»Ich weiß et nit – Vivat hoch, hoch, hoch!«

Die Wacht am Rhein · 第 36 / 74 题