Sie wischte zum Schein. »Et jeht nit ab!«

Da nahm er sein Sacktuch, spuckte drauf und rieb ihr damit unsanft über

die Stirn. »So.«

Das Essen schmeckte ihm nicht – warum gab’s denn heute überhaupt so

ein labbriges Fastengericht, nach dem einem der Magen schon um zwei

Uhr wieder lang hing?! Was ging ihn der Aschermittwoch an?! Und noch

dazu waren die Nudeln nicht einmal gar! Als er um zwölf Uhr hungrig

heraufgekommen war und nach alter Gewohnheit zuerst in die Küche

geguckt, hatte er Josefine nicht darin gefunden; das Wasser strudelte

zwar aus dem Herd und floß zischend über, aber die Nudeln lagen noch

trocken auf dem Tisch. Und als er nach ihr gerufen, war sie hastig den

Gang heruntergekommen, hochrot, mit verwirrtem Haar. Sie entschuldigte

sich: der Leutnant sei erkältet und habe um einen Thee bitten lassen,

den habe sie ihm eben rasch selber hingebracht.

Warum war sie so verlegen gewesen, hatte so unnütz viel Worte gemacht,

hatte ihm nicht in die Augen gesehen, wie sich’s gehörte, sondern scheu

zur Seite geblickt?! Donnerwetter, was hatte sie bei dem Leutnant zu

suchen?!

Jetzt beim Mittagessen nahm der Vater die Tochter scharf auf’s Korn.

Sie aß nicht; er sah es wohl, wie sie heimlich dem jüngsten Bruder

noch ihr Teil zuschob. Ganz benommen guckte sie vor sich hin mit

einem verträumten Lächeln. An was, an wen dachte sie?! Rinke empfand

es plötzlich wie einen Schmerz – da war was zwischen ihm und seiner

Josefine.

»Na!« Früher hatte sie immer gleich seinen Blick bemerkt, jetzt mußte

er erst die Faust vor sie hinlegen. »He, Josefine!«

Erschrocken zuckte sie zusammen.

»Nanu?!«

Die Brüder fingen an, verstohlen zu kichern.

»Nanu, an wen denkst du denn?« Es sollte vielleicht neckend klingen,

aber er verstand nicht zu scherzen, seine Stimme war scharf. »Wohl an

Conradi’n?!«

Sie gab keine Antwort, schüttelte nur, energisch verneinend, den Kopf.

»Na, na, das wäre doch nich unmöglich! Der wird nu wohl bald mal wieder

einpassieren. Soll ich ihm schreiben?«

»Nein!« Kurz klang das ›Nein‹, wie angstvoll herausgestoßen.

»Warum denn nich, wenn ich fragen darf? Na?!« Argwöhnisch sah er sie

an: das war nicht bloß mädchenhafte Thuerei! Blaß war sie geworden und

preßte die Lippen aufeinander und senkte den Kopf.

Die Jungen fingen wieder an zu kichern.

»’raus,« schrie der Vater und zeigte auf die Thür, und sie flohen in

die Küche. Dort stopften sie die Fäuste in den Mund und tanzten einen

Indianertanz. Hau, nun kriegte die Fina es! Daß die Fina den Sergeanten

nicht mochte, das wußten sie ja alle längst, nur der Vater nicht. Das

war dem recht, warum war der immer so streng?!

Drinnen in der Stube fing die Mutter an, das Geschirr abzuräumen;

sie that sehr geschäftig und wollte es nach der Küche tragen, aber:

»Bleib!« rief ihr Mann.

»Was ist los mit dir?« sagte der Feldwebel zur Tochter. Seine Stimme

war ruhig, scheinbar gemütlich, aber doch vibrierte etwas in ihr. Sie

kannten den Ton, der verhieß Sturm. »Was hast du gegen Conradi’n?«

»Nix!«

»Er ist dir sehr gut!«

»Och –?!«

»Thu nicht so, als ob du das nicht wüßtest! Und en braver Kerl ist er

– wenn auch en bißchen mau, – anständig ist er durch und durch! Warum

bist du so obstinat? ’nen besseren Mann kriegst du nicht!«

»Ich will jar keinen!«

»Sie hat ja noch Zeit,« wagte Frau Trina einzulenken. Die Tochter that

ihr leid; die saß da, wie verdonnert, hielt die Hände im Schoß und rang

die Finger ineinander. »Un ich mein’, Rinke, du könnst et als auch noch

abwarten, bis de dat Fina los wirst!«

Er brauste nicht auf, wie sonst wohl; ruhig klang es, fast müde: »Zeit

– abwarten?! Zeit – jawohl, das ist jetzt ’ne tolle, kein Respekt mehr,

kein Parieren! Man paßt nich mehr in den Kram.« Schwermütig stützte er

den Kopf in die Hand und sah vor sich hin, versunken in seine Gedanken.

»Zeit –?! Wer weiß, wieviel man noch hat!« Die Lippen spitzend, fing

er leise an zu pfeifen. Es war das alte Soldatenlied: ›Morgenrot,

Morgenrot.‹

Plötzlich fuhr er nervös aus: »Ich hab’ ’ne Unruhe! Ich hab’ sie nu

mal! Eh’s los geht, möcht’ ich die Josefine versorgt sehen!«

»Jesus, Rinke, wat haste for Ideen,« sagte Frau Trina, »mer könnt ja

wirklich meinen, et jäb Krieg, un du –«

Ein jäher Laut unterbrach sie. Mit weit aufgerissenen Augen hatte

Josefine den Vater angesehen, nun sprang sie auf, nun hing sie ihm am

Halse. Sie legte das Gesicht auf seine Schulter und schluchzte so in

ihn hinein:

»Bis still, Vater, still! Du sollst so wat nit sagen, du darfst so wat

nit sagen! Och, Vater, du mußt ewig bei mir bleiben! Vater, jelt, du

läßt mich noch hier, ich brauch’ noch nit weg? Och, jelt ja, Vater?!

Mein lieber Vater!«

Das war doch noch sein altes Mädel, seine Tochter, die kindlich an ihm

hing! Ach, das that wohl! Ein Glücksstrahl flog über sein Gesicht. Er

hob ihren Kopf von seiner Schulter und strich ihr die wirren Haare

zurück, seine Hand ruhte für Augenblicke schwer und kühl auf ihrer

glühenden Stirn.

»Treue, Tapferkeit und Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre!« – Warum er

das jetzt sagte? Er wußte es selber nicht, die Worte drängten sich ihm

gewaltsam auf die Lippen. »Aber die Ehre ist die größte unter ihnen.

Mein Kind, über alles die Ehre!«

Die Wacht am Rhein · 第 35 / 74 题