Viktor von Clermont war gar nicht entzückt über sein Kommando nach
Düsseldorf, obgleich der Major es als eine besondere Artigkeit
vermerkte, daß man den Sohn zum alten Regiment des Vaters versetzt, und
so wieder in seine Nähe.
Traurig genug, daß es mit der Garde nichts geworden war – dazu fehlten
die Gelder –, aber beim Regiment in Neu-Ruppin war’s doch auch ganz
nett gewesen: Berlin so nah, man konnte des Sonntags immer und in der
Woche abends öfter hinüberflitzen, unter den Linden flanieren und, als
seiner Majestät Leutnant, gegen bedeutende Ermäßigung die Balletts im
Königlichen Opernhaus genießen.
Jedoch hier, in dem kleinen Provinznest, was sollte man hier anfangen?!
Das Theater am Markt war die reine Bude, man sah es ihm schon von
außen an, daß innen nichts los war. Ein ruppiger Schusterjunge
in Berlin hatte mehr Witz, als die ganzen Düsseldorfer zusammen
aufbringen konnten. Es war nirgends etwas los, der Hofgarten zum
sterben langweilig, die ziemlich breiten Straßen und Alleen förmlich
ausgestorben.
Ach, so ein Abend unter den Linden und auf der Friedrichstraße! Nur das
war Leben! Da brannten die Laternen hell, man schwamm mit in der Menge,
die auf und nieder wogte, man betrachtete die Schaufenster, man ging zu
Kranzler hinein, um ein Schälchen Eis oder eine Limonade zu schlürfen
und die Hofequipagen vorübersausen zu sehen.
Und wie estimiert der Berliner seinen ersten Stand! Kam man zu Josty
oder zum ›schweren Wagner‹, gleich stürzte der Kellner herbei, nahm den
Mantel ab und fragte nach den Befehlen; er bediente so geschmeidig, als
hätte man mindestens Sekt und Austern beordert. Hier zu Lande mußte man
erst dreimal rufen, hier galt nur der Protz!
Viktor begriff nicht, wie sein Vater es so lange hier hatte aushalten
können. Freilich, der mußte eben, der Knüppel lag beim Hund. Um Gottes
willen, nur nicht hier sitzen bleiben! Man versumpfte ja ganz!
Der junge Offizier beschloß, sich fleißig vorzubereiten, und sich
dann schleunigst zur wissenschaftlichen Prüfung auf Kriegsakademie zu
melden. Dann mußte man doch hier wegkommen.
Mißmutig lag der Leutnant auf dem eingesessenen, zu kurzen Sofa der
Offiziersstube. Alle Tage das Trampeln der Mannschaft, das stereotype
Pfeifen, und wenn alles schwieg, das Wispern der Ahornbäume. Ein
Tag wie der andre. Er gähnte und reckte die Arme über den Kopf. O,
die Langeweile! Wenn jetzt nicht bald ein Krieg kam, dann war’s zum
totschießen!
Er richtete sich halb auf und sah verzweifelt um sich. Den Fettfleck
hier über dem Sofa an der Wand hatte wohl sein unglücklicher Vorgänger
zurückgelassen; gleich ihm mochte der oft dagesessen haben, das Haupt
angelehnt, in’s öde Nichts stierend. Und hier die Kopflehne wies auch
solchen Fleck auf, und dort, wo die Füße ruhten, war der Überzug
zerscheuert und das Heu der sogenannten Polsterung schimmerte durch.
Elendes Dasein!
›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin –‹
Horch, da sang wieder die Josefine! Die hübsche Josefine!
Viktor lächelte und schloß lauschend die Augen halb. Die war wahrhaftig
der einzige Lichtpunkt hier! Wie sie sang! Hell wie ’ne Lerche, und
doch hatte sie auch Töne, tief und warm.
Von der reinen Herbstluft getragen, veredelt, geklärt, schwebten die
Klänge des Liedes zu ihm herein.
Nettes Mädel, liebes Mädel! Wahrhaftig, er mußte ihr doch mal eine
Freude machen, sie erwies ihm so oft allerlei Gefälligkeiten. Der
Alte war ein Rauhbein, die Mutter eine Null, aber die Tochter – alle
Achtung! Was sollte er ihr wohl schenken: ein Band, einen Kamm, eine
Brosche, Konfekt, Blumen, einen Almanach?!
Den seidengehäkelten Geldbeutel mit Stahlperlen, ein Geschenk seiner
Schwester Cäcilie, herausziehend, zählte er nach. O weh, zwar
erst gestern Gage bekommen, aber da waren die fünf Thaler für die
Kleiderkasse, die Tischgelder, die andern Abzüge – was blieb noch
übrig?! Wahrhaftig, er mußte sich beizeiten nach einer reichen Frau
umsehen – was soll ein armer Leutnant in Friedenszeiten sonst wohl
machen?!
Sein lächelndes Gesicht trübte sich – dem Mädel eine kleine Freude zu
machen, selbst dazu fehlte es ihm! Plötzlich mußte er daran denken,
wie er einst auf der Kasernenstraße gestanden und sehnsüchtig nach den
Weckmännern im Bäckerladen geschaut. Jahre her, aus dem Kadetten ein
Leutnant geworden, aber damals schon wie heute, immer dieselbe Misère!
Und doch – er mußte wieder lächeln – ob er ihr damals eigentlich den
Weckmann gekauft hatte? Er wußte sich nicht recht zu erinnern. Aber das
wußte er noch genau, ihre Arme hatte sie um seinen Hals geschlungen im
dunklen Keller, und ihre warmen Lippen hatten ihn geküßt.
Er strich sich den Schnurrbart. Horch, sie sang noch immer! Die
hatte eine gute Lunge. Und nun sah er ihre schöne Gestalt vor sich,
die kräftige Brust, die runden Arme, den federnden Gang. Was hatte
sie eigentlich für Augen? ›Blaue Augen schön, aber sehr gemön‹ –
nein, die ihren waren nicht gewöhnlich! Er mußte doch einmal tiefer
hineinschauen. Sapperlot, unter welchem Vorwand ging er denn gleich
hinüber in die Feldwebelwohnung?!
Plötzlich aus seiner Langenweile aufgerüttelt, sprang er auf und fing
an, Toilette zu machen; er konnte ja dann gleich auf die Königsallee
gehen, nachmittags pflegten sich die Schönen Düsseldorfs zu zeigen, und
Kameraden waren immer dort.
Umständlich begann er sich zu pomadisieren und zu frisieren: Scheitel
über den Hinterkopf gezogen, Haare rechts und links über den Ohren
aufgebürstet. Den Schnurrbart gewichst, Mütze eine Ahnung schief
gerückt, Taille eng gezogen, daß die wattierte Brust heraustrat. Nun
noch die Nägel poliert, diese schönen, rosigen Nägel, mit den weißen
Halbmonden und den langen, spitz zugeschnittenen Schuppen.
Als er den Gang zur Feldwebelwohnung entlang schritt – was brauchte er
erst offiziell über den Hof zu gehn, hier war’s viel bequemer –, hatte
er noch immer keinen Vorwand. Na, der Alte würde ja nicht gerade da
sein! Vorsichtig schob er die nur angelehnte Küchenthür auf, enttäuscht
wollte er den Kopf zurückziehen – niemand drin! – da trat Josefine aus
ihrer niedrigen Kammerthür.
»Wer da?«
Sie hatte sich eben das Haar frisch aufstecken wollen, noch hing es ihr
in schweren Zöpfen in den Nacken. Rot wurde sie bis unter das weiße
Busentuch und dann blaß; sie war erschrocken, eben hatte sie an =ihn=
gedacht.
Das Kommen und Gehen des Blutes unter der weißen Haut entzückte ihn.
Und wie frisch ihre Lippen waren! Nun fiel ihm plötzlich etwas ein:
er mußte sich bedanken für die gestopften Socken, die sie ihm gestern
durch Bruder Karlchen geschickt.
»Sie haben so viel Freundlichkeiten für mich,« sagte er gedämpft und
drückte ihre verarbeiteten Finger.
»Ich –? Och ene!« Sie wollte ihm ihre Hand entziehen, aber er hielt sie
fest.
»Diese fleißigen Finger« – zart streichelte er darüber hin – »haben
sich so für mich gequält!«
»Jequält!?« Sie hob auf einmal die gesenkten Lider und sah ihn so groß
und voll an, daß er erschrak; dann drehte sie sich hastig um und lief
an’s Fenster.
»Wat Sie für dumm’ Zeug reden, Herr Leutnant – jequält, haha, da war
doch jar nit viel an zu machen! Un dat hab’ ich ja so jern jethan! So
jern – ach, ich jlaub’, da kommt der Vater!«
Das war ihr offenbar eine Erleichterung, oder schien sie ihm nur so
verlegen?