Nun tuschelte er es ihr in’s Ohr: »Von Ihnen zu scheiden!«

»Och, wat Sie nit sagen! Hihihi!« Sie kicherte gedämpft.

»St–, Finchen, st–!« Zärtlich faßte er ihre Hand; das Ringelchen hatte

er schon in der seinen verborgen gehalten, nun versuchte er, ihr es an

den Finger zu schieben. »Und da möcht’ ich – ich bitte Sie – wenn ich

so weit weg bin« – nun hatte er den Reif glücklich auf ihrem Finger –

»damals wollten Sie nich, dann tragen Sie’s jetzt, zur Erinnerung –

teures Finchen – zum Gedenken an mich! Und sowie ich ’ne gute Stellung

kriege, dann –«

Jetzt lachte sie verlegen auf und machte sich von seiner Hand frei.

Das Herz schlug ihm – wenn sie davon lief? Er fürchtete es schon, aber

sie blieb stehen. Gerade über dem Baum, der den Brunnen beschattete,

blinkte ein Stern, durch’s Gezweig warf er schimmerndes Licht auf das

liebe Gesicht. Der Verliebte konnte das jetzt deutlich sehen, und ein

eifersüchtiger Schmerz durchfuhr ihn – wenn das andren lächelte?!

»Darf ich Sie als meine Braut betrachten?« sagte er hastig und griff

wieder nach ihrer Hand.

Sie ließ die ihm wohl, auch daß er einen Kuß auf ihre Wange drückte,

litt sie, aber sie küßte nicht wieder. Er hätte sie gern umhalst, aber

da war kein Ankommen.

»Oho, noch lang nit,« neckte sie und wich geschickt seinen Armen aus.

»Finchen, ’nen Kuß! Einen einzigen Kuß,« bettelte er.

»Ich mag Sie wohl jern leiden, Herr Sergeant,« sagte sie plötzlich

ganz ernsthaft, »aber – aber –!« Und nun reichte sie ihm ihre Hand und

schüttelte die seine herzhaft: »Adjüs! Lassen Se sich ’t immer jut

jehen! Ich – ich will an Sie denken – oft denken – ich –« mehr sagte

sie nicht, aber sie sah ihn treuherzig an. Und dann drehte sie sich um

– gerade noch, daß er ihr sein goldgerändertes Papierchen zustecken

konnte – und flüchtete, ihren Krug im Stich lassend, dem Hause zu.

Etwas verdutzt stand er – war sie nun seine Braut?! Aber dann faßte er

sich: sie hatte ja seinen Ring und sein Gedicht. Und leise pfeifend

schritt er von dannen, zärtliche Hoffnungen im Herzen. –

Sergeant Conradi war abgereist; Josefine hatte ihrer Mutter das Gedicht

gezeigt, ehe sie es in den neuen Nähkasten verschloß. ›Mädchen, wenn

ich einmal sterbe‹ – ach, das war doch sehr zum lachen! Auch das

Ringelchen legte sie dazu, in Seidenpapier gewickelt, und vergaß dann

bald, wo sie es hingethan.

Sie war sehr vergnügt; die Tage gingen hin, einer wie der andre, aber

gerade darum schnell wie ein Traum. Der Vater war jetzt meist guter

Laune, er war verjüngt, als sei ihm eine Hoffnung aufgeblüht: es sah

kriegerisch aus. In Frankreich ging es toll her. Diesmal war es keine

Täuschung, nein, diesmal gab es Krieg! Und mit den Franzosen ging es

zuerst los.

Der Feldwebel saß, was er sonst höchst selten gethan, jetzt öfter

mit den Kameraden zusammen. Der Kaserne gegenüber, an der Ecke der

Bastionstraße, hielt ein Invalide eine Kneipe; da hatten sie ihr

Standquartier aufgeschlagen, saßen in der gänzlich verräucherten Stube

um den runden Tisch, tranken ihr dünnes Bier, disputierten gleich

heftig wie die zankenden, französischen Parteien und amüsierten sich

höhnend über den König, den Louis Philipp, der in dem allgemeinen

Wirrwarr in Frankreich herumtrieb, wie ein Schiff ohne Steuer.

Krieg, Krieg war die allgemeine Losung.

Frau Trina glaubte nicht daran, sie ließ sich jetzt nicht mehr bange

machen. Ihr Interesse gehörte dem ›Bunten Vogel‹, da schaffte der

Wilhelm jetzt wirklich Wunder. Merkwürdig, was der Junge ein Geschick

für die Wirtschaft zeigte! Die blühte ordentlich auf; in die verödete

Wirtsstube war Leben gekommen.

»Kuckste, Rinke,« sagte Frau Trina oft triumphierend, »kuckste, wie jut

et is, dat wir de Jung nit wieder beim Pickardt jethan haben! Für ene

Schneider is de ja auch viel zu schad’!«

Rinke hatte anfangs nichts vom wirtschaften im ›Bunten Vogel‹ wissen

wollen, der Junge sollte durchaus wieder in die Lehre. Die Großeltern

hatten sich hinter den Doktor stecken müssen, und dieser konstatierte

denn, daß dem jungen Menschen von der schweren Erkältung, die er sich

beim umherirren in der Schneenacht geholt, eine Schwäche auf der Brust

zurückgeblieben sei, und verordnete: keine sitzende Lebensweise, keine

allzu anstrengende Arbeit!

Der Wilhelm schwach auf der Brust! Wie einen Vorwurf hatte es der Vater

empfunden. Er hatte nicht mehr das Herz, drein zu reden – ja, ja, der

Junge sollte den Großeltern in der Wirtschaft helfen! Wenn er sich

wenigstens da bewährte!

Frau Trina fand sich oft im ›Bunten Vogel‹ ein, um den Sohn zu sehen;

der kam Sonntags nicht mehr in die Kaserne, der Feldwebel hatte es

nicht verlangt. Die Mutter hatte ihre Freude daran, wie geschäftig

ihr Wilhelm umherlief, die große Küferschürze stand ihm gut; die

Bürgersleute riefen ihn an ihren Tisch, auch die Rheinschiffer, die

Hafenarbeiter und Verlader vom Kohlenthor tranken ihm zu.

Nach und nach zogen sich auch junge Maler von der nahen Akademie nach

dem ›Bunten Vogel‹. Tische und Wände und Thüren waren bald mit ihren

Studien bedeckt; da prangten erstaunliche Malereien und Zeichnungen mit

Kohle. Gut, daß die gemütliche Polizei ein Auge zudrückte!

Über ihrem Bett und im Komptörchen hatten die Großeltern schon ein

paar schöne Porträts von ihrem Wilhelm hängen: das eine Mal war er als

Ganymed gemalt, das andere Mal in der Lederschürze mit dem Küferhammer.

Zwei junge Maler hatten so die rückständige Zeche gezahlt und noch für

eine Weile das Recht auf Freibier erworben.

Das war oft ein Gelächter, ein Spaßmachen im ›Bunten Vogel‹, den

biederen Bürgern wackelte der Bauch. Die Jungen hielten Reden, und

die Alten horchten darauf. Oft sprang einer auf den Tisch, die

Wangen gerötet, die Augen blitzend, wild schüttelte er die Mähne,

in freiem Schwung floß ihm die Rede. »Allotria,« sagten die Bürger

kopfschüttelnd, aber sie freuten sich doch darüber. Ja, anders mußte es

werden, das fanden sie auch!

Es wurde viel geredet, viel gesungen, viel geschrieen – Einheit!

Freiheit! – und: »Gleichheit!« brüllten die Rheinkadetten und knallten

die schwieligen Fäuste auf den Tisch. – – –

Der Sommer war da mit seinem heißen Sonnenbrand und den schwülen

Nächten.

Die Ernte war gut, aber doch saßen die Bauern verdrossen auf dem

Gemüsemarkt. Die von Stoffeln und Flehe, von Bilk und Derendorf,

von Himmelgeist und Flingern, von Niederkassel und Heerdt, selbst

die fetten Hammer klagten: es würde doch alles teuer sein, die

kleinen Leute und der Bauersmann würden nichts von den Segnungen

des Zollvereins spüren, die genoß nur der Reiche. Und wenn man in

der Zeitung las, dann war’s wo anders noch viel schlimmer, als am

gesegneten Rhein. Wie bewucherte man zum Beispiel die schlesischen

Weber! Und in Frankreich machten die Arbeiter Aufstände. Über die

holländische Grenze kamen die Brotlosen aus Flandern und klopften an

die Fabriken im bergischen Land; aber die hatten selber kaum regen

Betrieb genug, Arbeiter wurden entlassen. Wie sollte das erst im Winter

werden?!

Die Düsseldorfer Bürger, die so behäbig in ihren sauberen Häusern

wohnten, fragten sich das auch wohl einmal; aber Sorgen machten sie

sich nicht weiter darum, es war ja so pläsierlich im schönen Sommer

am schönen Rhein. Landpartien wurden arrangiert, man benutzte die

Eisenbahn zu Vergnügungsfahrten; der St. Sebastianschützenverein

veranstaltete sonntägliche Preisschießen mit Tanz, Gesangvereine zogen

nach dem Grafenberg, lagerten sich dort im Wald und stimmten an aus

voller Kehle:

›Lebe, liebe, trinke, schwärme

Und bekränze dich mit mir.‹

Rege Geister unter der Künstlerschaft planten die Gründung des

›Malkasten‹, eines Sammelpunktes für jene, die, müde des alten Zopfs,

einer jungen, freieren Kunst stürmisch entgegenjauchzten. –

Schon mischten sich unter das tiefgrüne Laub der Hofgartenbäume gelbe

Blätter, die Morgen waren bereits duftig, die Abende verklärt von

träumerisch verhüllten Sonnenuntergängen, aber die Mittage waren noch

strahlend, vollerglüht, brennender denn je. »Dat jiebt ene jute Wein

oben am Rhein,« sagten die Kenner und schnalzten mit der Zunge, »de

kocht!«

Auch die Nächte waren schwül voll verhangener Glut; die Milchstraße

schlängelte sich wie ein helles Band, Sternschnuppen fielen.

›Was soll ich mir wünschen?‹ dachte Josefine, wenn sie an dem

Fensterchen ihrer Kammer neben der Küche lehnte. Sie konnte jetzt

oft nicht schlafen, in der beklommenen Nacht wallte ihr das Blut.

Tiefatmend beugte sie sich hinaus und sah über den Hof; der lag so

still, ganz im Schlaf. Kein Fußtritt, kein wandelnder Schatten. Aber

in den Ahornbäumen rührte es sich und wisperte und zitterte mit den

Blättern in heimlicher, beständiger Unruhe. Auch ihr Herz klopfte.

Sollte sie wünschen, daß der Conradi mal von Elberfeld zu Besuch käme?

»Och ene!« Sie sagte es ganz laut, und dann erschrak sie über den

eignen Ton. Den Kopf in den Nacken legend, sah sie starr hinauf

zum nächtlichen Himmel – was wünschen, was doch?! Ihre Nasenflügel

zitterten, ein feuchter Glanz stieg in ihr Auge, wie eine heiße Welle

übergoß sie’s.

Ha – da fiel eine Sternschnuppe! Blitzschnell schoß ihr blinkender

Schweif durch die Nacht – nun lag sie unten im dunklen Ahorn. Wieder

nichts gewünscht! Josefine hätte weinen mögen.

›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,

Daß ich so traurig bin –‹

Ach ja, das schöne Lied! Das hatte sie neulich gehört, als sie, vom

baden kommend, am Rhein entlang gegangen war. Ein neues Lied! Sie

hatte es noch nicht gekannt, aber ihr Ohr hatte es gleich aufgefangen,

aufgenommen, wie einen lieben, längst vertrauten Ton. Es sang sich von

selber.

›Ein Märchen aus alten Zeiten,

Das kommt mir nicht aus dem Sinn.‹

Der Sänger war ein Schiffer gewesen, ›Sankt Goar‹ stand am Stern seines

Schleppkahns. Schwarz war der Bursche wie ein Teufel – er hatte Kohlen

geladen – aber seine Zähne blitzten desto weißer, und seine Augen

blitzten auch. Am Bugspriet saß er, ließ die Beine über Bord hängen

und sang sein Lied, unbekümmert, mit schmetternder Kraft, als wäre er

allein auf der Welt.

Weit, weit über die spiegelnden Wasser war es hingeflogen, auf glatter

Bahn. An der Brücke mußte man es hören können, am alten Schloß, in den

Giebelhäusern bis hinauf unter die roten Dächer, jenseits zwischen den

Weiden, auf den grünen Wiesen, und weit, weit bis dahinten am Horizont,

wo die Sonne, rotgolden, umhängt von Duftschleiern, in Rhein und Himmel

versank.

Lange hatte Josefine gelauscht, der Sänger schien nimmer zu ermüden.

›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,

Daß ich so traurig bin;

Ein Märchen aus alten Zeiten,

Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,

Und ruhig fließt der Rhein –‹

Das hatte sie mit nach Haus gebracht. Ach, wenn sie’s doch nur noch

weiter könnte! Der Mutter hatte sie es vorgesungen, und die lernte es

auch rasch, eben weil’s ihr gefiel; und die Brüder lernten es auch,

sie sangen es um die Wette. Und die Soldaten unten auf dem Hof summten

nach, was die Feldwebelstochter oben schmetterte.

Josefine seufzte und lehnte den Kopf an’s Fensterkreuz – ach ja,

drei Wochen stand der Leutnant von Clermont nun schon bei des Vaters

Kompagnie! Mitte August war er hergekommen. Der Vater hatte eine rechte

Freude darüber gehabt und war beflissen gewesen, dem Sohn seines alten

Hauptmanns zur Hand zu gehen. Bald im Anfang war’s, da hatte er in die

Küche gerufen: »Josefine, koch’ Kaffee, ’nen guten, der Leutnant is

ganz alle von der Felddienstübung!«

Der Bursche, der den Kaffee für seinen Herrn hatte holen sollen, kam

und kam nicht, so war sie rasch selber gegangen und hatte die Tasse

gebracht – nur das Endchen dunklen Gang, vorbei an den Kleiderkammern,

ein paar verstaubte Stufen hinunter, ein paar hinauf, wieder ein Gang,

und dann gleich die erste Thür war die der Offiziersstube!

Genäht hatte sie ihm auch schon was. Er trug unter seiner Uniform

schöne, feinleinene, gesteifte Wäsche, da bügelte ihm die Wäscherin

immer die Knöpfchen ab oder zerriß die Bändel. Er hatte ja niemand, der

für ihn sorgte, seine Eltern wohnten nicht mehr in der Stadt, und auch

die vom Werths waren auf ihrem Schloß am Siebengebirge, und – du lieber

Gott, da war ja auch weiter gar nix bei, sie hatten doch schon als

Kinder miteinander gespielt!

Das war aber doch merkwürdig, daß er sie sogleich wiedererkannt hatte!

Auf dem Kasernenhof hatte er sie nicht angesprochen, nur gegrüßt,

aber gleich den ersten Tag, oben auf dem Gang, hatte er ihr die Hand

geschüttelt und eine ganze Weile bei ihr gestanden.

Sie hatte gewagt, ihm zu sagen, daß sie ihn im Frühjahr bei der

Hochzeit seiner Schwester gesehen, vor der Kirche, und abends am

›Breidenbacher Hof‹.

Warum sie denn nicht ›Pst‹ gemacht hätte?

»Ich hab’ ja – ne, ich wollt’ ja,« verbesserte sie sich, rot werdend.

Da hatte er sie so strahlend angelacht, daß sie die Augen

niederschlagen mußte.

Ein schöner Mensch – der Vater sagte es auch – kein andrer kam dem

gleich! Und ein lieber Mensch! – – –

Das Mädchen am Fenster schauerte in der einsamen Nacht. Ach, daß sie

doch schlafen könnte, wie die andern alle!

Ah, da fiel wieder eine Sternschnuppe! Mitten in den Hof sank sie.

Josefine beugte sich spähend hinaus, als wolle sie ihr Glück suchen.

Drüben im linken Seitenflügel, gar nicht fern – da – da – da flinzelte

noch ein Licht in der Offiziersstube! Auch ein Stern.

Der Atem der Nacht strich ihr über das heiße Gesicht – wachte der

Leutnant auch noch?

Der Ahorn unter dem Fenster rührte beständig die Blätter, wisperte und

raunte und zitterte, unausgesetzt, voll heimlicher Unruhe. Als ob er

auf etwas wartete – auf was denn?!

Die Wacht am Rhein · 第 29 / 74 题