Jetzt winkte sie: »Vater, Vater!«

»Nanu? Ich komme noch nicht,« tönte des Feldwebels Stimme herauf.

Das war ja recht angenehm, daß der Alte noch nicht erschien! Als sich

Josefine vom Fenster zurückwandte, begegnete sie dem feurigen Blick des

jungen Mannes.

»Wollen Sie nit in’t Zimmer eintreten?« fragte sie beklommen, »die

Mutter is drin!«

»Nein, ich danke!« Er lachte.

Da mußte sie auch lachen. Ein Bann war gebrochen, unbefangen schwatzte

sie wieder, und dazwischen rief sie: »Jemmich, mein Haar!« und lief

in die Kammer. Aber sie ließ die Thür offen, und er sah, wie sie die

runden Arme hob und die schweren Zöpfe zur Krone aufsteckte.

Er wendete den Blick nicht. In Berlin gab’s auch hübsche Mädchen,

aber schnippische, blaßwangige, hier von dieser ging ein Strom von

Gesundheit aus, eine Fülle von Jugend. Eine Sehnsucht stieg in ihm

auf, sie zu küssen, ein Verlangen, das seinen Blick starr machte. Er

fühlte, es war besser, daß er ging, ehe er Dummheiten machte.

»Adieu, Josefine,« sagte er gepreßt.

»O, jehn Sie schon?« Sie kam auf ihn zugelaufen, Bedauern lag in ihrem

Ton. »Adieu, Herr Leutnant!«

»Herr Leutnant –?!« Er konnte nicht dafür, ganz wie von selbst hob

seine Hand ihr gesenktes Kinn in die Höhe; fragend sah er ihr in das

offene Gesicht. »Herr Leutnant?! Warum nicht ›Viktor‹? – Nein, Sie

wollen nicht?« Sie hatte heftig verneinend den Kopf geschüttelt. »Warum

denn nicht, Sie haben’s doch früher gesagt, sind wir nicht dieselben

geblieben?!«

Nun lachte sie hell auf, wie belustigt von einer Erinnerung. »Och ene!

Dat sollt’ Ihnen jetzt wohl schlecht passen, am Speeschen Jraben im

Dreck zu krosen und Rejenwürm’ zu suchen! Wissen Sie noch, wie wir als

jewettet haben, wer ne Rejenwurm auf die Zung’ lejen kann? Ne, Herr

Leutnant,« – ihr Blick streifte ihn von oben bis unten, wie es ihm

schien mit einer leisen Bewunderung – »Sie sind nit derselbe mehr!«

»O doch! Freilich, die Regenwürmer« – er schüttelte sich – »die wären

nicht mehr mein Fall. Aber wissen Sie noch, Josefine, wie wir im Keller

fuhren, in der Bütte?«

»Och, auf Sankt Nikola – ja, ja!« Sie klatschte in die Hände.

»Und wie ich Ihnen ’nen Kuß gab und Sie mir, auf Sankt Nikola, im

dunklen Keller?« Er hatte sie um die Taille gefaßt und sich nahe zu ihr

gebeugt.

»Dat weiß ich nit mehr,« flüsterte sie; aber er sah es ihr an, daß sie

log. Sie stand wie gelähmt, willenlos in einem süßen Schreck.

»Und ich bin doch noch derselbe!« triumphierte er. Lachend, ehe sie

sich wehrte, gab er ihr einen Kuß.

Da raffte sie sich auf und stürzte zur Küche hinaus. Er hörte die

Stubenthür klappen.

Sehr guter Laune trat Viktor von Clermont auf den Kasernenhof – dumm,

daß ihm gerade der Feldwebel begegnen mußte! Der Alte hatte so ein

verdammt ehrliches Gesicht. Aber was war denn Unrechtes dabei? Er hatte

eine hübsche Kindheitsgespielin geküßt, weiter nichts! Und wohlgemut

schlenderte der junge Offizier zum Thor hinaus.

War eigentlich gar nicht so übel, das alte Nest, nun die Sonne

so freundlich alles vergoldete. Als Knabe waren die Ferien, hier

zugebracht, doch immer eine Wonnezeit für ihn gewesen. Unwillkürlich

schwenkte Viktor in die Bastionstraße ein – zur Königsallee kam er noch

immer zeitig genug. Er ging zum Speeschen Graben, da war er undenklich

lange nicht gewesen.

Über die Mauer des früheren elterlichen Gartens, an dessen Rückseite

er nun entlang schlenderte, nickten die Bäume. Das Birnenspalier beim

Nachbar war mächtig in die Höhe geschossen. Wie würde Josefine lachen,

wenn er sie daran erinnerte, mit welchem Genuß sie die harten Birnen

am Steintisch in der Laube mürbe geklopft hatten! Auch er lachte so

laut auf, daß ein ehrsamer Rentner, aus der Vesper von der Maxpfarre

hier entlang wandelnd ganz erschrocken nach dem Offizier hinstarrte,

der einsam unten am Grabenrand stand und sich die Stiefel schmutzig

machte. Was wollte der hier in dieser entlegenen Gegend?!

Ein seltsamer Duft stieg von dem dunklen, stillen Wasser auf, und die

Frösche quakten. So hatten sie auch damals gequakt und – platsch –

Viktor trat derb zu, daß der Schlamm spritzte – so hatten sie sich

auch damals eilig in die Tiefe gerettet. Es wurde ihm ordentlich

schwer, sich loszureißen von dem stillen Graben mit den großen

Teichrosenblättern und dem grünen Entengries.

Die Herbstsonne fing an, sich zu neigen, ein schönes, warmes Rot hing

wie ein Purpurmantel den Pappeln der Bergerallee im Rücken; vom Rhein

her kündete ein feuchtes Wehen den nicht mehr allzufernen Abend.

Beschaulich-friedvolle Ruhe lag über den weißen Häusern und den blauen

Schieferdächern. Ein paar Knaben schlugen Dopp mitten auf der Straße;

hier fuhr kaum je ein Wagen.

Nun war Viktor am Schwanenmarkt. Das war freilich das alte Kacheloch

nicht mehr. Rund um das Viereck des Platzes standen Häuserreihen, die

kaum eine Lücke mehr wiesen; Rasenflächen und wohlgepflegte Lindenbäume

erinnerten nicht mehr an die stachligen Hecken und mannshohen

Hollunderbüsche von ehemals. Und doch – lag’s an der Luft, die ihn

frei umwehte, an den Schwalben, die zwitschernd über ihn hinstrichen

zum nahen Lopohl? – er hörte wieder Kinderjubel. – – ›Eins, zwei,

drei, mein Herz ist frei!‹ – so schrie Josefine, sich freischlagend,

atemlos vom raschen Nachlaufenspiel. – – Und an jener Ecke stand der

Schinderhannes, der dicke, freche Bürgersjung’, die Hände in den

Hosentaschen, die Beine gespreizt, und spuckte. – – Und hier an der

Ecke der Löwenapotheke hatten Taubnesseln geblüht, wilder Thymian und

gelbe Kettenblumen, Josefine hatte sie zum Strauß gepflückt.

Überall Josefine und überall.

Und sich selber sah er springen im verwaschenen Kittel, in

ausgewachsenen Hosen.

Und eine gewisse Rührung überkam ihn.

Er dachte nicht mehr daran, auf der Königsallee zu promenieren;

nachdenklich ging er die Bilkerstraße hinunter, am Elternhaus vorbei,

über den Karlsplatz, immer weiter hinein in die alte Stadt. Von den

Kirchen läutete es, aus den Bürgerhäusern roch es appetitlich; Kinder

mit großen Blatzschnitten standen in den offenen Thüren, hinter ihnen

im Dunkel des Flurs glimmte das ewige Lämpchen vor’m Muttergottesbild.

Am Markt, beim alten Jan Willem, saß noch wie früher die Obstfrau

unter’m Regenschirm; aber es war nicht mehr ›das Appel-Len’‹, bei der

er einst geröstete Kastanien für Josefine gekauft.

Noch lag oben auf den Firsten Abendglanz, unten in der engen Zollstraße

war es schon dämmerig. Er schritt durch’s Thor. Der Strom in seiner

ganzen Breite grüßte ihn. Die Wellen kräuselten sich im Abendwind,

milchiger Schaum schwuppte an der Ummauerung hinauf, – und nun hallte

ein Böllerschuß, dumpfdröhnend, die ›Rotterdam‹, das große Schiff der

Kölner Dampfschleppschifffahrtgesellschaft, heischte Durchlaß.

Schrill gellt die Signalpfeife des Brückenwärters, rasselnd fällt die

Kette, alle Mann an die Winde – das Joch ist ausgefahren, stolz rauscht

die Rotterdam gen Holland hinunter, als lange Schleppe Fruchtkahn

auf Fruchtkahn nach sich ziehend. Ein lautes ›Hoihoh‹ hallt über den

Rhein, die Schiffer rufen sich zu, und ›Hoihoh‹ klingt’s wie ein Echo,

langgezogen aus nebliger Ferne.

Der feuchte Rheinwind legte kühle Finger an des jungen Mannes Wange.

Hier hatte er einst mit Josefine gestanden und das Hochwasser

angestaunt, und dann waren sie auf Umwegen zur Ratingerstraße

geschlichen. Heute ging er auf dem nächsten Weg dorthin.

Aus den uralten Häusern, unter deren Ziegeldächern einst die

Rittergeschlechter gehaust, guckten Krämer und Kleinbürgersleute dem

Offizier verwundert nach. Fast mißtrauisch. Was hatte der hier zu

suchen?! Der Leutnant bemerkte nicht die unfreundlichen Gesichter. Er

freute sich über die roten Dächer, die noch schimmerten, obgleich der

Abend längst dunkelte, freute sich über den Stern, der heimatlich traut

über dem ›Bunten Vogel‹ aufzog.

Die Laternen wurden angesteckt. Da glaubte er plötzlich Josefine vor

sich her schreiten zu sehen – das war ihr Gang, ihr Wuchs, ihr blondes

Haar! Rasch hinterdrein! Der schwankende Schein der nächsten Laterne

war hell genug, ihm zu zeigen, daß er sich getäuscht. Aber auch ein

schönes Kind, dieses andre rheinische Mädel!

Ihm war so wohl, so wohl zu Mut, so glückselig jung. Vom Rhein traf ihn

ein voller Hauch; die Brust weitete sich und dehnte sich tiefatmend,

belebt lief das Blut durch die Adern.

Am Himmel tanzten die Sterne. Er ging wie im Traum. Liebespärchen

wandelten an ihm vorüber unter den Bäumen der Alleestraße, Arm in Arm,

dicht aneinander geschmiegt; er hörte ihr gedämpftes Lachen.

Wie fing doch das Lied an, das die Josefine immer sang? Er summte

es vor sich hin, und dann lächelte er – ob sie wohl daheim nach ihm

ausschaute? Natürlich! Sie stand am Fenster ihrer Küche – der simple

Kattunrock kleidete sie gut –, die Arme auf die Fensterbrüstung

gestemmt, beugte sie sich hinaus und sah ihn an, voll und warm.

Er summte wieder:

»Ein Märchen aus alten Zeiten,

Das kommt mir nicht aus dem Sinn –«

Ganz nettes Liedchen! Weiter wußte er’s leider nicht, aber es lag ihm

im Ohr, förmlich auf der Zunge.

Am Alleeplätzchen in der Schaubschen Buchhandlung waren die

Ladenfenster noch nicht geschlossen. Viktor hielt inne auf seinem

Schlendergang. Er hatte doch Josefine etwas schenken wollen – ja, ja,

er wollte ihr heute etwas mitbringen! Dumm, nun waren alle Läden schon

zu! Nur dieser nicht! Er betrachtete die Auslage.

Schulbücher: ›Daniels Leitfaden der Geographie‹ – ›Zahns biblische

Geschichte‹ – ›Rechenfibeln und Lexika‹ – Gott sei Dank, daß man so was

nicht mehr brauchte!

Ferner: ›Briefsteller für Liebende‹ – ›Der Struwelpeter‹ – ›Franz

Hoffmanns Erzählungen für die Jugend‹ – ›Campes Robinson‹ – ›Coopers

Lederstrumpf‹ – und so weiter.

Und im andern Fenster allerlei Broschüren: ›Der Kassettendiebstahl‹ –

›Ehegeheimnisse des gräflichen Hauses H.‹ – ›König und Tänzerin‹ –

niederträchtig, solche Intima dem Pöbel preiszugeben! Das konnte auch

nur am sogenannten ›freien‹ Rhein passieren!

›Vier Fragen eines Ostpreußen‹ – ›Pfizer: Gedanken über Recht, Staat

und Kirche‹ – ›Steinacker: Über das Verhältnis Preußens zu Deutschland‹

– ah was, Politisches, das hatte ja gar kein Interesse!

Viktor wollte sich schon zum gehen wenden – da gab’s ja doch nichts

für ein junges Mädchen –, als ihm noch ein paar Bücher in die Augen

fielen, hübsch gebunden, mit Goldschnitt. Aha, Gedichte! Das wäre am

Ende was! Junge Mädchen schwärmen für Gedichte, er wußte das von seiner

Schwester; sie schreiben sich die schönsten Stellen aus, lesen abends

heimlich im Bett und legen sich das Buch unter’s Kopfkissen.

›Herwegh: Gedichte eines Lebendigen‹ – ›Freiligrath:

Glaubensbekenntnis‹ – ›Hoffmann von Fallersleben: Unpolitische Lieder‹

– und da, an der Seite, ein Bändchen, klein wie ein Gebetbuch,

aber weit leuchtend, auffallend durch sein brennendes Rot. Goldene

Passionsblumen rankten sich darüber, ein gelbseidenes Bändchen lag als

Lesezeichen darin – riesig geschmackvoll! Es war weitaus das schönste

der ausgestellten Bücher. O, sie würde sich gewiß darüber freuen!

Der blasse Ladenjüngling sah verwundert aus – was, ein Leutnant in der

Buchhandlung?! Er riß die Augen weit auf.

»Ich möchte ein Gedichtbuch haben!«

»Ein Ge–dichtbuch?!« Maßloses Erstaunen lag nun auch im Ton.

Der Leutnant wurde ganz verlegen: »E – hm – ja, jawohl, ein

Gedichtbuch!«

»Mit was dürfte ich dienen?«

Der Kauf kam nicht so leicht zu stande; der blasse Jüngling war bemüht,

sich über den Geschmack des Käufers zu orientieren, und diesem wiederum

waren die Namen, die der Verkäufer geläufig herzählte, Rauch und Schall.

Es war für beide eine Erlösung, als der Leutnant auf das kleine rote

Buch wies: »Ganz scharmant!«

Im Nu war es vorgeholt. »Kann ich Ihnen sehr empfehlen, wunderbar

schön,« rief enthusiastisch der Jüngling und schlug schwärmerischen

Blicks die erste Seite auf: »Sehen Sie, schon sechste Auflage!

Hochpoetisch! Sehr gefühlvoll!«

Gefühlvoll, ja, das war gerade das Richtige!

»Übrigens von einem geborenen Düsseldorfer!«

›Na, dann wird’s was Rechtes sein‹, wollte Viktor eigentlich sagen,

aber er besann sich – das Buch sah doch wirklich sehr scharmant aus.

Er bezahlte einen baren Thaler und fünfzehn Silbergroschen, obgleich

er das im stillen für so ein kleines Ding ganz unerhört teuer fand. Da

würde er eine Weile gehörig krumm liegen müssen, aber – na, wenn sie

sich nur freute!

Diesen Abend brannte die Kerze in der Offiziersstube tief herunter, der

Docht kohlte schon zolllang, niemand schnuppte ihn; eine wahre Traufe

von Talgthränen floß auf den Tisch. Viktor lag auf dem Sofa, hatte die

Beine über die Seitenlehne gehängt, den Rock auf der Brust offen, und

las in dem Buch, das er morgen der blonden Josefine verehren wollte.

Er las und las. Sein Gesicht glühte – Donnerwetter, der Kerl hatte das

Dichten weg! Die Josefine würde sich nicht schlecht freuen, stand doch

auch ihr Lied darin. Das war mal gut getroffen! Nun konnte sie es zu

Ende singen.

»Hurra!« Ganz toll vor Vergnügen sprang er auf und rannte mit seinem

Buche in der Stube umher.

Bis die Kerze erlosch, las der Leutnant in Heines ›Buch der Lieder‹.

Nur das eine ärgerte ihn:

›Die Lieutnants und die Fähnerichs,

Die lecken ab die Straße.‹

Das war unverschämt!

Die Wacht am Rhein · 第 31 / 74 题