Die Kirchthür schloß sich, die Glocken schwiegen. –

Josefine kam in großer Aufregung nach Hause, nicht genug konnte sie

der Mutter erzählen; sie hatte auch noch die Braut wieder aus der

Kirche kommen sehen, aber diesmal hatten sich die Zuschauer nicht

zurückgehalten, Rufe der Bewunderung waren hörbar geworden, ein

laut begrüßendes: »Ah!« Mädchen hatten sich herzugedrängt, von den

Myrtenzweiglein aufzulesen, die sich von der Schleppe der Braut gelöst.

Auf allen Gesichtern Freude an der Schönheit, Befriedigung über den

Glanz.

Frau Trina beschloß, wenigstens am Abend noch mit der Tochter vor den

›Breidenbacher Hof‹ gucken zu gehen.

Der Feldwebel schüttelte zwar den Kopf über die Neugier seiner

Weibsbilder, aber in diesem Falle hielt er sie nicht zurück. Er selber

legte sich zeitig zu Bett – morgen gab’s noch viel zu thun für die

Besichtigung. Das würde dem Major auch sauer ankommen, Montag in aller

Frühe auf den Gaul! Na, bald hatte es ja für den ein Ende, der hatte

seinen Abschied eingereicht. Nach Godesberg oder Mehlem oder Honnef

wollte er ziehen, in eines dieser kleinen Nester am Rhein, und von da

das Schloß des Herrn Schwiegersohn beaufsichtigen.

»Verdammt!« Der Feldwebel spuckte aus – nur nicht so einen Posten, so

ein Schlenderleben! Ein Grausen kam ihn plötzlich an. Er stemmte die

Beine unten gegen das Fußende des Bettes und reckte sich so in seiner

ganzen sehnigen Länge. Er hatte noch Kräfte, noch Zeit, konnte noch

lange im Dienst bleiben! Konnte noch lange des Königs Rock tragen –

nein, niemand sollte ihm den herunterziehen! Hinter seinem Sarg sollte

dermaleinst der Leutnant mit den dreißig Mann marschieren – vor’m

Wagen her ein Kamerad seine Ehrenzeichen auf dem Kissen tragen – die

Hoboisten sollten den Totenmarsch blasen, die Tambours gedämpft die

Trommel schlagen, drei Salven über’s Grab dröhnen – – – Jesus, meine

Zuversicht – – bis an’s Ende in des Königs Rock, in Ehren!

Glücklich lächelte er, der Gedanke war so schön. So wohl hatte er sich

lange nicht gefühlt, sanft schlief er ein.

Währenddessen lauerten Mutter und Tochter vor’m ›Breidenbacher Hof‹

auf die Braut; sie hatten’s gehört, heut abend würde die noch abfahren

auf die Hochzeitsreise. Sie hatten sich untergefaßt und trippelten

ungeduldig hin und her. Verleugnen konnten sie einander nicht: das war

derselbe weiche Gesichtsschnitt, dieselbe weißmollige Haut, dasselbe

blondwellige Haar; nur daß die Mutter etwas aus der Façon geraten war.

Auch andre Neugierige hatten sich eingefunden: alte Weiber, junge

Mädchen. Vor’m Hotelportal stand schon die Equipage, die das

Hochzeitspaar zum Bahnhof bringen sollte. Es war ein dunkler, linder

Abend, die Luft wie Sammet. Aus den Lindenbäumen der Alleestraße quoll

ein zarter Duft auf nach jungem, sprossendem Grün; ab und zu sank

leise ein Tropfen vom weichgrauen, von Sternen matt durchflinzelten

Wolkenhimmel. Ein süßer Geruch verbreitete sich nach Primeln und

Hyazinthen; eins der Mädchen hatte wohl ein Sträußchen vom Schatz

bekommen und trug es an der Brust.

Das war so recht ein Abend zum flüstern, zum Wang’-an-Wange-lehnen, zum

zärtlichen Ausschau-halten da droben nach dem blauen Stern der Liebe.

Josefine war ganz still, aber ihr Herz pochte; sie lockerte sich das

Tuch, das sie um die Brust geschlungen hatte, ihr war so voll, so heiß.

Oben im großen Saal hatte man die Fenster geöffnet, Gläserklirren und

heitere Stimmen schallten heraus – jetzt wieder Musik – und jetzt kamen

ein paar Gestalten die teppichbelegte Treppe herunter. Das waren sie!

Alles reckte die Hälse; aber dunkle Reisemäntel verhüllten den

Staat, der Wagenschlag flog zu, die Pferde zogen an, fort waren die

Neuvermählten. Nur ein Herr in Uniform, der das Paar geleitet, blieb

noch einen Augenblick auf der Schwelle stehen. Hinter ihm strahlte die

Ampel des Vestibüls und warf einen hellen Flimmer um seinen Kopf.

»Dat is de Bruder von der Braut,« sagte jemand hinter Josefine.

Was?! Der schöne, schlanke Offizier: Viktor?! Josefine lachte in sich

hinein – wahrhaftig, das war der Viktor! Daß sie den nicht gleich

erkannt hatte in dem ersten Brautführer heute vor der Kirche! Das war

er ja, das war er ja! Wo hatte sie denn nur ihre Augen gehabt? Da stand

er leibhaftig!

Erhitzt war er und vergnügt – jetzt trällerte er und drehte sich am

Bärtchen – lieb sah er aus – auch ein bißchen hochmütig – riesig

forsch! Ne, der Viktor!

Sie hätte in die Hände klatschen mögen vor Vergnügen, stellte sich auf

die Zehen und reckte sich; es war ihr, als müßte sie ihn anrufen: Du,

pst, Viktor! Ich bin hier!

X

Sergeant Conradi machte in diesem Frühjahr entschieden Fortschritte

in Josefines Gunst. Er hatte sie auf den Karlstädter Markt

führen und ihr etwas kaufen dürfen. Für einen Nähkasten und zwei

Siamosenküchenschürzen hatte sie sich sehr erfreut bedankt, auch

lachend in ein Zuckerei gebissen, aber ein vergoldetes Ringelchen mit

einem blauen Stein wollte sie durchaus nicht annehmen. Er mußte es,

etwas betreten, in der Brusttasche seiner Uniform bergen.

In’s Kölner Hänneschen hatte er sie auch geführt und sich schmählich

dabei gelangweilt, denn er verstand das Hänneschen mit seiner Pritsche

und Fistelstimme nicht; den Witz ebensowenig wie den Dialekt. Das

einzige Vergnügen war für ihn, Josefine zu beobachten; sie lachte, daß

ihr die dicken Thränen über die Backen kollerten. Karussell war er auch

mit ihr gefahren, und immer hatte er noch die zwei jüngsten Brüder

mitgeschleppt, die sich an die Schwester hingen wie Kletten.

Von dem Mann mit der ›Morithat‹ hatte er die Jungen gar nicht

fortbringen können, obgleich er sich selbst nicht behaglich fühlte,

zwischen der Menge eingekeilt. Allerlei Burschen – rechte Lotterbuben –

mit roten Halstuchzipfeln, die Mützen schief auf dem Ohr, die Ellbogen

herausgestreckt, standen breitbeinig umher.

»Lustige Rabauen,« sagte Josefine.

Conradi wußte es besser, sein militärisch geschultes Ohr hatte allerlei

Bemerkungen aufgefangen:

»Wat will de Preuß hie?«

»Haal dei Muhl, de Kähl hat en Zäbel.«

»En Zäbel? Ene, en Kiesmetz!«[9]

[9] Käsemesser.

»Helau, en Kiesmetz!« Ein unterdrücktes Gelächter flog durch die Menge.

Conradi fühlte es, diese staute sich gegen ihn, öffnete nur widerwillig

eine Gasse, um ihn herauszulassen. –

Es war gegen Pfingsten, als der Sergeant Befehl erhielt, in Elberfeld

zur Probedienstleistung bei der Gendarmerie anzutreten. Der Abschied

wurde ihm sauer. War auch Elberfeld nicht aus der Welt, so würde es

doch schwierig werden, des Sonntags nach Düsseldorf herüberzufahren: es

rauchen viel Fabrikschornsteine im bergischen Land, und der Sonnabend,

der Auszahlungstag, und der folgende Sonntag noch, erforderten strammen

Dienst.

So schlich der Schüchterne denn umher und suchte die Nähe des Mädchens,

das er liebte. Mit dem Feldwebel hatte er gesprochen, der hatte nichts

dawider; aber wenn =sie= ihm nur treu blieb! Da hatte er Bedenken.

Wenigstens wollte er bestimmt wissen, woran er war. Das Ringelchen,

das sie damals, neckisch lachend, verschmäht, trug er noch immer bei

sich und paßte auf die Gelegenheit. In seinen Mußestunden hatte er

schön kalligraphisch auf ein goldgerändertes Blättchen Papier hingemalt:

›Mädchen, wenn ich einmal sterbe

Und der Tod mein Auge bricht,

So pflanz’ du auf meinem Grabe

Eine Blum’: =Vergißmeinnicht=!‹

Viele Male hatte er das abgeschrieben; immer waren ihm die Buchstaben

nicht zierlich genug, die Schnörkel nicht mächtig genug erschienen.

Dies Gedicht wollte er ihr mit dem Ringelchen geben.

Am letzten Abend erwischte er sie. Unten auf dem Hof war’s, im

Dunkeln. Sie stand am Brunnen und ließ Wasser in einen Krug laufen.

Der Zapfenstreich hatte eben ausgetutet, einzelne Kerle wutschten noch

geschwind hinein in ihre Blocks, letzter müder Lichtschein glomm in den

Mannschaftsstuben. Die Ahornbäume auf dem Hof rauschten sacht, und der

Pumpenschwengel quietschte leis. Am Himmel blinzelten die Sterne.

Da schob er sich zu ihr heran. »Finchen – liebes Finchen – morgen muß

ich weg!« Seine Stimme klang betrübt.

»Dat ’s schad’ – ja, dat weiß ich!«

»Es fällt mir sehr schwer!«

»Och eja, dat jlaub’ ich wohl!«

»Sehr schwer, von – Ihnen zu scheiden!«

»Was jefällig?« Sie hatte nicht recht verstanden, was er sagte, er

flüsterte immer leiser.

Die Wacht am Rhein · 第 28 / 74 题