Frühling war’s geworden, junger, schöner Frühling.
Singend that Josefine ihre Arbeit. Gestern hatten die beiden Jüngsten
drüben am Kanalrand Veilchen gesammelt, ein volles Sträußchen davon
trug sie an der Brust. Sie wünschte sich tausend Nasen, sie konnte gar
nicht genug von dem Duft bekommen. Und Glocken läuteten den weißen
Sonntag ein: morgen würden die Kommunion-Kinder in ihren schlohweißen
Kleidern und Schleiern, weiße Kränze auf den Locken, weiße Sträußchen
auf den in’s Taschentuch geschlagenen Gebetbüchern, wie weiße
Blütenwolken über die Straßen ziehen.
Durch die geöffneten Fenster wehte eine linde Luft, wahrhaft
verführerisch gaukelte sie vom Exerzierplatz herauf. Die Kastanien der
Königsallee hatten lappige Blättchen aus den braunen Knospen gesteckt,
bis hierherauf sah man den grünen Schimmer. Es roch nach Erde, nach
Saft, nach verborgen treibendem Leben, nach Lenz, Lenz!
Josefine schaffte mit hochgeröteten Wangen – die Mutter war in der
Beichte – sie war allein, ohne Hilfe, und noch waren die Fenster zu
putzen; auch die frischgewaschenen Gardinchen sollten sich morgen
im Sonntagswind blähen. Wie ein Junge schwang sie sich in’s Fenster
und rieb mit nicht erlahmender Kraft die blasigen Scheiben blank. Das
morsche Fensterbrett ächzte unter ihrem Gewicht. Wer von Soldaten unten
über den Platz ging, guckte hinauf und bewunderte die drallen Waden und
den blonden Zopf, der sich aus dem Nest gestohlen und der Emsigen lang
über den Rücken hing.
Ein schönes Mädel!
Sergeant Conradi wußte das auch, er brauchte gar nicht erst durch die
verstohlenen Blicke seiner Leute aufmerksam gemacht zu werden. Er ließ
Wendungen üben.
»Rechts – um!«
Wenn sie doch nur heute im Schummern ein wenig herunter käme!
»Links – um!«
Dann wollte er ihr über den Hof nachsteigen und draußen auf der Straße
eine Anrede riskieren!
»Ganzes Bataillon – Kehrt!«
Vielleicht spazierte sie ein bißchen mit ihm auf der Königsallee!
»Ganzes Bataillon – Front!«
Der Karlsplatz war auch nicht zu verachten, da schlugen sie die Buden
auf für den Jahrmarkt, vielleicht, daß das Kölner Hänneschen schon
spielte!
»Bataillon – Marsch!«
Er war ja ein Mann, der an’s heiraten dachte, sie konnte ruhig mit ihm
in die dunkle Bude gehen!
»Links schließt – euch!«
Und einen Nähkasten wollte er ihr auf dem Jahrmarkt kaufen mit Nadeln
und Zwirn, und ein Zuckerei, darauf mit bunten Farben geschrieben
stand: ›Dein ist mein Herz!‹
»Bataillon – halt!«
So gut war er noch nie bei Stimme gewesen, das fühlte Conradi; weit
hallte sein Ruf über den Platz, die Leute drehten sich wie die Puppen.
Wenn =sie= doch nur auch Augen für ihn gehabt hätte! Aber nein – mit
Betrübnis war er es schon oft inne geworden – einen jeden sah sie
an, nur ihn nicht. Wenn sie über den Kasernenhof schwänzelte, ihr
Körbchen am Arm, und die Leutnants das Augenglas einklemmten, lachte
sie über das ganze Gesicht; er hätte vor Eifersucht platzen mögen. Und
doch konnte man ihr nicht das geringste nachsagen. Mit einer gewissen
Rührung dachte Conradi daran, wie fleißig sie arbeitete, morgens,
mittags, abends, immer. Aus der Mannschaftsstube im Seitenflügel konnte
er ihr Küchenfenster beobachten: sie wusch und kehrte und scheuerte und
schälte Kartoffeln und rührte in den Töpfen. Und immer sang sie. Was
sie für weiße, runde Arme hatte!
Er blinzelte hinauf und gab das Kommando mit schmetternder Stimme.
Aber Josefine beachtete ihn gar nicht, sie war ganz bei der Arbeit,
und was ihr von Gedanken übrig blieb, war auf etwas andres gerichtet:
heute feierte Cäcilie von Clermont ihre Hochzeit. Um sechs Uhr war
die Trauung in der Kirche auf der Bolkerstraße. Wenn die Mutter bald
nach Hause kam, konnte es noch geraten, daß sie hinlief und guckte –
rasch, rasch, daß sie fertig wurde! Im ›Breidenbacher Hof‹ sollte das
Hochzeitsmahl sein, im Blättchen hatte alles gestanden, haarklein. Man
nannte das Fräulein von Clermont nicht umsonst die größte Schönheit der
Stadt; nicht umsonst hatten die Maler sie auf so und so viel Bildern
verewigt, nicht umsonst war die Frau Majorin mit der Tochter in der
Mittagstunde die Alleestraße und am Nachmittag die Königsallee auf und
ab promeniert – das allgemeine Interesse war rege.
Auf einem Bazar ›zum Besten der Notleidenden in Irland‹ hatte Fräulein
von Clermont den reichen Freier kennen gelernt, den Sohn des großen
Fabrikanten aus dem Wupperthal, den Herrn vom Werth, der von seinen
Renten lebte, Weinberge an der Mosel und ein Schloß am Rhein besaß. Der
junge Herr vom Werth war nach Düsseldorf gekommen, um die Bälle der
Gesellschaft mitzumachen; er kutschierte selbst ein feines Gespann –
Groom hintenauf – und gab kleine, feine Herrendiners. Er baute sich ein
schönes Haus am Hofgarten.
Auf dem Bazar hatte er der reizenden Cilli alle Sträußchen, die sie
feilbot, abgekauft; sie hatte die größte Einnahme des Tages erzielt.
Und auf dem Wohlthätigkeitsfest, daß die Künstler gegeben, hatte er
sich ihr erklärt. Kein Wunder! War doch die Tochter des Majors in
dem lebenden Bild, das ›Die beiden Leonoren‹ des berühmten Karl Sohn
verkörperte, die schönste Prinzessin von Este gewesen, die je eine
Künstlerphantasie in verzückten Träumen geschaut.
Ach ja, diese Malerfeste! Josefine dachte mit einem leisen Seufzer
daran. Sie hatte auch diesmal die spalten- und spaltenlangen Berichte
über die lebenden Bilder im Täglichen Anzeiger gelesen – aber beinahe
wäre sie diesmal selber einmal dazu gekommen! Als sie eines Tages auf
dem Weg zu den Großeltern die kleine Schleife über den Burgplatz nicht
scheute, um ein Blickchen auf die Hauptwache zu werfen, waren ihr von
der Akademie her drei entgegengeschlendert, lustig, laut, Arm in Arm,
Maler natürlich. Zwei blutjung; aber forsch alle drei. Sie hatten sie
scharf angesehen, dann angelacht und dann angeredet. Ob sie Lust hätte,
›mitzuthun‹?
»Wat meinste, Andreas, wär’ dat nit jett für den Jordan? So en
Heljoländer Fischerweib,« rief der eine von den jungen.
»Ne, Oswald,« – der ältere schüttelte den Kopf – »wat denkste! Dat hat
ja jar nit dat Salzige für die Nordsee – viel zu lecker!« Und damit
hatte er ihr die Wangen gestrichen. »Aber vielleicht en jut Seitenstück
für dat schöne Cillchen. Wat meinst du dazu, Ludwig?«
»Um Gotteswillen,« hatte da der allerjüngste gerufen, »bleibt mir mit
den großen Posen vom Leib – brrr – Genre, Genre!«
Sie hatten ihr noch viel Komplimente gemacht, und dann waren sie
lachend davongestürmt: »_Addio bellissima!_« Eine Kußhand hatte
der eine zurückgeworfen. Aber sie hatte sich doch geärgert, denn
untergefaßt hatten sie sich alle drei und zu singen angefangen:
»Wie mich das Ding verdrießt,
Daß ’s Mädel bucklig ist!«
Die ekligen Jungen, nur zum besten hatten die sie gehabt! Andre
Bürgermädchen waren doch dabei gewesen; bei so was wurde kein
Unterschied gemacht, wer hübsch, wurde eben begehrt, und wer garstig,
konnte zu Haus bleiben!
Ob die Cäcilie von Clermont sie wiedererkannt hätte? Oder ob die
stolz geworden war? Nein, nein, die hatte ihr ja auf der Schulbank
Freundschaft geschworen; und daß die Freundschaft nicht stand gehalten,
daran war niemand schuld – nein, auch nicht die eingebildete ›Vons‹,
die ›Madam Habenix‹, wie die Mutter immer sagte. Es paßte nun einmal
nicht mehr zusammen, eine Majors- und eine Feldwebelstochter. Ein
Unterschied muß sein, hatte sie der Vater belehrt. Und so war sie immer
ausgewichen, wenn es der Zufall wollte, daß die schlanke Gestalt der
ehemaligen Freundin vor ihr auftauchte; nur mit einem stummen Nicken,
wie eine Fremde, an der vorübergehen zu müssen, das wäre ihr doch zu
schwer gefallen.
Aber heute wollte sie die Cilli gucken gehen, mußte sie die gucken
gehen, die glückliche Braut! So bald Frau!
Schon heiraten – ach!
Josefine schoß das Blut zu Kopf, sie dachte daran, daß das ganz schön
sein müßte, wenn man einen recht lieb hätte. Den Conradi?! Ach ne, den
nicht! Daß der’s auf sie abgesehen hatte, merkte sie ganz genau, und
ebenso, daß der Vater es begünstigte. Am Ostersonntag hatte dieser sie
und die Mutter zum Konzert in Geislers Garten geführt – das spendierte
er sonst nicht –, und mit Kaffee und Törtchen hatte er sie traktiert.
Und als sie im besten Schmausen waren, fand sich der Conradi ein, mit
frischgewaschenen Handschuhen, die Koppel eng gezogen; und der Vater
hatte ihn aufgefordert, am Tisch Platz zu nehmen.
Es war noch etwas frostig gewesen, ein rechter Frühlingstag war’s noch
nicht.
Ein ganz hübscher Mensch, ein bescheidener Mensch und gewiß auch ein
guter Mensch! Er machte so treuherzige Augen, wenn er sie ansah. Aber
es mußte einem doch wohl mehr pressieren, mit einem zusammen zu kommen.
Sie war ja auch noch so jung. Jung? Die Cilla war nicht älter wie sie!
Wie der wohl heute zu Mut sein mochte?
Ach so – so –, daß man die Zähne zusammenbeißen muß, um nicht laut zu
schreien vor Wonne, an sich halten muß, um den Liebsten nicht in den
Arm zu nehmen – Kuß links, Kuß rechts, und dann einen mitten auf den
Mund, fest, fest, heiß, aus aller Kraft, daß es fast schmerzt. Ach,
solch einen Kuß hatte sie noch nie empfangen!
* * * * *
Als Frau Trina um halb sechs aus der Beichte kam, fand sie die Wohnung
sonntäglich sauber und die Tochter ungeduldig ihrer wartend.
»Och, wat hetzt de dich dann wejen der Hochzeit so ab,« sagte sie, »dat
Cilla hat sich ja auch nit meh um dich jekümmert!« Aber im Grunde wäre
die Feldwebelin auch ganz gern noch einmal mitgegangen. –
Die Bolkerkirche war dicht umdrängt; auch wo die Leute nichts sehen
konnten, standen sie. Allzuviele fanden ohnehin in dem engen Hofraum,
in dem, versteckt, die Kirche zurücklag, nicht Platz. Die meisten
hatten sich draußen vor dem Thor postiert – hier mußten die Kutschen
halten. Ein langer Teppich war von da über die Steinfliesen des
Durchgangs bis zur Kirchthür gelegt.
Es war Josefine geglückt, die Zuschauermauer zu durchbrechen, bis an
die Kirchstufen hatte sie sich gedrängt; nun stand sie und harrte.
Eine gewisse Unruhe überkam sie, die Glocke schlug so unaufhörlich an.
Sie hob die Augen – wie blau war der Himmel über dem alten Kirchdach!
Und jetzt flirrte ein Schwarm Tauben auf mit sonnbeglänzten Flügeln;
nur zwei blieben sitzen auf dem First der Küsterwohnung und gurrten und
schnäbelten sich.
Der Küster stand im schwarzen Leibrock am Eingang.
Wie lang das dauerte! Ah, jetzt, draußen ein Rollen! Und jetzt kam
das erste Paar vom Straßenthor her über den Läufer. Ein Herr im hohen
Cylinder, mit Orden auf dem Frack; und die Dame, mit langgedrehten
Schmachtlocken an den Schläfen, im ausgeschnittenen Seidenkleid, über
die Spitzenberte einen pfirsichblütfarbenen Umhang mit Schwanen gelegt.
Und ähnliche Paare folgten, nur daß bei den Herren das Bunt der
Uniformen mit dem Schwarz der Fräcke wechselte. Die sämtlichen Herren
des Regiments waren eingeladen und der ganze niederrheinische Adel, der
den Winter in Düsseldorf mitgemacht.
Das war ein Rauschen von starrer Seide, ein Blitzen von
Familiendiamanten, eine lange Reihe von stattlichen Männern und
blonden, blühenden Frauen.
Der alte Herr vom Werth, vornehm wie ein Fürst, dem man’s nicht ansah,
daß er in seinen jungen Jahren selber das Weberschiffchen geworfen,
führte die Frau des Kommandierenden. Hinter ihnen kam, als erster
Brautführer, ein junger, schlanker Leutnant, der eine der Brautjungfern
am Arm hatte. Sechs andre Fräulein mit ihren Kavalieren folgten,
aber keiner der Herren, fand Josefine, war nur halb so nett wie der
vorderste. O, der schöne, schlanke Offizier! Der gefiel ihr.
Die Glocken hallten und hallten. Und nun flog ein Raunen durch die
zuschauende Menge, man reckte den Hals, man stellte sich auf die Zehen
– da war die Braut! Josefine hätte beinahe laut aufgeschrieen: wie
schön!
Am Arm ihres Vaters kam sie langsam geschritten; weißgekleidete, kleine
Mädchen streuten Blumen vor ihr her, Knaben in Sammetkitteln trugen ihr
die Schleppe. Spitzenschleier fielen vom Kranz herunter, eine lange
Perlenschnur hing ihr um den Hals. Gerade, wie eine schlanke Tanne,
hielt sich die stolze Gestalt, von ihrer wolkenlosen Stirn leuchtete
das Glück; es ging ein Strahlen von ihr aus. Und hinter ihr kam der
Bräutigam, am Arm die Schwiegermutter – auch ein schöner, heiterer Mann!
Das Düsseldorfer Volk, das sich drängte, hätte am liebsten laut
zugejubelt: das waren einmal Kinder des Glücks!