Noch einmal: »Wilhelm, Wilhelm!«

Und dann lief er hinein, quer über die verlassenen Schießstände weg,

hinein in den großen Park, der stumm und geheimnisvoll seine Waldbäume

in’s kalte Mondlicht reckte.

Hier knackte noch der Schnee. Es war nicht geschüppt; der Suchende

irrte bald vom Pfad, auf’s Geratewohl tappte er zwischen Stämmen und

Gebüsch. Endlich erreichte er die einsamen, durch keinen Lampenschein

mehr erhellten Häuser der Kaiserstraße. Im Nonnenklösterchen wimmerte

ein Glöckchen, feindselig richtete sich sein Blick dorthin. Was,

steckten da noch immer welche drin, waren die noch nicht ausgestorben?

Er ballte die Faust – all das Leid kam von denen, von den Nonnen,

von den Pfaffen, von den Römischen! Die hatten einen Graben gezogen

zwischen ihm und seinem Weib, über den sich keine Brücke schlagen

ließ. Die hatten ihm seine Kinder abwendig machen wollen. Viktoria! Bei

der Josefine war’s ihnen nicht gelungen, die hatte er ihnen abgejagt

– aber beim Wilhelm, beim Wilhelm! Der hatte immer bei den Großeltern

gehockt, heimlich katholisch mochte der wohl sein. Mochten sie nun auch

die Verantwortung für ihn tragen! Was ging ihn der Bengel noch an?!

Und doch rannte er weiter; er schrie nicht mehr, aber seine Augen

suchten und suchten.

Hinter jeden Busch spähte er. Am Hofgartenhaus, um die Landskrone, in

den Anlagen längs der Jägerhofstraße standen viele Bänke, er suchte sie

alle ab – auf keiner einzigen Bank saß der Ausreißer!

Immer weiter suchte Rinke in steigender Hast; es trieb, es jagte ihn

etwas, sein Herz schlug gegen die Rippen, so hart, daß er das Pochen

durch die Stille zu hören vermeinte. Einzelne Statuen tauchten auf

zwischen bereiften Büschen, er entsetzte sich jedesmal bei’m Anblick

der bleichen Gestalten. Eine Maus schlüpfte durch’s dürre Laub, ein

Nachtvogel schlug die Flügel; kaum Geräusche, und doch fing sein

geschärftes Ohr sie auf – wo irrte sein Sohn?!

Der Mond ging allmählich nieder auf seiner Bahn; längst war es nicht

mehr recht hell gewesen, nun wurde es dunkel. Der Vater machte sich

nicht die Unmöglichkeit klar, jetzt, in der Nacht, in dem weiten

Hofgarten den Knaben zu finden; der Gedanke, wie unwahrscheinlich es

sei, daß dieser sich gerade hierher geflüchtet, kam ihm gar nicht –

er suchte, suchte. Suchte mit angstbeflügelten Schritten, alle Sinne

fieberhaft erregt.

»Halt, wer da?!«

Ein militärischer Ruf belebte plötzlich die einsame Finsternis,

Gewehrläufe blinkten auf, harte Tritte hallten auf gefrorenem Boden. –

»Wer da?!«

Ah –! Der Doppelposten vor dem Jägerhof!

Rinke stand, die Hand am leis klirrenden Seitengewehr: »Feldwebel

Rinke, sechzehntes Infanterieregiment, neunte Kompagnie!«

Die Wachen sahen ihn; jetzt machten sie Kehrt und nahmen, Gewehr über,

ihr unterbrochenes Hin- und Herwandeln wieder auf.

Ah, sehr gut, Kerle hatten nicht geschlafen!

Rinke war wieder ganz bei sich. Blödsinn, hier herumzulaufen bei

nacht! Da war ja das Schloß; dunkel lag es auch schon, nur oben im

breiten Mittelfenster des ersten Stockwerks war noch Licht. Man sah den

Kristalllüster blitzen. Ihre Königlichen Hoheiten, der Prinz Friedrich

und seine erlauchte Gemahlin, waren noch auf!

Unwillkürlich stand der Feldwebel stramm; wie ein großes, strahlendes

Auge grüßte ihn das hell erleuchtete Fenster, wie Sterne funkelten die

Kerzen des Schlosses durch die Nacht.

Ruhiger ging er fort. Gleich einer sanften Tröstung nahm er noch einen

Lichtschimmer von da oben mit auf den Weg.

Treue, Tapferkeit und Gehorsam – diese drei – Pflichtgefühl und Ehre –

aber die Ehre ist die größte unter ihnen!

Und war sein Wilhelm auch kein Soldat, als Soldatensohn mußte er

wissen, was ›Ehre haben‹ heißt; er mußte es lernen. Nein – der

Feldwebel schüttelte den Kopf – zu streng war er nicht gewesen!

Er hatte nur seine Pflicht erfüllt gegen sein Kind.

Nun hatte er Frieden mit sich selber gemacht, wie er wähnte. Er ging

heim, sehr müde; ruhig zu schlafen gedachte er, aber jäh fuhr er

auf nach kurzem, wildem Träumen, mit dem Schlafen war’s nichts. Er

beneidete seiner Frau den friedlichen Schlummer. Die lag mit gefalteten

Händen, ein behagliches Lächeln um den Mund.

Noch vor dem Reveilleblasen weckte er sie. Länger konnte er’s nicht

mehr verschweigen, er mußte ihr Mitteilung machen von Wilhelms

Verschwinden. Seine Stimme klang gepreßt, von neuem fühlte er sein Herz

pochen in peinvoller Unruhe. Und sie, was würde sie erst sagen?!

Aber gelassener, als er gedacht, nahm sie es auf; nur daß sie aufstand

und sich zum ausgehen anschickte. In den ›Bunten Vogel‹ wollte sie, da

würde der Wilhelm schon sein.

Nein, nein, da war er ja nicht!

Aber sie blieb dabei: jetzt würde er schon da sein.

Frau Trina war ihrer Sache sicher; hatte sie nicht am gestrigen

Nachmittag all ihre Sorgen und Kümmernisse im Gebet an die schmerzvolle

Mutter niedergelegt und dann noch am Abend vor’m Einschlafen ihren Sohn

den Schutzengeln empfohlen? Auch jetzt nahm sie sich noch die Zeit,

bei der zur Frühmesse geöffneten Lambertuskirche vorzugehen und vor’m

uralten Gnadenbild auf dem Pfarraltar den englischen Gruß zu flüstern.

Den Feldwebel litt es nicht zu Hause. Die qualvolle Ungewißheit ertrug

er kaum mehr. Hatte die Käthe recht, war der Junge inzwischen bei den

Großeltern angekommen? Und wenn er nun nicht da war, was dann?! Er

fühlte, wie ihm das Blut vom Herzen wich.

Noch war kaum eine Stunde seit dem Fortgehen Frau Trinas verstrichen,

so machte er sich auch auf. Über die morgendlich stillen Gassen eilte

er, wie gestern durch die abendlich stillen. Hin zum ›Bunten Vogel‹,

rasch, rasch! Und wenn der Junge nun nicht da war?! Verdammt, wie weit

der Weg war!

Endlich klingelte er an, leise, fast zaghaft. Die Großmutter öffnete

ihm. Ihre Haube war zerdrückt, ihr weißes Haar, noch nicht sauber

geglättet, erschien weißer im Morgengrau. Ihr Gesicht so runzelig, so

überwacht – und doch sah er auf den ersten Blick: der Junge war da!

Gott sei Dank! Mit einem tiefen Aufatmen trat er ein.

Als wäre die alte Frau dem Schwiegersohn nie böse gewesen, so faßte

sie jetzt seine Hand und leitete ihn zur Treppe, die dunkel und

steil in’s Obergeschoß führte. Flüsternd berichtete sie: Mitternacht

war’s gewesen, sie und ihr Peter hatten in aller Angst noch wach in

der Wirtsstube gesessen, da hatte es leise an’s Fenster gepocht. Da

hatte er draußen gestanden, furchtsam, totenblaß und ganz verfroren.

Die Zähne hatten ihm geklappert; und verhungert war er gewesen, halb

ohnmächtig vor Leere im Magen. Er hatte ja keinen Pfennig Geld gehabt,

und zu jemand Bekanntem hatte er sich nicht hingetraut. Umhergeirrt war

er, wie ein gescheuchtes Tier.

»De arme Jung’!« sagte die Großmutter mit einem gerührten Lächeln und

wischte sich die Thränen aus den Augen. »Un dann hab’ ich hän in unser

Bett jelegt, in sei’m kleine Kinderbettche kann de lange Mensch doch

nit meh schlafen, un da« – ganz behutsam öffnete sie die Kammerthür –

»da schläft hä noch!«

Den Atem anhaltend, trat der Feldwebel ein. Da war das alte Ehebett mit

dem Kattunhimmel und der Muttergottes darüber; durch das ausgebaute

Fensterchen schaute das fahle Morgenlicht und fiel gerade auf den

Schläfer. Dieser hatte eine hohe Röte auf den Wangen und einen

unruhigen, pfeifenden Atem. Seine eine Hand lag geballt an der Wange,

die andre wurde von der Mutter gehalten.

Frau Trina saß am Bett mit glücklichem Gesicht; jetzt winkte sie

lächelnd ihrem Mann zu – hatte sie nicht recht gehabt, hier war der

Ausreißer?!

Hinter dem Kopfende döste der Großvater; er sah ganz verwittert aus,

zum verlöschen müde, er und Frau Cordula hatten ja kein Bett gehabt.

Hier hatten sie gesessen die ganze Nacht und den Schlaf des Enkels

bewacht.

Auf den Zehen, sein Seitengewehr behutsam an sich drückend, schlich der

Feldwebel näher. Hatte er doch Lärm gemacht?!

Der Schläfer rührte sich, seine Lippen murmelten Unverständliches; wie

Angst huschte es über das hübsche Gesicht, die Brauen schoben sich

zusammen, eine tiefe Falte bildete sich an der Nasenwurzel. Er riß

seine Hand aus der der Mutter und tastete voller Unrast auf der Decke

umher.

»Er is am träumen,« flüsterte die Großmutter.

»Bis still, mein Jüngesken,« liebkoste die Mutter und strich dem

Unruhigen ein Locke aus der Stirn.

Der Junge schlug die Augen auf.

»Er is wach!« rief die Großmutter erfreut.

»Er is wach!« wiederholte die Mutter.

Auch der Großvater rappelte sich auf.

Aber keinen von diesen sah der Erwachende. Da, wo der Vater stand,

dahin richtete sich stier sein Blick. Seine Augen wurden überweit

– nur einen Moment, dann preßte er sie schaudernd zu. Mit einem

unartikulierten Laut, die Decke ganz über den Kopf ziehend, kehrte er

sich stracks ab gegen die Wand.

Die Wacht am Rhein · 第 26 / 74 题