VIII

Schnee, Schnee, überall Schnee. An die Mauern war er angeweht worden

und klebte in allen Ritzen; in den Fensterecken hatte er Polster

aufgeschichtet, vor die Hausthüren hatte er sich gelagert, über die

abschüssigen Dächer war er heruntergerutscht und hing nun drohend in

den Rinnen.

Die Bäume der Königsallee, die schon dicke, zum aufplatzen geschwellte

Knospen gezeigt, hatten alle Frühlingsträume vergessen; sie standen

in Sterbehemden. Der weite Exerzierplatz war von einem Leichentuch

überdeckt, kein Tritt schallte, kein Kommando ertönte.

Frau Trina seufzte fröstelnd, als sie am sonnenlosen Spätnachmittag

beim Fenster saß. Auf ihrem Schoß lag eine alte Hose ihres Mannes – wie

mit Pechdraht genäht! Das war eine mühselige Arbeit, den roten Vorstoß

herauszutrennen; aber man konnte doch die Jungen nicht herumlaufen

lassen wie gezeichnet. Immer wieder ließ sie die Hände sinken, zuletzt

lehnte sie den Rücken an und schloß die Augen.

Aber sie nickte nicht ein, wie sonst wohl gern, eine bange Unruhe

hatte sie heut zu keinem Schläfchen kommen lassen. Den ganzen Tag

schon lag es ihr in den Gliedern, ein garstiger Rabe hatte heut morgen

unter dem Fenster gekrächzt – was wohl der Wilhelm machen mochte? Der

arme Junge, hatte der gestern einen Sonntag gehabt! Es würde wohl kein

Unglück sein, wenn der sich mal ein kleines Pläsier gemacht hatte,

statt den ganzen Sonntagnachmittag in der muffigen Kaserne zu sitzen!

Prügel hatte er dafür bekommen – Prügel!

Ein wahrer Zorn erhob sich in Frau Trinas Seele: mußte denn gleich

zugehauen werden? Und immer geschnauzt?! Ach, was war sie doch so

dumm gewesen! Hätte sie lieber dazumal den Schnakenbergs Hendrich aus

der Windmühl’ geheiratet, wie gut hätte sie’s jetzt! Ein Kanapee, und

Hörtchens vor’m Fenster und keine Sorgen. Dem seine Frau ließ es sich

wohl sein. Ach, und es war doch auch etwas ganz andres, in einer Straße

zu wohnen – sie warf einen mißbilligenden Blick hinaus auf den Platz –

mal Menschen zu sehen, nicht bloß Soldaten!

Seufzend stand sie auf und ging nebenan in die Schlafkammer. Da holte

sie aus der Lade ihr Gebetbuch vor; wahrhaftig, ein Trost that ihr not!

Sie schlug es auf. Wie das paßte:

›Ich muß leiden und durch geduldige Ertragung der Leiden mich für den

Himmel befähigen.‹

»Ach ja!« Sie sank in die Kniee vor der alten tannenen Lade und las,

die Hände gefaltet, das Gebet an Maria um Geduld.

›Ich bedarf in meinen Leiden des Trostes zur Erleichterung, der

Stärke zur geduldigen Ertragung derselben – beide suche ich bei dir, o

schmerzvolle Mutter!‹

Schmerzvolle Mutter! Die Thränen, die schon lange lose gesessen, fingen

Frau Trina an zu rinnen, sie dachte an ihren Wilhelm.

Aber sie las weiter:

›Du tröstest mich in den Bedrängnissen mit der lebendigen Hoffnung auf

den herrlichen Lohn, der auf die Leiden dieser Zeit folgt.‹

Und eine große Erleichterung kam über sie. Sie las noch viele Gebete,

auch solche, die nicht auf ihre jetzige Kümmernis paßten; aber alle

verschafften ihr Ruhe. –

Draußen, jenseits des Flurs, trällerte Josefine in der Küche. Sie

schrubbte die Dielen, daß Holzsplitterchen und schmutziges Wasser

spritzten.

»Als de Jroßvatter die Jroßmutter nahm,

Da war de Jroßvatter ’ne Bräutijam –«

sang sie mit schallender Stimme, gerade als die Mutter ihr Büchlein

wieder in der Lade verschloß.

Frau Trina horchte auf – die war ja so lustig?! Nun ging sie auch nach

der Küche.

»Mit dir, mit dir in’t Federbett,

Mit dir, mit dir in’t Stroh –«

klang es übermütig weiter. Den Schrubber wie einen Tänzer vor sich

haltend, drehte sich Josefine in der Küche; ihre Holzklumpen klappten,

aber geschickt galoppierte sie auf dem feuchtglitschigen Boden.

»Dann sticht mich auch kein Federchen,

Dann beißt mich auch kein Floh!

Mit dir, mit dir –«

Schon fing sie wieder von vorne an, aber der ungeschlachte Tänzer kam

ihr zwischen die Füße – er polterte hin – lachend flog das Mädchen auf

die Mutter zu und faßte die um die Taille.

Und dann sangen Mutter und Tochter, beide sich umeinander wirbelnd, das

alte Tanzlied und lachten dabei, daß sie weinten.

»Mit dir, mit dir in’t –«

»Pst!« Josefine legte plötzlich den Finger an die Lippen – der Vater

kam die Treppe herauf!

Frau Trina errötete. Wenn ihr Mann sie jetzt gesehen hätte! Der würde

schön schimpfen! Der Thür abgewandt, machte sie sich am Herd zu

schaffen, um ihr erhitztes Gesicht zu verbergen.

Aber der Feldwebel schaute heute nicht wie sonst zuerst zur Tochter

herein, er ging gleich in die Stube. Krachend flog die Thür hinter ihm

zu.

»Och Jott, och Jott,« seufzte Frau Trina. All ihre Kümmernisse fielen

ihr auf einmal wieder ein. –

Rinke hatte die vergangene Nacht schlecht zugebracht; seine Frau atmete

schon seit Stunden tief und gleichmäßig, da saß er noch wach im Bett.

Die Nacht war finster, schweres Gewölk hielt den Mond verdeckt, nur

als ein, um weniges hellerer, Fleck hob sich das Kammerfenster aus der

Schwärze. Graute der Morgen denn noch nicht?!

Es war ihm eine Erlösung gewesen, als der erste Frühschein über’m Platz

dämmerte. Längst ehe die Reveille ertönte, stand er auf, schlich aus

der Kammer und wanderte mit großen Schritten rastlos in der eiskalten

Stube auf und ab, bis Josefine erschien und noch ganz verschlafen

fragte, ob es denn schon so spät sei? Der Hornist lockte gerade.

Die Mehlsuppe schmeckte nicht, mit einem förmlichen Widerwillen hatte

der Feldwebel den Napf von sich geschoben – der Junge, der Junge, der

lag ihm auf dem Magen! War er nicht doch zu streng gegen den gewesen?

Ah was, Strenge muß sein! Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es.

Feldwebel Rinke war heut unwirsch im Dienst gewesen, die Kerle

wurden angeschnauzt; als er die zehntägige Löhnungsberechnung in’s

Löhnungsbuch eintrug, verschrieb er sich. Beim Mittagessen wußte er

nicht, was er aß; gleich danach ging er wieder fort, es litt ihn nicht

in der Stube.

Als er mit dem Hauptmann auf dem Kasernenhof hin und her pendelte

und den täglichen Rapport abstattete, hatte er sich auf sonderbaren

Zerstreutheiten ertappt; seine Gedanken waren immer abgeschweift,

hin zu dem schweren Thor, das auf die Straße führte, hin zur

Kapuzinergasse, hin zum Haus, wo Wilhelms Meister wohnte. Er hatte sich

geärgert, daß er das Denken an den Jungen nicht lassen konnte. –

Nun war der Dienst soweit zu Ende, nur das Rapportbuch brauchte er am

Abend noch dem Bataillonsadjutanten zu überbringen. Er hätte sich ruhig

hinsetzen können zu seiner Zeitung, aber sie hatte heut kein Interesse

für ihn. Aus der Küche hörte er das unterdrückte Kichern Josefines und

seiner Frau – warum lachten die nicht laut heraus? Warum war plötzlich

das Singen verstummt, als er die Treppe heraufgekommen? War er denn so

fürchterlich, daß alle ihn scheuten?!

Verdrießlich lief er auf und ab wie am Morgen, unruhig, mit knarrenden

Stiefeln.

»Au weh,« sagte Frau Trina draußen, »er is noch schlechter Laun’!«

Die Knaben, die lärmend nach Hause kamen, wurden rasch beschwichtigt;

keiner traute sich in die Stube.

Der Feldwebel blieb allein. Und wie das Licht des Tages immer mehr

und mehr erlosch, fing er an, sich einsam zu fühlen. Gähnend stand

er am Fenster und trommelte einen Marsch auf die Scheibe. Vom

Bataillonsadjutanten, der unten in der Kasernenstraße wohnte, war’s

nicht weit zur Kapuzinergasse – ob er mal hinging und nach dem Jungen

fragte? Er nahm seine Mütze vom Nagel und gürtete das Seitengewehr um.

Josefine, die den Vater fortgehen hörte, wollte ihm nacheilen, aber die

Mutter hielt sie zurück: »Fina, bleib, du kriegst nur Brummes!«

Der Mond stand über’m Hof, ein rundes, bleiches Riesengesicht, als

der Feldwebel aus der Thür trat. Die Straße war von Mondschein

überzittert, die Lämpchen der Laternen glimmten dunkelrötlich gegen

dies blauweiße Licht. Die Luft so klar; der über Tag geschmolzene

Schnee glitzerte wie ein eisiger Spiegel. Wenig Menschen unterwegs,

nur ein paar Dienstmädchen trippelten vorsichtig vor den Hausthüren

und streuten Sand und Asche. Bei Kühling im ersten Stock, wo der Herr

Bataillonsadjutant wohnte, waren die Fenster dunkel; Rinke guckte

hinauf: der war noch nicht zu Hause – desto besser, so ging er auf dem

Rückweg vor. Erst zur Kapuzinergasse!

Bei Meister Pickardt hatten die Gesellen bereits Feierabend gemacht,

nur er selber saß noch auf dem Tisch unter der qualmenden Öllampe und

stülpte einen Waffenrockkragen. »Eja, dat is en Leid mit de Jesellen,«

klagte er, »heutzutag’ will keiner meh en Stund überarbeiten. Dat

lernen se von Pariß, dat kömmt mit der neuen Mod’! Eja, en schlimme

Zeit!«

»Thu dich nit so,« rief die Meisterin aus der offenen Küchenthür,

»als ob du selber nit jenug schimpfen thätst, wenn de Offiziers e so

pressieren: die verdammte Kuranzerei! Die Junges haben wohl recht: wenn

mer sei janz Leben arbeit’, muß mer auch uf de Minut Feierabend machen.

Hör uf, mach dich ens parat, wir wollen auch noch e bißche erausjehen!«

»Meister,« sagte der Feldwebel, »ist mein Junge da?«

»Ene.« Der Schneider packte schon die Arbeit zusammen.

»Wo ist er denn? Können Sie mir’s sagen?«

»Wer – de Willem? No, de is ja bei Ihnen!«

»Bei – mir?!«

Meister Pickardt hatte fertig zusammengepackt, nun hob er den Kopf: der

Feldwebel hatte so etwas Eignes im Ton, etwas Ängstliches. Über die

Brille weg sah er den an: »No, wat is dann?! Diese Morje früh kam de

Jung mit sei’m Bündel un sagt, er thät’ sich krank fühlen, er wollt’ en

paar Tag no Huus jehn.«

»Krank – nach Haus?! – Warum in drei Teufels Namen hat Er den Bengel

laufen lassen?« Wütend brüllte der Feldwebel. »Hab’ ich Ihm nicht den

Bengel in die Lehre gegeben?! Wie kommt Er dazu, ihn wegzulassen?«

»No, no!« Der Meister fing an, sich zu ärgern; seine Soldatenzeit lag

längst hinter ihm, er brauchte sich doch nicht mehr von dem Preußen

anschnauzen zu lassen.

»Warum hat Er mir nicht sofort Meldung gemacht?«

»Wat jeht mich dat an?! Wenn de Jung’ nit in der Lehr’ bleiben will,

laß hän laufen. Heutzutag’ hält mer keinen meh.« Der Meister pfiff

durch die Zähne. »Krank« – er kratzte sich – »freilich, dat sagen se

immer, dat is so en Stücksken, eja! ›Adjüs,‹ sagt hä for mich un jab

mich de Hand, ›adjüs so lang!‹«

Adjüs –! In des Vaters Ohren begann es zu sausen, und dazwischen hörte

er eine heisere Stimme. An der Thür – auf der Schwelle hatte der Bengel

gestanden: ›Adjüs!‹ – Durchgebrannt war der!

»Marijosef!« rief die Meisterin, die aus der Küche nähergekommen war,

und bekreuzte sich, »wat schimpft Ihr! De arme junge Mensch, wat sah de

schlecht aus! Wie en Leich’! ›Willem, wat is Ihnen?‹ sagt’ ich jestern

abend. ›Nix,‹ sät hä, aber ich hört ein schlucksen, als hän de Trepp’

eruf jing nach Bett.«

»Er ist nicht nach Hause gekommen,« murmelte der Feldwebel und starrte

vor sich hin. Das kam ihm alles so rasch, das stürzte über ihn her –

der Junge fort! – Und die da, der Meister und seine Frau, die schienen

noch seine Partei zu nehmen, heimlich Front zu machen gegen ihn, den

Vater!

»Also de es nit no Huus jekommen?« sagte die Meisterin wieder. »O

Jemmich! Wundern thut mich dat weiter nit. Dat war immer ’ne Anjang

für em, nach der Kasern’ zu jehn. Wat hat Ihr dann mit em vorjehatt?

Weiß Jott, wo de jetzt erumläuft, de arme Jung’! Un die Kält’ noch bei

der Nacht!« Mit großem Behagen malte sie ein Umherirren bei Nacht und

Schnee aus. »Letzte Winter haben se auch ’ne junge Mensch jefunden, de

auf en Bank in der Hofjarten einjeschlafen war – erfroren!« Sie schlug

die Hände über’m Kopf zusammen: »Wat wird Euer Frau sagen?! Lauft

’schwind nach der Polizei, dat se’m suchen!«

»Unsinn!« Der Feldwebel nahm sich zusammen, das geschwätzige Weib

sollte ihm nicht seine Unruhe anmerken. »Wird sich schon wieder

anfinden. Wird bei seiner Großmutter hocken!« Und wie sich selbst

beruhigend, wiederholte er noch einmal: »Bei seiner Großmutter – ich

wer’ ihn lehren! Morgen tritt er hier wieder an. ’n Abend!« Damit ging

er.

Die Meisterin schimpfte hinter ihm drein: »De Preuß’! De hochmütige

Kerl! Wat de wohl de arme Jung’ kuranzt hat! De Eisenfresser, de –«

»Bis still,« flüsterte ihr Mann und legte ihr rasch die Hand auf den

Mund, »mach nit, dat ich Verdruß drum krieg’!«

»Ä wat, Verdruß oder nit, ich werd’ mich doch wejen dem Preuß nit

scheniere! Wann et ihnen nit jefällt, laß se machen, dat se aus

Düsseldorf erauskommen, wir sind se als lang leid!« –

Rinke eilte durch die Gassen. Gleich neckenden Fingern streckte der

Mond seine Strahlen nach ihm aus; als langer, fliehender Schatten

zeichnete sich seine dunkle Gestalt von den weißen Hauswänden ab.

Er lief, daß ihm der Atem ausging und die zum Wirtshaus wandelnden

friedlichen Bürger verwundert mit ihren langen Pfeifen nach ihm

zeigten: »Wat hätt’ de?!« Warum lief der Preuße so? Sie brachten eine

aufregende Frage mit an ihren Stammtisch.

Im ›Bunten Vogel‹ saßen die beiden Alten still beim Ofen, als der

Feldwebel hereinstürmte. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie seine

hastigen Fragen begriffen – das Erstaunen, den Schwiegersohn bei sich

zu sehen, hatte sie ganz übermannt – aber dann brachen der Großmutter

fast die Kniee vor Schrecken: der Wilhelm vom Meister fort, nicht in

der Kaserne, davongelaufen?! Nein, hier war er nicht! Mit zitternden

Händen hakte sie ihren altmodischen Spenzer zu und knüpfte die

Haubenbänder fester, sie wollte durchaus hinaus auf die Straße, den

Wilhelm suchen. Wo war er hin? Ein angstvolles Zittern überlief sie,

wenn sie an ihren armen Jungen dachte.

»Jesus Maria, dat Jüngesken!« Bitterlich weinend umschlang sie ihren

Alten und barg das Gesicht an seiner Schulter.

Unwirsch, verstört enteilte der Feldwebel, diese Thränen jagten ihn

fort, sie waren lauter Anklagen, brennende Anklagen – war er nicht doch

zu streng gegen den Wilhelm gewesen?!

Die hochgegiebelten Häuser der Ratingerstraße reckten sich wie drohend

vor seinen Blicken, von ihren Dächern flutete das Mondlicht und schoß

blinkende Pfeile nach ihm. Er war wie in’s Herz getroffen. Stöhnend

faßte er sich nach der Brust – ha, das Rapportbuch, gerade hatte er’s

gefaßt! Und horch, acht schlug’s von der Rathausuhr, höchste Zeit, es

abzuliefern! Der Herr Adjutant wartete wohl schon!

Er biß sich auf die Lippen – war’s so weit mit ihm gekommen, daß er der

Pflicht vergaß?! Seine Gestalt richtete sich energisch, seine erregten

Züge glätteten sich. Rasch, aber doch mit gemessen soldatischem

Schritt, marschierte er zu Kühling zurück.

Der Bataillonsadjutant war, wie immer, angenehm berührt von der famosen

Haltung des Mannes und verwickelte ihn in ein längeres Verhör über

Gesundheitszustand und Urlaubsbewilligungen der Mannschaft.

Von der nahen Kaserne tutete der Zapfenstreich, als Rinke wieder auf

der Straße stand. Es gellte ihm durchdringend in die Ohren:

›Zu Bett, zu Bett, ihr Lumpenhund’,

Es schlägt die letzte Viertelstund’ –

Zu Bett – zu Bett – zu Bett!‹

Der Hornist schloß mit einem verunglückten Trötrö. Der Feldwebel war an

diesen Mißton gewöhnt, aber heut zuckte er zusammen. Sonst pflegte er

um diese Zeit auch stets in der Kaserne zu sein, aber heut, was sollte

er im Bett?! Er konnte ja doch nicht schlafen. Der Junge, der Junge!

Suchend, mit Unruhe glitt sein Blick umher. Und dann – was sollte er

der Mutter sagen?!

Ein paar verfrühte Fastnachtsgecken, die in spitzen Papiermützen zu

einer Vor-Karnevalssitzung eilten, streiften an ihm vorbei. »Wat sühste

schläch uhs!« gröhlte der eine und streckte ihm seine lange Nase von

Papiermaché in’s Gesicht.

Erschrocken fuhr der Versunkene zusammen, unwillkürlich legte er die

Hand an’s Seitengewehr. Mit lautem »Helau!« entsprangen die fröhlichen

Gesellen. Er fluchte hinter ihnen drein – verdammte Zucht!

Jetzt war die Straße nächtlich still. Wie ausgeschnittene Silhouetten,

scharf umrissen, hoben sich die Häuser in langer Reihe vom mondhellen

Himmel. Und Sterne glitzerten und flimmerten, wie in einer bitter

kalten Winternacht, und auf dem Pflaster blinkte es von lauter

Diamanten.

Donnerwetter, wie kalt! Der Einsame rüttelte sich in einem

Frostschauer; und dann machte er plötzlich Kehrt, war mit wenigen

Sätzen um die Kasernenstraßenecke und eilte weit ausholenden Schrittes

die Mittelallee zum Hofgarten hinauf. Zum Hofgarten!

Wie hatte doch das geschwätzige Weib gesagt? – ›Da haben sie ’nen

jungen Menschen gefunden, auf ’ner Bank eingeschlafen – erfroren!‹

Unsinn! Der Junge saß irgendwo warm; der wußte ja Bescheid, der war

kein fremd zugewanderter Handwerksbursche! Und doch mußte der Vater

immerfort an diese Worte denken; sie peinigten ihn.

Der Atem ging ihm wie Rauch aus dem Mund; es war kalt, und doch stand

ihm der Schweiß auf der Stirn, als er den Hofgarten erreichte. An

dessen Rand, in der Nähe des Eiskellerberges, stöberte er noch ein paar

Rheinkadetten mit ihren Frauenzimmern auf; am Napoleonsberg traf er

schon keinen Menschen mehr.

Ganz allein stand er auf dem Hügel und starrte hinunter zum Rhein; ein

eisiger Hauch stieg von dort empor. Die Wellen im Sicherheitshafen

rührten sich nicht, sie glänzten wie starres Metall. Doch jetzt, ein

Knirschen, ein Plätschern, ein Glucksen – horch, klang da nicht ein

dumpfer Ruf?!

»Wilhelm! Wilhelm!«

Es preßte dem Vater einen Schrei aus; laut hallte der Angstruf weit

über den Rhein.

Die Wacht am Rhein · 第 25 / 74 题