»Na, siehste!« Sein Gesicht erheiterte sich; aber nicht für lange.
Es trug wieder den finsteren Ausdruck, als er allein auf seinem
Lieblingsplatz am Fenster saß. Niemand war oben, alle fort, auch Frau
Trina; der offengebliebene Kleiderschrank zeigte da, wo sonst ihre
Mantille und ihr Hut hingen, eine leere Stelle.
Über den Exerzierplatz kam Glockenschall, von all den vielen Kirchen
der Stadt läutete es; das war ein mächtiges Hallen und Widerhallen,
stärker denn sonst, ein Dröhnen und festliches Rufen. Aha, morgen war
wohl katholischer Feiertag?
Durch das halb geöffnete Fenster stahlen sich linde Frühsommerlüftchen
und strichen dem Feldwebel mit schmeichelnden Händen das heiße Gesicht.
Er schloß die Augen. Wie im Traum hörte er wohlbekanntes Klappen sich
in den Glockenchor mischen, die Kerle klopften ihre Montur aus. Und nun
sang einer, ein hoher Tenor:
»Köln am Rhein, du schönes Städtchen,
Köln am Rhein, du schöne Stadt,
Und darinnen muß ich verlassen,
Mein’ herzallerliebsten Schatz!«
Ein zweiter pfiff eine andre Melodie; Rinke kannte sie wohl: das war
das alte Lied von der Katzbach! Unwillkürlich spitzte er die Lippen und
pfiff mit:
»Hei, das war eine Lust, hei, das war eine Hatz,
Wie wir packten die französische Katz’
An der Katz, an der Katz, an der Katzbach.«
Und ein dritter hub dröhnend an, mit kräftigem Baß:
»Patriot, schlag ihn tot,
Bonapart’, den Erzkujon« –
Zwei, drei Stimmen fielen lustig mit ein:
»Mit der Picke, in’s Genicke,
Daß er kriegt die Schwerenot!«
Hastig schlug der Feldwebel das Fenster zu, er mochte nichts mehr
hören. Ihm war schwer zu Mut. Also, der Wilhelm sollte ihn fürchten
– sein Kind sich vor ihm fürchten?! Und Krieg gab’s auch nicht! Nun
schrieb man das Jahr 41, und fast ein Jahr war’s her, daß er mit der
Josefine hier gesessen und sie ihm das Rheinlied vorgelesen. ›Sie
sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein‹ – da hatte er
gemeint, nun ginge es gleich los.
Was hatten die Leute doch alles gefaselt von der ›Erhebung des
Vaterlands‹?! Keine Waffe hatte im Ernst geklirrt: man exerzierte und
manövrierte nur zum Spiel. Und von der ›Erhebung‹ hörte man kein Wort
mehr. Alles still, alles ruhig, wie versunken in bleiernen Schlaf.
Der alte Soldat lächelte bitter – und er hatte gehofft! Warum nur? Wenn
sie ihn nun totgeschossen hätten?! Dank für die Ehre! Tapfer gekämpft
und tapfer gestorben für König und Vaterland – giebt’s einen besseren
Schluß?!
Er räusperte sich und fuhr sich durch die Haare – viel graue Fäden
drin! Ja, wenn die Vierzig erst überschritten sind, geht’s schnell
abwärts. Was hatte der Garnisonprediger am Sonntag gesagt?
›Des Menschen Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es köstlich
gewesen ist‹ – – –
Würde sein Leben auch einstmals köstlich gewesen sein?! Mit einem
unruhigen Blick sah er umher. Der lange Tag hatte sich noch nicht
geneigt, goldne Sonne beschien die Wände – noch war es Zeit, noch
konnte das Köstliche kommen! Aber hoffentlich bald, bald!
Da ging die Thür. Frau Trina kam zurück mit Gesangbuch und Rosenkranz.
Ihre Augen waren gerötet, als hätte sie geweint.
Ihr bekümmertes Gesicht fiel ihm auf. »Käthe,« rief er.
»Wat dann? Willste jett?« Mit einem unsicheren Blick sah sie an ihm
vorbei.
»Komm mal her!«
»Ich hab’ jetzt kein Zeit!« Sie stülpte den Hut ab und wischte sich
verstohlen über die Augen.
Argwöhnisch betrachtete er sie: kam wohl wieder aus der Beichte? »Was
’s denn los? Hast ja geflennt?«
»Ich –? Och ene!« Sie lachte gezwungen und wollte in die Schlafkammer.
Aber schon war er bei ihr und faßte ihr Handgelenk.