Hatte er sie denn so fest gedrückt? Unwirsch ließ er sie los.
Gebetbuch und Rosenkranz rasch auf den Tisch legend, schlug sie beide
Hände vor’s Gesicht. »Wat hab’ ich en Leid, wat hab’ ich en Leid!«
schluchzte sie.
»Na, na – Käthe!« Er war wirklich erschrocken und bemühte sich, ihr die
Hände vom Gesicht zu ziehen. »Na, was ’s denn los? Nu red’ schon ’nen
Ton!«
»Och – och,« wimmerte sie und weinte immer heftiger, »och Jesus! Dat
Leid! Wat hab’ ich dann auf dieser Welt? Jar nix, ich muß mich plagen
alle Tag. Un wenn mer denkt, dat mer nachher nit emal in de ewige
Seligkeit kömmt! Un uns’ arm’ Kinder, wat können die dafor?! Och, och,
die müssen auch brennen im Fegfeuer!« Jammernd rang sie die Hände.
»Jesus Maria, un ich bin schuld dran!«
Fast war’s ihm lächerlich, ihr Gebaren war so komisch, aber er brachte
doch kein Lachen heraus. Er ärgerte sich: kam sie ihm schon wieder
mit ihren überspannten Mucken?! Sich bezwingend, versuchte er, sie
zu beruhigen: »Na, na, Käthe, wird so schlimm nich sein, gieb dich
zufrieden!« Er wollte seinen Arm um ihre Schultern legen, sie riß sich
los.
»Bleib mer vom Leib! Du bis an allem Verdruß schuld!« Ihre
thränenüberströmten Wangen glühten, in ihren sonst so gutmütigen Augen
flammte ein Strahl auf, der fast dem Haß glich. »Hab’ ich dich nit
e so vielmals jebeten, du sollst de Kinder wenigstens richtig taufe
lassen, so wie et sich jehört?! Ne, kein’ Ohren haste jehabt, du bis en
Preuß’, du has kein’ Jlauben, kein’ Relijon – nu hammer et Unjlück!«
Mit erneuter Stärke erhob sich ihr Gejammer: »Un ich bin schuld, un ich
bin schuld dran!«
Das Blut war ihm zu Kopf gestiegen, unwillkürlich zuckte seine Hand –
verrücktes Weibsbild! Da fiel sein rollender Blick auf den Rosenkranz,
auf das Buch. Wie Weihrauchduft stieg’s auf aus dessen Blättern. »Wo
kommste her?« fragte er rauh.
»Aus der – der Kirch’ – aus der Beicht!«
»Aha! Daher bläst der Wind? Haben sie dir wieder ’nen Floh in’s Ohr
gesetzt – na, natürlich! Und ich sage dir, die Kinder werden schon in
die Seligkeit kommen, wenn’s unser Herrgott für sie an der Zeit hält.
Da haste dich jetzt nich drum zu scheren!« Er stampfte mit dem Fuß auf
und setzte dann bitter hinzu: »Und was uns beide anbelangt, na, wo wir
mal nach’m Tode hinkommen, wird wohl ziemlich wurscht sein.«
Mit einem ungeduldigen Seufzer, der einem Stöhnen glich, kehrte er sich
von ihr ab; sie benutzte die Gelegenheit, um in die Schlafkammer zu
schlüpfen.
Schweren Tritts ging er zu seinem Platz am Fenster zurück. Jetzt war
er wieder allein und doch nicht allein, ihm war, als hätten die Wände
das Schluchzen des Weibes eingeschluckt und gäben es nun wider in einem
langgezogenen, spottenden Echo. Jedes Wort: ›Du bist an allem Verdruß
schuld – du Preuß’ ohne Glauben – du – du‹ – warum sagte sie es nicht
gleich gerade heraus: ›Du hast mich unglücklich gemacht!‹ Unglücklich?!
Ach was, der ging’s ja gar nicht so tief – heut unglücklich, morgen
kreuzfidel! Wer doch auch so sein könnte! Auf – nieder, wie ein
Stehaufmännchen, das die Buben aus Hollundermark schneiden. Aber dazu
mußte man hier zu Lande geboren sein, mit der Muttermilch ihn in den
Leib gekriegt haben, den bequemen Leichtsinn!
* * * * *
Der Feldwebel saß schon eine Viertelstunde, ohne sich zu rühren, ohne
den starren Blick des Auges, der immer auf einem Punkt der Diele
haftete, zu mildern.
Ein Trappeln auf dem Flur wurde laut.
Josefine kam heim mit den Geschwistern; mit Hallo jagten sie sich
draußen und stürmten nun in die Stube. Erschrocken fuhren die Knaben
zusammen und duckten sich – da saß ja der Vater! Nur Josefine lief auf
ihn zu.