»Ja,« sprach er, alles vergessend. Und in einer tiefinneren Erregung
sich aufrichtend, reckte er sich zu seiner ganzen Länge; die Arme
streckte er über den Kopf, daß sie gegen die niedere Decke stießen.
»Man ist ganz steif geworden – hah!« Wie ein Erlösungsseufzer klang
sein tiefes Atemholen.
Frau Trina hatte die Augen weit aufgerissen, nun fing sie plötzlich
an, bitterlich zu weinen. »Och, nu – nu jeht er wahrhaftig im Krieg!
Och, Jesusmarijosef, ne, hätt’ ich dat jewußt!« Sie sah sich suchend
nach ihren drei Jüngsten um, die beim Weinen der Mutter erschrocken zu
brüllen anfingen. »Kinder, der Vater, er jeht im Krieg! Och, hätt’ ich
dat jewußt!« Fassungslos sank sie auf den nächsten Schemel, das Gesicht
mit der Schürze bedeckend.
Fassungslos sah auch der Feldwebel drein – hätt’ ich das gewußt! Ja,
dann hätte sie ihn wohl nicht geheiratet. Und er?! – Es zuckte für
einen Augenblick um seinen Mund – nun, und er vielleicht auch nicht.
Finster, die Stirn zusammengezogen, betrachtete er die Weinende. Da saß
sie nun und heulte, daß ihr ganzer übervoller Busen schütterte. War das
noch dieselbe, die ihm einst im ›Bunten Vogel‹ entgegengeschwänzelt
war, so frisch und frank und frei, die Augen blank, der Mund lachend,
so ein echtes, rheinisches Mädel? Ein rasches Wohlgefallen hatte ihn
damals erfaßt, wie lauter Lust hatte es ihn angeblasen – hei, die würde
immer fröhlich sein, würde eine kernige Mutter werden für stramme
Soldatenkinder! Ihr Geld hatte ihn nicht gereizt, was sollte er damit?
Aber es lohnte sich wohl, um sie einen Strauß auszufechten mit den
protzigen Alten. Die Hindernisse reizten erst recht. Zur Attacke!
Vorwärts, marsch, im Sturmschritt! Diese rheinischen Dickköpfe sollten
doch sehen, mit dem Verachten des Preußen war’s Essig, der war ihnen
noch lange über, der wurde doch ihr Schwiegersohn – nun gerade! Und ’s
Mädel war verliebt bis über die Ohren, zeigte es ihm in jedem Blick –
also warum denn nicht?! Wenn einer nicht Vater, nicht Mutter mehr hat,
nichts Zärtliches auf der Welt, da thut eine weiche Patsche ganz gut,
die streichelt. Also: Los auf die Festung, sie ergiebt sich! –
Und jetzt?!
Schwer ruhte des Feldwebels Blick auf seiner Frau. Er seufzte. Arme
Käthe, die hatte sich auch betrogen! Der Soldat muß allein sein, oder
er muß ein Weib haben, das da spricht: Mit Gott für König und Vaterland!
»Josefine!« Unwillkürlich suchte sein Blick die Tochter. Sie sah ihn
aufmerksam an. »Josefine, was thut der Soldat, wenn sein König ruft?«
»Jehorcht.«
»Ja, du kennst den Rummel,« sagte er weich.
Frau Trina war mit den heulenden Kleinen nach der Küche gegangen, die
Abendsuppe zu bereiten; Vater und Tochter saßen in der Stube allein.
Josefine hockte auf einem Fußschemel und stemmte beide nackte Ellbogen
auf des Vaters Kniee. Das schöne Abendrot über’m Exerzierplatz warf
einen warmen Schimmer auf die Geranienstöcke im Fenster und von da
einen noch durchglühteren auf das blonde Haar des Kindes.
Der Feldwebel hatte sich auf der Brust, da wo sonst immer das lederne
Dienstbuch mit den Notizen zu stecken pflegte, die Knöpfe aufgerissen;
der Rock war ihm auf einmal so eng. Krieg, Krieg!!
Er rieb sich die Hände; ein Frohlocken war in seinem Ton:
»Nanu, die Franzosen wollen wieder krächzen?! Ich sage dir, das läßt
sich unser neuer Herr und König nicht gefallen. Der hat was los. Sagt’
er nicht letzthin zu Berlin: ›Gott erhalte unser preußisches Vaterland,
sich selbst, Deutschland und der Welt zur Ehre!‹ Unser Preußen – ihm
zur Ehre, ja! Dresche müssen kriegen, die ihm zuwider sind – alle
Hallunken! Aber warte man, warte!«
In freudiger Aufwallung legte er seine Hand auf Josefines Kopf: »Du
sollst mal sehen, du wirst’s erleben, wie ich’s erlebt habe, anno 13.
Da war ich nur wenige Jahre älter wie du jetzt. Da liefen sie alle
hin unter die Fahnen; die Männer wurden wieder zu Jünglingen und die
Jünglinge zu Männern. Und die Weiber haben ihren Männern nicht das
Herz schwer gemacht« – unwillkürlich suchte sein Blick die Thür, hinter
der Frau Trina verschwunden war – »und die Bräute haben sich ihren
Liebsten nicht an den Rockzipfel gehängt. Ich weiß es noch wie heute,
als Vater ausrückte. Wir standen vor der Thür, Mutter und ich, er saß
schon auf dem Gaule.
»›Adjö, Karline, auf’s Wiedersehen,‹ sagte er. Sie sagte nur: ›Mit
Gott.‹ Und dann gaben sie sich die Hände. Keine Thräne hat Mutter
geweint. Aber ihm kullerten ein paar dicke Tropfen über die Backen; ’s
war ihm wohl bange um sie, sie war verdammt schmächtig.
»Als ich bei meinem Alten die Thränen sah, fing ich an loszuheulen,
aber es war mehr darum, daß ich noch ein Knirps war, daß ich noch nicht
mitkonnte in den großen Krieg. Vater bückte sich vom Gaul, lupfte
mich ein wenig hoch und gab mir ’nen freundschaftlichen Klaps auf den
Hintern: ›Hier wird nich geflennt! Sei Muttern ’ne Stütze – mach mir
Ehre!‹
»Da verbiß ich mir das Heulen, und als der Gaul davongaloppierte,
galoppierte ich hintennach bis auf den Marktplatz, wo sie sich
sammelten, und schrie, bis mir der Atem ausging: ›Hurra, hurra, hurra!‹
Und das schrei’ ich noch heut!«
Der Feldwebel war aufgesprungen und breitete die Arme weit: »Hurra,
hurra, hurra!«
Josefine hatte ihm ohne Laut zugehört, die Augen fest auf ihn
gerichtet; jetzt umklammerte sie seinen Arm: »Vater, weiter, erzähl’
weiter!« Und als er nicht gleich fortfuhr, stampfte sie ungeduldig mit
dem Fuß: »Weiter, erzähl’ doch!«
»Ja, das ist was für dich,« schmunzelte er, »das glaub’ ich! – Und die
Frauenzimmer brachten ihre goldenen Nadeln und Kämme und Ohrgehänge,
was sie an Goldkram hatten, und das wurde eingeschmolzen und gab Geld
für’s Vaterland. Sie trugen nun anstatt ihres Schmucks eiserne Anhänger
und waren stolz drauf. Da waren Weiber, die gaben ihre Eheringe her,
und welche, die gar nichts hatten, ließen ihr schönes Haar abschneiden
und verkaufen das, und –«
»Ich will auch mein Haar abschneiden lassen!« Josefine schrie plötzlich
auf und faßte mit beiden Händen nach ihrem kurzen Schopf. Eine heiße
Röte lag auf ihrem Gesicht, ihr Atem ging rasch, die Kinderbrust flog
unter dem Schürzchen. »Schneid’ mir mein Haar ab, lieber Vater – da
haste’t – schneid’ et doch ab!«
Er lachte. »Das ist ja viel zu kurz. Na, na, laß man,« und er strich
ihr liebkosend über die blonde Mähne.
Da ließ sie die Arme herunterhängen und den Kopf auch und kauerte sich
ganz auf ihrem Schemel zusammen. Unter Schluchzen stieß sie heraus:
»Ich will aber – wat soll ich dann jeben? Ich – ich hab’ ja nix – jar
nix!«
»Warte man,« tröstete der Feldwebel und legte ihr seine Hand auf die
heiße Stirn. Aber er lachte nicht mehr, seine Stimme klang ernst:
»Warte man, Josefine, warte, deine Zeit, die kommt auch noch!« –
Das verklärende Abendrot über’m Exerzierplatz war erloschen,
plötzlich aller Glanz hin. Ein nüchterner, bleichherbstlicher
Nachthimmel spannte seinen Bogen, und ein Windstoß fegte abständige
Kastanienblätter der Königsallee wirbelnd in den Kanal. Matte Sterne
zogen auf und standen, ohne zu leuchten, über der Kaserne.
V
Der alte Peter Zillges konnte sich nicht in die jetzige Welt finden.
»Et es nu als bald Zeit for mich, Mutter,« sagte er zu seiner Frau.
»Wat haben se dann aus Düsseldorf jemacht?! Dat es doch uns jut alt
Düsseldorf nit meh! Dat se aus ’m Kapellchen unnen in der Straß’ en
Tabaksmajazin jemacht han un nachher ene Peerdsstall, dat es schon
schreckelich, aber dat mer nu for de neue Promenad’ langs der Kanal
›Königsallee‹ sage soll, nach dem neuen König, dem Friedrich Wilhelm
dem Vierten, dat will mich nu janz un jar nit im Kopp. Wat jeht
uns de Mann an?! De es in Berlin, mir sin hie am Rhein. Ich sag’
›Kastanienallee‹. – Un dann de neumodsche Eisebahn! Die es dem Deiwel
sein Kutsch’. Kann mer nit laufen bis im Jesteins? We dat nit meh kann,
de soll zu Huus bleiwen. Wat soll dat noch all werden? Bis Elberfeld
fahren jetzt als de Leut’!«
Bürger Zillges war grämlich geworden. Ein paarmal schon hatte er sich
in den neuangelegten Straßen verlaufen, und auch der Hofgarten, in
dem er so gern spazierte mit seinem kaffeebraunen Leibrock angethan
und den Kniehosen, mit der gefälteten Hemdenkrause und dem mehrfach
verschlungenen Tuch unter den Vatermördern, war ihm verleidet. Hatten
doch freche Kinder, die seiner Tracht nicht mehr gewohnt, hinter ihm
drein gespottet und seinen Hut, den hohen mit der breiten Krempe, durch
den Wurf mit einem Erdkloß beschmutzt.
Die Wirtschaft ging auch längst nicht mehr so flott. Das junge Volk
suchte andre Lokale auf von modischerem Geschmack, in denen die
Fensterscheiben höher, die Wände tapeziert und die Stubendecken nicht
durch Balken verunziert waren. Einsamer wurde es im ›Bunten Vogel‹,
ganz einsam.
Nur die Enkelkinder brachten Leben; Frau Josefine Cordula dankte
allabendlich ihrem Schutzpatron dafür. Da standen sie jeden Sonntag, in
aller Frühe schon, in der Wirtsstube aufgepflanzt in stattlicher Reihe
und streckten die Hände verlangend aus nach dem Korinthenblatz, den die
Großmutter verteilte.
Obenan die Josefine, hochgeschossen für ihre elf Jahre und doch breit
in den Schultern und gewölbt in der Brust. Viel schmächtiger nahm
sich der Wilhelm aus, aber wie hübsch! Backen wie Milch und Blut,
von schönen Locken umringelt, und Augen so blau, daß die Großmutter,
schaute sie hinein, wähnte, in den Himmel zu blicken.
Der Friedrich und der Ferdinand und der jüngste, das Karlchen, hatten
nichts Besondres an sich, die waren Jungen, wie andre auch: dick,
laut und gefräßig. Den ganzen Tag trieben sie sich auf der Straße
herum, machten ›Schellemännkes‹ an allen Thüren, uzten die beiden
Stadtoriginale, den scheelen Ludwig und das Rosinchen, und patschten
durch jede Pfütze. Die Mutter verwies ihnen nichts, war doch der Vater
streng genug.
Der Feldwebel wurde immer strenger. War er zu Haus, wagten die Knaben
keinen Muck. Das Mittagessen verlief stets wenig erfreulich. Die Mutter
schöpfte den Jungen auf, so viel sie wollten: »Laß die Kinder doch satt
kriejen.« Aber der Feldwebel schrie: »Satt, ja, aber nicht den Wanst
vollstopfen zum platzen! Das giebt faules Fleisch. Ruhe – giebt nichts
mehr!«
Die drei Jüngsten scheuten den Vater; aber Wilhelm fürchtete ihn.
Wilhelm war ganz seiner Großeltern Kind, kam kaum noch in die Kaserne,
und auch dann nur, wenn der Vater nicht zu Hause war; lieber lauerte
er stundenlang in einem Versteck, bis er den fortgehen sah. Der hatte
so eine Art, ihn durchbohrend anzustarren, daß er den Blick nicht
aushalten konnte und verwirrt die Augen niederschlagen mußte.
Rinke machte sich Gedanken über den Jungen – warum sah ihm der nicht
gerade in’s Gesicht? Hatte er was auf dem Gewissen? Es war Zeit, daß er
unter strenge Zucht kam: ordentlich hoch nehmen, stramm ’ran!
Der Feldwebel machte sich eines Tages auf nach dem ›Bunten Vogel‹.
Wilhelm, der vor der Thür spielte, sah den Vater kommen, lief, nichts
Gutes erwartend, rasch in’s Haus, die Treppe hinauf, bis auf den Söller
und versteckte sich im Taubenschlag.
Die Großeltern Zillges waren durch den seltenen Besuch des
Schwiegersohns nicht angenehm überrascht.
»Wat – de Willem wollen Se uns wegholen?« grämelte der Alte, »so mir
nix, dir nix? Den kriejen Se nit!« Und dabei schlug er, heftig werdend,
auf den Tisch. »Oho, de Peter Zillges läßt sich so ’schwind nit auf
Seit däuen.[4] Sie sind wohl auch neumodsch? Wenn et heißt, einen
aus’m Dreck trecken,[5] dann es mer jut – wat war de Jung’ for ene
erbärmliche Krott! – äwer dann hat mer nix meh bei zu duhn, dann heißt
et: mach dich ab! Eja, de Neumodschen, dat sin de Richtigen, die haben
kein Tippelchen Pietät!«
[4] däuen: schieben.
[5] trecken: ziehen.
Rinke wollte aufbrausen, aber dann besann er sich – hatte der Alte
nicht recht? Die Großeltern hatten das Kind, das immer gekränkelt, zu
einem gesunden Jungen herausgepflegt, und nun, da sie Freude an ihm
hatten, wollte er ihn ihnen wegnehmen?! Unschlüssig drehte er an seinem
Schnauzbart.
Frau Josefine Cordula ersah ihren Vorteil; sie legte sich auf’s Bitten.
»Ne, dat werden Se uns doch nit anduhn, Rinke, dat Se uns jetzt de
Jung’ wegnehmen? Wir sind alt un einsam, de Willem es unser Freud’
– ne, wenn ich denk’, de Willem sollt’ nit meh bei uns sein –!« Die
Tropfen fingen an, ihr aus den Augen zu rinnen, und auch Zillges
schneuzte sich heftig.
Es ging dem Feldwebel gegen den Strich, jetzt auf sein Vaterrecht zu
pochen – was hatten die alten Leute doch alles an dem Jungen gethan!
Es wollte freilich in seinem Herzen kein rechter Dank aufkommen, doch
überwand er sich und reichte seiner Schwiegermutter die Hand.
»Na, dann behalten Sie ihn, bis« – sein Gesicht verfinsterte sich
wieder, mit dem Soldatwerden war’s doch bei dem Jungen Essig – »bis er
in die Lehre kommt. Aber ich bitt mir’s aus: seien Sie strenger, viel
strenger; der Bengel pexiert was, nich gerade ansehen kann er einen ja.«
»Pexieren – dat Jüngesken?! Och du lieber Jott! Angst hat de,« platzte
die Großmutter heraus, »Angst vor Ihnen!«
»Angst – vor mir?!«
Der Feldwebel war betroffen. Angst sollte sein Sohn vor ihm haben?
Angst – warum denn? Seine Kinder hatten Angst vor =ihm=? Angst vor
ihrem Vater?! Das wollte ihm nicht aus dem Sinn. In brütenden Gedanken
ging er heimwärts.
Auf dem Kasernenhof begegnete ihm Josefine, Karlchen an der Hand. Er
hielt sie an. »Josefine,« sagte er und sah ihr forschend in das offene
Gesicht, »sag mal, hm« – die Worte wollten nicht leicht heraus, es
würgte ihn etwas in der Kehle – »hm, sag ehrlich, hast du – hm – hast
du Angst vor mir?«
»Wat jefällig?« Sie verstand ihn gar nicht.
»Ob du – Angst vor mir hast?«