Zum fünften und sechsten Mal war der Storch über den Exerzierplatz
geflogen und hatte vor des Feldwebels Fenstern geklappert.
Nun ließen fünf lebendige Kinder ihre Stimmen in der engen
Feldwebelwohnung erschallen; diese war zwar um eine Kammer vergrößert,
aber immerhin noch bedrängt genug. Die Großeltern Zillges hatten
deshalb der Tochter den Vorschlag gemacht, ihnen ein Kind zu
überlassen, es ihnen ›zum verwahren‹ zu übergeben. Die Wahl war
auf Wilhelm gefallen. Die Kleinsten konnten die Mutter noch nicht
entbehren. Josefine war schon als Hilfe zu gebrauchen, auch hätte der
Vater die nicht hergegeben; bei Wilhelm hatte er weniger dawider, dem
würden die guten Brühen der Großmutter zu statten kommen.
So hatten die alten Zillges auf einmal wieder ein Kind. Sein Bettchen
stand neben dem Ehebett mit dem Kattunhimmel, und oft in der Nacht,
wenn Frau Josefine Cordula den ruhigen Kinderatem hörte, glaubte sie,
wieder ein junges Weib zu sein. All die Zärtlichkeit, die in dem alten
Herzen nie erstorben war, die sich nur, fast verschämt, versteckt
gehalten, brach wieder vor und strömte wie eine quellende Flut über das
Haupt dieses Kindes. –
Nun ging der Bube schon in’s achte Jahr, aber er besuchte noch immer
keine öffentliche Schule. Für die Freischule war er doch wahrhaftig
zu schade, die rohen Jungen wurden ihn verprügeln; so ließ ihn der
Großvater privatim unterrichten, wie er selbst auch in seiner Jugend
privatim, beim Schreibmeister Müller in der ›Luft‹, gelernt hatte:
lesen, schreiben und rechnen für fünfzehn Stüber monatlich. Der Lehrer,
der nicht gern die gute Bürgerkundschaft verlieren wollte, lobte den
Wilhelm, wenn der auch nicht immer zu loben war.
Sonst hatte sich der Wilhelm gut herausgemacht; freilich, zart war
er geblieben, aber er sah nicht kränklich aus. Der Maler Deger, ein
ganz berühmter, malte ihn als kleinen St. Johannes mit Kreuzchen und
Lämmchen auf ein Altarbild, und auch andre Maler sprachen im ›Bunten
Vogel‹ vor und baten um das hübsche Modell. Großmutter Zillges weinte
verstohlene Thränen gerührter Freude. Sie hätte nicht mehr das Herz
gehabt, ihrem kleinen St. Johannes etwas zu versagen; von nun an ließ
sie ihm auch das schöne Haar lang wachsen und wickelte ihm abends die
Locken ein.
Josefine war schon das vierte Jahr bei den Ursulinerinnen; die
Großmutter hatte es durchgesetzt, daß sie dahin in die Schule gekommen.
Das Geld war knapp im Feldwebelhaushalt, denn Rinke machte sich
keinerlei Nebenverdienst von den Herren Freiwilligen oder bei der
Kammer und der Menage, und so kam es, daß er in einer bedrängten
Stunde seiner Frau, vielmehr deren Eltern, die Sorge für Josefines
Schulgeld, zugleich hiermit aber auch die Wahl der Schule überlassen
hatte. Und die Wahl war nicht groß für Mutter Zillges und Frau Trina,
hatten sie beide doch auch bei den Ursulinerinnen die ersten schönen
Gebetchen gelernt. Solange sie denken konnten, wurden da die Töchter
guter Bürgersleute erzogen. Der fromme Gesang der Kinder schallte
weit über die Ritterstraße und erbaute das Ohr der Anwohnenden. Auch
stricken und nähen wurde dort gelehrt und französisch parlieren und
späterhin feine Paramentenstickerei.
Rinke war sich über ›Schule‹ nicht ganz klar; in nebelhaften Umrissen
erhob sich ihm ein Bild von stillesitzen, von pünktlichem Gehorsam
und besonderer Reinlichkeit. So war’s wenigstens im Militärwaisenhaus
gewesen: kam einer da nicht blitzblank zum Unterricht, gleich hieß es:
Hemd ’runter! Unter der Pumpe wurden ihm die Ohren mit einem Strohwisch
gescheuert, und wären’s zwanzig Grad Kälte gewesen. Er machte ein
erfreutes Gesicht, als ihm Josefine den ersten Zeugniszettel nach Hause
brachte:
Fleiß und Aufmerksamkeit: sehr lobenswert.
Betragen: sehr gut.
Flüchtig klopfte er seinem Kind die Backe: »Hm, gut abgeschnitten, mach
mir weiter Ehre!«
Josefine ging gern zu den Ursulinerinnen; still saß sie da, ihre
munteren, großen Augen hingen andächtig an den sanften Nonnenlippen.
Das war etwas andres als die rauhen Töne, die über den Kasernenhof
schallten! Auch geprügelt wurde hier nicht; die größte Strafe war,
wenn eins der Kinder nicht mit in der langen Reihe der Schülerinnen zur
Kapelle ziehen durfte, das Kindchen Jesu auf dem Schoß seiner Mutter zu
schauen.
Sie hörte die Legenden der lieben Heiligen, die waren schöner als alle
Märchen; sie lernte die Lieder zum Preis der holdseligen Jungfrau
Maria. Die Augen strahlend erhoben, die Hände fromm gefaltet, sang sie
mit heller Stimme die Hymnen; ihre Seele war ganz dabei.
Freilich, war die Schule aus, und kam sie von den Nönnchen heim in
die Kaserne, atmete den eigentümlichen Schimmel- und Knasterduft,
der diesen Wänden untilgbar anhaftete, sah die Bajonette auf dem
Exerzierplatz blitzen und hörte den Gesang der Mannschaft beim
Stiefelwichsen und Knöpfeputzen, dann brach etwas in ihr los, was bei
den Ursulinerinnen geschlafen.
Frau Trina schalt viel über Finas tolle Ausgelassenheit; in ihrer
hartumdrängten Mutterschaft vergaß sie jetzt manchmal, daß auch sie
einst vor lauter Lust am Leben gar nicht gewußt wohin. Hier eine
kleine Hand, dort eine kleine Hand! Hier ein jämmerliches Klagen,
dort ein begehrliches Kreischen! Da konnte einem wahrhaftig mal die
›pläsierliche‹ Laune abhanden kommen.
»Nich tot zu kriegen,« sagte der Vater, wenn er seine Josefine ansah,
und ein Freudenschein flog über sein hartes Gesicht.
Rinke hatte gealtert; trotz seiner Vierzig mischten sich ihm schon
graue Fäden in’s dunkle Kopfhaar und den rötlichen Schnauzbart. Von den
Augenwinkeln nach den Schläfen zogen sich viele feine Fältchen, und
um die Mundecken hatte sich ein verbissener Zug festgesetzt. Jahraus
jahrein Kommiß macht müde; und das Sitzen im Bureau vor’m Nationale und
dem Löhnungsbuch, auch; die Parole den Herren Offizieren zustellen,
den Kompagnierapport anfertigen, genau Erkrankungen und Beurlaubungen
berichten, das Strafverzeichnis, das Schießbuch, die Rangierrolle, die
Abrechnungen führen und Gott weiß was sonst noch, auch; und täglich
drei Stunden neben dem Herrn Hauptmann über den Kasernenhof pendeln,
immer hin-her, her-hin, mit geschlossenen Augen wissen, wo der rechtsum
wendet, wo linksum, auch.
Heraus aus dem einförmigen Trott!
Ach, in den Zeitungen stand wohl zu lesen: Der gallische Hahn krähe
wieder frech, anno dreizehn sei ihm nicht genug geschehen, es sei an
der Zeit, ihm vollends den Garaus zu machen – zu den Waffen!
Krieg, Krieg, wann kam der?!
Der Feldwebel wartete schon lange.
Heute hatte ihm seine Josefine ein Gedicht vorgelesen, auf einem
Zeitungsausschnitt stand es, der schon die Runde durch viele Hände
gemacht:
›Sie sollen ihn nicht haben,
Den freien deutschen Rhein,
Ob sie wie gier’ge Raben
Sich heiser danach schrein.‹
Das Kind las laut und langsam, jede Silbe deutlich artikulierend;
erwartungsvoll sah es beim Schluß zum Vater hin. Der saß am Fenster,
den Kopf in die Hand gestützt und schaute unter zusammengezogenen
Brauen in das Abendrot, das über’m Exerzierplatz verglomm.
»Nochmal, Josefine, lies noch mal,« sagte er jetzt seltsam gepreßt.
Und sie las noch einmal:
»Sie sol-len ihn nicht ha-ben
Den frei-en deut-schen Rhein.«
Auch Frau Trina war näher gekommen und spitzte die Ohren: was lasen sie
da vom Rhein?
»Bis sei-ne Flut begra-ben,
Des letz-ten Manns Ge-bein!«
»Nein, das sollen sie auch nicht!« So heftig stieß der Feldwebel
seine Pfeife auf’s Fenster, daß sie zerbrach. »Heiliges Kanonenrohr!
Haben sie am Ende doch recht, die da sagen: man rüstet in Preußen?!
I, das wäre! Na, gebt den Rothosen man eins drauf, daß sie alle
werden für jetzt und ewige Zeiten! Haha« – er lachte vor innerem
Entzücken – »Preußen immer vorneweg! Nu geht’s los!« Aber gleich
darauf verfinsterte sich sein Gesicht wieder. »Ich glaub’s nich, wir
haben noch keine Ordre. Zeit wär’s, Kerle werden täglich fauler. ’ne
Affenschande, muß ich hier sitzen auf dem verlorenen Posten, statt da
mittenmank!« Unwirsch fuhr er sich durch die kurzgeschnittenen Haare.
»Verfluchtes Lausenest!«
»Düsseldorf is en prachtvoll schöne Stadt,« sagte Frau Trina beleidigt.
Er hörte sie gar nicht. Den Blick starr auf den öden Exerzierplatz
gerichtet, murmelte er: »Wenn’s man losginge, wenn’s man losginge!«
Eine starke Röte war ihm in’s Gesicht gestiegen; er schüttelte sich wie
in einem Schauer und preßte die Zähne aufeinander: »Wenn’s man!«
»Jehste jetzt im Krieg, Vater?« fragte das Kind.
Er kaute am Schnauzbart. »Vielleicht,« sagte er, sich beherrschend;
aber man hörte doch die Freude heraus.