»Fünf!«
»Wie heißen sie?«
So antwortete sie mit leuchtenden Augen: »Treue, Tapferkeit, Gehorsam,
Pflichtgefühl und Ehre!«
Frau Trina schüttelte wohl den Kopf über diese ›Dummheiten‹, aber sie
sagte nichts – wenn es ihnen nu Spaß machte! ›Jedet Dierken hat sein
Pläsierken,‹ dachte sie.
Die blonde Feldwebelin war in den sieben Jahren ihrer Ehe recht
auseinandergegangen; ihr blühendes Fleisch war Fett geworden, sie
machte sich nicht viel Bewegung. Die Wochentage brachte sie meist in
Unterrock und loser Jacke oben in ihren paar Stuben zu, schluffte vom
Herd zur Wiege und wohl auch von der Wiege zum Fenster. Da sah sie
auf dem, im Sommer staubigen, im Winter grundlosen Platz das tägliche
Schauspiel des Exerzierens, und, wenn’s hoch kam, jenseits des Kanals
Arbeiter Erde und Steine karren. Dort wurde eine Promenade angelegt
über’m Graben, und schöne Kastanien wurden gepflanzt; Bauplätze waren
auch schon feil. Da würde es einmal angenehm zu spazieren sein!
»Och Jesus!« seufzte sie dann wohl, schlich wiederum zur Wiege zurück
und schaukelte das greinende Kind. Ein alter Reim fiel ihr ein:
›Wenn andre Leut’ spazieren gehn,
Muß ich an der Wiege stehn,
Muß da machen: knick, knick, knack,
Schlaf, du kleiner Habersack!‹
Und dann trübten sich ihre blauen Augen.
Der Wilhelm machte ihr viel zu schaffen, mehr als das Kleinste; er war
ein kränkliches Kind und für seine fünf Jahre schwach auf den Beinen.
Bald hatte er einen Husten, bald einen Ausschlag, der Vater wurde schon
ganz ungeduldig – das sollte ein Soldatenjunge sein?! Hing ewig an der
Mutter Rock und flennte wie ein altes Weib, wenn die Josefine mit ihm
exerzieren wollte! Wenn die Schwester ihn prügelte, prügelte er nicht
wieder – das Hasenherz!
Bei jeder solchen Gelegenheit äußerte sich des Feldwebels Unwillen –
der Junge würde nun und nimmer ein Soldat! Und Rinke nahm das als eine
persönliche Beleidigung; ohne daß er es wußte, wurde sein Ton barscher,
wenn er mit dem Knaben sprach. War es da nicht natürlich, daß die
Mutter sich gerade dieses Kindes besonders annahm?
Auch Josefine liebte den Bruder; sie schlug ihn nur, wenn er beim
Exerzieren den Stock verkehrt hielt und die Beine nicht stramm
stellte. –
Heute führte sie ihn, sorglich wie eine kleine Mutter, an der Hand. Es
war Sonntag, und die Geschwister trippelten vor den Eltern her über die
Kasernenstraße, während Stina, das noch kindliche Stundenmädchen, den
Kleinsten im blaugestrichenen Holzwägelchen hintennachzog.
Die Familie rückte zum Sonntagnachmittagsspaziergang aus; es war das
einzige Vergnügen, das Frau Trina hatte, und dies ließ sie sich auch so
leicht nicht nehmen.
Dann holte sie einmal ihren Putz hervor und zeigte sich, am Arm ihres
Feldwebels, als gute Bürgerstochter, die mehr Geschmack hat, als eine
gewöhnliche Soldatenfrau. Die Schnürbrust ließ sich freilich so eng
nicht mehr zusammenziehen, aber der Rock setzte sich modisch mit vielen
Falten unter dem runden Leibchen an, die Ärmel bauschten mächtig bis
zum Ellenbogen, und reichlich gesteifte und wattierte Unterröcke gaben
dem Rock einen schönen Fall.
Frau Trina war heut nicht ganz zufrieden mit dem Ziel des Ausflugs,
sie hätte ihren Staat lieber mehr sehen lassen und selber gern welchen
gesehen im Kaffeegarten ›Zum Stockkämpchen‹ oder in der ›Petersburg‹
auf dem Flingersteinweg, wo man beim Gläschen Wein und Bier Musik
von der Estrade des großen Saals zu hören bekam und nachher auch ein
Tänzchen machen konnte. Aber ihr Mann, der war ja zu geizig für so
etwas, der ging am liebsten nur, jenseits der Schiffbrücke, nach der
›andern Seite‹, wo man im Grasgarten des Bauernwirtshauses Bauernbrot
und dicke Milch aß.
Schon hatte man den alten Jan Willem am Marktplatz erreicht und
spazierte, das eherne Reiterbild, auf dessen mächtigem Haupt Scharen
unverschämter, schirpender Spatzen saßen, zur Rechten lassend, herunter
zum Zollthor. Und sieh da – der Rhein, der Rhein!
Josefine stieß einen hellen Jubelschrei aus. Ja, da war er! Ein
heiteres Sonnenlicht küßte seine breite, schleppende, lichtgrüne Flut.
Langsam ziehend und lautlos glitt Welle auf Welle am Brückenkopf vorbei.
Mit lautem Jauchzen stürmte Josefine voran; es machte ihr ein
unsägliches Vergnügen, die Planken der langen Schiffbrücke unter ihren
Füßen leis schwanken zu fühlen und durch die Ritzen das Wasser unter
sich strömen zu sehen. Sie rannte dahin, als hätte der Rheinduft
sie berauscht, dieser köstliche Geruch nach Tang und Teer und
durchfeuchtetem Holz. Den Kopf zurückgeworfen, die Flügel der kleinen
Stumpfnase gebläht, die Arme ausgebreitet, lief sie dem Rheinwind
entgegen, helle Glücksschreie ausstoßend. Und der Wind pustete sie an,
daß ihre Bäckchen leuchtender strahlten in einem warmen, weichen Rot.
Auch Frau Trinas Gesicht war heiter geworden; jetzt war man drüben,
und der Blick zurück auf die Stadtseite war gar zu schön. Weiß zeigten
sich die Häuser an der Werft, in ihren Fenstern blitzte der Sonnenglanz
und machte sie zu blendenden Spiegeln; stolz ragten dahinter die Türme
der Kirchen, und mächtig und klotzig erhob sich das alte Schloß.
Seine rötlichen Mauern standen hart am lichtgrünen Strom, mit vielen
Fensteraugen blickte es rheinauf und rheinab.
Stolz wies die Düsseldorferin hinüber. »Kuck ens, Rinke!« Er meinte
zwar, die Spree gäbe dem Rhein an Breite nicht viel nach, auch könne
sich der alte Rumpelkasten da mit dem Königsschloß zu Berlin nicht
messen; aber er betonte heut doch nicht mit gleicher Schärfe, wie sonst
bei jeder Gelegenheit, sein Preußentum. Sein Hauptinteresse war bei
Josefine.
Gleich einem Vogel auf eiligem Flug durchflatterte sie das satte
Grün der Wiesen. »Krieg’ mich, krieg’ mich!« Oft verschwand sie ganz
im fetten Gras, um dann plötzlich aufzutauchen mit dem schrillen,
zwitschernden Schrei der Schwalbe, die den Äther durchschießt.
Langgestielter, blauer Salbei, goldäugige, weiße Sternblumen, brennend
roter Mohn nickten um sie. Mit beiden Händen griff sie hinein in
die Blütenpracht, in ausgelassener Lust raufte sie aus, und, sich
hintenüber in’s Gras werfend, goß sie all ihre Blumen wie einen
Sommerregen über sich.
Der kleine Wilhelm hatte sich längst zu dem Rock der Mutter geflüchtet,
er hing sich an und zockelte so nach. Vergebens ermunterte ihn der
Vater, der Schwester zu folgen, nur fester klammerte er sich an
die Falte; als der Vater ihm die Finger lösen wollte, erhub er ein
jämmerlich Geschrei.
Da begann die Mutter, den Arm ihres Mannes fahren lassend, auf die
wilde Josefine zu schelten. »Kömmste hiehin! Wie siehste nu als wieder
aus? Du Blage! Lauter Jraßflecken!« Sie hob die Hand zum Schlag. »Wat
machste dann?«
Glühend vom Tollen, bebend vor Atemlosigkeit, sah Josefine der Mutter
in’s Gesicht. »Ich freu’ mich,« sagte sie und nahm den Schlag hin,
ohne mit der Wimper zu zucken; doch dann senkte sie tief den Kopf, weh
gethan hatte ihr die Ohrfeige nicht, aber sie schämte sich.
Der Feldwebel biß sich auf die Lippen; er ärgerte sich über seine Frau.
Aber: famoses Mädel, die Josefine, wie sie dastand und sich das Weinen
verkniff und den Kopf hängen ließ, daß man ihr nicht in’s Gesicht sehen
sollte! Die hatte Ehrgefühl, Gott sei Dank! Die Ehre, die Ehre, nicht
früh genug hält man die hoch. Ja, seine Tochter – die war Blut von
seinem Blut! Ein mißbilligender Blick traf den noch immer heulenden
Wilhelm.
Als Rinke über ein Weilchen nach Josefine umschaute – er mußte doch
sehen, ob sie noch immer trauerte – da sah er hinter einem Busch
zwei langbehoste, kleine Beine in der Luft zappeln. Josefine schlug
Purzelbäume.
Der Spaziergang auf die ›andre Seite‹ war für den Feldwebel immer
der Anlaß zu allerhand militärischen Betrachtungen: hier hatten
einst die Soldaten des General Bernadotte den Freiheitsbaum mit der
Jakobinermütze aufgepflanzt und von dem Rasenwall aus die Stadt
Düsseldorf beschossen. Jetzt standen freilich harmlose Brettertische
und Bänke an gleicher Stelle, und zwischen zwei starken Weidenbäumen
quietschte eine Schaukel.
Es war Friede, stiller, eintöniger, schläfriger Friede. Der Feldwebel
sagte sich nicht ohne Bitterkeit: er war ein Jahrzehnt zu spät auf die
Welt gekommen; die großen Befreiungskämpfe waren ohne ihn ausgefochten,
ihm war es wohl nur beschieden, in der Kaserne zu hocken und statt des
Pulverdampfes den Staub des Exerzierplatzes zu schlucken.
Heut waren alle Tische und Bänke vor dem bäuerlichen Wirtshaus besetzt,
selbst die im verstecktesten Eckchen; nur ein schöner Tisch, so recht
am besten Platz, war merkwürdigerweise noch frei.
Mit schwenkendem Rock und frohem Lachen stapelte Frau Trina darauf los,
die Ihren durch lauten Zuruf ermunternd, doch ja recht rasch Besitz
zu ergreifen. Die Kinder erkletterten denn auch schon die Bank, als
der Feldwebel in peinlicher Überraschung stutzte. Donnerwetter, da am
Nebentisch, ganz dicht, saß ja sein Hauptmann, der Herr von Clermont,
den erkannte er schon vom Rücken! Rinke hielt seine Frau zurück und
winkte den Kindern, aber Trina sagte ziemlich laut: »No, wat dann?!
Dadrum sollen wir uns nit dahin setzen?!« Sie ärgerte sich über die
Devotion ihres Mannes. »Wenn de zu vornehm is, da braucht de ja nit
derhinzujehn, wo die Bürjer jehn. Ich setz’ mich!«
In diesem Augenblick wendete sich der Hauptmann herum, und der
Feldwebel stand stramm. Herr von Clermont winkte ab und machte dann
seine Frau lächelnd auf die kleine Josefine aufmerksam, die auf den
Wink ihres Vaters von der Bank herabgeglitten war und nun, den Finger
an den Lippen, halb scheu, halb dreist den ihr bekannten Vorgesetzten
anstarrte.
Inzwischen hatte Frau Trina Platz genommen; nicht ohne Absicht sprach
sie recht hörbar und lachte ungeniert, keiner der Umsitzenden sollte
denken, daß sie sich wegen des Vorgesetzten ihres Mannes auch nur die
geringste Gêne anthat. Das Kindermädchen mußte ihr sogar den Kleinsten
reichen, und sie legte ihm eine frische Windel unter.
Rinke war wütend auf seine Frau; aber sie schien seine stumm-beredten
Blicke nicht zu bemerken, fröhlich nickte sie ein paar Bekannten zu:
»Tag zusammen!« und schöpfte mit Geklapper und Ausrufen des Entzückens
die dicke Milch aus der irdenen Schüssel.
»Schrei nich so!« flüsterte er. Sie hörte nicht, und deutlicher wagte
er nicht zu werden, am Nebentisch konnte man ja jedes Wort verstehen.
Er saß wie auf Nadeln.
Josefine starrte noch immer mit großen Augen, sie hielt ordentlich den
Atem an – da saß neben der Dame des Herrn Hauptmann ein Mädchen, das
war so klein wie sie, aber lange, dunkle, gedrehte Locken fielen auf
dessen Schultern, und neben dem Mädchen saß einer, ein – ja, nur ein
Junge war’s, aber er hatte schon Uniform an! Eine ganze, richtige,
wirkliche Uniform! Ihre Blicke waren gebannt.
Hauptmann von Clermont wurde aufmerksam: »He, du Kleine, was giebt’s
denn hier zu sehen?«
Sie wurde rot wie eine Rose; krampfhaft das Fingerchen streckend, ganz
aufgeregt, ganz glückselig bewundernd, stammelte sie: »Der – och, der
da – der kleine Soldat!«
Alles lachte. Herr von Clermont winkte sie zu sich heran; dreist kam
sie bis an sein Knie, aber ihre Augen verließen den Jungen nicht.
»Der kleine Soldat da,« sagte der Hauptmann amüsiert, »das ist ein
Kadett, verstehst du? Ein Kadett!«
Sie nickte stumm-strahlend.
Der Kadett war auch ganz rot geworden, die großen Blicke des kleinen
Mädchens genierten ihn sehr. Er drehte den Kopf weg.
»Feldwebel, hat Er schon gesehn? Mein Sohn!« Der Hauptmann wendete
sich zu Rinke. Dieser stand wie vorhin stramm, aber leutselig winkte
der Vorgesetzte wieder ab: »Bitte bequem.« Und fuhr dann fort: »Großer
Junge, was? Erst elf. Habe ihn schon drei Jahre im Korps in Bensberg,
ist in den Ferien hier. Kommt bald nach Potsdam. Ich denke, wird mal
einen ganz netten Leutnant Seiner Majestät abgeben; hoffe, wenn’s Glück
gut ist, bei Seiner Majestät Garde. Viktor, sitz gerade! Kopf hoch, daß
du wächst!«
Der Junge reckte sich. Auch Josefine reckte sich unwillkürlich. Die
Blicke beider Kinder begegneten sich. Der Kadett lächelte ein wenig
spöttisch, ein wenig von oben herab und zugleich doch geschmeichelt.
»Möchtest du vielleicht mit dem kleinen Mädchen spielen, Cäcilie?«
sagte jetzt die Frau Hauptmann zu ihrem Töchterchen, und das blasse,
vornehme Gesicht dem blonden Kind zuwendend, fragte sie gütig: »Wie
heißt du?«
»Zu Befehl: Josefine!«
Wieder lächelte der Hauptmann, der Kadett aber prustete laut heraus. Da
wurde Josefines freier Blick unsicher, es zuckte um ihren Mund; hastig
nach der Hand der kleinen Schwarzhaarigen, die sich ihr schüchtern
genähert hatte, greifend, riß sie die mit sich fort, weg von den
Tischen, hinein in die Wiese.
Die beiden Mädchen, sich an der Hand haltend, liefen rasch immer weiter
hinein in das hohe, blumige Gras.
Da stand der Kadett auf, drehte sich erst noch ein wenig in der Nähe
der Tische herum, pfiff, schleuderte ein Steinchen, schüttelte an
einem Baum, besah seine Stiefel und ging dann langsam, mit gemessenem
Schritt, den beiden Kindern nach in die Wiese. –
Von diesem Sonntag an war Josefine zur Gespielin des kleinen Fräulein
von Clermont erkoren; der Hauptmann hatte seinem Feldwebel allerhand
Freundliches über das frische, blonde Kind gesagt.
Rinke bemühte sich, seiner Frau nicht zu zeigen, wie stolz er auf die
Ehre war, die seiner Tochter widerfuhr; die Käthe hatte ja doch gar
kein richtiges Verständnis dafür. »Du lieber Jott, wat is dat dann?!«
sagte sie. Der Großvater brummte auch. »Wat soll dat Kind da? Mir
sin Düsseldorfer Börjer, mir scheren ons en Dreck om de ›Vons‹!« Die
Großmutter war ebenfalls wenig erbaut: die Clermonts waren evangelisch,
aus Thüringen sollten sie sein, daher, wo man den Luther auf der Burg
versteckt gehalten. Die alte Frau war sich über ihre Gefühle nicht
ganz klar, aber ihr bangte für ihr Finchen; allerlei Reden führte sie
vor dem Kind, die es nicht verstehen konnte, jedoch es fühlte heraus,
Großeltern und Mutter freuten sich nicht über die Einladung. Aber der
Vater!
Es war ein großer Moment für beide, als Josefine an des Feldwebels Hand
nach der Bilkerstraße hüpfte. Dort wohnten die Clermonts. Sie war in
ihrem besten Kleid, weiß hingen ihr die Höschen unter dem Röckchen vor
bis an die Knöchel. Ihr Herz klopfte vor Erwartung: hatte der kleine
Soldat nicht gesagt, er würde vielleicht auch einmal mit ihr spielen?
Exerzieren – ach ja, das wollten sie!
Ehe der Vater an der Klingel zog, ermahnte er noch: »Mach mir Ehre,
Josefine, und wenn dir auch was gegen den Strich geht, nich gemuckt,
hörste?«
»Aber – wenn se mich hauen?« fragte sie und warf trotzig den Kopf
zurück.
»Dann hauste nich wieder – untersteh dich!«
Das Kind machte große Augen – heute verstand es seinen Vater nicht.
* * * * *
Die Clermonts waren nicht reich, der Hauptmann hatte nicht mehr als
seine Gage und jährlich ein paar hundert Thaler Zuschuß aus dem Erbe
seiner Frau. Sie mußten sich sehr einschränken, aber die Welt merkte
nichts davon. Die Frau Hauptmann trug, wenn sie ausging, ein seidenes
Kleid und Armbänder, aus den Haaren ihrer Eltern und Kinder geflochten,
mit goldenen Schlößchen daran; und die hübsche Cäcilie sah aus wie ein
englischer Kupfer, mit ihren langen, gedrehten Locken, in den zarten,
bandgegürteten Kleidchen.
Für Viktor hatte der Hauptmann eine Freistelle im Kadettenkorps, und
wenn der Leutnant in spe zweimal im Jahr von Bensberg nach Hause kam,
so saß er als blinder Passagier neben dem Kutscher des Stellwagens oder
wurde wohl auch noch innen zwischengeklemmt.
Viktor war sehr stolz auf sein ›von‹. Im Korps waren sie alle adelig,
sogar zwei Grafen waren da. »Ich bin zwar nur Freiherr,« sagte er zur
kleinen Josefine, »aber unsre Familie ist viel älter, wie denen ihre.
Papa hat mir erzählt, daß schon Clermonts in den Kreuzzügen mitgewesen
sind unter Gottfried von Bouillon. Meine Mama ist auch von ganz altem
Adel, ihre Familie hat in der Reformationszeit sich hervorgethan. Aber
das verstehst du ja nicht, dazu bist du noch zu dumm!«
Nein, sie verstand ihn auch nicht; sie fühlte nur eine ganz instinktive
Bewunderung für ihn, wenn er die Uniform trug. Sprang er dagegen im
Garten hinter dem Hause herum und trug dabei ein paar verschabte
Hosen, aus des Vaters abgelegten Beinkleidern geschneidert, und ein
verwaschenes Drillichjäckchen, dann fühlte sie sich mit ihm ganz auf
gleich und gleich. Er spielte noch sehr gern. Freilich, vom Exerzieren
wollte er nicht viel wissen, das mußten sie im Korps so viel, selbst in
den Freistunden, thun; er mochte lieber mit ihr über die Gartenmauer
klettern, hinunter zum Speeschen Graben, und da mit einem Stock
fischen und Frösche fangen und Regenwürmer suchen und Papierschiffchen
schwimmen lassen. Sie machten sich naß und schmutzig dabei und waren
sehr glücklich.
Sie rissen auch wohl aus nach dem Kacheloch, einem noch wüsten Plan am
Ausgang der Bilkerstraße, wo stark duftender Hollunder wuchs und im
Schutt Stechapfel und Nachtschatten, und wo das Bauen der ersten Häuser
der schönen Freiheit noch keinen Abbruch that.
Blau wölbte sich der Sommerhimmel, und die goldne Sonne strahlte. Große
Schmetterlinge gaukelten, blaue Brummen surrten, lärmend spielte eine
ganze Kinderschar. Ein frecher, dicker Bürgersjunge von der Hohestraße
war der Schinderhannes, Josefine die geraubte Prinzessin, Viktor der
Offizier des Königs, der ritterlich den Räuber verfolgte. Was noch
an übrigen Kindern da war, mußte die Meute sein. Da wurde gehetzt
und gekläfft und geschrieen bis hin in die wogenden Kornfelder der
Bilkerallee; da wurde geknufft und geprügelt, in zitternder Angst sich
verkrochen und mit lautem Hallo losgestürmt. Viktor war tapfer, aber
der Schinderhannes auch nicht feige, sie schlugen sich manche Beule.
Die Großeltern klagten, sahen sie doch so gut wie gar nichts von der
Enkelin mehr; auch zu Hause war Josefine nicht viel. »Mutter, is et nu
Zeit? Laß mich doch als jehen! Och, laß mich doch!«
Frau Trina schalt: sonst hatte ihr die Fina schon oft die kleineren
Geschwister ›verwahrt‹. Aber der Feldwebel leistete seiner Tochter
Vorschub: »Na, lauf man!«
Und sie lief davon, so rasch sie konnte, immer nach der Bilkerstraße,
und blieb vom Morgen früh bis zum Mittag, und vom Nachmittag früh
bis zum Abend. Sie teilte die mager gestrichenen Brote von Clermonts
Kindern; kein fettes Schmierchen, kein Stück Blatz mit Korinthen bei
der Großmutter hatte ihr je so gut geschmeckt.
Viktor verschmähte es durchaus nicht, kleine Streifzüge über die
Gartenmauern anzutreten und des Nachbars Speckbirnenspalier einer
eingreifenden Besichtigung zu unterziehen. Wehe, wenn der Vater
ihn betroffen hätte! Mit wildklopfendem Herzen stand Josefine auf
Vorposten; selbst Cäcilie wurde es vergönnt, aufzupassen.
O, diese noch harten, grünen Birnen! In der versteckten Laube wurden
sie verteilt, am Steintisch mürbe geklopft und mit Entzücken verspeist.
Durch das dichte Pfeifenkraut drang kaum die neugierige Sonne. Dämmerig
war’s in der versteckten, engen Laube, unendlich die heimliche
Seligkeit.
Doch es kam ein Morgen, an dem Josefine, viel früher als sonst, weinend
wieder zu Hause erschien. Sie wollte nicht essen und nicht spielen,
trübselig kauerte sie in einem Winkel und schüttelte auf alles Befragen
der Mutter nur stumm den Kopf. Sie mußte etwas angestellt haben! Der
Feldwebel, der zu Mittag heraufkam, war ganz besorgt: »Nanu, Josefine,
was ’s denn los?«
Da warf sie sich laut schluchzend an des Vaters Hals – der kleine
Soldat war abgereist.