denken Sie wirklich, daß ich nicht wußte, was ich that, als ich,
ohne zu fragen, in Ihren Kreis hineinplumpte, wie der Zucker in den
Kaffee? War ich nicht schon eine halbe Stunde vorher hinter zwei Damen
hergegangen, vom Markte auf die Kronenstraße, von der Kronenstraße über
den Wall, vom Wall nach dem Omnibus, und wußte ich nicht, daß eine
dieser Damen wiederzusehen oder gar mit ihr bekannt zu werden für mich
das größte Glück« -- hier fiel ihm sein Brief an den Amtsrath ein --
er stockte und fuhr verwirrt fort: »Mit einem Wort, mein Fräulein, ich
habe Ihretwegen gelogen, schmählich gelogen, ich wußte ganz genau, daß
ich bei Ihnen und den Ihrigen gar nichts zu suchen hatte und daß um
diese Zeit des Morgens noch gar kein öffentlicher Omnibus fährt -- und
nun sagen Sie, daß Sie =sehr= böse sind!«
»Sehr!« erwiderte sie, ohne aufzublicken.
»Soll ich herausspringen und zu Fuß nach Hause gehen? Oder noch besser,
soll ich so lange neben dem Wagen herlaufen, bis Sie mir verziehen
haben und mich wieder hereinrufen? Sie haben nur zu befehlen!«
»Und wenn ich den Befehl gäbe,« sagte Lottchen verwirrt und lachend,
»würden Sie ihn ja doch nicht ausführen!«
»Denken Sie, daß ich um Ihretwillen nicht noch ganz andere Dinge thäte?«
Fritz war auf gutem Wege, das muß man sagen! Aber das ungestörte
Lachen und Plaudern der beiden sollte ein Ende finden. An der anderen
Ecke des Wagens, der Tante gegenüber, saß jener Blonde, den Fritz
so rücksichtslos verdrängt hatte. Er schien ein Protegé von Lottens
mütterlicher Freundin zu sein, und beide beobachteten unser Paar
unaufhörlich, wobei die Augen des Blonden mit den Wagenrädern förmlich
um die Wette rollten.
Plötzlich erhob sich die Tante, wankte wie eine stattliche Fregatte
zwischen den Sitzenden hindurch, wobei verschiedene Stöße des Wagens
sie als solides Schoßkind bald dem einen, bald dem anderen auf die Knie
setzten, und langte mit den Worten bei Lotte an: »Liebes Kind, wechsele
doch den Platz mit mir, der Wind bläst mir ins Gesicht.«
Mit einem fast unmerklichen Zögern erhob sich die kleine Schönheit
und begab sich an die Stelle der intriguanten Tante, welche mit
durchbohrenden Blicken neben dem verblüfften Fritz sich niederließ.
»Nun, wie gefällt Ihnen unsere Landpartie, Herr Schröter?« fragte sie
sofort.
»Bis jetzt ausgezeichnet,« sagte der doppelzüngige Fritz und
blickte forschend nach der anderen Ecke, wo der Blonde eine eifrige
Konversation ins Werk zu setzen begann.
Die Tante betrachtete indeß aufmerksam unseren Helden, und sanftere
Gefühle begannen ihr Herz zu bewegen.
»Er sieht wirklich sehr gut aus,« dachte sie, »und wer weiß, ob unser
Lottchen nicht hier ihr Glück macht! Ich muß ein wenig auf den Busch
klopfen, und ist er ein ordentlicher Mensch in angenehmer Lage, so kann
man ja weiter sehn!«
Die gute alte Tante stiftete für ihr Leben gern Heirathen, wie alle
guten alten Tanten, und indem sie, ihrer Meinung nach sehr vorsichtig
und unmerklich, unseren Fritz auszuforschen begann, entspannen sich die
weitaussehendsten Pläne in ihrem Kopfe.
Während Fritz, der ihre Absicht mit höchlichem Ergötzen durchschaute,
ihr in der vertraulichsten Weise von seinem einträglichen
Kolonialwaarengeschäft erzählte und Kaffeeproben zu senden versprach,
mit denen sie wohl zufrieden sein sollte, während er in dieses
übermüthige Lügengewebe die liebenswürdigsten kleinen Schmeicheleien
und Anspielungen auf ihre reizende Nichte einflocht, mit denen je eine
arglose Tante gefangen wurde, sah sich die wohlwollende Dame schon im
Geiste in einem violetten Seidenkleide an der Hochzeitstafel sitzen,
und hörte, wie der gerührte Brautvater ans Glas schlug und sie, die
Tante, als Begründerin dieses jungen Glückes hoch leben ließ, denn
hätte sie Lotte nicht mit auf die Landpartie genommen, so wäre ihr der
hübsche und vermögende Bewerber vielleicht, nein gewiß, nie begegnet.
Um nun das Ihrige bei der Sache zu thun, erzählte sie dem aufhorchenden
Fritz mit geheimem Stolze, wie häuslich und fleißig Lottchen erzogen
worden, wie sie für jeden Mann ein wahrer Schatz sein würde, »und,«
fügte sie bedeutungsvoll hinzu, »so jung das Kind noch ist, sie hat
schon einen recht wohlhabenden Freier, sehen sie wohl, Herr Schröter,
den jungen Mann, der ihr gegenüber sitzt? Ich sage Ihnen, sie brauchte
nur mit den Augen zu winken und er hielt morgen um sie an! Aber
Lottchen hat ihren Kopf für sich, und ...«
Hier hielt der Wagen mit einem gewaltigen Ruck und der Redefluß der
Eifrigen gerieth ins Stocken. Das Ziel der Fahrt war erreicht, bald
vereinigte ein vergnügtes Mahl die Gesellschaft, bei dem Fritz, Dank
sei es dem Glück und der Tante, seinen Platz neben Lottchen fand.
Während unser Held, mit jedem Moment tiefer in die Empfindung
hineingerieth, deren erstes Keimen ihn heute zu seiner folgenreichen
Lüge verleitet hatte, behielt er gleichwohl den Kopf noch frei genug,
um sich beim Beobachten der Versammlung mit einiger Beschämung zu
gestehen, daß sein Uebermuth hier gar nicht am Platze gewesen, und
daß er ruhig in seiner wahren Gestalt hätte erscheinen können, ohne
sich etwas zu vergeben. Eine harmlose, maßvolle Heiterkeit belebte den
kleinen Kreis, und jeder genoß auf seine Weise die frohe Stunde bei
gutem Wein und in der hübschen Umgebung.
Fritz nicht am wenigsten! Aus dem scherzenden, neckischen Tone von
unterwegs war er mit seiner Tischnachbarin allmählich in das Geleise
einer ruhigen Unterhaltung gekommen, in der sich das anziehendste aller
Bilder, eine kindlich klare und reine Mädchenseele, vor seinen Augen
aufrollte. Ihre Lebensanschauungen und Geschmacksrichtung entsprachen
so vollkommen dem Ideal, welches er im stillen lange vergeblich
gesucht, daß es ganz bestimmte Gedanken waren, mit denen er, sein
gefülltes Glas erhebend, halblaut zu ihr sagte: »Die Zukunft!«
»Warum nicht lieber die Gegenwart?« gab sie unbefangen zurück, »wer
weiß was die Zukunft bringt, ich baue nicht gern Luftschlösser!«
»Ich um so lieber«, erwiderte Fritz, »und bauen Sie mir zu Gefallen
einmal mit -- wie denken Sie sich Ihre Zukunft?«
»Fragen Sie lieber, wie ich sie mir =wünsche=, das kann ich Ihnen
ebenso sicher sagen, wie es sicher nie in Erfüllung gehen wird: ich
möchte auf dem Lande leben!«
»Bravo,« rief Fritz, »das lobe ich mir! Und auf die Erfüllung dieses
Wunsches leere ich mein Glas! Das Landleben ist das einzig vernünftige
Leben und ein Landwirth der glücklichste Mensch, vorausgesetzt --« er
vollendete mit einem sehr beredten Seitenblick, der wieder ein tiefes
Erröthen in Lottchens Gesicht trieb.
»Wenn Sie aber auch so für das Landleben schwärmen,« begann sie hastig,
wie ablenkend, »warum bleiben Sie denn in der Stadt?«
»Dort war ich ja nur vorübergehend für einige Jahre,« erwiderte Fritz
unvorsichtig, »von morgen an ist es mit dem --«
Er stockte, erschrak und wurde fast noch röther, als seine Nachbarin.
»Was haben Sie denn?« fragte sie erstaunt.
Fritz schwieg, er schämte sich! Kein angenehmer Zustand, solchen
vertrauenden, blauen Augen gegenüber!
»Bitte, fragen Sie mich nicht, ich kann mich jetzt nicht näher
erklären,« sagte er verwirrt und ohne sie anzusehen, »in mir ist heut
alles unklar und unsicher, wundern Sie sich nicht, wenn ich viel
thörichtes rede, es kommt hoffentlich ein Moment, wo ich Ihnen alles,
was Sie nur überhaupt von mir wissen mögen, deutlich sagen kann und
darf!«
Fritz, Fritz! Eine Uhr im Gastzimmer holte zu dröhnenden Schlägen aus,
die Zeit war schon weit vorgeschritten. Jetzt mußte der Brief längst in
Neu-Tessin sein, die Antwort -- alle Chancen sprachen dafür, daß sie
eine bejahende sein werde -- war möglicherweise schon unterwegs, und
dann?
Fritz wurde es heiß und kalt, nun war aber auch hohe Zeit, daß er hier
ein Ende machte! Als man sich vom Tische erhob, begab er sich allein
und tief nachdenklich in den Garten, der um das Wirthshaus blühte und
grünte. Er kämpfte einen harten Kampf mit sich, mit seinem Gewissen
und seiner jungen Liebe, die ihn um so lockender ansah, als sie hinter
einem Gitter von Schwierigkeiten stand, welches seine eigene Schuld
errichtet hatte! Er athmete tief auf, sein Entschluß war gefaßt. Wie
auch die Sachen kommen sollten, er wollte sich nicht noch mehr Vorwürfe
zu machen haben, als er ohnehin schon empfand -- er ging festen
Schrittes auf das Haus zu, um seinen Hut zu holen und unter einem
Vorwande der Gesellschaft und allen schönen Träumen Lebewohl zu sagen!
Aber der Zufall, dem er sich heute so leichtsinnig in die Arme
geworfen, ist ein heimtückischer Gesell, der seine Anhänger freilich
oft auf reizenden Waldpfaden zum erwünschten Ziele führt, oft aber
auch an jeder Biegung eines guten und verständigen Weges als neckender
Kobold sitzt und ruft: »Halt, du hast die Rechnung ohne den Wirth
gemacht, hier wird hübsch umgekehrt und ausgegessen, was du unter
meiner Aegide dir so schön eingebrockt hast!«
Diesmal saß er, dieser böse Zufall, in Gestalt eines der Theilnehmer
am heutigen Ausfluge vor einem großen, verstimmten Dorfpianino und
gab im Schweiße seines Angesichtes einen etwas unregelmäßigen Walzer
zum Besten, nach dem sich die Gesellschaft, alt und jung, leicht und
schwer, geschickt und ungeschickt, munter zu drehen begann.
Als Fritz in der offenen Thüre erschien und suchend nach seinem Hut
umhersah, begegnete ihm ein einziger, ganz kurzer und flüchtiger Blick
Lottchens, der, wenn je ein Blick gesprochen hat, fragte: »Tanzen Sie
nicht?«
Fritz schwankte innerlich, wie ein Rohr im Winde, er tanzte gut,
das wußte er! Gut genug, um die Produktionen der ganzen hier
versammelten Gesellschaft in den tiefsten Schatten zu stellen, und
gern -- fast immer gern! Heute aber, in seiner halb glücklichen, halb
traurigen Stimmung mit dem reizendsten aller Mädchen dem Rhythmus
eines weichmüthigen Walzers zu folgen, während durch die geöffneten
Fenster die laue Sommerluft hereinstrich und die Rosen dufteten --
ade Vernunft, ade Gewissen -- eben schreitet der blonde Rival im
zierlichsten Pas durch das Zimmer, das entscheidet alles! Fritz kommt
ihm zum zweiten Male zuvor, und der schönste Tanz beginnt, den er je
gehört oder getanzt hat!
Wie er jetzt mit Lottchen dahinflog, feurig und doch taktmäßig, so, das
fühlte er deutlich, würde er mit ihr durch das Leben fliegen können!
Es mochte ja unrecht und unvernünftig sein, daß er geblieben war, aber
der Mensch ist so traurig geartet, daß ihm das Unvernünftige manchmal,
oft -- um nicht zu sagen meist, am besten gefällt! Und mit dem schönen
Gefühl, »nun hast du die Dummheit einmal gemacht, nun ist es auch
ganz gleich, wie weit du dich verrennst,« gestattete sich Fritz die
allerdeutlichsten Anspielungen auf seinen ohnehin sehr durchsichtigen
Herzenszustand und fand kein ganz unwilliges Gehör!
Im Rausche des Moments und um sein Gewissen zu betäuben, steigerte
sich unser Held zu fast ausgelassener Lustigkeit; er tanzte wie
unsinnig, nicht nur mit Lottchen, nicht nur mit allen =jungen= Damen,
nein, er bewog sogar die Mütter und schließlich die gute Tante,
einen ehrsamen Schleifer unter seiner Führung zu wagen, was nach dem
nöthigen Sträuben, Lachen und Fingerdrohen die größte und allgemeinste
Heiterkeit hervorrief, er brachte mit Aufbietung aller Familienväter
eine Française zu Stande, die an künstlicher Verwickelung jedes
Erschaffene und Erfundene übertraf, er entzückte alles, außer dem
Blonden, der, von seinem Platze als Hahn im Korbe verdrängt, düster vor
der Punschbowle saß, und sich durch Massenvertilgung von Speise und
Trank an der Gesellschaft rächte.
Endlich trieb man zum Aufbruch. Die Plaids, Tücher und Paletots wurden,
zu einem wüsten Knäuel geballt, von zwei Hausknechten herbeigetragen
und entwirrt. Fritz hatte Lottchens Sachen gewandt herausgefunden und
sie sorglich darin einzuhüllen geholfen, bis er seinen Platz neben ihr
wieder einnahm.
Bald flog der Wagen durch die duftende Sommernacht hin. Ringsum war
es still und friedlich, die Sterne blitzten in schweigsamer Pracht;
sanft und groß stieg der Mond über den schwarzen Baumwipfeln herauf
und leuchtete mild auf dem dunkelklaren Hintergrunde des Nachthimmels.
Ganz, ganz fern schlug eine Nachtigall, es klang fast nur, wie das Echo
ihrer Stimme zu den Fahrenden hinüber. Wem sollte da nicht weich ums
Herz werden!
Je näher sie der Stadt kamen, deren Lichter schon am Horizont
herauffunkelten, desto lebhafter fühlte Fritz den Wunsch, fast die
Pflicht, vor seinem Abschiede noch ein erklärendes, rechtfertigendes
Wort zu sagen, und fand keines!
Ihm schlug das Herz mächtig, als er sich in der Stille der Sommernacht,
nach all dem Getöse und fröhlichen Lärm, wieder sagen mußte, was er
gethan! Das schweigende Mädchen hier neben ihm, dessen liebliches
Gesicht jetzt so seltsam nachdenklich dreinsah, es war mit der
unbefangenen Lust des Kindes heut von Hause gegangen, und hatte nicht
an die Möglichkeit gedacht, daß ein bleibender Eindruck, vielleicht ein
Geschick sich an diesen Tag knüpfen werde.
That er jetzt, was er thun mußte, verließ er sie, ohne sie
wiederzusehen, nachdem er mit Wort und Blick sich bestrebt, ihr Herz
zu gewinnen, so hatte er von einem jungen, glücklichen Schmetterling,
der ahnungslos in den Blumengarten des Lebens fliegt, den ersten
Blüthenstaub in frevelhaftem Leichtsinn gestreift, nie wieder würde
das reine Vertrauen wiederkehren, mit dem das Mädchen in die Welt
getreten war, um sofort eine solche Enttäuschung zu erleben. Und doch
konnte, doch durfte er nicht sprechen, wer stand ihm denn dafür, daß er
nicht jetzt, in diesem Augenblicke der Verlobte einer anderen war? Der
Gedanke stieg ihm sinnverwirrend zu Kopfe, er seufzte tief auf.
Lottchen wandte den Kopf und sah ihn an; es lag etwas so kindlich
Vertrauendes in diesem Blicke, daß er ihm ins Herz schnitt.
»Sie seufzen so schwer?« sagte sie, halb lächelnd.
»Ich denke wieder einmal an die Zukunft,« erwiderte er ernster, als er
noch heut gesprochen.
»So lassen Sie doch Ihre Zukunft!« rief sie munter, »sie wird schon von
selbst kommen, und ändern können Sie doch nichts daran!«
»Das frage ich mich eben!« gab er immer noch ernst zurück, »ich stehe
vor einem Wendepunkte in meinem Leben, Fräulein Lottchen, und das habe
ich heut den ganzen Tag zu wenig bedacht!«
Er sah, daß seine Worte einen leichten Schatten auf ihr frohes
Gesichtchen riefen, der ihm einen neuen Reiz verlieh, aber einen Reiz
wehmüthiger Natur. Er fuhr hastig fort:
»Wir sind bald am Ziel unserer gemeinsamen Fahrt, wer weiß, ob wir uns
noch einmal wieder treffen! Lassen Sie mich eine Bitte aussprechen, ehe
ich gehe!«
Sie war ganz blaß und still geworden und nickte seinen Worten nur stumm
Gewährung.
»Ich sagte Ihnen schon, daß ich vor einer Wendung meines Geschickes
stehe, vielleicht entscheidet der heutige Abend noch über jene Zukunft,
an die ich vorhin dachte -- wollen Sie mir nicht Glück auf meinen Weg
wünschen?«
Seine Stimme war leise und innig bei diesen Worten, er beugte sich zu
ihr und nahm ihre Hand, zum ersten -- vielleicht zum letzten Mal!
»Nun, kein Glückwunsch?« wiederholte er dringend, da sie schwieg.
»Doch,« erwiderte sie, und zwang sich, ihn anzusehen, obwohl eine
seltsame Verwirrung auf ihren Zügen lag, »ich wünsche jedem Menschen
Glück, warum nicht Ihnen?«
»Damit muß ich mich für heute begnügen,« sagte er, und führte ihre Hand
leicht an seine Lippen, »geht Ihr Wunsch in Erfüllung, so werde ich es
Ihnen noch einmal selbst sagen, und dann --«
Der Wagen rollte hier zum Glück über das Straßenpflaster in die Stadt
hinein, die nickenden Beschützer und Beschützerinnen fuhren empor,
und an der ersten Ecke, wo der Omnibus einen Theil der Gesellschaft
absetzte, nahm Fritz sich den Entschluß über den Kopf weg, und
verabschiedete sich mit flüchtigem, herzlichen Dank von den Anwesenden,
die ihn wie einen alten Bekannten mit fröhlichem Zuruf entließen,
während Lottchen stumm und sichtlich erregt nur durch eine Kopfneigung
seinen Gruß erwiderte.
* * * * *
Als Fritz nach wenig Minuten vor seiner Hausthür stand, und der große
Schlüssel sich kreischend im Schloß drehte, war es ihm, als öffne er
sich selbst den Eingang zu einem lebenslangen Gefängniß. Wenn er nun
jetzt in sein Zimmer trat, und den Brief vorfand, der ihm das Jawort
brachte -- wie sollte er sich dann benehmen? Er war, das fühlte er,
er war zu weit gegangen, um einfach mit französischem Abschied aus
Lottchens Gesichtskreis zu verschwinden, und doch fehlte ihm Muth und
Lust, sich in seiner ganzen Schlechtigkeit vor ihr zu offenbaren, und
dann zu dieser ohnehin harten Strafe noch die andere, ungleich härtere
zu fügen, eine Verlobung mit der unseligen Amalie, die ihm in der
parteiischen Beleuchtung seiner anderweitigen Verliebtheit nicht mehr
als ein blasses, negatives Bild der Alltäglichkeit, sondern als ein
wahres Monstrum erschien!
Als er die Stubenthür öffnete, begegnete sein Blick zunächst keinem
Briefe, sondern egyptischer Finsterniß, welche durch das laute
Schnarchen seines Burschen etwas gespenstisches erhielt.
Daß Fritz keine Streichhölzer in der Tasche hatte, versteht sich von
selbst, wenn man sich gern schnell durch den Augenschein von etwas
überzeugen möchte, fehlt dergleichen immer!
Der Bursche erwachte etwas mühselig, krabbelte, an alle Gegenstände
im Zimmer anstoßend, eine Zeit lang umher, die Fritz zur Ewigkeit
wurde, und die er doch nicht durch die Frage, ob ein Brief gekommen
sei, zu unterbrechen wagte, weil er bei sich dachte: »das erfahre ich
immer noch früh genug,« und endlich erstrahlte das Zimmer im Glanz
einer Kerze. Der Tisch, auf dem die eingegangenen Depeschen zu liegen
pflegten, war leer!
»Ist nichts mit der Post gekommen?« frug endlich Fritz, bebend vor
Erwartung.
»Nein, Herr Lieutenant!«
Also nichts! Das Allerfatalste, weder Ja noch Nein, eine widerwärtige,
flaue Fluth von Möglichkeiten, in der man nun noch bis zum andern
Morgen schwimmen konnte!
Eine zweite Nacht brach heran, die gleich der vergangenen schlaflos zu
werden drohte, das Durchkonjugiren von »hätte ich!« ist stets eine der
unerfreulichsten Beschäftigungen, ganz abgesehen von ihrer völligen
Nutzlosigkeit. Und dennoch beschäftigt sich jeder, der eine Dummheit
begangen hat, hinterher damit, sich zu sagen: »hätte ich dies gethan,
oder das =nicht= gethan!«
Zum Glück siegte die übermüdete Natur für diesmal, unser armer Held
schlief ein, und schlief, traumlos, wie man immer schlafen sollte, bis
tief in den nächsten Morgen hinein, der ihm beim Erwachen grell und
golden in die Augen schien.
Beim Frühstück konnte er wieder einen Brief erwarten, aber die Klingel
rührte sich nicht, und der Vormittag verging ihm, dem schon vom Dienst
Dispensirten, in bleierner Schwere. Endlich schlug die Stunde, wo er
sich, um sich abzumelden, nach der Kommandantur begeben mußte, er warf
sich in seinen Staat, und schritt wenige Minuten darauf mit Helm und
Schärpe, äußerlich ein energischer, junger Kriegsgott, innerlich ein
deprimirter Hase, seinem Bestimmungsort zu.
Die Sache war schnell erledigt, und als Fritz den Heimweg antrat,
beschloß er, um seinen Gedanken ein wenig Audienz zu geben, noch einmal
durch die Anlagen zu wandern.
Ihm war, er wußte selbst nicht, warum, jetzt hoffnungsfreudiger zu
Muthe. Hätte er ein »Ja« erhalten, so wäre die Antwort jetzt gewiß
schon da. Es war ja möglich -- entzückende Möglichkeit! daß er Amalien
über Nacht eben so widerwärtig geworden, wie sie ihm! Wenn er sich's
recht bedachte, hatte er überhaupt gar keinen Grund, anzunehmen, daß
sie ihm besonders gewogen sei; was er für Stille und Zurückhaltung
in ihrem Wesen genommen, war vielleicht -- nein gewiß! verborgene
Abneigung gewesen. Man kann sich bekanntlich nichts so leicht einreden,
als was man wünscht, Fritz war noch keine zehn Minuten gegangen, als er
schon glückselig einen imaginären Korb von Amalien am Arm, und einen
ebenso imaginären Ring von Lottchen am Finger trug.
Diese letzte Möglichkeit spann sich denn in seinem Inneren zu dem
farbenreichsten Bilde aus, er stellte sich das Mädchen in ihrer ganzen
Lieblichkeit vor, so deutlich, daß es ihn kaum überraschte, als er, um
eine Ecke biegend, sich plötzlich ihr gegenüber sah.
Mit unverhohlenem Entzücken griff er an den Helm, aber Lottchen blickte
ihn erst erschreckt, dann völlig fassungslos an, plötzlich wandte sie
sich ab, und setzte, ohne seinen Gruß zu erwidern, ihren Weg fort.
Jetzt erst begriff Fritz ihre Empfindungen! Der Kaufmann
Schröter von gestern, der bescheidene Besitzer des einträglichen
Kolonialwaarengeschäfts, dem -- d. h. dem Besitzer! -- sie in ihren
Träumen bereits eine nicht ganz nebensächliche Rolle zugewiesen hatte,
er klirrte heute als bewaffnete Macht ihr entgegen, und sie wußte
begreiflicherweise nicht, ob eine wunderbare Aehnlichkeit sie täusche,
oder was sie sonst von ihm denken solle.
Blitzschnell hatte Fritz die Davoneilende eingeholt, und schritt, ohne
ihr stummes Kopfschütteln, womit sie all seine Worte der Begrüßung
und Freude erwiderte, zu beachten, neben ihr her, die ziemlich
menschenleeren Anlagen entlang.
»Wenn Sie wüßten,« begann er verwirrt und ganz unberechtigt
vorwurfsvoll, »=wie= ich mich freute, als ich Sie so überraschend
wieder vor mir sah, Sie würden mich nicht durch Ihren Zorn betrüben.
Sagen Sie mir nur, was Sie eigentlich von mir denken, um das eine bitte
ich Sie!«
»Ich denke =gar nichts= von Ihnen,« erwiderte das Mädchen in einem
seltsam harten und kalten Tone, den man ihrer jugendlichen Stimme gar
nicht zugetraut hätte, »ich kenne Sie überhaupt nicht, und bitte Sie,
mich augenblicklich meinen Weg allein fortsetzen zu lassen.«
»Fräulein Lottchen,« bat der unglückliche Fritz flehend, »wollen Sie
mich nicht wenigstens anhören? Sie thun mir sicher in Gedanken unrecht,
ich bin nicht so schuldig, als es den Anschein hat.«
»Sondern noch viel schuldiger,« jammerte es in seinem Inneren, »wenn
sie schon über die einfache Namensverwechselung =so= böse ist, was
würde sie erst sagen, wenn sie wüßte! --«
Fritz schauderte.
»Was bezwecken Sie eigentlich mit dieser zweiten Komödie?« sagte
jetzt das Mädchen stehen bleibend, noch immer im selben Ton. »Was
Sie =gestern= gewollt haben, sehe ich heute wohl ein, uns alle zum
Spielzeug Ihrer hochmüthigen Laune benützen, nun es ist Ihnen ja
gelungen -- Sie haben Ihre Sache vortrefflich gemacht -- was soll ich
nun noch anhören?«
Fritz blieb gleichfalls stehen, und ließ seine Augen erst einen Moment
traurig auf ihr ruhen, ehe er sprach.
»Wenn Sie =so= fragen, dann bin ich zu Ende, ich kann dann nur meiner
Wege gehen, denn ich fühle, daß Sie ein Recht haben, mir zu zürnen,
und daß ich mich nur dann vertheidigen darf, wenn Sie es mir selbst
erlauben. Soll ich wirklich =so= von Ihnen scheiden?«
Sie machte einen tapferen Versuch »ja!« zu erwidern, er scheiterte aber
an halb erstickten Thränen, die sich plötzlich in ihre Stimme und in
ihre Augen drängten. Heftig aufschluchzend schlug sie beide Hände vors
Gesicht und wandte sich von ihm ab.
Ich muß gestehen, auf die Gefahr hin, meinen Helden sehr wenig
heldenmüthig erscheinen zu lassen, daß Fritz diesem Anblick nicht ganz
weit davon entfernt war, dem Mädchen herzhaft Gesellschaft zu leisten!
Eine solche Hochfluth widerstrebender Empfindungen schlug über seinem
Haupte zusammen, daß er sich von den wilden Wogen seiner Gefühle
rücksichtslos dahintragen ließ, er gestand Lottchen in fliegenden
Worten seine Liebe, und bekannte ihr, daß er gestern zwar anfänglich
in übermüthiger Laune seinen wahren Stand und Namen verleugnet habe,
daß er aber bald, sehr bald große Beschämung über diesen tollen Einfall
empfunden, und sich schon vor Ende des Tages bewußt gewesen sei, daß
aus seinem Scherz tiefster Ernst für ihn geworden, und daß er -- nun
kurz, was man in solchen Fällen sagt.