Ich war, wie ich schon sagte, wirklich immerfort im Begriff, meine

Larve abzuwerfen und als blamirtes, aber ehrliches Schaf aus meinem

Wolfspelz hervorzukriechen -- aber der Zauber des Augenblicks war

stärker als ich -- ich blieb und schwieg.

Als ich es endlich an der Zeit fand, die Familie nicht länger vom Genuß

des Mittagessens zurückzuhalten, lud mich der Hausherr in freundlicher

Weise ein, den Abend bei ihnen zu verleben, was ich tief beschämt, aber

äußerlich mit schöner Fassung annahm.

So war ich denn nun durch die Dornenhecken gänzlicher Unbekanntschaft

in das verzauberte Schloß gedrungen, aber das Ritterschwert, welches

mir den Weg zur Prinzeß Dornröschen gebahnt hatte -- war eine Lüge! Mit

einem Seufzer und dem alten Wort, daß der Zweck die Mittel heilige,

sang ich mein Gewissen in Schlaf, und kehrte in den Gasthof zurück.

Im Hausflur stand ein Mann in einer blauen Jacke, mit einer groben

Physiognomie, er trug einen kleinen schwarzen Hund auf dem Arm. Ich

achtete nicht auf ihn, sondern begab mich auf mein Zimmer, um mich

angenehmen Erinnerungen und noch schöneren Erwartungen zu überlassen.

Leises Pochen an der Thür schreckte mich auf.

Auf mein »Herein!« erschien zuerst der wohlfrisirte Oberkellner, hinter

ihm der Mann in der blauen Jacke mit dem Hunde, den ich beim Eintreten

bemerkt hatte. Der Letztere trat einen Schritt näher und indem er das

Thier am Genick faßte und mir mit vorgestrecktem Arm entgegenhielt,

sagte er:

»Ich wollte fragen, ob das der Hund ist, den Sie verloren haben?«

Meine Empfindungen sind schwer zu beschreiben! Lachlust und Beschämung

kämpften heftig in mir -- die greifbaren Folgen der =zweiten= Lüge

machten sich bemerklich.

»Nein,« sagte ich kurz, »das ist nicht mein Hund!«

»Am Ende doch!« bemerkte der Fremde, »er ist ja schwarz und klein!«

Hierbei setzte er das Thier auf den Boden und schien es nicht wieder

an sich nehmen zu wollen. Die kleine, höchst gemein aussehende Creatur

fuhr, wahrscheinlich durch schlechte Behandlung gereizt, sofort bellend

und schreiend auf mich ein und schnappte in höchst ungemüthlicher Weise

nach meinen Stiefeln.

»Sehen Sie, er kennt Sie!« sagte das blaujackige Individuum mit der

größten Frechheit, »ich bitte um die Belohnung, die in der Zeitung --«

»Das ist doch zu stark!« rief ich nun meinerseits geärgert, »dieses

Thier habe ich nie gesehen, es beißt mich, und Sie wollen von mir noch

eine Belohnung? Dort ist die Thür!«

Der Mann rührte sich nicht.

»Nun, dann bitte ich mir wenigstens ein Trinkgeld aus -- ich habe zwei

ganze Stunden hier auf Sie gewartet und meine Zeit kostet Geld!«

»Nemesis!« dachte ich und gab ihm, um es kurz zu machen, ein Geldstück,

worauf er den Hund wieder wie ein Bündel Lumpen ergriff und mit einem

höhnischen Kratzfuß das Feld räumte.

Im Laufe des Nachmittags erschienen noch zwei Frauen und ein großer

schurkischer Junge, die Alle Hunde brachten -- der Junge sogar einen

weißen! -- und die mit Jammern und Grobheiten Futterkosten, Wartegeld

und wer weiß was sonst noch von mir erpreßten. Aber der Abend sollte

mich für diese Mühsal belohnen.

Ich saß in dem hübschen Garten drüben bei meinen neuen Freunden, und

wir plauderten so gemüthlich, als kennten wir uns schon seit langer

Zeit.

Dann ging Sophie in den Gartensaal und sang uns ein Lied; der Vater

sah vergnügt dazu aus -- und ich -- nun ich war auch ganz befriedigt

von meiner Lage. Aber Eins wußte ich schon an diesem Abend ganz genau,

daß meine Bekanntschaft mit Sophie nicht umsonst durch einen Ring

angefangen hatte -- wenn es nach mir ging, sollten noch mehr Ringe in

unseren gegenseitigen Beziehungen eine Rolle spielen. Also, es geht

manchmal schnell mit solchem Entschluß, wie dies Beispiel zeigt!

Den nächsten Tag verbrachte ich wieder fast ganz im Hause des

Justizraths, wir hatten sogar eine Art Verwandtschaft aufgestöbert,

die zwischen einer Großmutter meiner Stieftante und einem Onkel des

Justizraths bestanden haben konnte -- ich hatte also gewissermaßen ein

Recht, dort zu sein!

Nun, und es traf sich so, daß ich am dritten Abend mit Sophie und der

Tante im Gartensaal saß und die Letztere abgerufen wurde.

Jetzt, werden Sie denken, hätte ich meinen schnell erblühten Gefühlen

gleich Worte gegeben? O nein, so von selber ging das nicht! Ich mußte

noch gehörig durch die Traufe.

Wir saßen in etwas stockender, verlegener Unterhaltung zusammen, wie

das so leicht kommt, wenn man mehr zu sagen wüßte, als recht angehen

will -- da stürzt freudeglühenden Antlitzes die Magd des Hauses herein.

»Na, Fräulein Sophie, Sie werden sich aber freuen! Ich bin in Ihrer

Stube und nähe und da fällt mir der Fingerhut auf die Erde und kollert

unter den großen Schrank. Ich hole mir den Johann und wir rücken den

Schrank etwas beiseite und was finde ich? -- Ihren Ring, den Sie so

gesucht haben!«

Prosit die Mahlzeit!

Ich weiß kaum anzugeben, was ich in dem Moment dachte. Mein Hauptgefühl

war lebhaftes Bedauern, daß die Wohnungen wohlhabender Privatleute

keine Versenkungen haben, in denen man in so entschieden blamablen

Augenblicken verschwinden könne.

Sophie war ganz ruhig, nur sehr blaß geworden. »Ich danke, Christiane,

es ist mir sehr lieb, daß der Ring da ist -- Sie können gehen!«

Die Magd verschwand, augenscheinlich sehr verblüfft über die ruhige

Aufnahme dieses freudigen Ereignisses.

Sophie wandte sich zu mir, ihre Stimme zitterte etwas.

»Ich darf Sie wohl bitten, Herr Doctor, mich über dies sonderbare

Zusammentreffen aufzuklären und -- Ihr Eigenthum wieder an sich zu

nehmen!«

Bei diesen Worten streifte sie langsam den Ring, den ich gefunden haben

wollte, vom Finger und hielt ihn mir hin.

Und ich? Nun ich that, was ich gleich hätte thun sollen -- ich

beichtete ehrlich, demüthig, zerknirscht, wie sie mich interessirt

hätte, ehe ich ein Wort mit ihr gesprochen, wie lebhaft ich gewünscht,

in das Haus ihres Vaters zu kommen, wie ich dann im Moment die ganze

Finte ersonnen und, einmal drin, nicht wieder herausgekonnt hätte. Und

dann bat ich sie flehentlich, den Ring zu behalten und wurde immer

eifriger und beredter und sagte schließlich Alles heraus, daß ich

den Ring nur dann wiedernehmen würde, wenn ich ihn mit einem andern

vertauschen dürfte -- mit dem Verlobungsring!

Und daß mir verziehen wurde, beweist Ihnen die Thatsache, daß der

wirkliche Ring noch heut hier an meiner Uhrkette hängt -- sehen Sie,

das ist er! und daß Sophie seit einer langen Reihe von Jahren meine

Frau ist. Um aber noch einmal auf den Verlobungsmoment zurückzukommen,

so saßen wir ganz stillvergnügt zusammen, als plötzlich der Diener

erschien und mir ein Telegramm überreichte.

Erschrocken und überrascht öffnete ich dasselbe. Es war von meinen

Tanten und lautete:

»Anzeige im Kreisblatt unnöthig, Nap ist hier!« Daß nun die

Hundegeschichte auch noch an den Tag kam, daß Abends, als die

Gesundheit des Brautpaares getrunken wurde, der Schwiegervater meine

ganze Schlechtigkeit erfuhr, das können Sie sich denken.

Aber sehen Sie, es kann manchmal schnell gehen mit dem Kennenlernen und

Verloben und es hält doch.«

Der Zug begann langsamer zu fahren.

»Leben Sie wohl, meine jungen Damen,« sagte der liebe, alte Herr

mit seinem freundlichsten Lächeln, »vergeben Sie, wenn Ihnen meine

Geschichte zu lang war, und nehmen Sie ja kein Beispiel daran! Immer

geht's nicht so gut ab mit dem Lügen und dann ist es doch sehr

unangenehm, wenn es an's Licht kommt!«

Der Zug hielt an, der alte Herr verließ uns und ich habe ihn seitdem

nicht wieder gesehen. -- Aber noch heute besteige ich keinen Dampfwagen

ohne die leise Hoffnung, den silbernen Kopf meines alten Herrn mir

entgegenglänzen zu sehen und ihn noch einmal lachen zu hören!

Glück muß man haben!

»Und wenn Sie, verehrtester Herr Amtsrath, meiner Werbung nicht

durchaus abgeneigt sein sollten, so darf ich wohl die ergebene Bitte

aussprechen, die Inlage Ihrer Fräulein Tochter zu übergeben und mir,

in freundlicher Rücksichtnahme auf die Verhältnisse, Ihre Antwort

womöglich noch im Laufe des heutigen Tages zugehen zu lassen, was sich

ja bei der fast stündlichen Eisenbahnverbindung zwischen hier und

Frankenberg sehr wohl ermöglichen läßt.«

Mit diesen Worten schloß der Lieutenant Fritz Sterneck seinen Brief,

steckte ihn ins Couvert, schrieb die Adresse: »An Herrn Amtsrath

Solgers in Neu-Tessin bei Frankenberg« und legte das bedeutungsvolle

Schriftstück mit einem erleichterten »So« vor sich auf den Tisch.

Die Lampe, welche diesen Tisch beleuchtete, kämpfte schon in

unschöner Mattigkeit gegen den jungen Sommermorgen -- noch dazu einen

Sonntagsmorgen -- der frisch, duftig und noch in leichten Frühnebel

verhüllt über der schlafenden Stadt emporstieg.

Fritz löschte das Licht, welches ihm zu seiner nächtlichen Schreiberei

gedient hatte, und nahm mit dem seltsamen Gemisch von nüchterner

Müdigkeit und nervöser Erregung, welches wir in dieser allerfrühesten

Morgenstunde so leicht empfinden, am geöffneten Fenster Platz. Es

schien ihm kaum mehr der Mühe zu lohnen, den Schlaf noch einmal

aufzusuchen; er blickte, den Kopf in die Hand gestützt, gedankenvoll

auf den leeren Marktplatz zu seinen Füßen und unwillkürlich drängte

sich ihm die Frage auf, ob wohl jedem Bräutigam nach der Abfassung des

Werbebriefes so -- ja so richtig nüchtern zu Muthe sei? Oder lag es bei

ihm in den besonderen Verhältnissen?

Er stand gewissermaßen in doppelter Hinsicht auf dem Sprunge. Sein

Abschied vom Militair war eingereicht und er trat bis zur Bewilligung

desselben am nächsten Tage einen Urlaub an, um sein väterliches Gut

selbst zu übernehmen, auf welchem er aufgewachsen, und an dem ihm jeder

Zoll Boden bekannt war.

Ebenso bekannt war ihm die Familie eines Gutsnachbarn seiner Eltern,

des etwas gewaltthätigen Amtsraths Solgers, seiner schüchternen,

graublonden Frau, und seiner noch schüchterneren und noch graublonderen

Tochter Amalie.

Nach der Meinung und Ansicht der Seinigen konnte Fritz gar nichts

vernünftigeres thun, als Amalien zu heirathen -- »die Aecker grenzten

nachbarlich zusammen, die Herzen stimmten überein« -- oder wenn sie

es nicht thaten, so war dies, wie ältere Leute oft zu sagen und an

Beispielen zu erläutern lieben, durchaus kein Grund, warum die Besitzer

dieser Herzen nicht äußerst glücklich mit einander werden sollten.

Fritz war im Grunde seiner ehrlichen Seele, trotz eines hin und wieder

hervorbrechenden knabenhaften Uebermuthes, ein ganz klein wenig

Philister -- das heißt Familienphilister! -- was man daheim für gut

und wünschenswerth erklärte, hatte er bis jetzt auf Treu und Glauben

ebenfalls dafür hingenommen, und so war ihm auch Amalie Solgers immer

als etwas gutes und wünschenswerthes geschildert und erschienen. Immer

-- bis heute Morgen, wo er sich entschlossen hatte, um sie zu werben!

Als er, den großen Entschluß couvertirt und adressirt vor sich auf dem

Tische, in den herrlichen jungen Tag hinausblickte, der in seinen halb

durchsichtigen Wolkenschleiern die waldigen Hügel des nahgelegenen

Höhenzuges bald zeigte und bald verbarg -- da überfiel ihn mit

plötzlicher Traurigkeit das Bewußtsein, =was= ihm eigentlich fehle! So

duftig, so unbegrenzt und unbestimmt in Form und Umriß muß nicht nur

die Frühstunde eines schönen Tages -- nein auch die Morgenstunde des

Lebens sein, wenn sie nicht ihren Zauber verlieren soll! Der Reiz der

=Ungewißheit= war es, der seinem Zukunftsbilde mangelte -- es lag nicht

vor ihm, wie eine blaue Ferne im Frühlicht, die man mit ahnungsvollem

Entzücken, unbekannten Abenteuern entgegen, betritt -- sein Schicksal

glich einem kleinen, prosaischen Pachterhof im Mittagssonnenschein,

abgegrenzt, durch und durch alltäglich -- und nur =dem= begehrenswerth,

der die ersten Schaumperlen vom Lebensbecher schon getrunken hat!

Er versuchte, sich einzureden, daß nur die schlaflose Nacht es sei, die

ihm sein neues Glück in so überwachter, mattfarbiger Beleuchtung zeige,

und griff nach der Mütze, entschlossen, den mahnenden und grollenden

Stimmen in seinem Innern durch eine vollendete Thatsache, d. h. durch

Abschicken des Briefes, Schweigen zu gebieten.

Während er das Couvert noch in der Hand hielt, und zweifelhaft

betrachtete, wurde ihm klar, daß vor dem späten Abend auf Antwort

nicht zu rechnen sei, selbst angenommen, daß sein zukünftiger

Schwiegervater in der Laune sein sollte, ihm sofort ein »Ja« oder

»Nein« zuzurufen oder besser zuzudonnern; der Amtsrath war, wie gesagt,

ein gewaltthätiger Herr und hatte eine seinem Temperament entsprechende

Stimme, vermittels derer er die sanften Einwürfe seiner Frau und

Tochter einfach todtschrie.

Im günstigsten Falle einen ganzen Tag lang auf solchen Bescheid zu

warten hat um so weniger etwas Verlockendes, wenn die Zeit einem

Sonntage angehört. Das dunkle Gefühl, daß dies der letzte Sonntag

ungebundener Freiheit für ihn sei, daß er vielleicht vor Ablauf der

Woche schon als mäßig beglückter Verlobter an der Seite der blassen

Amalie mit der stets etwas duldenden und leidenden Miene sitzen

werde, bewirkte, daß unser Held aufsprang und schnell, ohne viel zu

überlegen, einen grauen Civilanzug statt seiner Uniform anlegte, mit

dem Entschlusse, diesen »letzten Sonntag« noch auf irgend eine Weise

auszunützen, und sich als Spielball dem lustigen Dämon Zufall in die

Hand zu geben, der es vielleicht gut genug mit einem ehrlichen Gesellen

meinte, um ihm vor Thoresschluß noch einen amüsanten Tag zu gönnen.

»Aber der Brief muß fort,« sagte Fritz vor sich hin, während er sich

anschickte, das Haus zu verlassen, »denn sonst bleibt die Geschichte

wieder wochenlang liegen, und ich möchte nun endlich einmal damit ins

Reine kommen.«

Bei diesen Worten trat er auch schon auf den Marktplatz hinaus, an

dessen Eckladen ihm ein Briefkasten einladend entgegenwinkte.

Als Fritzens Werbung in dem breiten Spalt des Kastens verschwunden war,

erhob er die Augen und erblickte zwei weibliche Gestalten, welche an

ihm vorbei über den Platz gingen.

Es fiel ihm auf, daß die Damen zu so früher Stunde das Haus

verließen, und sein Interesse an ihren Beweggründen wuchs mit großer

Schnelligkeit, als er bemerkte, daß eine der beiden Spaziergängerinnen

ein junges Mädchen von ganz besonderer Anmuth war. Der breitrandige

Strohhut warf zwar über den oberen Theil ihres Gesichts einen leichten

Schatten, vermochte aber nicht zu verbergen, daß zwei blitzende,

dunkelblaue Augen sich als Licht in diesem Schatten befanden. Den

Augen entsprechend trug das ganze Gesicht, ja die ganze Erscheinung

des Mädchens, welches eben der Schule entwachsen zu sein schien,

ein unverkennbares Gepräge furchtlos schelmischen Uebermuthes und

Frohsinnes, dabei hatte sie eine gewisse vogelähnliche Beweglichkeit

in der Art, wie sie ihren zierlichen, blonden Kopf nach allen Seiten

drehte und mit der naiven Neugier eines Kindes überall umhersah. Sie

trug einen ziemlich großen Arbeitskorb mit festschließendem Deckel am

Arme; dieser und ein kreuzweis über der Brust zusammengestecktes weißes

Tuch gaben ihr ein gewisses sehr reizvolles Rokokoansehen, welches

unseren Fritz unwillkürlich an Friederike von Sesenheim gemahnen wollte.

Die Begleiterin der jungen Schönheit war eine sehr wohlbeleibte Dame

mit einem unendlich gutmüthigen breiten Gesicht, welches in Form und

Ausdruck den Abbildungen der Sonne in manchen Bilderbüchern glich.

Gleichwohl bekam dieses Gesicht durch einen leisen Bartanflug auf der

Oberlippe, sowie durch einen Hut, der sich scheinbar durch Zauberei,

jedes Bindemittel verschmähend, auf ihrem Haupte erhielt, einen

gewissen Anstrich von energischer Unternehmungslust.

Fritz schloß aus dem Körbchen, welches das junge Mädchen am Arme

trug, daß die Damen sich nach einem der Kaffeegärten zu begeben im

Begriff standen, welche, in der Vorstadt gelegen, häufig zu solchen

Morgenausflügen benutzt wurden, wenn auch selten zu so früher Stunde.

Er folgte in gemessener Entfernung und trat mit einem gewissen

Vergnügen in die Spuren sehr zierlicher Absatzstiefelchen, welche die

junge Dame in dem Sande der Promenadenanlagen hinterließ.

An der nächsten Ecke wandten sich die Spaziergängerinnen nach rechts,

Fritz that ein Gleiches und befand sich auf einem freien Platze, einer

zahlreichen, munter durcheinander sprechenden Gesellschaft gegenüber,

die, um einen Omnibus gruppirt, sich entschieden zu einer Landpartie

rüstete. Die energische Dame mit ihrer reizenden Tochter, Nichte,

Pflegebefohlenen, was sie auch sein mochte, wurde freudig und zugleich

wegen der Verspätung vorwurfsvoll begrüßt, wobei Fritzens scharfes Ohr

es auffing, daß die junge Dame Lotte hieß, und man schickte sich an,

den Wagen zu besteigen.

Fritz entwarf, als guter Stratege, blitzschnell seinen Plan und

ging als schlechter Diplomat an dessen Ausführung, ohne sich Zeit

zur Ueberlegung zu lassen. Er mischte sich mit edler Dreistigkeit,

ohne ein Wort zu sprechen, unter die Gesellschaft, und als ein sehr

geschniegelter, sehr blonder junger Mann eben im Begriff stand, seinen

Platz neben Fritzens Schönheit einzunehmen, schob letzterer ihn mit

einem höflichen »erlauben Sie« zurück und nahm, seinen Hut artig

lüftend, die Stelle des grenzenlos Verblüfften ein.

Für wenige Sekunden bemächtigte sich eine solche wort- und

bewegungslose Ueberraschung der Gesellschaft, daß ein Unparteiischer in

Versuchung gekommen wäre, Fritzens hübsches, biederes Gesicht für ein

Medusenhaupt zu halten. Aber der unheimliche Zauber löste sich schnell,

und ein älterer, jovial aussehender Herr mit einem grauen Vollbart

trat mit den Worten auf unseren Helden zu: »Mein Herr, darf ich Sie

wenigstens bitten, uns zu sagen, =wen= wir die Ehre haben, in unserer

Mitte zu sehen?«

Fritz, Erstaunen und sogar leichte Entrüstung heuchelnd, erwiderte mit

großer Unbefangenheit: »Ich sehe eigentlich keinen Grund dafür, mein

Herr, jeder Mensch hat doch das Recht, einen Omnibus zu einer kleinen

Spazierfahrt zu benutzen, ohne sofort über sein _Curriculum vitae_

befragt zu werden!«

Der düstere und kampfesmuthige Ausdruck, der sich bei der ersten

Hälfte von Fritzens Entgegnung über die männlichen Gesichter in der

Gesellschaft verbreitet hatte, wich nach und nach dem ironischen

Lächeln der Ueberlegenheit; »der wird einen guten Schreck bekommen,«

stand in leserlicher Schrift auf den Mienen der Anwesenden. Auch der

alte Herr, welcher der Festordner bei dieser Vereinigung zu sein

schien, lächelte.

»Sie sind im Irrthum, mein Herr, dieser Omnibus ist von uns für

den heutigen Tag gemiethet und zu einem gemeinsamen Ausfluge im

geschlossenen Kreise bestimmt.«

Der durchaus nicht überraschte Fritz war sofort ganz Beschämung und

Schrecken, er entschuldigte sich bei jedermann und der dazu gehörigen

Frau, er bedauerte auf's lebhafteste, ahnungslos einen solchen _faux

pas_ gemacht zu haben, und war, wie er versicherte, schon bestraft,

indem er eine ziellose Spazierfahrt, zu der ihn der schöne Morgen

verlockt, nun aufgeben und bescheiden in seine heiße Stadtwohnung

zurückkehren werde.

Fritz konnte wirklich =sehr= liebenswürdig sein! Auch bei diesen

Entschuldigungen entwickelte er so viel Artigkeit und Gewandtheit,

daß sich das Vorurtheil der Gesellschaft fast ausnahmslos für ihn

entschied, was er schlau genug war, zu bemerken. Nur der blonde junge

Mann, den er von der Seite des schönen Mädchens verdrängt hatte, sah

düster und drohend aus und schielte zornig auf unseren Helden.

Nach einer leise geführten Berathung mit den einflußreichsten

Mitgliedern der Gesellschaft trat der ältere Herr wieder auf Fritz

zu und forderte ihn freundlich auf, da er nun einmal in ihren Kreis

gekommen sei, den Platz im Wagen zu benutzen und mit ihnen zu fahren.

Fritz, dessen Uebermuth durch die ganze Situation sowohl, als durch

die etwas kleinbürgerlichen Allüren eines Theils der Gesellschaft

gestachelt war, stellte sich, um zu seinen neuen Bekannten zu passen,

auf seinen Civilanzug hin keck als Kaufmann Schröter vor, und nahm

mit den Gefühlen eines großen Jungen, der hinter die Schule geht,

glückselig neben der reizenden Lotte Platz. Er benutzte die wenigen

Minuten bis zur Abfahrt dazu, sein Herz gänzlich an das feine

Gesichtchen neben sich zu verlieren, noch ehe er eigentlich mehr als

zehn Worte mit der Eigenthümerin desselben gewechselt hatte. Das

Mädchen antwortete auch vor der Hand nur in schüchterner, kurzer

Weise und erröthete jedesmal sehr lieblich, wenn Fritzens Augen mit

unverhohlener Bewunderung auf ihr ruhten.

Bald aber verflog ihre Befangenheit, und als der Wagen die Stadt

verlassen hatte und zwischen blühenden Saatfeldern hinaus auf das

Land zu rollte, plauderten die beiden schon so lustig und harmlos mit

einander, als hätten sie sich Jahre lang gekannt. =Was= zwei junge

Leute, die großes Gefallen aneinander finden, sich an einem schönen

Morgen auf einer Landpartie erzählen, darauf kommt es gar nicht an, das

=wie= ist die Hauptsache!

Und =wie= konnte Fritz heute sprechen und parliren! Er entdeckte

in der frohen Erregtheit des Augenblickes eine ungeahnte Fundgrube

von guten Einfällen in seinem Innern, er hatte nie gewußt, daß es

ihm gegeben war, gefühlvolle Andeutungen in so leichter, gefälliger

Form anzubringen, es war ihm noch nie gelungen, ein so reizendes

Rosenroth auf einem Mädchengesicht durch seine Worte hervorzurufen,

mit einem Wort, er war noch nie verliebt gewesen, dafür war er es

jetzt intensiver, als er selbst wußte! Und auch seine allerliebste

Nachbarin schien dem Reiz des Augenblicks nicht ganz unzugänglich, die

Unterhaltung der beiden gerieth nie ins Stocken.

Fritz vermied -- er wußte nur zu gut, warum -- jedes Eingehen auf

seine persönlichen Verhältnisse, obwohl er seine Lüge schon zu bereuen

begann. Er hätte am liebsten seine Identität mit dem ernsthaften,

überlegten jungen Mann ganz vergessen, der seit heute Morgen im Begriff

stand, eine »Vernunftsheirath« zu schließen. So viel stand bei ihm

schon nach der ersten Stunde, der größeren Hälfte der zurückzulegenden

Tour, fest, hätte er die Landpartie oder besser die Bekanntschaft

seiner anmuthigen Nachbarin =vor= der Abfassung des heutigen Briefes

gemacht, so wäre derselbe nicht geschrieben worden.

Er bedurfte in doppelter Beziehung der Vorsicht, um sich nicht zu

verrathen, er mußte, um die Situation nicht zu verwickeln, nicht

Lieutenant Sterneck sein, sondern Kaufmann Schröter, und er durfte

nicht daran denken, daß sein Werbebrief jetzt, vielleicht in diesem

Augenblicke, vom Postboten aus dem Kasten genommen und zur Eisenbahn

befördert wurde. Beide Umstände boten einige Schwierigkeit, sowie die

Unterhaltung auf ihn selbst kam.

Seine kleine Nachbarin war um so offenherziger, sie hatte nichts zu

verbergen. Seit Ostern war sie aus der Schule entlassen und nun bei

ihren Eltern zu Haus. Auf die heutige Landpartie hatte die Tante -- sie

wies auf ihre Nachbarin mit dem Schnurrbärtchen -- sie mitgenommen,

sonst war sie noch wenig aus dem Hause gekommen.

»Die Tante meint es sehr gut mit mir,« fügte sie dankbar hinzu, »sie

weiß, daß ich zu Hause mit den vielen kleinen Geschwistern tüchtig zu

thun habe, und nimmt mich öfters gegen Abend mit spazieren. Sie ist

eine Wittwe und gewöhnlich ganz allein. Mich hat sie sehr lieb, und

wenn sie nächsten Winter auf einen Ball geht, soll ich mitkommen, und

sie will mir ein weißes Kleid und rosa Rosen dazu schenken. Aber was

ich Ihnen alles erzähle,« brach sie erröthend ab, »ich freue mich nur

schon so sehr darauf und vergesse ganz, daß Sie mich noch gar nicht

kennen.«

»Ich denke, ich kenne Sie sehr gut,« sagte Fritz lachend, »und wenn Sie

mich etwa nicht kennen wollen, so ist das sehr undankbar von Ihnen!

Wüßten Sie, was ich alles heut gewagt habe, um diesen Tag in Ihrer Nähe

zu verleben!«

Sie sah ihn verwundert und fragend an; ach, wie mit jedem Blick dieser

klaren, dunkelblauen Augen Amaliens Aktien sanken!

Novellen Hausgenossen. — Und Doch! — Der tolle Junker. — Finderlohn. — Glück muß man haben! · 第 10 / 12 段