Tanten ein, die mich herzlich und liebevoll aufnahmen, und mich in ihre
Gartenlaube zu einem zierlich aufgestellten Nachtmahl luden, dessen
Dimensionen ungefähr der Art waren, als hätten die sieben Zwerge fragen
können: »wer hat von meinem Tellerchen gegessen« u. s. w. Aber ich
ließ es mir wohlschmecken, und nachdem ich den Tanten meine Pläne
für die nächste Zeit mitgetheilt hatte, rückte ich vorsichtig mit dem
kühnen Ansinnen heraus, ob sie Nap, eine sonst bei ihnen wohlgelittene
Creatur, für die Zeit meiner Abwesenheit wohl in Pflege und Obhut
nehmen wollten.
Sie können sich denken, daß die beiden Schwestern nicht wenig
erstaunten, selbst erschraken. Ein Zuwachs ihrer Hausbewohnerschaft,
ein bellender, springender, zottiger Mitbewohner ihres stillen,
beschaulichen Daheim; sie sahen sich wechselweise eine gute
Viertelstunde an, schnupften, niesten, selbst dies Mittel schien heut'
nicht anzuschlagen, endlich nahmen sie _a tempo_ die Brillen ab und
sagten so feierlich, als gelte es ein Eheversprechen, ein lautes,
deutliches »Ja!«
Ich wußte, welch' ein Opfer sie mir brachten, und sprach ihnen es auch
dankbar aus, ich fügte bei, daß nur das Bewußtsein, meinen Hund in den
besten Händen zu wissen, mich zu der großen Bitte ermuthigt hätte, und
dann machte ich mich eilig davon, damit die Tanten ihren edelmüthigen
Entschluß nicht etwa bereuen möchten. Ich erklärte meinen schnellen
Aufbruch damit, daß ich am nächsten Morgen sehr früh mit der Bahn
weiter müsse, welche nur noch zu einem nah belegenen Städtchen führte,
von da wollte ich mit Postpferden und auf eigenen Füßen meinen Weg
fortsetzen.
»Und, liebe, beste Tanten,« fügte ich noch dringend hinzu, »laßt Nap
die nächsten Tage nicht aus den Augen, er wird gewiß Versuche machen
mir nachzusetzen und könnte alsdann verloren gehen!«
Feierlich wurde mir dies angelobt, und ich nahm gerührten und dankbaren
Abschied, während Nap, durch ein Schüsselchen Milch in's Haus gelockt,
ahnungslos diesen Labetrank schlürfte.
Der andere Tag war leider trübe und schwül. Als ich in das Städtchen
H... einfuhr, welches die Grenze zwischen Flachland und Gebirge bildet,
zog ein Gewitter dumpf grollend herauf und der erste Willkommensgruß,
der mir in H... wurde, war ein großer Regentropfen, der auf meine Nase
fiel. Ihm folgten mehrere, ein wahrer Wolkenbruch stürzte hernieder
und das liebenswürdige Wetter benutzte den Tag, um sich, wie man sagt,
recht gründlich »einzuregnen.« Unter diesen Umständen eine Fußtour
beginnen, oder sich einer Postchaise anvertrauen zu wollen, um das
Gebirge kennen zu lernen, wäre mehr als Thorheit gewesen. Es hieß also
warten!
Ich quartierte mich in dem ersten Gasthofe der Stadt ein, der
vermuthlich so hieß, weil es keinen zweiten gab, und sah zum Fenster
hinaus. Zum Glück war ich von jeher besonders unfähig, mich zu
langweilen, ich hatte manchmal den besten Willen, da kam mir etwas
Unterhaltendes in die Quere -- es ging nicht!
Auch hier war es so. Ich hätte mich eigentlich recht gut langweilen
können, aber da lag gerade dem Gasthause gegenüber ein ganz
allerliebstes Haus, das immer etwas zu sehen oder zu hören gab.
Ich konnte freilich nur die Seitenfront des freundlichen Gebäudes
beobachten, denn die Vorderzimmer gingen nach einem schönen, großen
Garten hinaus, dessen Lavendelduft, selbst durch den Regen nicht
ertränkt, Abends zu mir herüber geflogen kam.
An diesen Seitenfenstern nun saß öfters eine junge Dame und nähte. Ihr
Gesicht konnte ich nicht sehen, sie bückte sich immer sehr tief auf die
Arbeit; ich sah nur ein Stückchen Wange, zuweilen flüchtig die Umrisse
eines zierlichen Profils, und ein Nest dunkelblonder Zöpfe um einen
seltsam geformten weißen Kamm geschlungen.
Da es nun schon den zweiten Tag regnete, hatte ich volle Muße, diese
Beobachtungen anzustellen. Freundlicherweise hatte das Haus seinen
Eingang auch auf der Seite. Gegen Abend kam ein dicker, stattlicher
Herr nach Hause, dessen Kopf ich auch noch nie zu Gesicht bekommen
hatte, denn er hielt immer einen großen, wohlhabend aussehenden Schirm
über sich, den er erst zumachte, wenn seine behäbige Person schon
innerhalb der Hausthür war. Und dann zur Thür hinaus schüttelte und
spritzte er diesen Schirm aus, als wenn die Straße noch nicht naß genug
wäre.
Ich hätte ja durch eine Frage leicht etwas über mein _vis-à-vis_
erfahren können, aber ich wollte es nicht -- es war so sehr ergötzlich,
mir meine Schlüsse aus Dem zu ziehen, was ich sah.
Der Hausherr war entschieden =kein= Arzt, dazu kam er zu regelmäßig
nach Hause, sondern Beamter, ein Mann mit Bureaustunden. Die junge Dame
am Fenster war seine Tochter und zwar sein Liebling, denn er begab sich
stets geraden Weges zu ihr in's Zimmer. Dann stand sie sofort auf,
legte die Arbeit zusammen und ging mit ihm hinaus. Eine dritte Person,
die ich häufig ausgehen und wiederkommen sah, eine Dame in mittleren
Jahren, mußte die Gesellschafterin sein, nicht die Frau vom Hause, denn
wenn sie dem Vater begegnete, machte sie einen Knix.
Am Nachmittag des dritten Tages schien der Himmel ein ganz klein
wenig lichter zu werden, ich trat an's Fenster und, wie mir schon zur
Gewohnheit geworden war, blickte ich nach dem Hause gegenüber. Da saß
die junge Dame -- dies Mal ohne Näharbeit -- ich hätte ihr Gesicht
gewiß ganz gut sehen können, aber sie hielt ein Tuch vor die Augen --
sie weinte!
Ich blieb erstaunt stehen. Warum mochte sie weinen? Sie werden mir
zugeben, daß ein junges Mädchen mit so schönen blonden Zöpfen, die
von ihrem Papa verzogen wird und -- weint, ein Fall ist, über den man
nachdenklich werden kann.
Nach einer Weile trocknete sich mein Gegenüber die Augen, schrieb
einige Worte auf einen kleinen Zettel, stand auf und verließ das
Fenster. Wenige Minuten darauf öffnete sich die Hausthür, sie trat
heraus, einen Regenschirm in der Hand, in Hut und Mantel und blickte
nach dem Himmel. Ein reizendes Gesicht war es, das muß ich schon sagen!
Warum ich meinen Paletot ergriff und die Treppe hinunterging, weiß
ich nicht zu sagen, aber ich that es und folgte der jungen Dame in
respectvoller Entfernung, auch mit dem Regenschirm bewaffnet.
Ein plötzlicher, heftiger Windstoß faßte den Schirm meiner Schönen und
drehte ihn von innen nach außen, er machte, wie man zu sagen pflegt,
eine Tulpe daraus. Im selben Moment stürzte der Regen mit verdoppelter
Gewalt hernieder und das Mädchen, nach einem vergeblichen Versuch, den
treulosen Beschützer wieder in seine alte Form zu bringen, verdoppelte
ihre Schritte und eilte in einen geräumigen Hausflur, von wo sie in das
tobende Wetter hinaussah. Ich dachte: Das kann Jeder! und nicht faul,
betrat ich denselben Hausflur, zog den Hut und postirte mich der jungen
Dame gegenüber an die Wand. Nach einer kleinen Weile trat sie an die
Hausthür, zog den rechten Handschuh ab und streckte die Hand hinaus, um
zu fühlen, ob der Regen noch nicht nachgelassen habe. »Kein Trauring!«
dachte ich erfreut, ohne eigentlich zu wissen, warum es mich freute.
Da es noch mit aller Gewalt vom Himmel heruntergoß, nahm das Fräulein
ihren Schirm wieder vor und versuchte ihn in die richtige Verfassung
zu bringen. Es gelang ihr aber nicht und ich hielt dies für einen Wink
des Schicksals, ein Gespräch anzuknüpfen. Mit abgezogenem Hut trat ich
bescheiden vor und bot meine Hülfe an, die auch freundlich angenommen
wurde.
Daß es mir nicht gelang, den Schirm zurechtzubringen, versteht
sich von selbst. Sanfter Ueberredung wollte er nicht weichen, ich
wendete alle Gewalt an, der Tückische aber verstand keinen Spaß,
sondern brach gelassen mitten durch. Das Fräulein sah erschrocken
aus, aber nicht zornig -- durchaus nicht zornig, was ich mir
mit richtiger Menschenkenntniß als einen Beweis liebenswürdigen
Temperaments auslegte. Ich stand da wie ein armer Sünder, stammelte
ein paar Entschuldigungen und bat endlich um die Erlaubniß, meinen
Schirm als Ersatz anbieten zu dürfen, wozu mich noch die egoistische
Hoffnung stachelte, ich würde durch Rückgabe des von mir zerbrochenen
Individuums einen Vorwand haben, um in die Burg zu dringen, die von der
blondzöpfigen Prinzessin bewohnt war. An Abreise dachte ich schon nicht
mehr, wie Sie sehen. Aber es kam anders!
»Ich danke sehr, mein Herr,« sagte das junge Mädchen freundlich, »ich
kann Sie Ihres Schirmes nicht berauben. Wollen Sie mir aber eine
Droschke besorgen, damit ich meinen Weg fortsetzen kann, so nehme ich
es dankbar an!«
Nun, das that ich natürlich und hatte die Genugthuung, daß ein sehr
liebenswürdiges »Danke« mich belohnte, dann, während ich, den Hut in
der Hand, wie ein Lakai mich am Schlage aufstellte, rief die junge Dame
zum Kutscher hinauf: »Nach der Zeitungsexpedition!« Der Schlag fiel zu
-- und da stand ich.
Nach der Zeitungsexpedition! Was thut eine junge Dame in der
Zeitungsexpedition? Allerlei finstere Gedanken bestürmten mich --
sie wird doch nicht einen Brief abholen, von dem der Papa nichts
wissen soll? Erst Thränen, dann Zeitungsexpedition -- verdächtige
Zusammenstellung!
»Dahinter muß ich kommen,« rief ich so zornig, als wäre ich der
Beichtvater der kleinen Dame.
Eine Idee fuhr blitzschnell durch meinen Kopf! Ich mußte einen Vorwand
haben, auch nach der Expedition zu gehen. Sollte ich nach Briefen
fragen? Nein, das war mit einem »Nichts für Sie!« zu schnell abgemacht.
Also ich mußte etwas annonciren! Gedacht, gethan, ein Blatt aus der
Brieftasche gerissen und im Stehen geschrieben wie folgt: »Ein kleiner,
schwarzer Affenpinscher mit hellblauseidenem Halsband, auf den Namen
Nap hörend, hat sich verlaufen. Der ehrliche Finder wird gebeten,
denselben gegen eine angemessene Belohnung im Hotel zum grünen Falken,
Zimmer Nr. 10, abzugeben.« Meine Adresse fügte ich bei, damit die Sache
an Wahrscheinlichkeit gewönne und die junge Dame nicht glaubte, ich
wollte sie nur unter einem Vorwand wiedersehen.
Nun denken Sie -- der arme Nap! Er mußte noch herhalten, mußte sich
angeblich verlaufen haben, um seinen Herrn auf den richtigen Weg zu
bringen! Einige Kreuz- und Querfragen führten mich rasch nach der
Expedition des Blattes, welches, wie ich hörte, das einzige für den
ganzen Kreis, daher mit Inseraten stets sehr überhäuft war.
Auch heute fand sich in dem Local eine bedeutende Menschenmenge vor,
welche fast bis an die Thür hin sich drängte und nur langsam zum
Schalter avancirte. So sah ich denn auch meine Unbekannte gleich am
Eingang stehen, ihr Zettelchen in der Hand wartete sie geduldig auf den
Augenblick der Beförderung.
Als ich sie mit ehrerbietiger Verbeugung begrüßte, dabei etwas von
»glücklichem Zufall« murmelte, sah sie mich überrascht an, erröthete
und ein leichtes Zucken ihrer Augenbrauen verrieth, daß sie diese
zweite Begegnung für keine zufällige hielt. Auf meine Bemerkung
erwiderte sie kein Wort, sondern sah mit einer schnellen Kopfwendung
nach der andern Seite hin. Ich that, als bemerkte ich es gar nicht.
»Denken Sie, mein Fräulein, wie traurig es mir ergeht! Ich komme vor
drei Tagen ganz fremd hier in die Stadt und bin heute schon in der
Lage, eine Annonce in die Zeitungsexpedition zu tragen, in der ein
verlorener Besitz und ein ehrlicher Finder die Hauptrolle spielen!«
Meine Nachbarin blickte rasch auf. Sie mochte fühlen, daß sie mir
Unrecht gethan -- nach =ihrer= Ansicht -- und ärgerte sich vielleicht
ein wenig über die Eitelkeit, welche ihr zugeflüstert, ich sei
wohl ihretwegen nach der Expedition gekommen, kurz, sie entgegnete
etwas freundlicher, sie sei in demselben Fall. Sie habe ein kleines
Schmuckstück verloren, ein liebes, unersetzliches Andenken.
»So, wie es hier beschrieben ist,« fügte sie hinzu und reichte mir den
kleinen Zettel, den ich behutsam ergriff. »Können Sie mir wohl sagen,
mein Herr, ob die Anzeige so richtig gefaßt ist? Ich wollte zu Haus
Niemand darum fragen,« setzte sie treuherzig hinzu, »weil -- nun, weil
ich fürchtete, mein Vater könnte sehr ungehalten sein, wenn er erführe,
daß ich eben =dieses= Besitzthum verloren habe!«
Der Zettel enthielt in einer zierlichen Schulmädchenhand die Anzeige,
daß ein schmaler goldener Ring mit einem Vergißmeinnicht von Türkisen
darauf verloren gegangen und gegen Belohnung T...straße Nr. 6
abzugeben sei.
»Sie können sich einige Worte sparen,« bemerkte ich; »mit Ihrer
Erlaubniß gebe ich dem Ganzen eine geschäftsmäßigere Form.«
Sie nickte und ich ließ mit großer Geschicklichkeit das Original des
kleinen Schriftstückes in meiner Brieftasche verschwinden, als ich dem
Fräulein die Copie überreichte. Sie schien es gar nicht zu bemerken.
»Sie sagten, Sie hätten auch etwas verloren,« begann sie nun ihrerseits
etwas schüchtern, »ist es auch ein Andenken?«
»Ja, aber anderer Art,« erwiderte ich, »=mein= Andenken hat vier Beine,
einen krausen, schwarzen Pelz und bellt -- mein Hund ist mir verloren
gegangen!«
»Ach, wie schade,« sagte sie bedauernd, »aber wie kann man einen Hund
verlieren!« setzte sie vorwurfsvoll hinzu.
»Nun,« gab ich ruhig zurück, »ebensogut, wie man einen Ring verlieren
kann, den man am Finger trägt.«
Sie lachte.
»Ich hatte ihn aber abgezogen,« erwiderte sie eifrig, »ich wollte ihn
zu dem Juwelier dort drüben tragen,« sie wies nach einem hübschen Laden
mit großen Spiegelfenstern, »wie ich nun hinkomme und den Ring abgeben
will -- ist er fort, und ob ich ihn auf dem Wege oder sonst wo verloren
habe, weiß ich nicht.«
»Ich denke, er findet sich wieder,« tröstete ich, »und ich für meine
Person werde jetzt immer mit niedergeschlagenen Augen umhergehen -- wer
weiß, ob ich nicht das verlorene Vergißmeinnicht irgendwo treffe und
dann so glücklich bin, es Ihnen zu geben.«
In diesem Augenblick wurde Platz am Schalter, die junge Dame eilte
vor, gab ihren Zettel ab und verließ mit einer flüchtig freundlichen
Kopfneigung gegen mich die Expedition, während ich nach ihrem
Verschwinden gedankenlos mein Inserat bezahlte und mir dann überlegte,
daß es ja nun ganz unnöthig gewesen sei, meine Lüge dem Druck zu
übergeben. Doch Sie wissen, zu geschehenen Dingen läßt sich zwar noch
viel sagen, aber nichts mehr thun. Ich ging dann meiner Wege, grübelnd
und sinnend, wie ich den angeknüpften Faden der Bekanntschaft weiter
spinnen sollte.
Plötzlich fiel mir etwas ein.
Ich dachte, einmal gelogen, ist nach einem alten Sprichwort kein Mal,
also wollen wir es noch ein zweites Mal thun, und dabei mehrere Fliegen
mit einer Klappe schlagen -- die Gelegenheit zur Fortsetzung einer
Beziehung finden, die mich schon mächtig anzog, und dem liebenswürdigen
Mädchen väterliche Vorwürfe ersparen.
Schnell, um dem Gewissen nicht erst Zeit zu lassen, mir etwas
vorzubellen, betrat ich den mir von der jungen Dame bezeichneten
Juwelierladen und bat, mir verschiedene Ringe vorzulegen. Während der
Kaufmann das Verlangte herbeiholte, durchblätterte ich rasch den auf
dem Ladentisch liegenden Adreßkalender, der mir auch bald über Namen
und Stand meines Gegenüber bereitwillig Auskunft ertheilte.
Ich hatte Recht, der Vater des Mädchens war, wie ich vermuthete,
Justizrath -- leider sind die Adreßbücher nicht ausreichend, um
sonstige gewünschte Details über eine Familie zu erfahren. Indeß ich
wußte genug und begann mein Lügengewebe zuversichtlich weiter zu
spinnen.
Ich suchte unter den Schmucksachen, die der freundliche Kaufherr mir
vorlegte, schüttelte den Kopf und sagte endlich, dies sei Alles nicht
was ich wollte, ich brauchte einen bestimmten Ring.
»Ich will genau denselben haben, den Fräulein W..., die Tochter des
Justizrath W... in der T...straße, besitzt, es handelt sich um eine
Wette,« fügte ich rasch hinzu, da der Juwelier mich erstaunt ansah und
sogar ein wenig lächelte.
»Ich erinnere mich des Ringes ganz gut,« sagte er nun, »und ich hatte
genau denselben noch einmal, habe ihn aber meiner Tochter geschenkt,
der er bei Fräulein W... so gut gefiel.«
»Das ist betrübend,« erwiderte ich achselzuckend, »denn ich müßte ihn
bald haben. In zwei bis drei Tagen spätestens verlasse ich die Stadt
und möchte meine Wette gern vorher noch zum Austrag bringen.«
Der Juwelier besann sich ein Weilchen.
»Wenn Ihnen so sehr viel daran gelegen ist,« begann er dann zögernd,
»so könnte ich ja meiner Tochter später ein anderes Exemplar des
Gewünschten anfertigen lassen -- er ist nun freilich schon längere Zeit
getragen worden und sieht nicht mehr ganz so blank aus, wie ein neuer
Ring.«
»Um so besser,« rief ich erfreut und unvorsichtig, setzte aber dämpfend
hinzu, »ich meine, das schadet nichts -- wenn Ihr Fräulein Tochter so
sehr gütig sein wollte!«
»Ich will mit ihr sprechen,« bemerkte der Vater, dem die Sache
zweifelhaft schien, »vielleicht bemühen Sie sich morgen früh noch
einmal zu mir.«
Ich versprach es und verließ den Laden, ärgerlich darüber
nachdenkend, wie ich nun den Tag hinbringen werde. Nachdem ich mein
schönes _vis-à-vis_ einmal gesprochen, konnten mich die stummen
Fensterbeobachtungen nicht mehr ergötzen, und waren gewissermaßen auch
unstatthaft geworden.
In reiferen Jahren sieht man erst ein, wie thöricht es ist, sich
darüber zu beklagen, daß die Zeit nicht rasch genug vergeht! Aber die
Jugend, mit ihrem unerschöpflichen Reichthum an zukünftigen Tagen,
möchte oft das »heute« mit den Händen vorwärts schieben, um bald zu
irgend einem ersehnten »morgen« zu gelangen!
Nun, auch mein Tag ging dahin -- und ehe ich mich's versah, war der
Abend da und die Nacht -- ich ging auf mein Zimmer, um mich zur Ruhe zu
begeben.
Vorher öffnete ich noch einmal das Fenster und sah auf die Straße und
auf das Haus gegenüber.
Das Wetter hatte sich aufgeklärt, ein ruhiger Mondschein lag auf den
Dächern, milde, warme Luft strich über meine Stirn -- ich konnte weiter
reisen -- wenn ich wollte!
Ich schlief bis tief in den nächsten Morgen hinein und trat im Traum
auf einen kleinen harten Gegenstand, der sich als ein Ring mit einem
blauen Stein auswies. Freudestrahlend will ich mich eben damit nach dem
Hause des Justizraths begeben -- da klopft es an meine Thür, und die
naseweise Bemerkung: »Der Barbier ist da!« ruft mich aus der Traumwelt
in die rauhe Wirklichkeit zurück.
Ich frühstückte eilig -- es war mittlerweile elf Uhr geworden -- und
wollte eben das Hotel verlassen, als ich neben meiner Kaffeetasse die
neueste Zeitung liegen sah.
Hastig durchsuchte ich den Inseratentheil -- richtig -- da stand der
kleine, blaue Ring, und da stand Nap, im Falken Zimmer Nr. 10 abzugeben.
Sofort machte ich mich auf den Weg zum Juwelier.
Der prachtvollste Sommertag, klar und warm, war angebrochen -- zu einer
Gebirgsreise wie geschaffen!
Ich schämte mich eigentlich, daß ich nicht reiste!
Im Laden angekommen, bemerkte ich sofort an dem lächelnden Gesicht des
Inhabers, daß »Goldschmieds Töchterlein« wirklich so liebenswürdig
gewesen sei, den Ring herzugeben. Ich bezahlte, steckte mein
neuerworbenes Eigenthum schleunigst in die Tasche und begab mich nach
dem Hause, welches schon so lange der Gegenstand meiner eifrigsten
Beobachtungen war.
Vor der Thür stand ich einen Augenblick still. Mir sagte eine innere
Stimme, daß ich mit dieser Schwelle zugleich einen bedeutungsvollen
Lebensabschnitt beträte -- und mit heiligem Schauder zog ich an dem
Klingelgriff.
Meine Karte, die ein sauberes Dienstmädchen hineinbeförderte, mochte
wohl Verwunderung erregen, um so mehr, da ich nach den Damen gefragt
hatte, also nicht wohl für einen geschäftlichen Besucher gelten konnte
-- aber ich wurde angenommen und befand mich bald in einem großen,
hellen Zimmer, das in einen schönen, blumengeschmückten Gartensalon
Einblick gewährte.
Auf dem Sopha saß die schon erwähnte ältere Dame -- aber sonst war
Niemand zu sehen!
Das Schicksal schien mir durch meinen schon ganz ausgearbeiteten
Entwurf einen häßlichen Strich machen zu wollen -- indeß ich konnte
nichts weiter dabei thun!
Die Dame stand auf, machte mir eine Verbeugung und sah mich fragend an.
»Ich muß sehr um Entschuldigung bitten,« begann ich, mit einer
mir durchaus neuen Verlegenheit kämpfend, »daß ich so fremd hier
einzudringen wage. Meine Kühnheit ist nur durch einen besondern Umstand
zu entschuldigen -- ich habe heute Morgen in der Zeitung gelesen, daß
eine Dame aus diesem Hause einen kleinen Ring verloren hat -- und ich
bin so glücklich gewesen, denselben wiederzufinden!«
»Ach, Sophiechen's Ring,« rief die Dame mit sehr freundlichem Gesicht,
»das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, mein Herr, daß Sie sich selbst
zu uns bemühen. Das arme Kind hat sich schon soviel um den Ring
gegrämt, sie hatte ihn von der Tante Adele, die dann so bald gestorben
ist, eine Schwester der Frau Justizräthin, die uns auch leider so früh
entrissen wurde, und da durfte gar nichts verlauten, daß der Ring
verloren war, denn der Herr Justizrath ist im Allgemeinen sehr gut,
wirklich, man kann sagen, ausnehmend gut und nun gar zu Sophiechen ein
sehr guter Papa, aber Sie wissen ja, wie die Herren sind, sie haben
alle ihre Eigenheiten und eigen ist der Herr Justizrath auch.«
Ich fand begreiflicher Weise weder Zeit noch Gelegenheit, ein Wort
einzuschieben.
»Nun aber,« fuhr die gute Dame fort, »will ich Sophiechen holen. Sie
sollen selbst sehen, was sie für eine Freude haben wird! Sie ist ja
schon ganz unglücklich über den Ring! Nein, ich kann mich gar nicht
genug wundern, daß er wieder da ist! So ein kleines Ding, wie leicht
konnte er zertreten werden, oder bei dem Regen gestern -- er konnte
in die Gosse fallen -- und weg war er! Es konnte ihn ja auch Jemand
finden, der nicht ehrlich war -- es giebt zu schlechte Menschen!«
Hier ging ihr glücklicherweise der Athem aus und sie verließ mit den
Worten: »Einen Augenblick, mein Herr!« das Zimmer, während ich meinen
Ring in der Hand hielt, mich schämte und mich freute.
Es verging eine ziemliche Zeit, ehe die Dame wieder eintrat, und dicht
hinter ihr das junge Mädchen, deren Bekanntschaft ich schon gestern
gemacht.
Sie stutzte, als sie mich sah, erröthete und setzte eine kleine
vornehme Miene auf. Ich wollte mich ihr eben mit einigen erklärenden
Worten nähern, als die Alte wieder dazwischen fuhr.
»Na, Sophiechen, du wirst dich wundern! Du wunderst dich wohl schon,
nicht wahr? Wie ich ihr sage, daß sie mitkommen soll, es wäre ein
fremder Herr da, da sagt sie: »Tante, was soll ich denn drüben, du
kannst doch wohl einen fremden Herrn allein annehmen,« denn sie war
gerade über dem Einkochen von --«
»Liebe Tante,« unterbrach sie das Mädchen freundlich, »das kann den
Herrn unmöglich interessiren!«
Und dabei wandte sie sich zu mir und sah mich fragend an.
»Darf ich wissen, was es ist, wovon meine Tante sich so große
Verwunderung meinerseits verspricht?«
»Ich war so glücklich,« begann ich stockend, hielt aber inne und
überreichte ihr den Ring.
Eine helle Freude flog über das reizende Gesicht und zwei große Thränen
traten ihr in die Augen. Mit ausgestreckter Hand kam sie auf mich zu.
»Ich danke Ihnen -- ich danke vielmals! Sie machen mir eine unendlich
große Freude -- mein lieber Ring!«
Ich kam mir in dem Augenblicke wie ein ganz nichtswürdiger Betrüger
vor! Hier stand ich und nahm Dank, Freudenthränen, freundliche Aufnahme
-- sogar einen freundlichen Händedruck entgegen -- für einen ganz
abscheulichen Schwindel.
Ich war drauf und dran, meine Sünden zu bekennen, und herausgeworfen zu
werden, als sich die Thür auf's neue öffnete und der stattliche Herr
des Hauses eintrat.
Er blieb überrascht stehen, als er die Gruppe in der Mitte des Zimmers
erblickte.
Sie -- die Gruppe -- sah auch nicht unbedenklich aus! Ein verlegener
junger Mann, ein erröthendes Mädchen mit Thränen in den Augen und einem
Ringe in der Hand und eine ältere Dame, die eben hätte segnen können!
Diese Letztere stürmte indeß sofort auf den verblüfften Justizrath ein
und überschüttete ihn mit Ausrufen, Erklärungen, Vorstellungen -- bis
er sich lachend die Hände vor die Ohren hielt.
»Das Kurze und Lange von der Sache ist jedenfalls, daß Sophie ihren
Ring verloren und wiederbekommen hat und daß wir Ihnen, mein Herr,
dafür zu danken haben.«
Höfliche Verbeugung! Wieder ein Dank, den ich nicht verdiente! Ich
erstickte fast daran und mußte mich nun noch von dem Papa auf's Sopha
nöthigen lassen und eine halbe Stunde lang mit ihm über Juristerei
plaudern!
Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich begreifen, wie einem Friseur
oder Schneidergesellen zu Muth sein muß, der als Graf in ein Weltbad
reist und demgemäß behandelt wird.