zu dem tollen Streich, der ihn hierhergebracht? Hätte er nicht ruhiger,
nachgiebiger sein sollen? O, und wer war gestraft, wer, als er selbst,
der wie ein Fluchbeladener hier kniete, und auf den Herzschlag des
Mannes lauschte, den seine Waffe hingestreckt, und der sich ihm, wie
er nun wohl wußte, ohne Gegenwehr zum Ziel gesetzt! Als er, tief
aufstöhnend, den Kopf erhob, und Rüdiger anblickte, öffnete dieser
langsam die Augen, und sah ohne bestimmtes Ziel vor sich hin.
Dann erhob er die linke Hand nach der Stirn und versuchte, sich
aufzurichten.
Erting, obwohl bebend am ganzen Körper, unterstützte ihn. Rüdiger
erkannte seinen kleinen Feind und ein leises Lächeln flog über sein
Gesicht.
»Herr Erting, bemühen Sie sich nicht! Und sehen Sie nicht so jämmerlich
aus, es war mir ganz gesund, daß Sie mir etwas Blut abzapften!«
Der schwache Ton der Stimme traf Erting wie ein Dolchstoß.
»Ich habe Sie unglücklich gemacht,« stöhnte er, die Hände vor's Gesicht
schlagend, »können Sie mir verzeihen?«
Rüdiger erröthete leicht.
»Erting, machen Sie mich nicht verlegen,« sagte er hastig und streckte
die Hand nach dem Andern aus, »ich Ihnen verzeihen! Ich habe Sie
auf das Unerhörteste behandelt und kann von Glück sagen, mit einer
so »gnädigen Strafe« davon zu kommen. Und was das Unglücklichmachen
betrifft, bester Freund, diese linke Hand wird schon noch eine Büchse
führen können, bis die rechte wieder dienstfähig ist!«
Er schloß wieder die Augen, die letzten Worte hatte er schon fast
gemurmelt -- aber endlich, endlich kamen Schritte den Corridor entlang.
Der Förster, Job und noch ein paar Unbekannte drangen ins Zimmer.
Einer davon, ein kleiner, untersetzter Mann, näherte sich dem jungen
Schloßherrn und begann mit anscheinender Sachkenntniß den verwundeten
Arm zu untersuchen.
Erting wartete auf seinen Ausspruch, wie auf das Urtheil über Tod und
Leben, nachdem Job ihm mit finsterer Miene gesagt, es sei der Wundarzt.
»Ist das Bett des Herrn Baron bereit?« frug der Heilkünstler jetzt.
»Wie lange schon!« murrte Job, »es ist ja glücklich fünf Uhr vorbei!«
»Nun, Scholz, was meinen Sie zu mir?« sagte Rüdiger, sich ein wenig
aufrichtend, »heulen Sie mir aber nichts vor, denn ich verstehe ebenso
viel von der Chirurgie wie Sie, alter Bartscheerer! Kaput oder nicht?«
»Der Knochen ist durch und durch, Herr Baron,« erwiderte der Wundarzt
trocken. Erting klappte zusammen wie ein Taschenmesser, während Rüdiger
kein Zeichen der Bewegung sehen ließ.
»Herr Baron fangen auch schon an zu fiebern, vor allen Dingen ruhige
Lage und kühles Getränk!«
»Tröstlich!« sagte Rüdiger, dessen Augen allerdings bereits fieberhaft
zu glühen begannen, »denken Sie aber nicht, daß ich Ihrem blödsinnigen
Gewäsch folge! Was, ruhige Lage! -- sitzen werde ich bis morgen früh
und mein kühles Getränk wird auch von anderer Art sein, als Sie sich
einbilden! Was, Erting? Haben wir unsere schöne Feindschaft mit
Menschenblut besiegelt, so soll nun Rebenblut dran! Job, flink, in den
Keller!«
»Baron Rüdiger,« sagte Erting flehend, und faßte in seinem Eifer die
Hand des Gegners, »ich beschwöre Sie, thun Sie, was der Arzt Ihnen
sagt! Bedenken Sie, was daraus entstehen könnte, wenn Sie sich seinen
Anordnungen widersetzen.«
Dem kleinen, gutmüthigen Mann traten fast die Thränen in die Augen.
Rüdiger sah ihn einen Moment verwundert an und lachte kurz auf.
»Sie sind eine gute Seele,« sagte er, »und sollen sich nicht ängstigen!
Ich werde zu Bett wandern, damit Sie nicht, wenn ich mit achtzig Jahren
sterbe, sich einbilden, ich wäre an Ihrem Tellschuß draufgegangen und
sich ihr Greisenalter durch Gewissensbisse verderben. Aber vor allen
Dingen sollen Sie jetzt in die Stadt zurückkehren. Job, laß anspannen!
ah, der Wagen kommt schon eine -- schwere Kutsche, wie sie rasselt!
Aber die Todten reiten schnell!«
Er schloß die Augen.
»Zu Bett mit ihm,« sagte der Chirurg energisch, »das Fieber steigt
rapide. Wenn Sie nach der Stadt fahren,« wandte er sich an Erting, »so
schicken Sie doch noch einen Arzt heraus, ich mag die Verantwortung
nicht allein übernehmen.«
Rüdiger, der inzwischen wieder zu sich kam, ließ sich ohne weiteren
Widerstand von Erting und Job in sein Zimmer bringen, dann kehrte
Ersterer zu dem Arzt zurück.
»Geben Sie mir Ihre Directionen für die Nacht,« sagte er mit
ungewöhnlicher Festigkeit, »ich bleibe bei dem Baron, er hat schon
darein gewilligt.«
Der Chirurg sah ihn erstaunt an.
»Nun meinetwegen,« sagte er, »legen Sie ihm fleißig Eis auf den Kopf,
und halten Sie ihn möglichst ruhig. Aber ein Arzt muß noch heraus!«
»Schön, bestellen Sie einen reitenden Boten, ich schicke zu Doctor
Stein, er ist einer der besten Aerzte und mir persönlich bekannt.
Halten Sie denn den Zustand des Barons für gefährlich?« Ertings Lippen
zitterten.
»Offen gesagt, ja!« erwiderte der Wundarzt nach einigem Besinnen,
»das Fieber tritt so schnell und heftig auf, daß es die Kräfte sehr
hinnehmen muß und für einen Mann von des Barons ganzer Natur ist ein
Krankenlager immer eine böse Sache. Aber wir wollen das Beste hoffen!«
Erting schrieb in fliegender Eile, während der Bote sich bereit machte;
er citirte Doctor Stein heraus und benachrichtigte in einem zweiten
Briefe Edith von seinem Aufenthalt und dem stattgehabten Duell.
Dann kehrte er zu Rüdiger zurück, den er in den wildesten Phantasien
vorfand.
Doctor Stein, den wir gleichfalls am Eingang unserer Erzählung kennen
lernten, traf in wenig Stunden ein. Er trat mit dem ihm eigenen,
besonnenen Wesen an das Lager des wilden Kranken, und sein Einfluß
vermochte Rüdiger so weit zu beruhigen, daß er auf einige Fragen
ziemlich klar antwortete. Aber nach wenig Augenblicken verfiel er schon
wieder in heftige Raserei. Erlebtes und Geträumtes mischte sich auf
eine für Erting unbeschreiblich qualvolle Weise in seine Reden.
Doctor Stein sah bedenklich aus, als er sich empfahl.
»Wir wollen die Büchse nicht gleich ins Korn werfen,« sagte er auf
Ertings verzweifelt fragenden Blick, »aber das Ungestüm des Fiebers
macht mich besorgt. So viel ich weiß, hat Rüdiger keinen nahen
Verwandten, ich werde einen Pfleger aus der Stadt schicken.«
»Thun Sie das nicht,« bat Erting flehentlich, »sagen Sie mir Alles, was
geschehen soll, Stein, ich will gewiß nichts an ihm versäumen! Gönnen
Sie mir den kleinen Trost für das Schreckliche, was ich in meinem
unsinnig gereizten Zustand angerichtet habe!«
Er sah so tief unglücklich aus, daß Stein ihm theilnehmend die Hand auf
die Schulter legte.
»Ruhig Blut, alter Freund,« sagte er tröstend, »Rüdiger ist jung und
hat schon mehr Stürme ausgehalten, als diesen! Ich traue Ihnen übrigens
Umsicht und Sorgfalt genug zu, um die Pflege durchzuführen, aber eins
sage ich Ihnen, Sie müssen nach aller Voraussicht eine ganze Zeit lang
tüchtig auf dem Platze sein, Tag und Nacht!«
Erting nickte nur stumm und kehrte, nachdem der Doctor das Schloß
verlassen hatte, sofort zu seinem Posten zurück. Tage und Nächte saß er
nun an Rüdigers Lager, nur selten auf kurze Stunden von Job abgelöst.
Keine Mutter hätte zarter und sorglicher mit dem Verwundeten umgehen
können, als der kleine, ehrliche Mann, den er so schwer gekränkt.
Und während dieser angstvollen Stunden im stillen Krankenzimmer ging
in dem Herzen der beiden Rivalen eine seltsame Wandlung vor. Erting
fühlte, wie die Sorge um seinen Pflegling, die Freude an den --
freilich seltenen -- Momenten, wo es besser zu gehen schien, ihm nach
und nach eine wirkliche Neigung zu dem Gegenstande dieser Sorgen und
Freuden einflößte. Oft ertappte er sich dabei, daß er fast mit einem
Gefühl von Zärtlichkeit in das schöne, bleiche Gesicht des Kranken
blickte, und seine fieberglühende Hand sanft streichelte. Und Rüdiger,
der nie die Augen bewußt aufschlug, ohne in das treuherzige Gesicht
Ertings zu blicken -- der jeden Labetrunk aus den Händen des einst so
Gehaßten und Verspotteten entgegennahm -- er hatte, unklar, wie die
Krankheit ihn denken ließ, doch schon ganz die Empfindung, daß dieser
kleine Mann zu ihm gehöre -- daß ihm etwas fehle, wenn Erting nicht an
seiner Seite sei.
Jeden Tag kamen Erkundigungen nach Rüdigers Befinden -- aus Brandeck
und aus der Residenz, und die tägliche Antwort -- »noch beim Alten,«
wollte und wollte keiner Besserung weichen.
Eines Abends, als Erting in traurigem Hinbrüten an Rüdigers Lager saß,
blickte dieser plötzlich mit ungewohnter Klarheit zu ihm auf.
»Erting,« sagte er, »mir ist heut auf einmal merkwürdig vernünftig
im Kopf, das muß ich schnell benutzen! Ich danke Ihnen, Erting, für
alle Liebe, die Sie mir erwiesen haben -- Sie sind ein braver, treuer
Kamerad und ich habe es nicht um Sie verdient!«
»Schweigen Sie doch,« sagte Erting rauh, um seiner Bewegung Herr zu
werden.
Rüdiger schüttelte den Kopf.
»Lassen Sie mich heute reden!« fuhr er schwach, aber ganz ruhig fort,
»wer weiß, ob ichs morgen noch kann! Ich glaube beinahe, alter Freund,
es wird am längsten gedauert haben mit mir und darum will ich Ihnen
heut noch Alles sagen, was ich auf dem Herzen habe. Lassen Sie mich
reden,« wiederholte er hastig und erregt, »oder ich springe aus dem
Bett, so viel Kräfte habe ich schon noch!«
»Nun, so reden Sie,« sagte Erting rathlos, als er sah, daß Rüdiger sich
mühsam emporrichtete, »aber fassen Sie sich kurz, und dann schlafen
Sie!«
»Ich will Ihnen nur sagen,« begann Rüdiger in kurzen Sätzen und schnell
athmend, »daß ich nicht ganz der hinterlistige Schurke bin, für den
Sie mich gehalten haben. Als ich an dem Abend, Sie wissen ja, dem
Maskenabend, ins Schloß kam, wollte ich Sie nicht entführen, bei Gott
nicht! Ich wollte -- ja sehen Sie mich nur an, ich wollte Edith« -- er
seufzte schwer auf -- »also -- Edith ein letztes Ultimatum stellen --
sie sollte mit mir davongehen! Sie wurde zornig -- und wir geriethen
aneinander!«
Er schwieg einen Augenblick erschöpft, fuhr aber gleich wieder fort:
»Da kam mir plötzlich, blitzschnell der Gedanke, wie, wenn du =ihn=
wegbrächtest? Dann könnte keine Hochzeit sein und du hättest der ganzen
Bande noch einmal tüchtig die Hölle heiß gemacht. An Das, was später
kommen könnte -- dachte ich nicht -- habe ich nie gedacht -- nie!«
»Ja, ja!« sagte Erting beruhigend, als Rüdiger wieder schwach
zurücksank, »das weiß ich ja! Aber nun schweigen Sie auch wieder still!«
»Nur Eins noch, Erting,« sagte Gerald, und faßte des Andern Hand, »ich
spreche nicht aus Egoismus, beim Himmel nicht! Ich werde keinem Freier
mehr in den Weg treten! Aber glauben Sie mir, geben Sie Edith los! Sie
Beide taugen nicht für einander, ich kenne das Mädchen besser -- sie
würde unglücklich werden und machen! Die hätte zu so einem Durchgänger
gepaßt wie ich bin, -- nun, es sollte nicht sein!«
»Rüdiger,« sagte Erting mit vor Rührung zitternder Stimme, »nun hören
Sie, was ich zu sagen habe. Glauben Sie wirklich, daß wenn Sie sterben
sollten -- wenn ich Sie umgebracht hätte, und das hätte ich doch! daß
ich dann noch Edith Brandau heirathen könnte? Nein, Rüdiger, das nicht!
das nicht! Und sie würde es auch nicht thun, denn sie weiß ganz gut,
daß Sie um ihretwillen hier liegen! Nein, mein lieber Freund, wenn Sie
wieder gesund sind -- und Sie =werden= wieder gesund werden -- dann
sollen Sie sie selbst fragen, was sie davon denkt -- =ich= stehe Ihnen
nicht mehr im Wege!«
»Und Sie glauben, ich würde eine solche Großmuth annehmen?« rief
Rüdiger fieberhaft erregt, »ich hätte gehofft, daß Sie mich nun besser
kennten!«
Erting sah vor sich nieder.
»Ich will einmal ehrlich sein, Rüdiger,« sagte er und wurde roth, »so
sehr großmüthig wäre es nicht 'mal von mir! Ich habe schon lange das
Gefühl, als wenn Edith Brandau und ich einen dummen Streich begangen
hätten, als wir uns verlobten, und -- und ich muß Ihnen nur sagen, ich
habe irgendwo in der Welt eine kleine Cousine, -- nun, Sie können sich
das Andere denken!«
Rüdiger schwieg eine Weile, dann strich er sich das Haar von der Stirn.
»Das nützt mir Alles nichts, Erting! Erstens sterbe ich, das wissen
Sie ja so gut wie ich, und dann, wie Edith ist, habe ich sie mir durch
meinen tollen Streich von vornherein verscherzt! Ein Mädchen wie sie
läßt sich nicht ertrotzen; wenn ich ihr nicht gleichgültig war -- und
ich war es nicht -- jetzt bin ich es geworden, glauben Sie mir, Erting!
Aber ich habe nun genug gesprochen, ich will schlafen!«
Und er wandte den Kopf ab und verbarg das Gesicht in den Kissen.
Spät Abends jagte ein reitender Bote nach der Stadt. Doktor Stein wurde
geholt, Rüdigers Zustand hatte sich aufs Heftigste verschlimmert.
Stein blieb mehrere Stunden da, und als er um Mitternacht zurückfuhr
und versprach, gegen Morgen noch einmal wiederzukommen, da wußte man im
Schloß, daß Rüdigers Leben menschlicher Voraussicht nach nur noch nach
Stunden zähle.
Im Dorf verbreitete sich die Kunde mit Blitzesschnelle, sie flog mit
ihren schwarzen Flügeln über die Grenze von Brandeck und schlug an die
Fenster, hinter denen Edith wohnte, und schlug auf das verzweifelnde
Herz von Geralds erster Liebe.
Als der Wagen des Doctors noch vor der Dämmerung wieder in den
Schloßhof fuhr, lag Rüdiger in unruhigem Halbschlummer. Erting öffnete
leise die Thür, als er Schritte im Vorzimmer vernahm.
»Stein, sind Sie es?«
»Ja, und ich habe noch Jemand mitgebracht,« sagte der Doctor mit
unterdrückter Bewegung, »machen Sie einmal Platz, Erting!«
Er zog ihn sanft von der Thür zurück und eine tief verschleierte
Frauengestalt trat ihm entgegen und streckte ihm beide Hände hin.
»Ludwig, verzeihen Sie mir, was ich Ihnen angethan habe -- und
verzeihen Sie mir auch diesen Schritt -- aber ich mußte Ihn noch
=einmal= sehen!«
Erting nahm ihre Hände sanft in die seinen. »Gehen Sie zu ihm, Edith,
ich habe Ihnen nichts mehr zu verbieten -- der da drinnen hat Sie mit
seinem Blut erkauft!«
Sie trat langsam, bebend an das Bett des Schlummernden, sie sah einige
Augenblicke in sein bleiches Gesicht und dann kniete sie neben ihm
nieder und küßte seine Hand.
Da sah er empor, nicht erstaunt, sondern nur sehr glücklich, und sagte:
»Nicht wahr, du bleibst jetzt bei mir?«
Und als sie vor Thränen nur stumm zu nicken vermochte, schloß er die
Augen und verfiel in einen sanften Schlummer.
»Das war ein Gewaltstreich,« sagte Doctor Stein eine Stunde später
zu Erting, »aber er hat die Krisis beschleunigt. Ich halte ihn für
gerettet!«
* * * * *
Und als der nächste Sommer davon fliegen wollte, war Alles gekommen,
wie es hatte kommen müssen! Gerald Rüdiger und seine schöne Frau
standen auf der Freitreppe ihres Schlosses; in den übermüthigen blauen
Augen des »tollen Junkers« war ein ernsteres Licht aufgegangen; dies
und der steife Arm, der noch immer nicht wieder ganz beweglich sein
wollte, gemahnte noch an die Vergangenheit, die ihm heute wieder
besonders lebhaft nahe gerückt worden.
Denn der heutige Tag hatte liebe Gäste gebracht -- Ludwig Erting, der
den Freunden seine Braut vorstellte! Die Mutter war Angesichts =dieser=
treuen Liebe gerührt worden, um so leichter, da sie sich mit Martha in
ihrer hauptsächlichsten Ueberzeugung fand, darin, ihren kleinen, braven
Sohn für den Inbegriff alles Guten, Schönen und Tüchtigen zu halten.
Und Rüdiger? -- Der Traum, den er auf seinen wilden Fahrten geträumt,
ist zur Wahrheit geworden; wenn der Mond sanft und klar über dem
Wolfsdorffer Schloß emporsteigt, stehen er und -- noch Eine am
Fenster und hören die Nachtigallen schlagen, und ihr Lied erzählt ihm
immer wieder die Geschichte, die zu hören er nicht müde wird -- die
Geschichte von der Liebe seiner Jugend -- von dem Kampfpreis seines
Lebens.
Finderlohn.
Im Spätsommer des vergangenen Jahres, so erzählte eine mir befreundete
Dame, unternahm ich eine kleine Reise nach dem Badeort K... Der Zufall
führte mich auf dem Bahnhof mit einer Freundin zusammen, und froh, die
etwas einförmige Fahrt durch angenehme Gesellschaft verkürzt zu sehen,
bestieg ich dasselbe Coupé mit ihr. Es war allerdings kein Damencoupé,
welches ich bei allein unternommenen Reisen sonst vorziehe, indeß ist
dies eigentlich ein Vorurtheil, welches jede Frau, die über sechzehn
Jahre zählt, zu ihrem eigenen Besten bekämpfen sollte. Alle Hochachtung
vor den reisenden Repräsentantinnen meines Geschlechts -- aber ich bin
noch nie in einem solchen Coupé gefahren, ohne mich über die kleinliche
Ungefälligkeit meiner Reisegefährtinnen, ihre Empfindlichkeit gegen
Hitze und Kälte und ihre beständigen Wünsche nach solchen Lebensmitteln
zu ärgern, die eben auf den Stationen =nicht= zu haben waren.
So dankte ich denn dem Zufall, der mich heute aus diesem Dilemma
erlöste, und bestieg mit meiner Freundin zusammen einen Waggon, der
den Gebildeten beiderlei Geschlechts zugänglich war. Außer uns befand
sich nur noch ein alter Herr im Wagen, der uns, als wir einstiegen,
freundlich begrüßte.
Da unser Reisegefährte der Held der Geschichte ist, die ich zu
erzählen im Begriff stehe, so kann ich es nicht unterlassen, ihn
zu beschreiben mit all' dem Enthusiasmus, den ich für ihn empfand;
erstens um dem Leser damit ein Bild von ihm zu geben, und zweitens in
der stillen Hoffnung, daß der Gegenstand meiner Zuneigung vielleicht
irgendwo diese Blätter zur Hand nimmt, darin liest und nach einer Weile
mit dem mich noch in der Erinnerung entzückenden herzlichen Lachen, in
welches er zuweilen ausbrach, ruft: »Das soll =ich= wohl am Ende sein?«
Mein lieber, alter Herr! Denn jung war er insofern nicht mehr, als
seine freie Stirn von schneeweißem, feinem Haar umwachsen war, welches,
glänzend wie die Federn eines Silberreihers, ein wenig keck in die Luft
stand, und die sehr schönen, auffallend hochgeschwungenen Augenbrauen
auch schon ein wenig beschneit aussahen. Jung aber war er doch, denn
unter diesen seltsamen Augenbrauen sahen zwei so schöne, lebhafte,
recht junge Augen hervor, daß sie einem Zwanziger Ehre gemacht hätten
-- jung war er, denn das blühende Roth einer erprobten Gesundheit lag
auf seinem schönen Gesicht, die liebenswürdige, goldene Heiterkeit
einer ewigen Jugend tönte aus dem unwiderstehlich herzlichen Lachen,
mit welchem er in jeden Scherz einstimmte.
Man sieht, ich verlor sofort mein Herz an den reizenden alten Herrn!
Das ist ein Damenwort, ich weiß es, aber ich bleibe dabei und rufe
zum Schluß meiner Beschreibung noch einmal energisch aus: Nicht nur
ein reizender alter Herr war mein Reisegefährte, ich brauche sogar
den Superlativ, es war der reizendste alte Herr, den ich je gesehen
habe. Wie er sich über Alles amüsirte! Nur daran zu denken, erheitert
mich noch! Ueber den kleinen, schäbigen Jungen, der auf einer Station
emsig und still vor sich hin Purzelbäume schoß, über die Männer, die
mit eintönigen Ausrufen Kirschen und Birnen den Wagen entlang trugen,
über die Ankommenden und Abreisenden! Wie elektrisirt er war, als eine
klangvolle italienische Leier uns die »schöne blaue Donau« zu hören
gab, wie ernst und gerührt er wurde, als dieselbe Leier dann eine
sanfte, traurige Melodie spielte, und wie herzlich er dann wieder über
seine eigene Rührung lachte!
Meine Freundin und ich kamen, nachdem wir uns ein Weilchen mit diesem
liebenswürdigen Coupégenossen unterhalten hatten, durch eine zufällige
Ideenverbindung auf eine Verlobung zu sprechen, die in unseren Kreisen
vor kurzem stattgefunden.
Ein sehr hübsches, viel umworbenes Mädchen hatte einen Ausflug zu ihrer
Schwester unternommen, war acht Tage dort geblieben, hatte am zweiten
dieser acht Tage einen jungen Gutsbesitzer kennen gelernt und sich vor
Ablauf der genannten Frist mit demselben verlobt. Wir fanden das nach
Frauenart sehr leichtsinnig, zuckten ein wenig die Achseln über so
schnell gewonnene Herzen und ich meinte:
»Wenn das nur gut abläuft! Ein Brautpaar, das sich nur acht Tage
gekannt hat, ehe es ein Brautpaar wurde! Eine bedenkliche Sache!«
Bei diesen Worten wendete der alte Herr den Kopf nach uns um.
»Verzeihen Sie,« begann er lächelnd, »wenn ich mich in Ihr Gespräch
mische, welches von Persönlichkeiten handelt. Aber von der Bemerkung,
die Sie eben machten, mein Fräulein, fühle ich mich zu sehr getroffen,
als daß ich mich nicht vertheidigen möchte. Ich war auch in dem Fall,
von dem Sie eben sprechen -- ich habe meine Frau sogar nur drei oder
vier Mal gesehen, eh' wir uns verlobten, und wir sind doch ein sehr
glückliches Ehepaar geworden.«
Um mein Leben nicht konnte ich die tactlose Aeußerung nicht
unterdrücken, daß ich in diesem Fall das sehr natürlich fände. Mein
alter Herr nickte mir lachend mit herzlicher Miene zu, es mochte ihm
wohl schon öfter vorgekommen sein, daß er so schnell Eroberungen machte.
Meine Freundin, noch kühner als ich, richtete nun die Frage an ihn, wie
das denn gekommen sei, ob er nicht Zeit gehabt hätte, sich länger zu
besinnen?
Der alte Herr sah mit einem schelmischen Lächeln in unsere neugierigen
Gesichter, dann sagte er freundlich:
»Ja, so etwas hören junge Damen immer gern! Aber es ist eine lange
Geschichte, am Ende komme ich an's Ziel meiner dreistündigen Fahrt, eh'
ich zu Ende bin!«
»Ach bitte,« riefen wir Beide, »es wird schon gehen, die Geschichte ist
=uns= sicher nicht zu lang -- wenn Sie so sehr freundlich sein wollen!«
Der alte Herr ließ sich erbitten, wir rückten uns alle Drei gemüthlich
zurecht und er begann:
»Daß es schon eine ganze Weile her ist, seitdem ich auf Freiersfüßen
ging, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen. Ja, diese Eisenbahn, auf
der wir jetzt so selbstverständlich durch die Welt fliegen, war damals
etwas ganz Neues, ein Wunderwerk, welches nur mit ehrfurchtsvollem
Staunen und einem leisen Schauder benutzt wurde. So gewöhnt sich der
Mensch an Alles und wir nennen die Jugend mit Unrecht anspruchsvoll,
ihr wird nur eben Das schon in die Wiege gelegt, was wir als große
Leute erst staunend und dankbar bekommen haben. Der Telegraph war
damals auch erst eben erfunden -- ja, ja, denken Sie nur!
Ich war im Begriff, eine kleine Vergnügungsreise auf unbestimmte Zeit
anzutreten, ein Entschluß, der mir um so leichter wurde, als ich ganz
frei und ungebunden in der Welt dastand, und von Angehörigen Niemanden
besaß, als zwei alte Tanten und einen kleinen Hund, der, ein Nachklang
der Zeitströmung, auf den schönen Namen »Nap« hörte. Nicht wahr, eine
ziemlich durchsichtige Abkürzung im Jahrhundert der Freiheitskriege?
Nap, ein kleiner, guter, schwarzer Kerl, war als einziger und letzter
Bewohner meiner Kinderheimath mit mir in die Fremde gewandert, hatte
mit mir studirt, Examina gemacht, und war mir stets ein lieber Freund
und treuer Genosse gewesen, ja, ich glaube, ich war damals so weit, daß
ich den alten Hund mehr liebte als irgend ein Wesen auf der Welt, meine
lieben alten Tanten nicht ausgenommen.
Diese Tanten hätten Sie sehen sollen! Das waren noch ein paar
Repräsentantinnen der gemüthlichen Vergangenheit, wo die Leute sich
Zeit ließen. Schon die äußere Umgebung der beiden alten Damen war die
Zierlichkeit selbst. Sie wohnten in einem kleinen, saubern Hause,
nicht am selben Ort mit mir, welches sich durch die blitzendsten
Fensterscheiben auszeichnete und grüne Jalousien hatte. Das Häuschen
war umgeben von einem etwas pedantischen Garten, dessen Hecken
und Grasplätze von einem asthmatischen alten Factotum mit der
Papierscheere in Ordnung gehalten wurden. Da können Sie glauben, daß
kein Zweig sich erlauben durfte, nach seinem Gutdünken zu wachsen,
sofort war die Papierscheere da und stutzte den Naseweisen. Ein Paar
ordnungsliebendere, gutherzigere, ängstlichere und gewissenhaftere
Seelchen, als meine beiden lieben Tanten gab es nicht! Sie trugen
sich ganz gleich, hatten Jede vier weiße, mathematisch genau gekämmte
Löckchen, Hauben mit jenen thurmhohen weißen Krausen, wie man sie jetzt
nur noch auf Bildern sieht, und trugen Beide Brillen.