»Das ist auch nicht das Wort für meine Empfindungen: ich gräme mich,

ich habe die rasendsten Pläne; wenn Sie ahnten, wie es in meinem Kopf

und Herzen aussieht!«

»Ich bin gar nicht neugierig!« erwiderte sie anscheinend ruhig, aber

mit leicht bebender Stimme, »überdies kann ich es mir denken!«

»Nun, wie sieht es darin aus? Sagen Sie wahr!«

»Toll, nicht? Das ist ja Ihr gewöhnlicher Zustand!«

»Und wenn es wäre? Wer hat mich toll gemacht? Edith, ich gebe Ihnen

eine letzte Bedenkzeit, sagen Sie mir, daß Sie mich lieben, daß Sie

Erting nicht heirathen wollen, und Alles ist gut! Sonst fällt die

Verantwortung für jede, auch die größte Thorheit und Schlechtigkeit,

die ich von jetzt ab begehe, auf Ihr Haupt, vergessen Sie das nicht!«

Sie schüttelte still den Kopf, ohne zu sprechen, aber in dem Zittern

der kleinen Hände, die zusammengefaltet, unthätig im Schoße lagen,

verrieth sich der tiefe, peinvolle Zwiespalt, in den seine Worte sie

versetzten.

»Entscheiden Sie sich, Edith,« fuhr er athemlos vor Aufregung fort,

»ich gebe Ihnen eine ganze Minute, sechzig Secunden; glauben Sie, daß

ich den zehnten Theil so lange brauchte, um zu wissen, ob ich Ja oder

Nein sagen sollte? Ein Wort, Edith,« er blickte sich hastig um, sie

waren allein im Zimmer, »ein Wort und ich gehe mit Ihnen davon, mein

Schlitten ist hier, Sie kennen den alten Job, meinen Diener, er führe

mich zum Teufel in die Hölle, wenn ich wollte! Der Saal ist zu ebener

Erde, durchs Fenster können wir fort, wie nichts! Ich pfeife und der

Schlitten ist hier! Noch zwanzig Secunden, Edith, ehe die aber um sind,

dürfen Sie auch kein Wort sprechen!«

Sie schnitt ihm die Rede ab, indem sie sich hastig erhob.

»Genug, Baron Rüdiger,« sagte sie mit gepreßter Stimme, »Sie beleidigen

mich tief, tödtlich, wenn Sie noch eine einzige Silbe sagen! Was, Sie

haben es für möglich gehalten, daß ich, die Braut eines Andern, mit

Ihnen davonlaufen würde, um die dürre Wahrheit zu sagen? Und nicht

nur für möglich, für wahrscheinlich haben Sie es gehalten,« fuhr sie

fort, indem sie ihn durch eine stolze Handbewegung schweigen hieß, »auf

wen wartet Ihr Schlitten, wenn nicht auf mich? Ich glaubte doch, Sie

kennten mich besser, Baron Rüdiger! Und jetzt darf ich Sie wohl bitten,

mich zu meiner Mutter zu begleiten, Sie haben mich hart dafür gestraft,

daß ich Ihnen die Rechte alter Jugendfreundschaft so vertrauend

einräumte.«

Er bot ihr schweigend den Arm, an der Thür stand er still und zwang sie

dadurch, gleichfalls stehen zu bleiben.

»Edith, verzeihen Sie mir,« sagte er rauh und ohne sie anzusehen,

»es war ein verzweifelter Versuch, Sie zu gewinnen, ich habe nicht

überlegt, daß Sie der Gedanke kränken mußte; was blieb mir schließlich

übrig? Verzeihen Sie mir,« wiederholte er zornig, als sie schwieg und

vor sich niederblickte. »Sagen Sie, daß Sie mir verzeihen oder es wird

nicht gut!«

Er preßte bei diesen Worten ihren Arm so heftig an sich, daß sie einen

leisen Schmerzensschrei ausstieß. Hastig ließ er sie los.

»Sehen Sie,« sagte er mit erzwungenem Lächeln, aber ohne sich zu

entschuldigen, »was davon kommt, wenn man mir den Willen nicht thut?

Aber jetzt noch einmal, Edith, verzeihen Sie mir, wir sind für lange

Zeit das letzte Mal zusammen gewesen -- gönnen Sie mir diesen einen

armen Abend aus Ihrem ganzen reichen Leben. Ich will heute noch einmal

vergnügt sein, ich reise in dieser Nacht ab!«

»Weshalb?« frug sie überrascht, und sah zu ihm auf.

»Was soll ich noch hier? Ihr Brautführer sein? Sie taxiren mich denn

doch etwas zu zahm, Edith! =viel= zu zahm, wie Sie noch einmal einsehen

werden! Aber Sie haben mir noch nicht geantwortet, verzeihen Sie mir?

Hölle und Teufel, wie oft soll ich fragen?«

»Noch oft, und in ganz anderem Ton, ehe ich antworte,« erwiderte sie

kalt.

»Nun, dann bin ich zu Ende,« rief er trotzig und wild, »thun Sie was

Sie wollen, aber wundern Sie sich nicht, wenn ich es auch thue!«

Er stürmte fort, und Edith folgte ihm langsam, mit wildschlagendem

Herzen. Eine unbestimmte Furcht schien sich wie ein Bleigewicht an ihre

Schritte zu hängen. Als sie beim Eintreten in den Saal ihre Mutter

nicht sofort sah, sondern nur Erting erblickte, ging sie, in einem ihr

sonst fremden Gefühle der Schutzbedürftigkeit zu ihm, und legte ihre

Hand in seinen Arm.

»Ludwig, Sie dürfen mich nicht so viel allein lassen,« sagte sie, »was

soll man davon denken?«

»Sie ließen mich allein,« erwiderte er, halb versöhnt durch ihr

Einlenken, -- »aber es soll mir um so lieber sein, wenn ich jetzt in

Ihrer Nähe bleiben darf! Geben Sie mir den nächsten Tanz, es ist eine

Quadrille!«

»Gern,« sagte sie, erleichtert, daß er ihr nicht mehr grollte, »sehen

Sie sich, bitte, nach einem _vis-à-vis_ um, ich erwarte Sie bei Mama!«

Er geleitete sie zur Gräfin Brandau, die inzwischen wieder in den Saal

getreten war. Dann ging er, sich einer Gruppe von Herren zugesellend,

zu der auch Rüdiger gehörte.

Edith beobachtete einige Augenblicke die Plaudernden mit angstvoller

Spannung, aber da nichts Auffälliges zu bemerken war, wandte sie sich

ihrer Mutter zu, und bemühte sich, die kritischen Bemerkungen zu

belächeln, welche die Gräfin schonungslos über Alt und Jung laut werden

ließ.

Das Zeichen zur Quadrille ertönte von dem hoch placirten, durch

Orangerie fast versteckten Orchester. Die verschiedenen Gruppen im Saal

geriethen in Bewegung, ein Paar nach dem andern stellte sich auf, Edith

warf einen suchenden Blick in den Saal hinein, Erting kam nicht, und

sie vermochte ihn auch nicht zu entdecken.

Verwundert und etwas ärgerlich wollte sie sich eben zurück ziehen, als

Raven zu ihr trat.

»Nun, gnädigste Comtesse, Sie verschmähen diesen Tanz?«

»Sagen Sie lieber, der Tanz oder mein Tänzer verschmäht mich,« sagte

sie lächelnd, »ich habe die Quadrille meinem Bräutigam zugesagt, und er

scheint dies vergessen zu haben!«

»Erting? O, der wird sofort kommen, er wurde eben abgerufen, weil ihn

Jemand auf einen Augenblick zu sprechen wünschte, mag sein, daß die

Unterredung sich ein wenig in die Länge zieht!«

»Ah so!« erwiderte Edith beruhigt, nun, »plaudern wir, bis er kommt,

Herr von Raven, oder besser, plaudern Sie, Sie verstehen das ja so

meisterhaft!«

Raven verbeugte sich.

»_Tempi passati_, meine gnädigste, _tempi passati_, jetzt überläßt man

es jüngeren Kräften!«

Die Quadrille nahm indeß ihren Fortgang. Ediths anfängliches Befremden

über das Ausbleiben Ertings wich nach und nach dem Zorn. Mochte er in

noch so dringenden Angelegenheiten abberufen sein, ein Moment fand sich

doch wohl, mußte sich finden, um der Braut Aufklärung zu geben, was ihn

verhindere!

»Irgend eine Börsennachricht,« dachte sie bitter, »das ist wichtiger,

als Höflichkeit und Rücksichten! Man wird zum Cavalier geboren, das

läßt sich eben später nicht anlernen!«

Als der Tanz vorüber war und sie Raven mit seinen vielen

»Unbegreiflich, unerklärlich, unverzeihlich« entlassen hatte, trat

Rüdiger zu ihr. Ihre Augen verriethen die innere Erregung, ein zartes,

aber doch tiefes Roth färbte ihre Wangen.

Rüdiger sah mit unverhohlenem Entzücken in ihr Gesicht. Wenn sie,

als er sich ihr nahte, eine leise Befangenheit in seinem Wesen zu

erkennen geglaubt hatte, so war diese verflogen, er sah lustiger und

übermüthiger aus, wie je!

»Darf ich Sie zum Souper hinüber führen?« frug er, indem er ihr

Spitzentuch vom Sessel nahm und ihr umgab.

»Das dürfen Sie,« sagte Edith, gegen ihr besseres Gefühl, »ich bin ja

ohne Cavalier; Herr Erting hat, Gott weiß warum, den Ball verlassen,

ohne ein Wort der Aufklärung an mich!«

»Hat er das?«

»Und weiter sagen Sie nichts? Ist es nicht unerhört rücksichtslos?«

»Sie wissen, ich fälle nie scharfe Urtheile,« sagte Rüdiger, der sie

zu ihrem Platze geleitet hatte, »er konnte zwingende Gründe haben!

Jedenfalls rechnen wir mit Thatsachen -- er ist fort, ich bin da, es

lebe die Gegenwart!«

Er hielt sein überschäumendes Champagnerglas hin, und das ihrige klang

leise dagegen. Er leerte es in einem Zuge, und noch eins, er steigerte

sich zu fast fieberhafter Fröhlichkeit, sein Lachen klang durch den

Saal, und noch nie hatten die blauen Augen des »tollen Junkers« so

geblitzt, wie an diesem Abend.

Edith gab sich voll und rückhaltslos dem Zauber der Minute hin, sie

fühlte ein Recht dazu, da Erting sie so rücksichtslos, so gleichgültig

verlassen hatte, und die Stunden flogen vorüber, leicht und glänzend,

wie die Schneeflocken, die draußen dicht und dichter niederfielen.

Endlich gab die Fürstin das Zeichen zum Aufheben der Tafel und zugleich

zur Beendigung des Festes.

Während man sich empfahl und der Saal sich zu leeren begann, trat

Rüdiger noch einmal zu Edith.

»Ich darf Sie und Ihre Mutter nach Hause fahren?«

»Ich glaubte, Sie verreisten heute Abend?«

»Das thue ich auch, aber es bleibt mir trotz dessen noch Zeit, wenn ich

Sie erst nach Brandau bringe, ich benütze dann einen späteren Zug.«

Aber Edith war inzwischen zu ruhigerem Besinnen gekommen. Sie

schüttelte den Kopf.

»Nein, Baron Rüdiger, ich danke Ihnen! Ich bleibe heute noch bei der

Fürstin, es ist mir zu spät geworden, um nach Brandau hinaus zu fahren,

und meine Mutter hat gleichfalls die freundliche Einladung angenommen,

im Schloß zu übernachten. Wir können uns also Ihrem Schutze nicht

anvertrauen.«

»Wie Sie befehlen,« sagte Rüdiger, ohne zu ihrer Ueberraschung noch mit

Bitten in sie zu dringen, »dann fahre ich von hier direct zur Bahn, und

fort. Leben Sie wohl, Edith, auf Wiedersehen!«

»Ein weiter Begriff, wenn Sie mehrere Tage fortbleiben,« sagte sie mit

etwas mühsamem Lächeln, »wir reisen gleich nach der Trauung für den

Rest des Winters nach Italien.«

»Gleich nach der Trauung, und für den ganzen Winter? O, wie schade!

Nun, der Frühling kommt ja auch ins Land, Comtesse, und überdies, wer

darf so sicher sagen, was er thun wird? Sie können Ihre Entschlüsse

auch noch ändern. In jedem Falle, leben Sie wohl!«

Was war das? Dieser kühle, fast vergnügte Ton, in dem er, der sie noch

vor wenig Stunden wie außer sich beschworen hatte, mit ihm zu fliehen,

jetzt ihre Hochzeitsreise besprach -- war dies Comödie, oder alles

Vorhergegangene? Nun, sie wollte sich nicht übertreffen lassen.

»Leben Sie wohl!« sagte sie frostig, und reichte ihm die kleine Hand im

Handschuh, die er ehrerbietig an die Lippen führte. Aber als er sich

wieder aufrichtete, und zurücktrat, so edel, stolz und fest in jeder

Bewegung, da stand die gewaltsam bekämpfte Liebe in ihrem Herzen noch

einmal auf, mit bitterem Schmerz bei dem Gedanken: »Du siehst ihn =nie=

wieder, wie Ihr Euch heut gesehen!« und sie gab ihm nochmals die Hand:

»Gott behüte Sie, Gerald, auf allen Ihren Wegen --« und wandte sich

hastig ab, während er eben so rasch das Zimmer verließ, und seinen

Mantel umwerfend, die Freitreppe nachdenklich hinunter schritt.

Auf seinen leisen Pfiff fuhr ein kleiner Schlitten vor. Der graubärtige

Kutscher schlug schweigend das Tigerfell zurück, und gab seinem Herrn

die Zügel. Beide vermieden es sorgfältig, einander anzusehen.

»Vorwärts!« rief Rüdiger, und die Pferde zogen an. Pfeilschnell flog

der Schlitten über die dichte Schneedecke, zur Stadt hinaus. Lautlos

sauste das Gefährt über die Landstraße, im kalten Vollmondlicht von

seinen gespenstischen, kohlschwarzen, jagenden Schatten begleitet.

Eine scharfe Biegung des Weges brachte den Schlitten in den stummen,

funkelnden Wald, der Mond verschwand hinter den schwarzen Tannen, und

ein Ruck mit den Zügeln ließ die Pferde langsam gehen. Schon stieg das

Wolfsdorffer Schloß, in seinem Schneemantel seltsam und ungestaltet

aussehend, vor den Blicken Rüdigers auf. Er zog den Hut tiefer ins

Gesicht, und wandte sich zu seinem Kutscher.

»Job!«

»Gnädiger Herr?«

»Alles ruhig oben?«

»Nein, gnädiger Herr!«

»Was macht er denn, Job?«

»Er flucht, gnädiger Herr, und wirft die Stiefel gegen die Thüren. Zwei

Fenster hat er auch schon eingeschlagen.«

Rüdiger biß sich auf die Lippen und schwieg. Nach einer Pause, die den

Schlitten wieder näher an das Schloß brachte, begann er von Neuem.

»Job!«

»Gnädiger Herr!«

»Warum sagst du nichts?«

»Ich weiß nichts, gnädiger Herr!«

»Job, mir ist verflucht ungemüthlich zu Muthe!«

»Das glaub' ich, gnädiger Herr!«

Der Baron peitschte plötzlich wie wüthend auf die Pferde, daß sie im

Sturmschritt hinflogen, bis das Schloß erreicht war. Der gellende Ton

der Pfeife übte auch hier seine Wirkung. Langsam und kreischend wurde

die Zugbrücke herabgelassen, der Schlitten sauste in den Schloßhof, die

Zugbrücke ging empor und nun war Rüdiger zu Hause.

Ein zweiter Diener, eben so alt und verdrießlich aussehend, wie Job,

trat ihm mit einer Lampe entgegen, die einen breiten, röthlichen

Schein über den Schloßhof fallen ließ. Rüdiger schüttelte sich die

Schneeflocken vom Hut und aus dem Gesicht, warf dem Diener den Mantel

zu, und ging langsam die breite, halbdunkle Treppe hinauf, die nach den

Wohnräumen führte. Der Diener folgte ihm mit der Laterne.

Oben angelangt, blieb der junge Schloßherr stehen. Wenn er hätte sehen

können, welch seltsam malerischen und schönen Anblick er in seiner

altspanischen Tracht, an der dunkeln, geschnitzten Holztreppe lehnend,

darbot, er hätte sich möglicher Weise gefreut, wahrscheinlicher aber

ist es, daß es ihm in seiner momentanen Stimmung höchst gleichgültig

gewesen wäre.

Er entließ den Diener mit einer kurzen Handbewegung und schritt dann,

nachdem er noch einen Augenblick nachdenklich gestanden hatte,

den langen, hallenden Gang herunter, der nach dem unfreiwilligen

Aufenthaltsort seines Gastes führte. An einem Zimmer, über dessen Thür

sich ein Spitzbogen von Sandstein wölbte, hielt er an, schloß auf und

klopfte gleichzeitig.

»Wer ist da?« rief Ertings Stimme von drinnen, zwischen Aengstlichkeit

und Wuth.

»Ich, Gerald Rüdiger, Herr Erting, -- wollen Sie --«

Es blieb ihm nicht Zeit den Satz zu vollenden, die Thür wurde

aufgerissen, und Erting stand dicht vor ihm, in dem ungewissen

Mondlicht, welches sein vom Zorn bleiches Gesicht noch weißer

erscheinen ließ.

»Wo haben Sie Ihre Pistolen?« knirschte er, indem er Miene machte, sich

auf Rüdiger zu stürzen, »wo haben Sie Ihre Pistolen, ich will nicht

mehr leben, wenn ich nicht an Ihnen Rache nehmen darf!«

Rüdiger war so versteinert über diesen Wuthausbruch, daß er im ersten

Moment kein Wort fand, um zu erwidern. Erting mochte das für den

kalten Hohn des Siegers dem Besiegten gegenüber halten, er kam wie ein

Rasender auf Rüdiger zu, und packte ihn am Arm.

»Wollen Sie mir sofort Genugthuung geben für den Schimpf, den Sie mir

angethan haben, oder soll ich Sie dazu zwingen?«

Er hob drohend die Hand, Rüdiger trat einen Schritt zurück, noch sehr

ruhig, wie es schien.

»Seien Sie nicht toll, Erting, ich schieße mich nicht mit Ihnen!«

»Weshalb? weil Sie der Stärkere sind? Ich will keine Schonung!«

»Nein, einmal, weil wir keine Secundanten und keinen Arzt zur Stelle

haben, von einem Duell also keine Rede sein kann, sodann aber, weil Sie

mit Schießgewehr nicht umzugehen wissen, und ich kein Vergnügen daran

finde, einen Wehrlosen niederzuschießen.«

»Wenn Sie Vergnügen daran finden, einen Wehrlosen durch Ihre Leute

knebeln und fortschleppen zu lassen, so ist das reichlich eben so

feige!«

»Erting, nehmen Sie sich in Acht,« rief Rüdiger, auf dessen Stirn eine

unheilverkündende, düstre Röthe erschien, »ich dulde heute Viel von

Ihnen, weil Sie der Beleidigte sind, aber nicht Alles!«

»Sie wollen sich nicht mit mir schießen?« schrie Erting mit fast

erstickter Stimme, als der Andere sich abwendete, und im Begriff stand,

das Zimmer zu verlassen.

»Nein!« erwiderte Rüdiger kurz, er fühlte, daß er keine Silbe mehr

sagen durfte, ohne in Zorn auszubrechen.

»Wer hat die Schonungsparole ausgegeben?« fuhr Erting, sinnlos vor

Wuth, fort, »Edith, ich sehe jetzt klar, sie war doch jedenfalls im

Complott, als es galt, den unbequemen Bräutigam fortzuschaffen!«

»Genug!« sagte Rüdiger todtenbleich und fest, »Sie haben einen Namen in

unseren Streit hineingezogen, der es mir unmöglich macht, Ihnen noch

ferner Genugthuung zu verweigern, ich werde die nöthigen Anordnungen

treffen. Erwarten Sie mich hier, Sie haben es so gewollt!«

Er verließ das Zimmer, und Erting blieb allein zurück, in einem

Tumult von Empfindungen, der ihm fast den Verstand zu rauben drohte.

Ueberwiegend war immer noch die furchtbarste Wuth und Entrüstung, die

aber in der Voraussicht, seinen Rachedurst kühlen zu können, ja zu

müssen, bereits nachzulassen begann.

Blitzschnell jagten sich die Gedanken, »was wird man zu Hause von dir

denken? in welchem Lichte mußt du Edith erscheinen?« denn im Innern

hatte er an ihre Mitwissenschaft nicht geglaubt! Dann kamen andere

Bilder -- wenn er nun hier fiel! er, der dem Waffenhandwerk gänzlich

Fremde, dem besten Schützen auf Meilen in der Runde gegenüber! Was

würde seine Mutter sagen? was Martha, die kleine, gute Cousine, die er

geliebt, ehe er in diesen wüsten Traum verflochten wurde? Er starrte

auf den breiten, weißen Streifen Mondlicht, der durchs Zimmer floß. Wer

weiß, ehe die nächste Stunde ablief, lag er vielleicht dort, hülflos,

zum Krüppel geschossen, todt, das war das Wahrscheinlichste.

Ach was half das Quälen! Er sprang auf und schritt durchs Zimmer,

in dem seine Schritte unheimlich wiederklangen. Dann trat er zum

Fenster, riß zwei Blätter aus seiner Brieftasche und warf im grellen

Vollmondschein mit etwas unsicherer Hand zwei Zeilen hin, an seine

Mutter! Dann faltete er das Blatt und schrieb unter die Adresse: »für

den Fall meines Todes abzugeben.« Dann ergriff er das andere Blatt --

sollte er Edith Lebewohl sagen? sie wird seinen Tod schon erfahren,

durch Rüdiger, der sie zweifelsohne darüber zu trösten verstehen wird!

Nein, im Angesicht des Todes giebts keine Lüge mehr, er schreibt hastig

und fliegend: »Liebe Martha, wenn du diese Zeilen erhältst, bin ich

nicht mehr unter den Lebenden, und du sollst dann wissen, daß ich dich

immer geliebt habe, und daß nur der Wille meiner Mutter uns trennte.«

Er hatte kaum Zeit, auch hier die Adresse beizufügen, als der Schall

von Schritten seiner Thür nahte.

Rüdiger trat ein, gefolgt von zwei graubärtigen Männern, deren einer

ein paar riesige Armleuchter trug, die das Zimmer plötzlich zum Theil

mit grellem Licht erfüllten, während die verjagte Dunkelheit scheu und

doppelt finster in den Ecken niederkauerte, als lauere sie auf den

Augenblick, wo hier Alles wieder ihrem Reich anheimgegeben sein würde.

Rüdiger stellte das Pistolenkästchen, welches er trug, auf den Tisch

und wandte sich zu Erting.

»Ich habe Sie warten lassen, Herr Erting,« sagte er im verbindlichen

Ton, »aber um die nöthigsten Formalitäten zu erfüllen, habe ich uns

wenigstens einen Zeugen citirt, hier, mein Förster Strauch, er wird uns

die Waffen reichen, und versteht im schlimmsten Fall nothdürftig zu

verbinden.«

Er trat zum Tisch und nahm die Pistolen heraus.

»Gestatten Sie, daß mein Förster Ihnen das Laden abnehme,« sagte er

dann zu Erting, »meine Waffen sind etwas eigensinniger Natur, und

lassen sich nicht von Jedermann handhaben!«

Erting verbeugte sich stumm.

»Ein Wort, Herr von Rüdiger,« sagte er dann.

»So viel Sie befehlen!« erwiderte sein Gegner, indem er mit ihm zum

Fenster trat.

»Wenn ich falle, so darf ich wohl bitten, diese beiden Zettel an ihre

Adresse zu befördern, ich stelle mich für einen gleichen Auftrag zur

Verfügung.«

Rüdiger warf, nachdem er die Aufschriften gelesen, einen schnellen

verwunderten Blick auf Erting.

»Nichts an Comtesse Brandau?«

»Ich vermuthete, daß Sie ihr mündlich Bericht erstatten würden!«

Rüdiger zuckte die Achseln.

»Wer weiß! Und nun, sind wir fertig?«

Erting schwieg einen einzigen Moment.

»Ja,« sagte er dann. »Sie haben mir keinen Auftrag zu geben?«

»Besten Dank! Wenn mir ein derartiges Malheur zustößt, so würden die

sogenannten Meinigen, deren ich wenig besitze, sich durchaus nicht

wundern; sie erfahren es dann am Besten durch meinen alten Job. Und

Comtesse Brandau -- ich vermuthe, Sie werden ihr mündlich Bericht

erstatten, Herr Erting!«

Er lächelte flüchtig und streckte Erting die Hand hin. Dieser nahm sie

nicht, und sah ihn zornig verwundert an.

»Es ist Usus so, oder ähnlich,« sagte Rüdiger freundlich, »aber wie Sie

wollen!«

Die beiden Gegner nahmen Aufstellung, der Diener hatte das Zimmer

wieder verlassen.

»Ich denke, wir schießen _a tempo_,« sagte Rüdiger, noch immer in einem

Ton, wie im Ballsaal, »zählen Sie, Strauch, bis drei!«

Fast gleichzeitig ertönte der scharfe Knall der Pistolen, Rüdigers

Kugel zischte etwa handbreit über Ertings Kopf fort und schlug in die

Wand. Als sich die blauen Rauchwolken langsam verzogen, sah der vor

Aufregung halb sinnverwirrte Erting Rüdiger schwanken, oder glaubte es

zu sehen. Im nächsten Augenblick hatte sich der Baron aufgerichtet, und

trat auf Erting zu, ihm die linke Hand bietend.

»Bravo, Erting, Sie haben sich die Sporen verdient, -- und nun zürnen

Sie mir nicht mehr, ich habe eine ganz hübsche Lehre bekommen!«

Erting starrte mit weitgeöffneten Augen auf seinen Gegner, dessen

rechter Arm schlaff und regungslos herabhing, und von dem das Blut

dicht und schnell niederrieselte und in dem Streifen Mondlicht am

Fußboden unheimlich aufglänzte. Rüdigers bleiches Gesicht und die

finster zusammengezogenen Augenbrauen verriethen, daß er heftige

Schmerzen fühlte. Seine Stimme hatte nichts von ihrem übermüthigen

Klange verloren.

Aber bei den letzten Worten ging es wie ein Schleier über seine Züge,

und der Förster hatte eben noch Zeit, den ohnmächtig Zurücksinkenden

aufzufangen.

Jetzt erst fand Erting Sprache und Bewegung wieder.

»Großer Gott, ich habe ihn gemordet!« schrie er auf, und warf sich

neben seinem bleichen Feinde nieder.

Der Förster schwieg und bemühte sich, Rüdigers Rock auszuziehen,

was ihm aber nicht gelang, da der zerschmetterte Arm in seiner

Unbehülflichkeit ihn daran hinderte.

»Helfen Sie 'mal,« herrschte er Erting zu, der, das Gesicht in den

Händen verborgen, noch immer regungslos auf den Knieen lag, »heben Sie

den Arm in die Höhe, damit ich ihm den Aermel aufschneiden kann.«

Erting, dessen Zähne wie im Fieberfrost zusammenschlugen, versuchte

zu gehorchen, aber seine zitternden Hände erwiesen sich als so

ungeschickt, daß der Förster ihn ärgerlich bei Seite schob.

»Rufen Sie den Job,« sagte er, »wir müssen uns eilen, daß wir das Blut

stillen, sonst wird das nicht gut!«

»Ich weiß nicht, wo ich ihn finden soll,« sagte Erting kläglich, dessen

durch die Erregung des Moments aufgeflackerter Muth bereits wieder zu

einem Nichts zusammengeschrumpft war.

»Dann werde ich ihn holen,« sagte der Förster, »bleiben Sie hier bei

dem Baron!«

Und damit verließ er das Zimmer. Erting blieb mit Rüdiger allein.

Sein erstes Gefühl war, sich ins Fenster möglichst weit von seinem

Opfer zu flüchten, aber eine bessere und muthigere Regung überwog. Er

nahte sich dem noch immer Bewußtlosen und kniete, obwohl zitternd,

neben ihm nieder, ohne ihn jedoch zu berühren. In der kalten

Doppelbeleuchtung der flackernden Lichter und der Schneenacht draußen

war Rüdigers edles, regungsloses Gesicht wirklich kaum von dem eines

Todten zu unterscheiden. Als Erting, von einem unheimlichen Zauber

bezwungen, starr in die stillen Züge seines Feindes blickte, ging ihm

das Herz in Reue und Wehmuth auf. Dies schöne, starke Leben hatte er

zerstört; zum Wenigsten den Mann dort auf ein monatelanges Siechenlager

gezwungen, ihm, dem freies, wildes Streifen in Wald und Flur, Jagdlust

und Jagdeifer Leben hieß, wahrscheinlich für immer die Freude an

solchen Dingen geraubt! Jener Arm, der dort so schlaff, so schauerlich

bewegungslos herabhing, er würde sich vielleicht nie mehr heben; mit

den dunklen, schweren Tropfen, die ihm entströmten, ging vielleicht die

letzte Hoffnung auf ein Wiedererwachen des Leblosen dahin!

Wo blieb nur der Förster? Erting getraute sich nicht, bis zur Thür zu

gehen, er hielt förmlich den Athem an.

Novellen Hausgenossen. — Und Doch! — Der tolle Junker. — Finderlohn. — Glück muß man haben! · 第 7 / 12 段