Und sie hatte nicht die Kraft, ihm zu zeigen, daß es so nicht sein

dürfe -- hatte sie wenigstens nur, wenn er nicht in ihrer Nähe war!

Dann gelobte sie sich jedes Mal, sie wollte ihm mit klaren Worten

sagen, daß er lieber fernbleiben solle, daß es für alle Theile das

Beste sei, wenn er vor ihrer Hochzeit das Zusammentreffen vermeide, und

wenn er dann wiederkam, und sie den ganzen Zauber empfand, den seine

Stimme und seine Augen auf sie übten, dann tröstete sie sich mit jenem

gefährlichsten Trost: »es ist ja nicht auf lange, ich bin ja bald fort,

und einmal Frau, werde ich ihn nicht wiedersehen!« Und sie vermied es

nicht, wie sie gesollt hätte, ihn zu sprechen und ihm zu begegnen,

sie spielte ein gefährliches Spiel an einem Abgrunde, weil sie nicht

vergessen konnte, daß jenseits dieses Abgrundes die blaue Blume wuchs,

die Jeder träumt, und Jeder anders benennt und die ihr -- erste Liebe

hieß.

Sie wurde aus ihren Gedanken durch ein plötzliches Geräusch gerissen.

Soeben erschien die Fürstin mit ihren Damen in den weit geöffneten

Flügelthüren. Mit einem prüfenden Blick überflog sie das Arrangement

der Tische, eine Verbeugungswoge begleitete sie von einer Verkäuferin

zur andern, bis sie den Brandau'schen Tisch entdeckte.

Sie eilte mit ausgestreckten Händen auf Edith zu.

»Seien Sie mir willkommen, mein liebes Kind,« sagte sie, und strich

zärtlich über das goldrothe Haar der jungen Dame, die sich tief

verneigte. »Sie sehen bleich aus! ich weiß, daß Sie sich heute opfern

durch Ihr Erscheinen, aber ich erkenne es auch an, glauben Sie mir!«

»Wenn die Anwesenheit meiner Tochter wirklich ein Opfer ist,

Durchlaucht,« sagte die Gräfin Brandau, als Edith schwieg, und warf

ihr einen zornigen Blick zu, »so wäre es durch diese Anerkennung schon

reichlich vergütet!«

Die Fürstin winkte begütigend.

»Lassen Sie mir meinen Liebling unangefochten, Gräfin, sie hat das

Vorrecht, ein wenig launenhaft zu sein, es steht ihr ja doch Alles gut!

Und nun, meine liebe Edith, was haben wir hier? Wie ich sehe, sind noch

neue Schätze angekommen!«

Während die Damen sich in die Besichtigung und Erklärung der

ausgestellten Gegenstände vertieften, und die Gräfin sich nach ihrem

etwas weiter entfernten Tische begab, begann der Saal sich langsam zu

füllen.

Eine große Anzahl von Herren fand sich ein, unter ihnen die meisten

Vertreter jener Gesellschaft, die am Eingange unserer Erzählung in der

Weinstube zusammengesessen hatten, auch Raven fehlte nicht, und gab

seine gewohnten ironischen Bemerkungen über Menschen und Dinge zum

Besten, während er an den Verkaufsstätten entlang schritt.

Nach einer Weile zeigte sich Ertings unscheinbare Gestalt, im Frack und

weißer Halsbinde, eine Rosenknospe im Knopfloch. Er ging langsam von

Tisch zu Tisch, wurde überall gerufen und aufgehalten, und kam endlich

bei seiner Braut an, gleichzeitig mit Raven, der eben die Fürstin

begrüßt hatte, und sich nun neben ihren Sessel placirte.

»Nun, Herr Erting,« rief sie dem sich tief Verbeugenden entgegen,

»Sie kommen doch mit gefülltem Beutel? Ich hoffe um so mehr von Ihrem

Wohlthätigkeitssinn, als Sie den Gaben, die Ihnen diese Hand darreicht,

sicher nicht zu widerstehen vermögen.«

»Erting verhält sich doch am Ende passiv,« sagte Raven für den verlegen

Verstummten, »er weiß, daß er bereits das Schönste zu eigen hat, was

ihm die Welt bieten kann, was sollte ihn da wohl noch verlocken?«

»Das steht auf einem andern Blatt,« erwiderte die Fürstin, während ihr

Blick lächelnd Edith streifte, welche durch keine Miene verrieth, ob

sie Ravens Worte überhaupt gehört, »ich rede von Dingen die =gekauft=

werden können!«

In dem Augenblick glitt ein schmerzlicher Zug über das bleiche,

schöne Mädchengesicht, sie wandte sich hastig ab und suchte in den

Gegenständen auf dem Tisch umher.

Es blieb dahingestellt, ob Einer der Anwesenden den Doppelsinn der

Worte erfaßt hatte, oder nicht.

Die Aufmerksamkeit der Fürstin richtete sich plötzlich auf den Eingang

des Saales, und sie wandte sich zu Raven.

»Ich bitte Sie, Herr von Raven, wer ist der große, blonde Mann, der

eben eintritt? -- ach, Sie sehen ja nicht hin, dort im Jagdcostüm --«

»Das ist der sogenannte »tolle Junker,« Baron Rüdiger, erinnern sich

Durchlaucht nicht mehr? -- der jetzt Wolfsdorf geerbt hat. Eine

sonderbare Idee, in =diesem= Aufzug hier zu erscheinen!«

»Jedenfalls eine kleidsame Idee,« sagte die Fürstin, deren Augen immer

noch den Besprochenen fixirten, »das ist eine interessante Erscheinung;

wie kommt es übrigens, daß man diesen neuen Ankömmling noch gar nicht

zu Gesicht bekommen hat?«

»Rüdiger liebt es, gegen die gesellschaftlichen Formen zu verstoßen,

Durchlaucht,« sagte Erting etwas bitter, »er sucht darin eine gewisse

Originalität!«

»Das thut er =nicht=,« rief Edith plötzlich mit Energie und tief

erröthend, »er ist ein Naturmensch durch und durch, und wenn er sich in

seiner sorglosen Weise gehen läßt, so ist das eben originell, und er

braucht es nicht erst zu =suchen=, wie Sie sagen!«

Erting biß sich auf die Lippen. Die Fürstin sah mit einem forschenden

Blick nach dem plötzlich so lebhaft sprechenden Mädchen, und wandte

sich dann zu Raven:

»Bringen Sie mir doch diesen seltenen Vogel einmal, Herr von Raven, ich

möchte gern durch den Augenschein urtheilen.«

»Durchlaucht gestatten wohl, daß ich mich für einige Minuten

beurlaube,« sagte Erting rasch, während Raven sich anschickte, Rüdiger

aufzusuchen.

Die Fürstin winkte gnädig gewährend mit der Hand, und wandte sich zu

Edith, als Erting sich entfernt hatte.

»Edith, dieser Rüdiger sieht unbändig interessant aus, ist es wirklich

eine Jugendliebe von Ihnen? Wie schade dann!«

Und ein nicht mißzuverstehender Blick folgte der kleinen Gestalt

Ertings.

»Durchlaucht sind grausam,« erwiderte Edith mit zuckenden Lippen,

»habe ich das verdient? Wer mir in der Zeit meiner Verlobung so nahe

gestanden hat, sollte anders denken, oder sprechen!«

Edith durfte viel wagen. Die Fürstin sah einen Augenblick wie bestürzt

vor sich nieder.

»Verzeihen Sie mir,« sagte sie dann in ihrer gewohnten leichten Art,

»Sie wissen, ich sage gern, was ich denke, und im Moment kam mir die

Idee, welch herrliches Paar Sie Beide -- doch halt, er kommt!«

Rüdiger trat mit Raven zu der Fürstin.

»Sie haben uns auf Ihre Bekanntschaft warten lassen, Baron Rüdiger,«

sagte sie in liebenswürdigem Ton, »ich habe Ihren Oheim sehr wohl

gekannt, und weiß mich Ihrer selbst aus Ihrer Fähnrichszeit dunkel zu

erinnern! Haben Sie alles Attachement für alte Bekannte in der Fremde

verlernt?«

»So wenig, wie die deutsche Sprache, Durchlaucht,« erwiderte Rüdiger

verbindlich, »wenn ich trotzdem ein Versäumniß beging, so bitte ich, es

in Gnaden der partiellen Verwilderung zuschreiben zu wollen, der man

bei einem Jägerleben, wie ich es seit fünf Jahren führe, doch nicht

entgeht.«

»Rüdiger kokettirt ein wenig mit dieser Verwilderung,« sagte Raven

in seiner gewohnten ironischen Weise, »man muß seine tadellosen

Verbeugungen sehen, um zu staunen, daß er in Californien Gold gegraben,

in Australien --«

»Ich bitte, erklären Sie mich nicht,« unterbrach ihn Rüdiger etwas

kurz, »außerdem sagen meine Verbeugungen durchaus Nichts -- man muß mit

den Wölfen heulen -- meinen Sie, ich hätte in Amerika nicht mit den

Affen um die Wette klettern, und mit der größten Eleganz Cocosnüsse

pflücken und Grimassen schneiden können? Dafür ist man eben Kosmopolit!«

Die Fürstin sah belustigt aus, ihr Interesse an dem schönen,

wildaussehenden Jägersmanne wuchs.

»Nun, da Ihnen das Parquet nicht so ganz fremd geworden ist,« sagte

sie, sich erhebend, »so hoffe ich, Sie öfters zu sehen. Wir musiciren

jeden Freitag in kleinem Cirkel, und Sie sind hiermit benachrichtigt,

daß Sie erwartet werden. Nun aber muß ich gehen, ich habe mich schon

über die Gebühr lange bei Ihnen verweilt, Edith, auf Wiedersehen!«

Raven geleitete sie zu den anderen Tischen, während Rüdiger schweigend

vor Edith stehen blieb.

»Ich dachte, Sie wollten mir heute überhaupt nicht guten Abend sagen!«

nahm sie endlich lächelnd das Wort, ihn anzusehen.

»Ich =wollte= auch nicht, aber Ihnen gegenüber =muß= ich stets, auch

was ich nicht will! Schütteln Sie nicht wieder den Kopf, erzählen Sie

mir lieber, wie Ihnen unser gestriger Weg bekommen ist!«

»Ich liebe keine Reminiscenzen, und heute bin ich auch gar nicht als

Privatperson hier, ich denke, Sie sollen mir viel abkaufen, hier, diese

schöne Jagdtasche --«

»Haben Sie sie gearbeitet?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Kennen Sie meine ungeschickten Hände nicht mehr? Ich verstand stets

besser mit der Reitpeitsche umzugehen, als mit der Nadel! Aber nun

ernstlich, was kaufen Sie?«

»Nur Eins!« erwiderte er langsam, »aber für dieses Eine gebe ich Ihnen

meine ganze Börse preis!«

»Und das wäre?«

»Sie werden es nicht geben wollen!«

»Ist es bei den Verkaufsartikeln?« frug sie, ahnungslos, was er meinte.

Er lachte.

»Ja, es liegt dabei!«

»Nun, dann habe ich nichts zu geben oder zu verweigern, mein ganzes

Sinnen und Trachten ist auf einen möglichst hohen Preis gerichtet, wo

ist es?«

»Hier,« erwiderte er, und nahm das Camelienbouquet vom Tisch, während

er seine gefüllte Börse ernsthaft in ihre kleine Geldkasse gleiten ließ.

»Was machen Sie mit dem Bouquet meiner Braut?« sagte plötzlich Ertings

Stimme hinter ihm, ehe Edith Zeit gehabt hatte, Einspruch zu thun.

»Ich habe es gekauft,« sagte Rüdiger, und blickte herausfordernd auf

seinen kleinen Rivalen nieder.

Edith mischte sich hastig ein.

»Thorheit, Baron Rüdiger, Sie mußten selbst sehen, daß ich nicht daran

denken konnte, Ihnen diesen Gegenstand zu verkaufen -- legen Sie

gleich das Bouquet wieder her! Es war nur ein Scherz,« wandte sie sich

verwirrt an Erting.

»Das Bouquet ist mein,« erwiderte Rüdiger, ohne sich an Ertings

zornbleiche Miene zu kehren, »dort liegt meine Börse, Geschäft ist

Geschäft, Herr Erting, das müssen Sie als Kaufmann doch am besten

wissen!«

»Sie sind unartig, Gerald,« fiel Edith wieder hastig ein, »und ich

allein habe das Recht, hier zu entscheiden. Legen Sie das Bouquet

wieder her, ich mag Ihr Geld nicht haben, auf sophistischem Wege bin

ich nicht wohlthätig!« Sie hielt ihm die Börse hin.

»Das Bouquet,« wiederholte sie.

»Geben Sie das Bouquet her,« sagte Erting gleichzeitig, mit vor Wuth

fast erstickter Stimme, »haben Sie ein Recht darauf, oder ich?«

»Leider Sie!« erwiderte Rüdiger lachend und hielt den fraglichen

Gegenstand hoch in die Höhe, »aber trotzdem bleiben diese Blumen mein,

ich würde ebenso gern meinen Kopf hergeben, wie auch nur ein einziges

Blättchen aus dem Strauß! Geben Sie sich keine Mühe, Erting, Sie können

ihn gar nicht erreichen!«

»Genug,« sagte Edith jetzt schnell und besorgt, da sie sah, daß Erting

aufs Aeußerste gereizt war, »ich =befehle=, daß Sie die Blumen meinem

Bräutigam geben, Gerald!«

Sie hatte noch nie mit diesem Ausdrucke von Erting zu Rüdiger

gesprochen, sein schnell entfachter Zorn loderte auf. Er nahm den

Strauß und die schwere Börse, und mit dem heftigen Ausruf: »So soll sie

Niemand haben!« schleuderte er Beides durch das geschlossene Fenster

in den Garten und verließ dann den Saal, ohne irgend Jemand Lebewohl

gesagt zu haben, während die ganze Gesellschaft stumm und entsetzt dem

»tollen Junker« nachsah, der sich eben wieder seines Namens so werth

gezeigt hatte.

Die Fürstin, welche am andern Ende des Saales beschäftigt gewesen,

hatte sich beim Klirren der Fensterscheibe rasch und erstaunt

umgewendet, und sandte jetzt Raven ab, um den Grund dieser Störung zu

erfahren. Als er mit dem Bericht zu ihr zurückkehrte, lachte sie hell

auf:

»Köstlich, Herr von Raven, dieser Rüdiger ist wirklich ein Original!

Aber wie erfrischend wirkt das in unseren nüchternen Kreisen!«

»Ich fürchte, Durchlaucht, daß Herr Erting die Sache nicht in diesem

Sinne auffassen wird,« sagte Raven, »er schäumte geradezu vor Wuth, und

seine Mutter, die eben eintrat, um das Bouquet des Söhnchens fliegen zu

sehen, war mindestens ebenso empört! Wenn die Sache nur nicht ernstere

Folgen hat!«

»Das wäre ja abscheulich!« rief die Fürstin lebhaft, »und gerade

jetzt, wo ich mir vorgenommen habe, den interessanten Goldgräber zu

unseren kleinen Festen heranzuziehen; eine derartige Differenz würde

Alles zerstören. Das muß verhindert werden, um jeden Preis! Ich

werde die Familie Erting versöhnen, Herr von Raven, ich bringe der

Außergewöhnlichkeit ein Opfer!«

Sie ging lachend davon, und Raven folgte ihr, etwas ingrimmig murmelnd:

»Besonders, wenn diese »Außergewöhnlichkeit« ein so hübsches Gesicht

hat, da opfert man sich mit Leichtigkeit!«

Aber Ludwig Erting war bereits den suchenden Augen der Fürstin

entrückt. Er faßte den Arm seiner Mutter und zog sie mit sich hinaus.

»Ich gehe nach Haus,« sagte er auf ihren verwundert fragenden Blick.

»Und Edith? Ich weiß nicht wie du bist, Ludwig, du wirst doch deine

Braut nicht allein hier lassen!«

»Ich gehe nach Haus,« wiederholte er heftig, »für heute habe ich wieder

einmal genug von dem vornehmen Brautstand. Was, ich soll mich wohl von

dem infamen Abenteurer, dem Rüdiger, wie einen Schuljungen necken und

zerren lassen? Mutter, ich sage dir, es geht nicht gut; wenn =du= nicht

merkst, daß man sich hier über uns lustig macht, =ich= merke es, und

was habe ich denn davon?«

»Aber Ludwig,« rief die erschrockene Frau, die währenddessen mit dem

zornigen, kleinen Sohn ihren bereitstehenden prächtigen Wagen bestiegen

hatte, und nun an seiner Seite durch die Straßen rollte, »Ludwig,

hast du denn gar kein Gefühl für die Ehre, die dir geschieht, wenn du

eine solche Heirath machst? Du mußt doch steigen wollen und in höhere

Sphären kommen, mein liebes Kind -- ich will ja nur dein Glück, wenn

ich dir dazu rathe!«

»Du meinst es gut, Mutter, das weiß ich,« sagte er, schon ruhiger,

»und es ist ja auch möglich, daß eine Heirath mit Edith ein Glück

ist, in manchem Sinne! Aber ich denke jetzt oft, es wäre besser für

mich, ich hätte mich nicht von dir bereden lassen, aus meinem Kreise

herauszugehen, durfte ich nach meinem Sinne wählen, so wäre ich später

einmal Herr in meinem Hause, und nicht, was ich hier immer sein werde,

der Mann meiner Frau, die ja sehr schön, sehr vornehm und sehr klug

ist, die aber wenigstens zehn Stufen herunter steigen muß, um sich mir

gleich zu dünken. Das ist nichts für mich, Mutter, aber wir wollen

nicht weiter davon sprechen. Geschehene Dinge sind nicht zu ändern!«

Die Mutter schwieg auf diesen Ausbruch eines lange verhaltenen Aergers,

einfach, weil sie nichts darauf zu erwidern wußte.

Dann aber fühlte sie doch das Bedürfniß, ihren Sohn zu beschwichtigen.

Sie legte Ludwig die Hand auf die Schulter.

»Mein liebes Kind,« sagte sie ängstlich, »so sei doch nicht so heftig!

Daß ich nur dein Glück im Auge hatte, als ich dich zu der Verlobung mit

Edith drängte, weißt du ja! Und warum solltest du nicht glücklich mit

ihr werden? Ist sie nicht das schönste und liebenswürdigste Mädchen,

das die ganze Provinz aufweisen kann? Und so distinguirt, so viel

_chic_!«

»Mutter, thu mir die einzige Liebe, und sei nicht vornehm, so lange wir

unter vier Augen sind! Dir steht es nicht, und mir gefällt es nicht,

und außerdem gehört das _chic_ und was du sonst sagst, nicht zur Sache.

Antworte mir einmal einfach: glaubst du, daß Edith mich liebt?«

Frau Erting wurde verlegen, als die ehrlichen, kleinen Augen des Sohnes

sich so fest auf sie richteten.

»Was verstehst du unter lieben?« frug sie ausweichend.

»Nun, ungefähr, was =du= darunter verstandest, als du meinen Vater

heirathetest, der ein armer Mensch war, und dir keine glänzende

Existenz bieten konnte! Oder ungefähr, was =ich= darunter verstand, ehe

Martha unter fremde Leute gehen mußte, damit ich eine vornehme Heirath

machen konnte!«

»Ludwig,« sagte die Mutter, jetzt fast ebenso heftig, als vorhin der

Sohn, »reize mich nicht! Willst du deine Verlobung mit Edith Brandau

rückgängig machen, so thue es, ich kann dir nichts befehlen, aber ich

kann dir etwas verbieten! Du hast mir am Todtenbette deines seligen

Vaters versprochen, nicht gegen meinen Willen zu heirathen, und wenn

ich den bittersten Kummer erleben sollte, dich als Junggesellen sterben

zu sehen, meine Einwilligung zu einer Heirath mit Martha Erting

erhältst du nie! So lange du ledig bleibst, kann ich sie aber natürlich

nicht wieder ins Haus nehmen. An deinem Hochzeitstage, das verspreche

ich dir, will ich an sie schreiben, und sie zurück holen lassen; also

du hast es in deiner Hand, wie lange Martha »unter fremden Leuten« sein

soll! Ich dachte, du hättest dir diesen Unsinn nun nachgerade aus dem

Kopf geschlagen!«

»Reden wir nicht mehr davon,« sagte Erting finster, »ich habe mich

vergessen! Eins aber sage ich dir, Mutter, wenn mir dieser übermüthige

Junker, der Rüdiger, noch ein einziges Mal zu nahe tritt, oder sein

unverschämtes Hofmachen bei meiner Braut fortsetzt, so werde ich ihm

zeigen, daß man Courage haben kann, auch wenn man nicht baumlang und

baumstark ist! Ich fordere ihn auf Pistolen, Mutter -- du weißt, ich

habe noch kein solches Ding in der Hand gehabt, und wenn er mich

todtschießt, so hast du wenigstens das tröstliche Bewußtsein, daß ich

vornehm umgekommen bin!«

Der Wagen hatte während dieser Rede gehalten, und Ludwig half Frau

Erting aussteigen.

»Gute Nacht, Mutter,« sagte er dann, »da kommt schon einer von unseren

Herrn Bedienten; ich will noch zu Gerhold, ein Glas Wein wird mir

heute ganz dienlich sein!«

Und damit wandte er sich ab und ging die Straße hinunter, während die

Mutter, halb entsetzt, halb stolz über den heldenmüthigen kleinen

Eisenfresser, im Hause verschwand.

Entflieh' mit mir!

Die Fürstin ließ es seit dem Bazartage nicht an Gelegenheiten fehlen,

die gefährlichen Zusammenkünfte zwischen dem Brautpaar und Rüdiger zu

veranlassen. Theils hatte sie, trotz ihrer vierzig Jahre, noch jenes

kleine _faible_ für Rüdiger, welches er fast bei jeder Frau, mit der

er in Berührung kam, hervorrief, theils auch ergötzte es sie, die

Reibereien und Intriguen zwischen Erting und Rüdiger zu beobachten. So

jagten sich denn Lese- und Musikabende, Schlittenfahrten und Eisfeste

nach einander, und immer war der »tolle Junker« der Held aller dieser

Festivitäten.

Wie Edith, die in jenen Gesellschaften mit Gerald las und musicirte,

und sich seinem eigenartigen Wesen unbefangener als je hingab, dachte,

das wußte Niemand. Die kühle, vornehme Zurückhaltung ihres Wesens

hätte jede Frage von vorn herein zurückgewiesen, und ob sie selbst

sich fragte? Sie ließ sich von dem glänzenden Strome der Gegenwart

dahin tragen, wie in einem Traume, in dem uns schon bewußt ist, daß

wir bald erwachen werden, den wir aber mit um so größerem Entzücken

weiter träumen. Das dunkle Gefühl, daß die Wellen dieses Stromes sie

vielleicht plötzlich erfassen und in den Abgrund ziehen könnten,

kam ihr nur selten, und wurde so schnell wieder unterdrückt, wie es

entstand.

Als eine Art Abschiedsfest hatte noch so eben ein glänzender Maskenball

die Gesellschaft vereint. Unmittelbar von diesem Balle aus kehrte

Edith, die mehrere Tage bei der Fürstin gewohnt hatte, nach Brandau

zurück.

Der Maskenball war glänzend und es herrschte nur =eine= Stimme vollster

Befriedigung. Die Fürstin, die als Maria Stuart durch die Zimmer

rauschte, hatte das Signal zum Demaskiren noch nicht gegeben. Sie

selbst war natürlich sofort erkannt worden, zu ihrem geheimen Verdruß,

und so blieb ihr nichts übrig, als, auf eigene Abenteuer verzichtend,

solche in möglichst großer Zahl unter ihren Gästen anzustiften.

Edith hatte auf den dringenden Wunsch der Fürstin einen altdeutschen

Anzug gewählt, und als sie jetzt in ihrem lichtblauen, faltenreichen

Gewande, mit den herabhängenden, schweren Goldflechten sinnend am

Fenster lehnte, hätte allerdings das »Gretchen« nicht reizender gedacht

werden können. Der dieser Erscheinung widersprechende Zug von Stolz

und Herbheit, der Ediths Wesen sonst leicht kennzeichnete, war durch

den wehmüthigen Gedanken an den so nahe bevorstehenden Abschied von

der Mädchenzeit zu einer weichen Lieblichkeit gemildert, die ihr einen

neuen und geradezu hinreißenden Zauber verlieh.

Erting zu erkennen, war ihr sofort gelungen, er hatte, mit richtigem

Takt, einen einfachen schwarzen Domino gewählt, aber seine schüchterne

Unbehülflichkeit ließ ihm selbst diese anspruchslose Tracht als eine

Prätension erscheinen. Er stand, sich entschieden unbehaglich fühlend,

am Fenster des zu ebener Erde gelegenen Ballsaales und blickte in

die Schneenacht hinaus. Edith trat mit jenem, aus freundschaftlicher

Zuneigung und Mitleid gemischten Gefühl, welches sie stets für ihn

empfand, auf ihn zu.

»Nun, Ludwig, haben Sie mich wirklich noch nicht erkannt, oder wollen

Sie sich Ihre Maskenfreiheit wahren?« sagte sie, und legte ihre kleine

Hand auf seine Schulter.

Er wandte sich hastig um und nahm die Larve ab; es lag ein Zug von

trübem Nachdenken auf seiner Stirn.

»Wollen Sie mich daran erinnern, daß es mit unserer Freiheit überhaupt

bald zu Ende ist?« sagte er in einem Tone, der scherzhaft sein sollte,

aber bitter klang.

»Was haben Sie, Ludwig?« frug Edith halb erstaunt und halb verletzt,

indem sie einen Schritt zurück trat. In dem Moment fiel ihr Blick auf

eine hohe Gestalt in der düsterschönen Tracht eines spanischen Granden.

Eine tiefe, jähe Röthe schoß ihr sinnverwirrend in den Kopf, und war

trotz der Larve wohl zu bemerken.

»Was ich habe?« gab er finster zurück, »sehen Sie einmal in den

Spiegel, Edith, aber jetzt, in diesem Augenblicke, und fragen Sie sich,

»was ich habe,« wenn das Mädchen, das in drei Tagen meine Frau sein

wird, beim Anblick eines Anderen so tief erröthet -- Sie haben sich zu

früh demaskirt!«

Sie richtete sich auf und wollte ihn ohne ein weiteres Wort verlassen,

aber ihr ehrliches Herz sagte ihr, daß er so Unrecht nicht habe! Sie

bezwang sich und blieb.

»Ludwig, seien Sie nicht hart,« sagte sie, fast bittend, »Sie kennen

mich genug, um zu wissen, daß ich bei jedem überraschenden Wort oder

Anblick roth werde, und das unerträgliche Gefühl, daß Sie mich stets

beobachten, wenn Gerald kommt --«

»Ach was Gerald -- Gerald,« rief er heftig, »Sie brauchen den Baron

nicht beim Vornamen zu nennen, ich kann diese Jugendfreundschaft nicht

leiden, die er zum Vorwand nimmt, um Ihnen vor Aller, und auch vor

meinen Augen in der unerhörtesten Weise den Hof zu machen! Sie werden

ihn nicht mehr beim Vornamen nennen, und Sie werden heute Abend nicht

mit ihm tanzen!«

Edith war leichenblaß geworden.

»Sie demaskiren sich gleichfalls ein wenig früh,« sagte sie langsam und

eiskalt, »aber noch brauche ich mir in solchem Tone nichts befehlen zu

lassen, ich werde Gerald Rüdiger beim Vornamen nennen, und werde mit

ihm tanzen, bis Sie mir wirklich etwas zu befehlen haben!«

Und mit einem hochmüthigen Kopfneigen trat sie aus der Fensternische,

und nahm Geralds Begrüßung mit um so seltsameren Gefühlen entgegen,

als der leidenschaftlich entzückte Ausdruck, mit dem er sie erkannte,

schneidend von dem Wesen Ertings abstach.

Das Orchester begann einen rauschenden Walzer zu spielen, man

demaskirte sich, und als Rüdiger jetzt mit Edith durch den Saal flog,

da folgten Aller Blicke bewundernd und -- bedauernd dem herrlichen

Paar, welches dem feurigen Rhythmus des Tanzes so anmuthig nachgab, und

jetzt stillstehend, unwillkürlich an zwei schlanke Edeltannen denken

ließ, die neben einander und für einander gewachsen schienen.

Noch nie hatten Beide, Rüdiger und Edith, es so klar empfunden, was

sie einander waren, als an diesem Abend, wo das schmerzliche Gefühl

»des letzten Males« ihrem Beisammensein einen erhöhten Reiz verlieh.

Noch nie hatte Rüdiger es so offen gewagt, von seiner Leidenschaft zu

sprechen -- und Edith, im Gefühl einer an ihn begangenen Härte, wies

ihn nicht zurück!

»Und übermorgen ist Ihr Polterabend!« sagte Gerald jetzt ohne

Uebergang, als er Edith den Arm bot, und langsam mit ihr durch den Saal

nach einem kühleren Zimmer schritt. Sie ließ sich ermüdet in einen

Sessel gleiten, und wehte sich mit ihrem großen Fächer Kühlung zu, ohne

zu antworten. »Erlauben Sie!« sagte er jetzt, und nahm den Fächer aus

ihrer Hand, »das paßt nicht für Gretchen -- überlassen Sie es Faust!«

»Sie sind nicht Faust!« erwiderte sie lebhaft, und richtete sich auf,

um ihn anzusehen.

»Vielleicht doch! Die Fürstin wollte mich wenigstens sofort dafür

erkennen, freilich hat sie mir dies Kostüm auch warm genug empfohlen!«

»Abscheulich!« rief Edith erröthend, »weil sie wußte, daß es Ludwig

kränken würde!«

»Und warum soll Ludwig sich nicht kränken lassen?« sagte Rüdiger

höhnisch, »soll ich das ganz allein thun?«

»Sie brauchen sich ja auch nicht zu kränken!«

Novellen Hausgenossen. — Und Doch! — Der tolle Junker. — Finderlohn. — Glück muß man haben! · 第 6 / 12 段