kein so ungleiches Paar unter ihren Wipfeln hinschreiten sehen, als
heute an diesem Oktoberabend. Edith, hoch, blumenschlank gewachsen,
in der strengen Einfachheit ihres dunklen Reitanzuges, das schwarze
Hütchen tief in die Stirn gezogen, unter dem krauses, goldrothes
Haar in einen einzigen starken Zopf geflochten, über die Schultern
herabhing, bildete mit ihrer stolzen, sichern Haltung, ihrem anmuthig
festen Gange den schroffsten, fast komisch wirkenden Gegensatz zu
dem schmalschultrigen, blassen kleinen Manne mit dem festanliegenden,
schwarzen Haar, der im Gesellschaftsanzug und schwarzen Cylinder neben
ihr einherschritt. Das Gefühl des verlegenen Unbehagens, welches
ihm jedes Alleinsein mit seiner Braut verursachte, stand in seinem
gutmüthigen Gesicht geschrieben. Er peinigte sich beständig ab, etwas
zu finden, womit er Edith unterhalten könne, und es gelang ihm nie.
Edith gab sich keine Mühe, ihm beizuspringen. Sie blickte gedankenvoll
in den zartnebeligen Wald hinaus, von dessen Wipfeln hier und da ein
goldschimmerndes Blatt langsam, leise zur Erde fiel. Ein schöner
Herbstabend ist ein mächtiger Zauberer; mit den weißen Fäden, die vom
Gewand des scheidenden Sommers in der Luft hängen bleiben, spinnt sich
gar zu gern ein Stück Vergangenheit im Menschenherzen wieder an, es
tändelt vor uns her, leicht und ungreifbar, wie die Schleier der Elfen
-- und wenn wir die Hand darnach ausstrecken, legt es sich uns trüb vor
die Augen -- Herbstspiel!
Endlich brach Erting das Schweigen.
»Haben Sie noch einen Auftrag für mich, Edith? Ich kann ja Alles
bestellen! Vor Sonntag komme ich wohl nicht wieder heraus?«
Es lag eine Art schüchterner Frage in dem letzten Satz, die Edith zu
überhören schien.
»Ich danke Ihnen,« sagte sie freundlich; sie war stets sehr freundlich
gegen ihren Bräutigam, »aber ich glaube, es ist Alles besorgt, was man
überhaupt in der Welt besorgen kann, wir haben ja seit vierzehn Tagen
nichts Anderes gethan!«
Ein Ausdruck von Abspannung und Müdigkeit lag auf ihrem Gesicht, sie
nahm den Hut ab und strich die dicken, goldenen Haarwellen aus der
Stirn wie eine Last.
»Sie sehen bleich aus,« bemerkte Erting besorgt, »ist Ihnen auch unser
Spaziergang zu weit?«
Sie schüttelte lächelnd den Kopf.
»Vergessen Sie nicht, daß Sie ein Landmädchen vor sich haben, ich bin
an stundenlange Wege gewöhnt. Nein, es ist nur die köstliche Ruhe und
Stille hier, die mir plötzlich klar macht, wie unruhig mir die letzten
Wochen vergangen sind, man lebt doch nur halb, wenn man in der Stadt
lebt!«
»Falls Sie den Wunsch hegen, Edith, daß wir aufs Land ziehen -- ich
habe ja keine bindende Stellung in W...., dann kaufe ich ein Gut
in der Nähe. Sie wissen ja, daß mich nur Ihre Wünsche bei meinen
Zukunftsplänen bestimmen!«
»Nein, nein,« erwiderte sie müde und abwehrend, »was sollte das?
Sie sind kein Landmann und ich möchte mich in kein fremdes Gut mehr
einleben.«
»Nun wir könnten ja Brandeck kaufen,« sagte Erting, »die Mama würde
gewiß ganz gern darin willigen, und der Kaufpreis müßte so gestellt
werden, daß er ihr eine sorgenfreie Existenz ermöglichte.«
Sie schnitt mit einer leidenschaftlichen Geberde seine Rede ab.
»Hören Sie auf, es macht mich wild, wenn Sie von einem Kaufpreis für
Brandeck sprechen, Sie sollen es nicht kaufen, ich habe den dringenden
Wunsch, daß Karl es übernimmt.«
»Ihr Bruder? Nun, Edith, das ist wohl ein wenig sanguinisch! Wenn
ich als Kaufmann nichts von Landwirthschaft verstehe, wird ein so
lebenslustiger Husarenlieutenant wohl auch kein Held darin sein!«
»Man hat aber öfter den Fall gehabt, daß aus einem Husarenlieutenant
ein Gutsbesitzer wurde, als aus einem Kaufmann. Uebrigens sind Sie
nicht Kaufmann -- können Sie denn nie vergessen, daß Sie dazu erzogen
wurden?«
»Gewiß nicht!« entgegnete er mit einiger Energie, »meine Neigungen und
Interessen ziehen mich zum Handelsstand, und wenn ich Ihnen auch mit
Freuden das Opfer bringe, demselben zu entsagen, so bin ich doch weit
davon entfernt, mich zu gut für einen Stand zu halten, dem mein Vater
seinen Reichthum und unsere ganze Familie ihre Stellung verdankt.«
Sie blieb stehen.
»Sie sind ein ehrlicher Mensch, Ludwig,« sagte sie, und gab ihm die
Hand, »und das habe ich gern! Seien Sie nicht böse, daß ich Sie hart
anließ, mir ist heut so grenzenlos nervös zu Muthe und ich habe Ihnen
ja von Anfang an gesagt, daß Sie kein leichtes Leben mit mir haben
werden!«
Edith war bezaubernd, wenn sie liebenswürdig sein wollte und Erting,
der meist mehr Furcht vor seiner Braut empfand, als Liebe zu ihr --
hatte er sie doch zumeist auf den Wunsch seiner Mutter gewählt --
vermochte sich diesem Zauber auch nicht zu entziehen. Er beugte sich
über die schöne Hand, die seinen Ring trug, und führte sie an die
Lippen, das einzige Vorrecht, das ihm die Etikette im Brandau'schen
Hause und besonders die einschüchternde, kühle Freundlichkeit Ediths
während des Brautstandes gestattete.
Eine kleine, von Seiten Ertings etwas verlegene Pause folgte, die er
endlich unterbrach, indem er seine Absicht aussprach, jetzt nach der
Stadt zurückzukehren, da er den Abend noch eine Versammlung zu besuchen
habe.
»Darf ich vor Sonntag noch einmal herauskommen?« fragte er, als er sich
am Parkeingang von Edith verabschiedete.
Eine leise Enttäuschung flog über ihr Gesicht.
»Gewiß,« sagte sie dann, indem sie einen kleinen Tannenzweig
zerpflückte, und die einzelnen feinen Nadeln zerstreut in die Luft
warf, »kommen Sie, so oft Sie wollen, aber erwarten Sie nicht zu viel
von meiner Gesellschaft zu haben, ich genieße noch die Waldeinsamkeit
und meine schönen, langen Ritte -- und dann sind wir auch sehr fleißig
jetzt -- aber wie gesagt, kommen Sie nur!«
Sie reichte ihm die Hand.
»Wenn Sie ins Schloß gehen, so sagen Sie Mama, ich hätte meinen Ritt
für heute aufgegeben, bliebe aber noch ein wenig im Freien,« rief
sie ihm dann schon im Weitergehen zu, und während er stand und ihr
nachsah, verlor sich ihre schlanke Gestalt in der Herbstdämmerung der
Parkgänge. Sie schritt langsam, wie absichtslos, dahin, und erst, als
sie sich rechts gewandt hatte, und fast an der Grenze von Brandeck
angelangt war, wurde es ihr klar, daß sie, einem unbewußten Zuge
folgend, den Lieblingsplatz früherer Tage aufgesucht hatte. Es war ein
Theil des einstigen Gartens, den jetzt selten mehr ein Fuß betrat, und
der schon seit Jahren unbeachtet grünte und wucherte. Hier war es so
schweigsam und abgeschlossen, der leise Moderhauch am Boden welkender
Rosenblätter flog über die Beete und der schluchzende Ton einer kleinen
Fontaine machte die Stille nur bemerklicher.
Als die schöne, junge Braut sich jetzt neben dem Marmorbassin jener
Wassersäule auf den Rasen niederließ und mit gedankenschweren Augen in
den blassen Abendhimmel sah, hätte die Elfe dieser einsamen Stelle,
die im Begriff steht, von ungeweihter Hand vertrieben zu werden, nicht
lieblicher verkörpert werden können.
Vergangene Zeiten flogen ihrem Blick vorüber, eine längst in der Ferne
verhallte Stimme klang an ihr Ohr. Wie oft hatte sie früher hier
gesessen, das verschüchterte, kleine Mädchen, unbewillkommnet und
unbeliebt, scheu und wild, wie ein Geschöpf des Waldes. Bald gesellte
sich dann in ihrer Erinnerung die Gestalt des Jugendgespielen zu dem
Bilde des einsamen Kindes -- an diesem Plätzchen hatte er sie stets
zu finden gewußt. Die Lücke in der Hecke, die Brandeck von Wolfsdorf
trennt, war wohl längst zugewachsen. Wie schnell hatte er immer
durchzuschlüpfen verstanden.
Dann saßen die Kinder zusammen, jagten sich, spielten, wurden größer
und ernsthafter, aus den Märchen, die sie sich erzählten, wuchs
langsam eine wahre Geschichte empor und sah sie mit hoffnungsfreudigen
Augen an! Dann kam eine Trennungszeit, ein paar tolle Streiche des
übermüthigen Spielkameraden, und ein kühler, stiller Sommermorgen, an
dem Gerald Rüdiger vor Sonnenaufgang an ihr Fenster kletterte, zum
letzten Lebewohl; damit war's aus gewesen!
Von Liebe hatten sie Beide nie gesprochen, und wenn Edith im Herzen
daran geglaubt, so war sie eben thöricht gewesen; fünfmal hatten
seitdem die Rosen geblüht, und kein einziges Briefblatt, kein
Gruß aus der wilden Ferne, in die der Jüngling damals so kühn und
abenteuerlustig gezogen, hatte ihr bewiesen, daß er noch ihrer gedacht!
Inzwischen war ihr Vater gestorben, grollend mit sich, mit seiner
Gattin, mit der ganzen Welt, vor Allem mit der Tochter, die ihm sein
Majorat gekostet -- und dann kam eine Zeit harter Entbehrungen, die
um so härter waren, als man dabei den Schein der Vornehmheit wahren
mußte. Es kamen unsäglich bittere Stunden, in denen die Mutter, sich
der ganzen Heftigkeit ihres ungezügelten Temperaments überlassend, es
Edith täglich und stündlich zum Vorwurf machte, daß sie geboren, daß
sie noch im Hause sei. Der bevorstehende Ruin ihres Stiefbruders, der
in einem Meer von Spielschulden zu versinken drohte, wurde natürlich
auf das verlorene Majorat zurückgeführt, kein Augenblick, der nicht
tausend Kränkungen für das Mädchen gebracht hätte! Und als nun wieder
ein Freier sich zeigte, ein Millionair, dabei nach allgemeinem Urtheil
ein braver, guter Mensch, der ihr seine Hand und sein fast fürstliches
Vermögen bot, da hatte sie freilich erst Nein gesagt, und tausendmal
Nein rief es noch heute in ihr, aber der leidenschaftliche Zorn der
Mutter, die flehentlichen Bitten ihres Stiefbruders, und endlich ihr
gekränkter Mädchenstolz, der nicht Einem nachtrauern wollte, der sie
so ganz vergessen, alles Das trat wieder vor ihr inneres Auge, als sie
frug, warum sie doch nachgegeben!
Am Tage ging es gewöhnlich gut, ganz gut!
Man ließ sie im wahren Sinne des Wortes nicht zu Athem kommen, die
Hochzeit stand ja nahe bevor, und die Fürstin von T.... hatte es sich
förmlich erbeten, für die Aussteuer sorgen zu dürfen. Edith mußte
tagtäglich mit ihrer unermüdlichen Beschützerin umher fahren, in den
glänzenden Läden der Residenz Bestellungen machen, Möbelstoffe und
Tapetenfarben wählen. Die Abende führten sie dann meist in Gesellschaft
oder ins Theater, und dem klösterlich erzogenen Mädchen war dies
Treiben so neu, so fremd und berauschend, daß sie zeitweise dachte, es
sei wohl wirklich ein glückliches Loos, das sie gezogen!
Aber dann konnte eine stille duftige Fahrt durch den Sommerabend
kommen, ein einfaches Volkslied von alter Liebe und vergessener Treue
sich ihr auf die Lippen drängen, und aller trügerische Glanz war fort
-- verwischt -- zwei übermüthige blaue Augen blitzten sie an -- und es
war Alles, Alles wieder wach in ihr, was sie so tief begraben geglaubt.
Sie schrak zusammen und erhob sich. Gewiß vermißte man sie schon, wer
hatte sie auch geheißen, gerade heute den alten Platz aufzusuchen?
Sie schritt hastig vorwärts, um auf einem Umwege über die waldige
Fahrstraße ins Schloß zurückzukehren, und den Abendwind ihre heißen
Augen kühlen zu lassen, ehe sie der Mutter gegenüber trat.
Als sie so in tiefen Gedanken dahinschritt, die Schleppe des
Reitkleides emporhaltend, einen Büschel frischen Haidekrauts im Gürtel,
mit dem ihre Hand spielte, ließ ein Knistern und Knacken in den Zweigen
sie überrascht aufsehen. Aber gingen sie denn wirklich um in der
Herbstsonne, die Geister der alten Zeit?
Ein riesiger Bernhardinerhund sprang mit ungestümen Sätzen auf sie
zu, und hinter ihm stand ein hochgewachsener Mann mit tiefgebräunten,
wildschönen Zügen, nicht mehr der blasse, abschiednehmende Jüngling von
damals, aber wann und wo hätte sie diese Augen nicht erkannt! Stumm
und bleich wie ein Mondstrahl stand sie ihm gegenüber -- ihr war, als
müßte das erste Wort den Zauber brechen, und er wieder verschwinden auf
Jahre, auf immer!
Und auch er sprach nicht, er sah fest und unverwandt auf den kleinen
Ring an ihrer Hand, den der letzte Sonnenstrahl eben auffunkeln ließ.
So standen sich Beide still gegenüber, Keins fand einen Laut zur
Begrüßung, an ihrem Fuß klirrten die goldenen Ketten eines reichen
Freiers, und er wußte es!
Endlich überwand sich Edith zum ersten Wort, »wir haben uns lange nicht
gesehen, Gerald,« und streckte ihm die bebende, kleine Hand hin.
Wie beängstigt von dem regungslosen Schweigen, in dem er verharrte,
ohne auf ihren Gruß zu antworten, fuhr sie hastig, mit fliegendem Athem
fort:
»Ich war mehr wie überrascht, Sie so plötzlich vor mir zu sehen, seit
einigen Wochen bin ich von Brandeck fort gewesen und bei meiner Abreise
fehlte noch jede Nachricht über Sie, man hielt Sie allgemein für
verschollen.«
»Das Gerücht ist ein wenig voreilig, wie Sie sehen,« erwiderte
er langsam und mit erzwungener Ruhe, »auch war die Annahme nicht
»allgemein,« wie Sie sagen. =Eine= hat immer von mir gewußt, haben Sie
sich in den ganzen, langen fünf Jahren nicht um meine Mutter bekümmert?«
Seine Stimme war bei dem ehrlichen, einfachen Ton der Frage weicher
geworden, aber Edith erhob den Kopf so stolz, als wollte sie den
Vorwurf, der in den Worten lag, schon zurückweisen, ehe sie sprach.
»Ich hatte keine Berechtigung dazu,« sagte sie kalt, »warum haben Sie
in den »ganzen langen fünf Jahren« nicht =einmal= direct von sich hören
lassen?«
Er schwieg einen Augenblick und sah vor sich nieder.
»Sie haben recht, Edith, ganz recht, aber wie Sie mich kennen, sollten
Sie nicht so fragen! Ich bin kein Federheld und hätte auch in den
ersten Jahren verzweifelt wenig Rühmenswerthes von mir zu erzählen
gewußt! Ich habe mich in allen Sphären des Lebens umhergetrieben, nur
in keiner, die ich Ihnen hätte anschaulich machen können oder mögen!
Sie wissen, ich habe es mündlich nie verstanden, mich besser zu machen
als ich bin, so wollte ich es auch schriftlich nicht versuchen. Und
da ich von meiner Mutter bis vor einem Jahr, wo ich sie verlor, immer
hörte, daß es Ihnen wohl ging, so nahm ich an, daß Sie auf dieselbe Art
auch von mir hören und an mich denken würden.«
Sie unterbrach ihn mit einer stolzen Bewegung des Unmuths.
»Sie haben mich zu hoch oder zu niedrig geschätzt, Baron Rüdiger; man
mag in meiner »Lebenssphäre« nicht so viel Kenntnisse erwerben, als Sie
Gelegenheiten hatten, zu thun, aber Eines habe ich gelernt, bis zur
Vollkommenheit -- zu vergessen, wo ich vergessen war!«
Sie brach ab, und strich aufathmend mit der Hand über die Stirn. Er
stand schweigend vor ihr und sah sie traurig an, dann trat er einen
Schritt auf sie zu.
»Edith,« sagte er, und bot ihr herzlich die Hand, »einen solchen Ton
mag ich nicht von Ihnen hören, ob ich ihn verdient habe oder nicht! Er
ist des Mädchens nicht würdig, die an einem kühlen Frühjahrsmorgen mit
Thränen in den Augen zu mir sagte, »wenn Sie auch wiederkommen, Gerald,
Sie werden mich als dieselbe finden, die Sie verlassen haben!« Diese
Worte haben mich auf all meinen wilden Wegen begleitet, Edith, ich
hörte sie, wenn ich des Abends mit meinen Jagdgesellen im Walde lag,
in den Schein des Wachtfeuers starrte und meine thörichten Träume von
der Heimath träumte. Wollen Sie wissen, was Der, der Sie »vergaß,« wie
Sie sagen, da träumte, Edith? Von einem alten Schloß, wild und einsam,
unter deutschen Buchen, in dem ich und noch Eine Abends am Fenster
standen, wenn die Nachtigallen schlugen --«
»Hören Sie auf,« unterbrach ihn Edith mit zitternder Stimme, »selbst
wenn ich Ihnen glaubte, oder glauben wollte, ich habe nicht mehr das
Recht, solche Worte anzuhören -- ich bin Braut!«
»Man hat es mir erzählt,« sagte Rüdiger finster, »und ich habe erst
gelacht, dann geflucht und mich immer wieder gefragt: was haben sie
mit meinem stolzen Mädchen angefangen, durch welche Teufelskünste ist
sie so weit gebracht worden, Ertings Braut zu werden! Edith, es wäre
zum Lachen, wenn es nicht so furchtbar ernst wäre! Wissen Sie, was Sie
thun?«
Sie schwieg und kämpfte einen schweren Kampf mit sich, ehe sie
antwortete -- die Stimme vor ihr war ja doch und trotz Allem die Musik
ihrer Jugendjahre gewesen! Aber es war vorüber!
»Sie haben eigentlich kein Recht zu dieser Frage,« erwiderte sie
hochmüthig, »aber ich will Ihnen antworten, um alter Zeiten willen!
Ja, ich weiß, was ich thue, Erting hat nicht nur mein Wort, sondern
ich schulde ihm aufrichtige Achtung und Dankbarkeit, weil er groß und
zartsinnig an uns gehandelt hat. Ist Ihnen das genug?«
»Ja und nein,« sagte er, während er den Zorn niederzukämpfen suchte,
den ihr kalter Ton in ihm anfachte, »ich verstehe Sie, Edith -- in
dürren Worten, Erting hat Ihrem Stiefbruder die Schulden bezahlt,
und dafür sind Sie seine Braut geworden. Hölle und Teufel,« rief er
plötzlich, und schleuderte sein Gewehr, mit dem er gedankenlos gespielt
hatte, in jäh ausbrechender Wuth weit von sich, daß es mit dumpfem
Klange auf den Boden schlug, »daß ich hier stehen soll, ich vor allen
Menschen auf der ganzen Erde, und mit Ihnen Ihre Verlobungsgeschichte
verhandeln, Edith -- das ist mehr als ich ertragen kann. Machen Sie ein
Ende, sage ich, machen Sie ein Ende, meine Geduld hat ihre Grenzen!«
»Und worin soll dies Ende bestehen?« frug sie, während sie ihn
unverwandt ansah. Wie gefiel er ihr in seinem urwüchsigen Zorn!
»Sie sollen mir sagen, daß ich ihn, oder mich, oder Sie niederschießen
darf, daß diese ganze Brautschaft ein widerwärtiges, tolles Puppenspiel
ist, und Sie mir doch im Grunde treu geblieben sind, trotz aller Ihrer
schönen Reden.«
Sie trat einen Schritt auf ihn zu.
»Gerald, Gerald!« sagte sie in halb traurigem, halb leichtem Ton, und
legte ihre kleine Hand auf seinen Arm, »ich habe doch mehr gelernt, als
Sie in den fünf Jahren, mein alter Spielkamerad! Man kommt mit solchen
Sturmesflügeln nicht durch die Welt, glauben Sie es nur! Mir hat das
Leben die Schwungfedern schon geknickt, eine nach der andern, und ich
habe es ganz hübsch begriffen, daß man sich in Unabänderliches fügen
muß. Aber Sie, wie Sie da vor mir stehen, und mit dem Fuß aufstampfen,
ist es mir gerade, als wären wir um zehn Jahre jünger, und spielten
hier im Walde »Räuber und Prinzessin!« Sie sind wirklich noch ganz
derselbe --«
»Der vor fünf Jahren aus dem Stubenarrest entwischte, und seine
Carrière in die Luft fliegen ließ, um Edith Brandau einen
Cotillonstrauß zu bringen. Sie mögen Recht haben,« sagte er spöttisch,
»nun, Sie haben ja Ruhe für uns Beide, ich könnte darin viel von Ihnen
lernen! Für heut ist wohl aber die Lektion beendet, ja? Ich darf mich
empfehlen, und Sie gehen ins Schloß zurück, Erting kommt doch gewiß zum
Thee, ich will Sie nicht aufhalten, Comtesse!«
Er nahm seinen Hut auf, und ging mit tiefer Verbeugung. Als er einige
Schritte gethan hatte, rief Edith zögernd: »Gerald!«
Er wandte sich hastig um.
»Ihr Gewehr, Baron Rüdiger -- und Sie haben mir nicht Lebewohl gesagt!«
Er kam langsam näher und hob das Gewehr vom Boden auf, dann stützte er
sich darauf und blieb einen Augenblick stehen.
»Edith,« sagte er hart und kalt, »hüten Sie sich vor mir! Wie wir Beide
uns kennen, taugt es nicht, wenn Sie mit mir spielen wollten, wie
damals, wo ich für ein freundliches Gesicht von Ihnen bis ans Ende der
Welt gelaufen wäre. Ich bin zu alt dazu, Edith, und es könnte Ihnen
doch einmal verzweifelt schlecht gefallen, wenn ich Ernst aus dem
Spiel machen wollte! Ich habe noch ein gutes Theil Wildheit in mir,
lassen Sie mich lieber in Frieden -- es ist für uns Beide, und für Ihre
Porzellanpuppe von Bräutigam besser, wenn ich andere Wege gehe! Und
nun, gute Nacht Edith!«
Er streckte ihr die Hand hin, sie nahm sie nicht.
»Nein, Gerald,« sagte sie weich und traurig, »gehen Sie nicht so im
Zorn von mir fort! Ich habe vorhin, weil ich gekränkt war, nicht
bedacht, daß auch Sie im Augenblick etwas zu verwinden hatten,
wollen wir uns nicht gegenseitig verzeihen, Gerald? Es ist doch
wahrscheinlich, daß uns die nahe Nachbarschaft hier jetzt bisweilen
zusammenführt, sollen wir, zwei so getreue Kameraden von einstmals,
dann fremd und kalt an einander vorbeigehen? Ich bin ja ohnehin nicht
mehr lange hier --«
Eine heftige Bewegung flog über ihr Gesicht und plötzlich brach ein
Strom von heißen Thränen aus ihren Augen, der zur Genüge bewies, daß
die Ruhe der letzten Stunden erkünstelt gewesen.
»Edith, was thun Sie?« rief er, wie außer sich, und streckte die Arme
nach ihr aus. Aber sie hatte sich schon gefaßt, und wies ihn mit einem
energischen Kopfschütteln zurück.
»Gerald, verstehen Sie mich recht,« sagte sie fest im Ausdruck, wenn
auch die Stimme noch bebte, »ich schäme mich dieser Thränen nicht, sie
waren ein Tribut an unsre schöne, lustige, traurige Vergangenheit, die
uns ja doch kein Mensch rauben kann! Aber wir leben in der Gegenwart,
Gerald, und dürfen nur danach fragen, ob wir recht thun, nicht ob es
uns gefällt! Dazu helfe mir Gott -- und Sie, mein alter Kamerad, Sie
werden mir dabei gewiß nicht hinderlich sein wollen! Gute Nacht Gerald!«
Und während er noch erregt und zweifelnd stand, ohne ihr zu antworten,
verließ sie ihn, und ging nach dem Park zurück. Der höher und höher
steigende Herbstnebel schien, wie ein wallendes Meer, sie in sich
aufzunehmen, und als er sich hinter der verschwindenden Gestalt, einem
grauen Vorhang gleich, zusammen schloß, da erst empfand es Gerald mit
wildem Schmerz, daß er sie wirklich und unwiederbringlich verloren habe!
Gott schütz' Dich vor dem ungeschlachten,
Ohn Maßen groben Cavalier!
Der große Wohlthätigkeitsbazar, der unter dem Protectorat der Fürstin
von T... alljährlich zum Besten eines von ihr gegründeten Krankenhauses
stattfand, wurde in diesem Jahre bei Lampenlicht abgehalten, wie böse
Zungen behaupteten, weil der Teint der hohen Frau nicht mehr so ganz
dem Tageslicht Probe hielt, wie in früheren Zeiten.
Die Fürstin verkaufte zwar nicht selbst, aber sie ging ab und zu, und
war unermüdlich im Anordnen, wie in Allem, was in irgend einer Form
Vergnügen hieß.
Edith Brandau hatte ihre Mitwirkung selbstredend zusagen müssen,
sie war schon von je durch ihre Erscheinung die Krone jedes solchen
Unternehmens, und jetzt, wo der etwas seltsame Brautstand die
allgemeine Neugier in Bezug auf das schöne Mädchen noch erregt hatte,
durfte man eine besondere Anziehungskraft für die Kauflust des
Publikums von ihr erwarten.
Die Stunde, wo die Gesellschaft sich in die Verkaufsstätte drängte,
hatte noch nicht geschlagen, doch waren die Unternehmerinnen schon
erschienen, und nahmen beim strahlenden Lampenlicht an den sehr bunt
und geschmackvoll arrangirten Tischen Platz, während sie hier und da
noch einen Gegenstand in besseres Licht stellten, dort einen mehr
wohlgemeinten, als geschmackvollen Beweis des Wohlthätigkeitssinnes in
den Hintergrund schoben.
Edith saß unbeschäftigt in ihrem Sessel zurückgelehnt. Ein mattblauer,
schwerer Stoff umrauschte sie, wie das Element, dem sie mit ihren
Nixenaugen und ihrem Goldhaar anzugehören schien. Neben ihr lag ein
riesiger weißer Camelienstrauß, die zarten Blumenblätter waren fast
nicht bleicher, als das Gesicht der schönen Braut, der sie in Ertings
Auftrage vor wenigen Augenblicken beim Eintritt in den Saal überreicht
wurden.
Das Mädchen war in tiefes Sinnen verloren. Die kurzen Wochen, die
zwischen ihrer Unterredung mit Gerald und dem heutigen Abend lagen,
hatten ihr so manche Stunde gebracht, die jede Fiber ihres Herzens
erzittern ließ, und sie in den seltsamsten Conflict mit sich brachte.
Zufall und Absicht verbündeten sich, um sie wieder und wieder mit dem
Jugendfreunde zusammenzubringen, und der auf »freundschaftlicher«
Basis angeknüpfte Verkehr, den ihr eigener Wille hervorgerufen hatte,
nahm nur zu bald die leidenschaftliche Färbung wieder an, die Geralds
ganzem Wesen seine Eigenthümlichkeit und seinen Reiz verlieh. Er hatte
sich mit scheinbarer Unbefangenheit im Hause ihrer Mutter eingeführt,
er, der sonst so ungestüm Reizbare, schien die Kälte der Gräfin, den
schlecht verhehlten Widerwillen Ertings nicht zu bemerken, für ihn
existirte nur Edith!