Schlauheit bereits keine Grenzen mehr kannte. »Die halbe Nacht ist noch
bei uns ein fürchterlicher Spektakel gewesen, -- Fränzchen hat geweint,
der Vater hat gezankt, sie sei ein dummes Ding, die nicht wisse, was
sie eigentlich wolle, und sie solle gleich zur Tante reisen, bis sie
zur Vernunft gekommen wäre. Dann hat mir der Vater einen Brief gegeben,
den sollte ich zu dir tragen, wenn ich aus der Schule käme, -- da du
aber nach Schrobeck fährst, behalte ich ihn natürlich!«
»Her mit dem Brief!« herrschte Karl mit so wildem Ton und Blicke, daß
Fritz, vor diesem furchtbaren Anblick erzitternd, den Brief aus der
Tasche zog und Karl einhändigte.
Dieser überflog ihn, dann glitt ein triumphirendes Lächeln über sein
Gesicht, er faltete den Brief zusammen, steckte ihn in die Tasche und
wandte sich wieder zu Fritz.
»Höre Fritz, -- in diesem Zuge giebt's keine Damencoupés. Du belegst
hier in diesem Wagen einen Platz für Fränzchen, -- ich lasse meine
Reisetasche in die Ecke legen und komme nicht eher auf meinen Platz,
bis der Zug eben fortfahren will.«
Fritz nickte und erklomm das bezeichnete Coupé.
Nach wenig Minuten brachte ein blaujäckiger Dienstmann Karl's
Reisetasche und legte sie auf den Eckplatz. Fritz begab sich wieder in
den Wartesaal, um seine Schwester zu rufen, -- es klingelte zum ersten
Mal.
Karl sah hinter der Gardine des nächsten Wartezimmers zum Fenster
hinaus.
»Hier, Fränzchen!« rief der wohlinstruirte Fritz und half der Schwester
in das Coupé steigen, an dessen Fenster ein Täfelchen mit der
bedeutsamen Inschrift prangte: »Für Nichtraucher!«
»Kein Damencoupé?« frug das Mädchen schon im Einsteigen.
»In diesem Zuge giebt's keine Damencoupés,« lautete die Antwort, und
Fränzchen nahm ihren Platz gerade der gestickten Reisetasche gegenüber,
um den Anblick der brüderlichen Stumpfnase noch so lange als möglich
zu genießen.
Fritz hatte den Wagentritt bestiegen und nahm noch allerlei Aufträge in
Empfang.
»Erlauben Sie, junger Herr,« sagte da eine muntere Stimme hinter ihm,
und die junge Dame mit dem Kirschenhut bestieg den Wagen und nahm die
dritte Ecke an der andern Seite ein.
»Ob das Karl lieb sein wird?« dachte Fritz bedenklich, -- doch da er
nicht befugt war einzuschreiten, schwieg er wohlweislich.
Um so gesprächiger war die Neueingetretene vom ersten Augenblick an,
sie klagte über die Hitze, legte ihr Hütchen ab und bot Fritz und
Fränzchen gutmüthig von dem Pfefferkuchen an, den sie in unvertilgbaren
Quantitäten bei sich zu führen schien.
»Ich fahre nicht mehr allzu lange,« sagte sie jetzt, sich bequem in die
Ecke zurücklehnend, »in Eisdorf steige ich aus. Sie auch, Fräulein?«
»Ich habe noch eine Station weiter bis zu meinem Ziel, -- ich will nach
Schrobeck,« erwiderte Fränzchen müde.
Ein erneutes Klingeln, -- ein kurzer, zwitschernder Pfiff ließ sich
vernehmen, -- Fritz wurde höflich ersucht, seinen erhabenen Standpunkt
zu verlassen, -- und eben wollte der Beamte die Thür zuschlagen, als
in vollem Lauf ein uns wohlbekannter, graugekleideter Herr über den
Perron eilte, in den Wagen sprang und kaum darin war, als der Zug sich
in Bewegung setzte.
Karl hatte in diesem Augenblick einen bedeutenden Vortheil über
Fränzchen, -- er wußte, was ihm bevorstand, und vermochte es in Folge
dessen, seinen Hut abzunehmen und beide Damen wie fremde Mitreisende
zu grüßen. Fränzchen aber, gänzlich unvorbereitet, starrte ihn mit
weitgeöffneten Augen an, als sehe sie einen Geist, und wechselte
unaufhörlich die Farbe.
Die kleine Dame mit dem Kirschenhut blickte verwundert von Einem zum
Andern, von dem so sehr gefaßten, jungen Mann zu dem fassungslosen
Mädchen, -- und schüttelte unmerklich den Kopf.
Karl aber that ganz, als wenn er zu Hause wäre. Er legte seine
Reisetasche in das oberhalb angebrachte Netz, den Hut daneben, und
begann dann, über Fränzchen weg, die kleine Brünette mit freundlichem
Wohlgefallen anzusehen. Er suchte in seinem Herzen nach einem
Vorwand, um sich zu ihr zu setzen und Fränzchen durch Entfaltung
seiner glänzenden Unterhaltungsgabe tief fühlen zu lassen, =wen= sie
verschmähte.
Um Karl's veränderte Stimmung und gehobenen Muth zu begreifen, bedarf
es nur eines Einblickes in den Brief, den ihm sein hoffentlicher
Schwiegervater geschrieben hatte. Dieser Ehrenmann that ihm schwarz
auf weiß zu wissen, daß Fränzchen gleich nach seinem Weggehen den
ausgetheilten Korb bitter bereut und sich des schwärzesten Betragens
angeklagt habe. Von seinem Vorschlag aber, Karl diese Mittheilung
zu machen, habe sie unter keiner Bedingung etwas hören wollen,
wahrscheinlich weil das gegen ihre Würde gestritten hätte. So habe
denn der Vater beschlossen, um ihr über die nächsten, unbehaglichen
Tage hinwegzuhelfen, sie auf eine Woche zu Tante Amalie nach Schrobeck
zu schicken, und glaube er, seinem lieben Karl die Versicherung geben
zu dürfen, daß, falls er nach Ablauf dieser Frist noch einmal anfrage,
er ein um so freudigeres »Ja« für das trotzige »Nein« von gestern
erwarten dürfe.
So wußte denn unser Held, woran er war, -- und wer das =nicht= weiß,
kann erst den unschätzbaren Werth dieser Kenntniß ganz würdigen.
Der Vorwand seinen Platz zu wechseln, fand sich bald. Die Kirschendame
stand auf und rüttelte mit beiden Händen an dem geschlossenen
Coupéfenster. Es wich ihren Anstrengungen nicht sogleich und
Karl sprang mit einem verbindlichen »erlauben Sie mir!« auf die
gegenüberliegende Seite und öffnete das Fenster, sich bequem an diesem
niederlassend.
Die lustige, kleine Dame war hoch erfreut, ihre sehr unfreiwillige
Schweigsamkeit aufgeben zu müssen. Karl eröffnete die Unterhaltung mit
der geistreichen Bemerkung:
»Jetzt ist es nicht mehr so heiß, durch das offene Fenster kommt ein
angenehmer Luftzug.«
Die kleine Dame nickte mehrmals mit dem Kopf zum Zeichen der
Zustimmung, und fügte bei:
»Darum kam ich eben auf den Gedanken!«
»Es war ein sehr kluger Gedanke,« sagte Karl verbindlich.
Die Kirschendame sah geschmeichelt aus und bot Karl von ihrem
Pfefferkuchen an.
»Herren essen zwar so etwas nicht gern,« bemerkte sie.
»Aus so schönen Händen,« erwiderte Karl, der schon merkte, daß diese
Waare hier guten Absatz fände.
»O, bitte,« erwiderte sein _vis-à-vis_ erfreut.
Fränzchen sah unbeweglich zum Fenster hinaus. Das war zu stark, daß
Karl noch nicht vierundzwanzig Stunden nach dem betrübenden Vorfall
in ihrer Gegenwart so harmlos lustig sein und dieser kleinen,
unternehmenden Person schöne Redensarten machen konnte! Sie war sehr
erbittert und durfte sich doch nicht verrathen!
Drüben ging indeß die Unterhaltung unermüdlich fort, die kleine Dame
lachte über Karl's Einfälle, die meist mehr durch Vortrag als durch
Neuheit glänzten, -- sie lachte so laut und herzlich, daß sie sich
die Augen trocknen mußte. Karl hatte aber heute lauter selbstische
Zwecke im Auge, -- erstens wollte er Fränzchen ärgern und sodann sein
_vis-à-vis_ günstig stimmen, damit sie ihm das Rauchen erlaubte.
Bescheiden brachte er die Anfrage vor.
»Bitte, rauchen Sie,« sagte seine gemüthliche neue Freundin, »wenn es
die andere Dame nicht genirt?«
Karl wandte sich mit einer verbindlichen Bewegung an Fränzchen, mit
gezücktem Streichholz.
»Ich bedaure sehr,« erwiderte sie in eiskaltem Ton, »das Rauchen macht
mir Kopfweh.«
Das war aber unrichtig, wie Karl genau wußte. Schwer geärgert über
diese Ungefälligkeit, vergaß er die gebotene Vorsicht.
»Du hast es doch immer vertragen,« fuhr er heraus, biß sich aber
erschreckt auf die Lippe, als die Kirschendame sichtlich die Ohren
spitzte und Fränzchen, dunkelerröthend, sich zum offenen Fenster
hinausbog.
Die Kirschendame ertrug's nicht länger. Sie beugte sich zu Karl hinüber
und sagte lautlos, nur mit den Lippen:
»Frau!«
Er schüttelte den Kopf.
»Braut?« im selben Ton.
Karl bedachte sich nicht lange, sondern nickte frischweg.
»Gezankt?« deutete das _vis-à-vis_ an.
Abermals nickte er.
»O,« sagte das Fräulein jetzt mitleidig und hätte wohl noch weiter
geforscht, wenn nicht in dem Moment der Zug gehalten hätte.
»Station Eisdorf,« rief der Schaffner.
Die kleine Dame begann sofort in fieberhafter Angst ihren Hut,
ihre Schachteln und ihren Pfefferkuchen zu erfassen und mit einem
bedeutungsvollen: »Glückliche Weiterreise, meine Herrschaften!« verließ
sie den Wagen und taumelte in die Arme einer großen Familie, die sie
erwartet hatte.
Langsam setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Karl sah nun
seinerseits zum Fenster hinaus.
»Nur sich nichts vergeben!« dachte er.
Ein zaghaftes »Karl!« veranlaßte ihn, sich umzuwenden.
»Karl, willst du nicht deine Cigarre anzünden?«
»Du bist sehr freundlich,« sagte er kurz, und bald schwebten die blauen
Dampfwolken zum Fenster hinaus über die grünen Felder.
Mehrere Minuten vergingen, -- Karl überlegte, was er wohl jetzt sagen
sollte, -- er beschloß, dem Mädchen seine Launenhaftigkeit ernstlich
zu Gemüth zu führen, -- und während er sich diese Worte in Gedanken
zurechtlegte, störte ihn ein leises Schluchzen.
Er schielte vorsichtig herum und sah Fränzchen mit dem Tuch vor dem
Gesicht, in Thränen aufgelöst, in der Ecke lehnen. Da schmolz sein
ohnehin nicht sehr hartes Herz und mit einem Satz war er neben ihr. Zu
einer leidenschaftlichen Liebeserklärung hatte Karl gar kein Talent, --
und so mögen unsere Leserinnen verzeihen, daß er sich seinem Charakter
gemäß ausdrückte.
»Aber sage mir einmal, Fränzchen, wozu machst du nun dir und mir das
Leben schwer? Wärst du vernünftig gewesen und hättest gestern Abend
'Ja' gesagt, wie du doch meinst, -- nein, sei still, ich weiß es ganz
gut, -- da säßen wir heute als glückliches Brautpaar in Eurer Wohnstube
und Abends führen wir mit dem Vater zu mir heraus und du sähest dir die
blaue Tapete an, die du ja selber ausgesucht hast.«
Sie lachte unter Thränen und schüttelte den Kopf.
»Nun, freilich hast du sie selber ausgesucht,« fuhr Karl gemüthlich
fort, »und wir Beide, die sich schon gemeinsam die Wohnung eingerichtet
haben, fahren hier, wie die Landstreicher, in der Eisenbahn, als
wüßten wir nicht, wo wir hingehören! Nein, Fränzchen, wie soll das
später werden, wenn wir da draußen auf dem Lande allein sitzen, und du
willst so unvernünftig sein! Das geht nicht, und jetzt steh' auf und
sage: 'Ich will sehr gut folgen, lieber Karl!'«
Er zog sie an der Hand empor und sie sprach zwischen Lachen und Weinen
die bedeutungsvollen Worte nach.
»So,« sagte Karl nach einer Weile, als die erste Rührung beiderseits
überstanden war, -- denn, gestehen wir es, auch unserem Helden wurde
die Stimme etwas unklar, -- »nun will ich dir auch beichten, -- ich
habe dich schon Jemandem als meine Braut vorgestellt!«
»Wem denn?« frug Fränzchen erstaunt.
»Der kleinen Dame mit dem Kirschenhut,« erwiderte Karl ruhig, »was
hätte die sich sonst denken sollen?«
»Station Schrobeck,« rief der Schaffner, die Thür öffnend.
Unser Paar sah sich bedenklich an. Karl als Herr und Gebieter beschloß,
was zu thun sei.
»Wann geht der nächste Zug nach L.... zurück?« frug er, den Namen von
Fränzchens Heimathsort nennend.
»In einer halben Stunde.«
»Nun, Fränzchen,« sagte Karl heiter, »dann fahren wir in einer halben
Stunde hübsch zu deinen Eltern! Aber was thun wir die halbe Stunde? Nur
nicht zu Tante Amalie,« schauderte er.
»Wir trinken hier auf dem Bahnhof Kaffee,« schlug Fränzchen vor.
»Bravo,« rief Karl und schlug dröhnend in die Hände, »du bist die
richtige Frau für mich! Natürlich trinken wir Kaffee!«
Und nach einer halben Stunde saß das neue Brautpaar wieder im
Eisenbahnwaggon und dampfte den Weg zurück, den es vor wenig Stunden
gekommen war. Lassen wir sie ruhig ziehen, -- die kommen durch die
Welt!
Der tolle Junker.
»Sie haben mich gezwungen zu einem ehrlichen Mann.«
Die zu ebener Erde belegene Weinstube von Gerhold war heute schon fast
leer und nur eine einzige Gruppe nahe dem Fenster schien ausharren zu
wollen, bis der Herbstmorgen dämmerte.
Drei oder vier Herren saßen bei einigen Flaschen Wein in lebhaftem
Gespräch und zwei andere waren an einem Billard beschäftigt. Die
Spieler gehörten anscheinend zu der sitzenden Gesellschaft, denn ab und
zu warf einer von ihnen eine kurze Bemerkung in die Unterhaltung am
Tisch.
Jetzt öffnete sich die Glasthür, die von der Straße aus in das Zimmer
führte, noch einmal, und ein Herr in mittleren Jahren, blond, blaß und
vornehm aussehend, trat ein, warf seinen Oberrock ab und näherte sich
der Versammlung am Fenster, welche ihn lebhaft begrüßte, während die
Billardspieler seinen Eintritt noch nicht zu beachten schienen.
»Nun, Raven, Sie eröffnen die Saison recht früh,« bemerkte einer der
bereits Anwesenden, »es ist doch sträflich, im September schon in
Gesellschaft zu gehen.«
»Was haben Sie da?« sagte der als Raven Angeredete, »_château d'Yqum_?
Schön, ich bin von der Partie! Und was die Gesellschaft betrifft, so
werden Sie mir zugeben, daß man Ausnahmen macht; ich wette, Sie Alle
hätten heut Abend mit mir getauscht, ich war bei Ertings und habe im
kleinen Kreise die Verlobung mitgefeiert.«
Bei diesen Worten wandte sich einer der Herren am Billard rasch um; er
hatte ein scharfes, geistvolles Gesicht, dessen dunkle Augen durch eine
goldene Brille blickten, ohne darum weniger jugendlich auszusehen.
»Ei, da ist ja auch unser Hippokrates!« sagte Raven, dem allbeliebten
jungen Arzt die Hand schüttelnd; »nun, Doktor, ist Alles zu Tode
curirt, daß Sie 'mal Zeit haben, hier Billard zu spielen? Welch
glänzendes Zeugniß für den Gesundheitszustand unserer Stadt!«
»Berufen Sie mein Glück nicht!« erwiderte Doktor Stein, »ich bin selbst
ganz erstaunt über diesen Ausnahmezustand, und habe zu Hause Befehl
gegeben, mich für alle, außer die dringendsten Fälle, zu verleugnen. Da
ist übrigens mein letzter Ball gemacht, Schrader, für heute sind wir
quitt!«
Er warf die Queue auf das Billard, trat zum Tisch und schenkte sich ein.
»Und nun,« sagte er, sich einen Stuhl heranziehend, »erzählen Sie vom
Verlobungsfest, Raven, das ist ja interessant!«
»Ja, ja,« riefen die Anderen durcheinander, »erzählen Sie, wie war das
Arrangement, und wie benahm sich das Brautpaar?«
»Das Arrangement war tadellos, wenn Sie das Büffet meinen,« sagte
Raven, »es hatte nur wieder den alten Erting'schen Fehler, weniger
wäre mehr gewesen! Ich bitte Sie, für eine Gesellschaft von zwanzig
Personen ein Souper wie bei Hofe, Sect in Strömen -- nun, wir können es
ja haben!«
»Und das Brautpaar?«
»Der Bräutigam war still, ängstlich und gutmüthig wie immer, die Mama
soufflirte ihm beständig! Er glaubte, seinen Geschmack durch seine
Wahl genügend bewiesen zu haben, und hatte sich im Uebrigen nicht mit
dem Artikel angestrengt, brillantne Vorstecknadel und mehr Ringe wie
Finger! Nachdem mich ein schaudernder Blick darüber belehrt hatte, war
ich unfähig, noch einmal hinzusehen. Die Alteration konnte mir schaden,
man muß auch an sich selbst denken!«
»Sie sind ein malitiöser Mensch,« sagte der Doktor. »Ludwig Erting
ist ein guter, anständiger Kerl, der sich immer als solcher benehmen
wird, wenn ihm auch die Lächerlichkeiten seiner Mutter ankleben. Wäre
er innerlich anders, so würde Edith Brandau ihm auch nie ihr Jawort
gegeben haben, verlassen Sie sich darauf!«
»Vergessen Sie die anderthalb Millionen nicht, bester Stein, die diesem
Juwel als Fassung dienen!«
»Aber erzählen Sie weiter, Raven, wie sah die Comtesse aus?«
»So schön wie immer, oder vielleicht noch schöner,« sagte Raven,
»blaß, ernst und still! Ganz in Weiß mit einer alterthümlichen, feinen
Goldkette wohl zehnmal um den Hals geschlungen, wie ein Aquarell von
Passini!«
In diesem Augenblick rasselte draußen ein schwerer Wagen, er hielt
vor der Thür des Weinhauses und ein graubärtiger Mann in Hut und
Kutschermantel trat hastig und verstört in die Stube.
»Das gilt mir!« sagte der Arzt und ging dem Ankommenden entgegen.
»Herr Doktor, Sie müssen gleich mitkommen,« begann der Alte mit
unsicherer Stimme, die noch mehr seine Angst verrieth, als das bleiche
Gesicht, »unser Herr liegt im Sterben!«
»Was Teufel!« rief der Doktor und fuhr schon mit einem Arm in den
Ueberzieher, während er sich von den Anderen verabschiedete, »ich
empfehle mich bis auf Weiteres meine Herren, hoffe, es wird so schlimm
nicht sein!«
»Wer ist denn krank?« fragte Raven den Eilfertigen.
»Der alte Baron in Wolfsdorf,« rief der Doktor schon im Hinausgehen,
die Thür klirrte ins Schloß und wenig Augenblicke darauf rasselte der
schwere Landwagen über das Straßenpflaster.
Ernüchtert durch diesen Zwischenfall, kehrten die Herren zu ihrem Tisch
zurück und begannen sich auch zum Aufbruch zu rüsten.
Raven hatte sich mit Schrader von den Anderen getrennt.
»Seltsam,« begann er jetzt, als sie mit einander durch die
menschenleeren, mondhellen Straßen schritten, »wie diese Botschaft für
den Doktor an unser Gespräch anknüpfte!«
»Inwiefern?« frug sein Begleiter überrascht.
»Ja so, Sie sind hier fremd in der Gegend! Sie müssen wissen, Brandeck
und Wolfsdorf grenzen, und Edith Brandau war als Kind mehr bei dem
alten Baron Rüdiger als bei ihren Eltern, die sie, glaube ich, etwas
vernachlässigten. Der alte Wolfsdorfer hat einen Neffen, auch einen
Rüdiger, der bei ihm aufwuchs, und der, wie man sagte, eine Art
Jugendliebe oder Kinderliebe der schönen Edith war.«
»Und warum wurde nichts daraus?«
»Pah, weil es eben ein Unsinn war! Der junge Mensch hatte nichts und
war nichts, ein Tollkopf vom reinsten Wasser. Und Brandau's -- _cela va
sans dire_ -- dadurch, daß Edith statt des erhofften Sohnes kam, ging
ihnen das Majorat durch die Finger, von dem Ertrag des verkommenen,
verwirthschafteten Brandau konnten sie eben existiren! Ueberdies bekam
der junge Rüdiger wegen ein paar ganz besonders tollen Streichen
den Abschied und ging als Fähnrich oder blutjunger Lieutenant nach
Australien, man hat nie wieder etwas von ihm gehört. Und seine schöne
Jugendliebe ist ja getröstet, wie ich mich heute überzeugen konnte!«
Sie waren bei ihrem Gespräch vor Ravens Haus angelangt.
»Wie ist mir denn,« sagte Schrader, »das Majorat ist einer andern Linie
zugefallen? Und dabei sprach Comtesse Edith doch öfters von einem
Bruder!«
»Stiefbruder, Bester, Stiefbruder! Die alte Brandau hat aus erster Ehe
einen Sohn, Carl Düringshofen, ein leichtsinniger Junge! Er steht bei
den Husaren in M... Jetzt aber gute Nacht, Schrader, schlafen Sie aus,
es ist sündhaft spät geworden!«
Die Hausthür schloß sich hinter ihm, und Schrader trat den Heimweg an.
O Gürtel und Schleier, o bräutlich Gewand!
Der Heini von Steier ist wieder im Land!
Der Spätherbst rauschte in seinem rothgoldenen Mantel in voller Pracht
durchs Land. Er streute mit verschwenderischer Hand einen leise
knisternden Teppich aus gelben Blättern über die großen Rasenplätze im
Wolfsdorfer Park und verschüttete den breiten Wallgraben rings um das
Schloß mit dem Laub der uralten Weinstämme, die an den grauen Mauern
emporkletterten, und im Sommer als lichtgrüne Fahnen von den Thürmen
wehten.
Der alte Baron Rüdiger, auf dessen Grabhügel jetzt die Octobersonne
schien, hatte seine Freude daran gehabt, dem Schloß sein
mittelalterliches Ansehen zu erhalten, und war es zum Theil verfallen
und düster, so that dies dem Charakter des Ganzen keinen Abbruch. Noch
immer mußte der einkehrende Gast der herabgelassenen Zugbrücke harren
und wurde vom Thurmwächter mit Hörnerschall begrüßt. Und daß alle diese
Einrichtungen noch auf Jahre hinaus unverändert blieben, dafür hatte
der seltsame alte Herr in seinem Testament gesorgt.
Dies Testament hatte Aufsehen gemacht und die verschiedensten
Empfindungen und Gefühlsäußerungen im weitesten Kreise hervorgerufen.
Mit Umgehung zahlreicher, liebevoll besorgter Vettern, die es an
Erkundigungen und Besuchen bei dem kranken Oheim nicht hatten fehlen
lassen, ernannte der Verstorbene seinen Neffen, den verabschiedeten
Lieutenant Gerald von Rüdiger, zum Universalerben seiner beiden Güter,
Wolfsdorf und Ewershausen, und seines ganz ansehnlichen Vermögens.
Ein Aufruf in allen Blättern meldete dem Betreffenden, dessen
zeitweiliger Aufenthalt unbekannt war, das Geschehene. »Falls er sich
nicht einstelle,« so lautete die letztwillige Verfügung, »sollte ein
Curatorium durch zehn Jahre lang die Güter für ihn verwalten, und ihm
bei seiner etwaigen Rückkehr unverzüglich übergeben.« Erst nach Ablauf
dieser Frist hatte der Erblasser anderweitig über den Besitz verfügt.
Heut zu Tage fliegt ja Alles durch die Welt, und so konnte es
geschehen, daß wenig Wochen nach der Testamentseröffnung der
»verschollene« Rüdiger seinen Einzug in Wolfsdorf hielt, und mit
anscheinend leichter, aber doch sicherer Hand die Zügel der Regierung
ergriff.
Er hatte von vornherein keinen schweren Stand mit seinen Untergebenen.
Die Leute hingen an dem alten Namen, sie hatten außerdem den
tollköpfigen Junker von klein auf gekannt und gönnten ihm sein
unerwartetes Glück und vor Allem, Rüdiger verstand es, mit ihnen
umzugehen.
Wo er sich zeigte, mochte er zu Fuß über die Stoppeln schreiten,
und den Gruß der Vorübergehenden freundlich erwidern, mochte er in
der herrschaftlichen Loge der Dorfkirche sitzen, die Herzen flogen
ihm entgegen! Ein wildes Scherzwort, sein übermüthiges Lachen, sein
schönes, tiefgebräuntes Gesicht, in dem bei aller Formengewandtheit
und Sicherheit eine gewisse unbezähmte Kraft fremdartig anmuthete, hin
und wieder einer jener tollen Streiche, die ihn von Jugend auf zum fast
sagenhaften Helden der Umgegend gestempelt hatten, dabei seine warme,
offene Herzensgüte, die für jeden Bedrängten ein williges Ohr, eine
offene Hand hatte, alles Das kam zusammen, um seine Untergebenen mit
einer Art Eigenthumsrecht und Stolz auf ihn blicken zu lassen.
So war er denn in der alten Welt schnell wieder heimisch geworden,
und fand sich in seine gänzlich veränderte sociale Stellung, vom
heimathlosen Abenteurer zum festen Grundbesitzer, mit der ihm eigenen
Leichtigkeit hinein; freilich behielt er nebenbei noch ein ganz
genügendes Anrecht auf seinen alten Namen »der tolle Junker!«
Besuche in der Nachbarschaft hatte er noch wenige gemacht, er stürzte
sich vorläufig mit Feuereifer in die landwirthschaftliche Thätigkeit,
und jede freie Stunde fand ihn auf der Jagd in seinen ausgedehnten
Forsten.
Man hatte es in dem benachbarten Brandeck in Folge dieses seines
zurückgezogenen Lebens bis dahin ermöglicht, der Tochter des Hauses,
Edith Brandau, die Heimkehr des Jugendgespielen zu verschweigen, was um
so leichter war, als sie bis zum gestrigen Tage in der Residenz ihre
Aussteuer besorgt hatte.
Der Hochzeitstag rückte heran, im Anfang des Winters sollte der stolze
Name Brandau gegen den reichvergoldeten, aber bescheideneren Erting
eingetauscht werden. Man sah zwar in gut unterrichteten Kreisen
voraus, daß die Fürstin von T..., eine dem Herrscherhaus nahestehende
lebenslustige Wittwe, die Edith besonders liebte und bevorzugte, ihren
Einfluß geltend machen würde, um Erting den Adel zu verschaffen, doch
mußte dieser Schritt anstandshalber verzögert werden, bis die Trauung
stattgefunden hatte.
Der Bräutigam war heute auch zum ersten Male seit der Verlobung auf
wenige Stunden nach Brandeck herausgekommen, und das Paar machte noch
einen kleinen Weg durch den Park, ehe Erting zur Stadt heimkehrte.
Edith war im Reitanzug, sie wollte nach des Verlobten Abreise noch
einen ihrer einsamen Ritte durch den herbstlichen Wald unternehmen.
Erting bestieg nie ein Pferd, er vermochte es sogar selten über sich,
Ediths Rappen anders zu berühren, als daß er ihm mit weit von sich
gestrecktem Arm den Hals klopfte. Die Schüchternheit und Zaghaftigkeit
seines ganzen Wesens trat überhaupt auffällig zu Tage, nie aber mehr,
als im Zusammensein mit seiner Braut.