er von neuem, »der Mensch hat sich verklausulirt, als wenn er ein
Testament über eine Million für drei leichtsinnige Söhne machen sollte
-- um jeden Paragraphen hat er geredet und gefragt -- eigentlich kann
ich Gott danken, daß ich =den= nicht als Miether bekommen habe. Ein
unausstehlicher Kerl! Aber mein Quartier -- nein, ich bin außer mir!
nun hängt der Miethszettel wieder aufs unbestimmte aus, und jedesmal,
wenn ich nach Hause komme, ärgere ich mich darüber.«
Der Hauptmann trat einen Schritt näher.
»Herr Doktor,« begann er mit halbem Lächeln, »darf ich Ihnen einen
Vorschlag machen, mit dem uns vielleicht beiden gedient wäre? Das
Quartier hat vier Zimmer, wie ich höre -- hätten Sie etwas dagegen,
mich als Miether aufzunehmen? Ich bin zum ersten Januar hierher
versetzt.«
Das Gesicht des Doktors klärte sich auf.
»Ja, aber,« sagte er etwas zögernd, »ist Ihnen denn die Wohnung nicht
zu groß?«
»Nun, dem ließe sich auch abhelfen! Herr Doktor, ich kam heute, wie
Sie in der Sturm- und Drangperiode mit dem Baron vielleicht vergessen
haben, um in einer persönlichen Angelegenheit mit Ihnen Rücksprache zu
nehmen -- darf ich meine Bitte jetzt vortragen?«
Dem Doktor ging ein Licht auf.
»Bitte!« stammelte er verlegen.
»Ich liebe Ihr Fräulein Tochter,« fuhr der Hauptmann ernsthaft fort,
»und sie ist meiner Werbung trotz unserer kurzen Bekanntschaft nicht
abgeneigt. Darf ich hoffen, Herr Doktor, daß von Ihrer Seite unserer
Verbindung kein Hinderniß im Wege steht? Sie kennen mich ja durch meine
Eltern --«
Eine Viertelstunde später rief ein energisches Klingeln die Damen in
des Doktors Zimmer. Eine kleine feierliche Scene fand statt, nach deren
Beendigung der Doktor sich zur Thür wandte, um Majors herunter citiren
zu lassen. Aber er prallte zurück, denn in der Thür stand, verlegen
und unsäglich neugierig aussehend, der Baron. Er hatte sich draußen
vor der Doktorin in seiner gewohnten Ausführlichkeit gerechtfertigt,
und als die Klingel des Hausherrn so ungestüm erscholl, hatte ihn sein
Wissensdrang nach dem Zimmer zurück getrieben, wo er zur allgemeinen
Entrüstung und Bestürzung der feierlichen Verlobung unbemerkt assistirt
hatte.
Aber der Zorn der belauschten Familie machte in der überfließenden
Freude der Fröhlichkeit Platz, und der Baron brachte seine Gratulation
an und fragte: »Verlobt, was? -- ja, das muß sehr hübsch sein -- ich
finde das allerliebst! werde mich wohl auch entschließen -- nur kein
Junggesell bleiben, was? Meine selige Mama sagte immer: 'Chlodwig, du
bist fürs Familienleben geschaffen!'« Nachdem er diesen Satz zu Ende
gebracht hatte, war der beglückte Schwiegervater so erheitert, daß er
den Baron für seine Heftigkeit von vorhin um Verzeihung bat, die der
gutmüthige Mann auch sofort bereitwillig zugestand.
Als Majors erschienen, und ein improvisirtes Verlobungsdejeuner servirt
wurde, wozu die noch aufgestellten Gläser und Tassen vortrefflich zu
statten kamen, ließ sich der Baron mit Leichtigkeit bewegen, daran
Theil zu nehmen, und alles gruppirte sich um den Tisch in des Doktors
Stube.
Nun freute sich jedes auf seine Art! Das Brautpaar war still, aber sehr
zufrieden, sie sahen allerliebst zusammen aus. Der Doktor und der Major
stießen an, und tranken Brüderschaft. Die Majorin nickte allen mit der
Unverdrossenheit einer Pagode zu und weinte Freudenthränen über ihren
Sohn und ihre liebe Käthe. Um diese zu trocknen, borgte sie allerdings
schluchzend das Tuch von der Doktorin -- ihr eigenes war momentan nicht
zur Hand. Die Doktorin hätte auch gern geweint, doch unter diesen
Umständen ging es nicht und sie mußte sich sehr zusammennehmen. Aber
bei der Gelegenheit gelobte sie sich heilig und theuer, das Borgen
müßte von nun an seine Grenzen haben, was ihr niemand verdenken wird,
der sich in einen ähnlichen Fall versetzen kann.
Der Baron fragte alle der Reihe nach, wie es so gekommen wäre, und
erzählte kleine, geistreiche Aussprüche seiner Eltern und ihres
Chlodwig, wobei er der Bowle tapfer zusprach, und es durchaus nicht
übel nahm, als man Fräulein Leontine leben ließ und ihn ein klein wenig
neckte. Und an dieser Stelle will ich denjenigen meiner Leserinnen, die
sich für Leontine interessiren, unter tiefster Diskretion verrathen,
daß der Baron ganz ernste Heirathspläne hat -- die beiden werden sehr
gut für einander passen! Aber es soll noch nicht darüber gesprochen
werden! -- Ja -- nicht zu vergessen, auf Käthes Bitten wurde ein
Eilbote zu Fräulein Sabine heraufgeschickt, die zitternd und strahlend
in ihrem besten Kleide und ihrer Staatshaube erschien, und die
Verlobungsbowle ihres Lieblings mit leeren half.
Da sitzen sie nun alle vergnügt beisammen -- jeder hat, was sein Herz
wünscht, freilich mehr oder weniger -- in den Gläsern funkelt der Wein
und alles ruft: »hoch das Brautpaar!«
Rufst du mit, lieber Leser? Ich hoffe ja!
Und doch!
I.
Er hielt die Hausthür einen Augenblick in der Hand, als überlege er, ob
er sie, seinen Gefühlen gemäß, donnernd zuwerfen und der Undankbaren
da oben eine Art von zornigem Abschiedsgruß senden solle -- aber die
Vernunft siegte doch -- die Thür wurde mit keiner ungewöhnlichen
Kraftanstrengung geschlossen -- und nun stand er auf der Straße! --
Unwillkürlich besah er sich das Haus, das er eben verlassen hatte, von
oben bis unten, -- nicht als hätte es einen besonders schönen Anblick
gewährt, -- aber er hatte doch seit Monaten jeden freien Augenblick
dort zugebracht, -- die blühenden Gewächse hinter den weißen Gardinen
hatten ihm allabendlich freundlich zugenickt, wenn er von seiner nahe
bei der Stadt belegenen kleinen Besitzung auf muthigem Rößlein vor
das Haus der Verwandten gesprengt war. Dann hatte er die Reitpeitsche
zierlich zum Gruß gegen das Eckfenster erhoben und ein dunkelblonder
Kopf mit schelmischen, blauen Augen hatte ihm freundlich wiedergewinkt.
Die Hausthür ließ ihn gastfreundlich ein, -- wie viel Stufen hatte
die Treppe? -- jedesmal schien eine mehr, bis er den messingnen
Klingelgriff in der Hand hielt! Der Hausherr war sein Onkel, nicht ein
ganz richtiger Mutterbruder, -- aber der schmucke, junge Landmann war
als Neffe und Vetter doch schnell und gern genug aufgenommen worden.
Die Familiengruppe blieb allabendlich dieselbe, -- in einem bequemen
Stuhl, dessen etwas abgeschabte grüne Saffianlehne durch gelbe
Knöpfchen eine mehr wohlgemeinte als geschmackvolle Einfassung erhielt,
saß der Vater, ein Käppchen auf dem Haar, die lange Pfeife in einer
Ecke des Mundes, eine Brille auf der Nase, durch die er die weit von
sich gehaltene Zeitung studirte, um von Zeit zu Zeit die Handlung
eines Monarchen durch wohlgefälliges Brummen zu billigen oder über die
unbedachten Worte eines Ministers langsam und unwillig den Kopf zu
schütteln. Seine Frau saß in der Sophaecke, sehr gerade aufgerichtet,
-- diese vorzügliche Haltung auch ihren Kindern beizubringen, bestrebte
sich die Gute fortwährend durch Blicke, Winke und Bewegungen, während
ihre Hände Alles, was vorging, durch harmonisches Stricknadelgeklapper
in Musik setzten. -- Und wenn dann der Theetisch gedeckt war, saßen
die vier Kinder dieses gemüthlichen Paares wie Orgelpfeifen um sie
her, -- die Aehnlichkeit unter den Geschwistern war auffallend, --
alle vier zeigten entschiedene Stumpfnäschen, stets zum Lachen bereite
Lippen und waren blond und blauäugig. Mit der ältesten konnten sich
aber die andern nicht messen, -- was in Fränzchens Gesicht zierlich und
allerliebst war, hatte bei den beiden Buben eine gewisse unfertige
Plumpheit, und die Kleinste befand sich noch in dem Alter, welches für
junge Männer einen Gegenstand des Schreckens und Abscheus bildet.
So war unser Held denn natürlich mit der Zeit dahin gekommen, seine
Aufmerksamkeit der erwachsenen Tochter zuzuwenden, und sie hatte
das ganz freundlich hingenommen, hatte erlaubt, daß er ihr das
Streichhölzchen anzündete, um die Spiritusflamme unter dem Theekessel
in Brand zu stecken, freute sich über die Blumensträuße, die er aus
seinem Garten mitbrachte, und lachte über seine Späße und Erzählungen
beinahe so herzlich wie er selbst, -- und das wollte etwas sagen!
Kurzum, es war durchaus keine Verblendung und Selbstüberhebung nöthig,
um die Entschlüsse reifen zu lassen, die in nächster Zeit unsern
Helden bewegten. Noch nicht drei Wochen war es her, da hatte er sich
in der Stadt neue Tapetenmuster ausgesucht und dem Bäschen zur Auswahl
präsentirt. Da war besonders eins, das er in's Herz geschlossen hatte,
mit blauen, schmalen Streifchen und kleinen Rosenknospen dazwischen, --
als er ihr das zeigte und frug:
»Möchtest Du wohl in einer Stube wohnen, die so tapezirt wäre? Ist es
nicht niedlich?«
Da antwortete sie freilich nur auf die letzte Frage und sagte:
»Sehr niedlich!«
Aber sie wurde roth und lachte. Warum war sie roth geworden, wenn sie
nicht wußte, was er damit meinte? Und mit triumphirenden Gefühlen
warb er einen ganzen Leiterwagen voll Tapeziere und Stubenmaler, ließ
seine ganze Wohnung neu herrichten und umgab sich viele Tage lang mit
dem abscheulichsten Kleistergeruch, -- und Alles um nichts und wieder
nichts! --
Tagelang ging er dann umher wie ein Verschwörer, -- überlegte, --
verwarf, -- und kam endlich zum Entschluß. Heut, -- diesen selben Tag,
an dem er fiebernd vor Zorn und Beschämung in der nächtlichen Straße
stand, war Fränzchens achtzehnter Geburtstag gewesen! Schon früh ritt
er mit einem Blumenstrauß in die Stadt, so groß, daß ihm alle Leute
verwundert nachsahen, -- das Mädchen empfing ihn mit der größten
Freundlichkeit, -- zeigte ihm ihren bekränzten Geburtstagstisch, -- und
man lud ihn ein, am Abend wieder zu kommen, wo eine Gesellschaft junger
Leute sich versammeln sollte.
Das that er denn auch, und als er im Hausflur einen kleinen
Taschenspiegel hervorzog und sein ehrliches, braunes Gesicht darin
betrachtete, kam er sich beinahe hübsch vor. Eine Rosenknospe hatte er
in's Knopfloch gesteckt -- und unter der Rosenknospe schlug ein Herz
voll Löwenmuth!
Fränzchen hatte sich auch sehr schön gemacht, sie trug ein weißes Kleid
mit feinen, blauen Streifen, -- es sah seiner Tapete beinahe ähnlich,
-- und die blonden, glatten Zöpfe waren mit einer frischen Nelke
geschmückt, -- er hätte sich sehr irren müssen, wenn die nicht aus dem
Strauß war, den er heute Morgen gebracht hatte!
Die kleine Versammlung war schon vollzählig, als er eintrat, und
Fränzchen vor Allen als Geburtstagskind begrüßte. Er sah aber gleich,
daß sie schlechter Laune war.
»Guten Abend, Karl,« sagte sie flüchtig und mit einem Anflug von
Verdrießlichkeit in der Stimme. »Du kommst genau eine Stunde später als
du eingeladen bist! Wir hätten schon lange anfangen können zu tanzen,
wenn wir nicht hätten auf Dich warten müssen.«
Karl war nun ein herzensguter Junge, aber sein Fehler bestand darin,
daß er einen ganz unglaublichen Brausekopf besaß. Er wurde röther, als
es selbst der Dame seines Herzens gegenüber nöthig war, machte ein
steifes Kompliment und zog sich zurück. Eins kam zum andern, -- die
Beiden stichelten auf einander, wo sie nur konnten, -- und schließlich
geschah es, daß Fränzchen sich an ihrem Geburtstag von einem Andern
zu Tisch führen ließ und Karl mit einem schnippischen: »ich bin schon
versagt,« abfertigte.
Aber Karl rächte sich! -- Unmittelbar nach Tisch wollte man beginnen,
nach dem Klavier zu tanzen. Als sich der Heimtückische durch einen
schnellen Ueberblick versichert hatte, daß auch ohne ihn eine
ausreichende Zahl von Tänzern da sei, ging er über die Stube, stieß
plötzlich einen Schmerzensschrei aus und sank auf einen Stuhl. Die
ganze Gesellschaft umdrängte ihn besorgt, -- Fränzchen allein stand an
ihrem Geburtstagstisch und zählte die Blättchen an ihrem Rosenstock,
-- das erbitterte ihn nun vollends! Er erklärte, er habe sich den Fuß
verstaucht, könne unmöglich tanzen, und wolle lieber zusehen, wenn man
ihn nicht nach Hause schicke, da er als Invalide nichts auf einem Ball
zu suchen habe.
Davon wollten sie nun alle nichts hören und Karl blieb, -- aber er
tanzte konsequent nicht! Die Fenster waren geöffnet, um die nächtliche
Sommerluft einzulassen, -- er setzte sich hinter die Gardine und dachte
zornig darüber nach, wie anders er sich diesen Abend vorgestellt hatte!
Und eigentlich war er ja schuld gewesen, -- was mußte er gleich so
empfindlich sein! Sie hatte Recht, er =war= zu spät gekommen, -- und es
war doch Fränzchens Geburtstag! -- Er erhob sich, -- es wurde ihm zu
heiß hinter der Gardine, -- und humpelte, seiner Rolle getreu, über das
Zimmer, um den Tanzenden zuzuschauen. Daß er besser tanzte wie jeder
der anwesenden Herren, war klar, -- das wußte Fränzchen auch, -- und
deshalb ärgerte es sie so sehr, daß er heute nicht tanzen =wollte=,
denn sie glaubte mit Recht nicht an seinen Unfall.
»Kinderchen, jetzt wird aber aufgehört,« rief da die Mutter, »es ist
schon sehr spät!«
Man war an diese peremptorische Art von Fränzchens Mutter schon
gewöhnt, -- da erhob sich Karl und bat die Tante flehentlich, noch
einen Augenblick zu verziehen, die Schmerzen in seinem Fuß hätten
nachgelassen und er wolle einmal mit seiner Cousine tanzen. Eben sollte
der Befehl an die Klavierspielerin ertheilt werden, als Fränzchen mit
blitzenden Augen dazwischen trat.
»Es thut mir leid, Karl, wenn =du= auch wieder hergestellt bist, --
ich habe mir soeben den Fuß versprungen -- und zwar so gründlich, daß
ich glaube, wir würden nie wieder in den richtigen Takt kommen.«
Karl biß sich auf die Lippen und schwieg. -- Die tanzenden Paare
trennten sich, -- man ging umher, um sich abzukühlen, und endlich
brach man auf. Daß Karl, als Verwandter des Hauses, sich noch nicht
mitempfahl, konnte Niemandem auffallen.
Als die Gäste fort waren, trat Fränzchen ans offene Fenster, um ihnen
nachzusehen, und Karl, von Reue und Liebe beseelt, stürzte sich Hals
über Kopf in das ungeheure Wagniß, bei den Eltern um ihre Hand zu
werben. So -- nun war's heraus, -- Gott sei Dank! -- er sah seitwärts
nach ihr hin, ob sie wohl eine Bewegung der Ueberraschung machen würde,
-- aber sie stand so still und unbeweglich am Fenster, als ginge sie
die ganze Sache gar nichts an. Verlegen und zweifelhaft blieb er
stehen. Der Vater legte die Pfeife weg, faßte das Mädchen an beiden
Schultern und drehte sie herum.
»Nun, Fränzchen,« fragte er in einer Mischung von Rührung und Humor,
»was sagst du? Hier, der Karl will dich zur Frau haben, -- na, du hast
dir's wohl schon gedacht? Nun, Mädchen, so sprich doch, -- sag' Ja oder
Nein!«
Da sah sie trotzig in die Höhe und sagte mit undeutlicher Stimme ein
kurzes »Nein!« drehte sich wieder um und trommelte an den Scheiben.
Die drei Anderen sahen sich zweifelnd und bestürzt an. -- Das kam
ihnen allen Dreien unvermuthet, -- bis Karl leise bat:
»Laßt mich einen Augenblick mit ihr allein, -- ich will sie schon zur
Vernunft bringen!«
Die Eltern schienen ihm dies Amt nicht ungern zu überlassen, Karl trat
zu der kleinen Eigensinnigen und sah, daß ihre Augen voll Thränen
standen.
»Fränzchen,« bat er herzlich, »sei nicht kindisch! Ich weiß, du hast
ein Recht, mir böse zu sein, aber es kann dir nicht mehr leid thun wie
mir, daß wir uns heute so mißverstanden haben, -- verzeihe mir doch!«
Er wollte ihre Hand fassen, sie zog sie hastig und unwillig zurück.
»Sieh',« fuhr er fort, »das Nein, was du mir jetzt sagst, ist doch
ein anderes, als eine Absage für einen Tanz! Ich kann dann nicht mehr
wiederkommen und fragen, ob du dich anders besonnen hast, -- du weißt,
ich würde es auch nicht thun, -- überlege dir's einmal, Fränzchen!«
Da sie fortfuhr, stumm den Kopf zu schütteln, trat er verzweifelt
zurück und rief die Eltern wieder herein.
»Ich kann nicht mit ihr fertig werden, Onkel, rede du ihr einmal zu, --
sie ist zu kindisch!«
Der Vater erschien und rief in etwas barschem Ton das Mädchen, welches
sich trotzig vor ihn hinstellte.
»Was fällt dir ein,« fuhr er sie ziemlich rauh an, »läßt den Karl
ablaufen wie einen dummen Jungen, weil ihr irgend eine alberne
Uebelnehmerei mit einander gehabt habt! Gleich bist du vernünftig und
sagst entweder einen Grund für dein verschrobenes Betragen oder giebst
ihm die Hand.«
»Nein, ich will nicht und ich will nicht!« rief das Mädchen jetzt,
von Schluchzen unterbrochen, »erst kommt er zu spät, dann ist er so
unhöflich gegen mich wie möglich, dann tanzt er nicht und verdirbt
mir meinen ganzen Geburtstag, -- nennt mich zweimal in einem Athem
kindisch, -- und wenn er dann zum Schluß für den reizenden Abend gnädig
kommt und mich heirathen will, -- da soll ich Ja sagen! Ich thu's
nicht, -- ich mag nicht aufs Land, ich will überhaupt nicht heirathen
und ich wollte, ihr hättet mir meinen Geburtstag nicht verdorben!«
»Es ist gut, Fränzchen,« sagte Karl trocken, während sie sich abermals
abwandte und ihr Gesicht ins Tuch barg, »wir wollen nicht mehr davon
sprechen! Ich habe mich geirrt und bin ein Narr gewesen, -- und jetzt
kann ich dich nur um Verzeihung bitten, daß ich dir deinen Geburtstag
verdorben habe, wie du sagst. Gute Nacht, lieber Onkel, gute Nacht,
Tante!«
Fränzchen wurde durch eine stumme Verbeugung beglückt, -- dann stürmte
Karl davon und der Moment, wo er die Hausthür öffnete und auf die
Straße trat, war es, wo wir seine Bekanntschaft machten. Er schlug den
Weg nach dem Gasthaus ein, wo sein Pferd stand, und fühlte mit Behagen,
daß ein heraufziehendes Gewitter schwere Regentropfen auf seine heiße
Stirn sandte, die er schon längst vom Hut befreit hatte. Von Zeit zu
Zeit wies er bedeutsam nach seinem Kopf, um ihm durch diese Bewegung
vorzuwerfen, er habe ihm einen schlimmen Streich gespielt, daß er nicht
mehr mitsprach, als das Herz heut durchging.
Der muntere Trab seines Rößleins sagte seiner Stimmung weit besser zu,
als die langsame Fortbewegung der Füße, und doch kam er viel zu früh
für seine Wünsche daheim an. Die Wohnung, die er jetzt seit längerer
Zeit mit so anmuthigen Zukunftsträumen ausgeschmückt hatte, dünkte
ihm unwirthlich und öde, -- er erschien sich wie Einer, der zu einer
schönen Reise gerüstet auf den Bahnhof ging, den Zug versäumte -- und
mit entsetzlich ernüchterten Gefühlen den Heimweg antritt. Dieses
letzte Gleichniß leuchtete ihm immer mehr ein, -- »aber es giebt ja
mehr Züge als den einen,« sagte er halblaut vor sich hin, »führen sie
auch nicht alle in das gelobte Land der Ehe, -- man kann auch sonst
noch Reisen machen, denn hier bleiben ist mir jetzt ein unleidlicher
Gedanke! Aber wohin? -- ich kann für die nächsten zwei, drei Tage
abkommen, ich werde nach Schrobeck fahren!«
Schrobeck war ein kleiner, vielbesuchter Badeort, den die Bewohner
der Provinz häufig zu Sonntagsausflügen benutzten. Für gewöhnlich war
er nur sehr stark von alten Damen frequentirt, daher er für einen
jungen Mann wenig Anziehendes bot. Aber Schrobeck war nun einmal der
nächste zu erreichende Ort -- und für Schrobeck entschied sich Karl.
Ein flüchtiges Bedenken erregte ihm die undeutliche Vorstellung, daß
eine alte Tante Amalie, die er zu besitzen sich rühmen durfte, meist
um diese Zeit des Jahres in Schrobeck zu weilen pflegte, -- aber er
tröstete sich mit den beliebten »Vielleichts«: »vielleicht ist sie
jetzt noch nicht da!« oder »vielleicht sieht sie mich gar nicht,«
kurz, er sprang auf und nahm aus seinem etwas sparsam ausgestatteten
Bücherschrank ein Coursbuch, in dessen Studium er sich eifrig vertiefte.
II.
Als Resultat dieser Abendlektüre sehen wir Karl am nächsten Morgen in
grauem Reiseanzuge mit blauer Kravatte und einer gestickten Reisetasche
mit Rosen und Veilchen im Wartesalon des Bahnhofs sitzen, die frühe
Stunde -- sechs Uhr -- hatte dem Landmann keine Ueberwindung gekostet,
denn »fort, -- nur fort!« war seine Losung und der erste Zug ging
um sechs Uhr zwanzig Minuten. Sein Platz war so gewählt, daß er der
Eingangsthür den Rücken wandte und doch im Stande war, mit Hülfe eines
ihm gegenüber hängenden großen Spiegels Alle zu beobachten, die den
Wartesaal betraten.
Bis jetzt hatten noch nicht Viele seine Aufmerksamkeit zu fesseln
vermocht, -- zwei verschlafene, verdrießlich aussehende Damen, deren
eine ein Kind in unaufhörlich schaukelnder Bewegung erhielt, ließen
in ihm nur den Gedanken aufsteigen: »Gott bewahre mich vor solcher
Gesellschaft!« Dann befand sich ein Handlungsreisender in seiner Nähe,
der zum Benefiz der Kellner und der kaffeeschenkenden Nymphe am Büffet
sich in zahllosen Scherzen und Scherzchen erging, -- vor diesem graute
ihm noch weit mehr! Die einzige, wirklich gut aussehende Mitbewohnerin
dieses interimistischen Aufenthalts war eine kleine, sehr hübsche
Brünette, die mit einem schwarzen Hütchen geschmückt war, auf dem sehr
naturgetreue, rothe Kirschen jeden Sperling hätten durstig machen
können. Die kleine Dame sah, gegen die Gewohnheit des alleinreisenden
weiblichen Geschlechts, ganz sicher und vergnügt aus, und aß, trotz der
frühen Morgenstunde, unverdrossen Pfefferkuchen.
»Das wäre schon eher Etwas!« dachte Karl bei sich.
In diesem Augenblick empfand er jene heftige, schreckhafte Bewegung,
bei der wir, wie der Volksmund sagt, aus der Haut fahren möchten.
Seine Augen erblickten im Spiegel zwei Gestalten, deren Erscheinen in
ihm den unmännlichen Wunsch rege machte, sich sofort unter den Tisch
zu verkriechen, was doch nicht anging, ohne unerwünschtes Aufsehen zu
erregen.
Ein etwa vierzehnjähriger Bursche, blond, blauäugig, stumpfnäsig, mit
einer zierlichen Ledertasche und mehreren Paketen beladen, hatte den
Raum betreten, gefolgt von einer jungen Dame mit sehr ähnlichen blauen
Augen, blonden Haaren und einem großen Hut, der vergebens die Röthe der
Augenlider zu verdecken bestrebt war, -- Fränzchen und ihr ältester
Bruder!
In Karl's Gehirn führten allerlei Gedanken einen verworrenen Tanz aus,
-- er fühlte den unbestimmten Wunsch, etwas zu unternehmen, -- und
zugleich die beschämende Zuversicht, daß es etwas Dummes sein würde, --
endlich that er, was meist das Klügste ist, was man thun kann, -- wenn
es die Menschen nur einsehen wollten! -- er wartete ab!
Fränzchen achtete nicht auf ihre Umgebung, sie stützte den Kopf in die
Hand und sah vor sich nieder, der sie begleitende Knabe Fritz dagegen
ließ seine munteren Augen im ganzen Saal umherschweifen, bis sie
glücklich im Spiegel Karl's wohlbekannte Züge entdeckt hatten. Doch
im selben Moment fuhr der Zeigefinger des Spiegelbildes blitzschnell
nach den Lippen, und Fritz, der einer der pfiffigsten Sekundaner des
neunzehnten Jahrhunderts war, begriff, -- und nickte! Ja, noch mehr,
-- als Karl mit der Hand nach dem soeben geöffneten Perron zeigte,
dann auf sich selbst und schließlich auf Fritz, Fränzchen aber durch
ein abwehrendes Kopfschütteln bezeichnete, begriff der kluge Fritz
sofort, Karl wolle ihn allein sprechen, und seine etwas unsichere
Knabenstimme machte der Schwester den Vorschlag, er wolle in dem schon
draußen haltenden Zuge einen Platz für sie belegen, sie solle ruhig
hier bleiben.
Fränzchen nickte nur matt mit dem Kopf und legte dann wieder die Hand
über die Augen. Karl konnte also unbemerkt den Saal verlassen und den
Perron betreten, dessen Uebersicht dem Mädchen durch einen dicken
Wandpfeiler unmöglich wurde.
Fritz, der während dessen an den Coupés umherirrte, wurde, wie die
Taube vom Stoßvogel, von Karl gepackt und festgehalten.
»Wo wollt ihr hin, Unglückskinder?« stieß Karl hervor, den Sekundaner
mit Blicken durchbohrend.
»Nach Schrobeck,« erwiderte dieser, sich mit einer mehr kräftigen als
anmuthigen Bewegung von den Händen befreiend, die seine Schultern
hielten.
»Nach Schrobeck?« wiederholte Karl dumpf, »dachte ich mirs doch! Aber
warum gerade dorthin?«
»Weil Tante Amalie dort ist, -- ich bringe die Fränzchen nur vor der
Schule auf den Bahnhof, -- sie fährt allein!«
»Und ich fahre auch nach Schrobeck,« sprach Karl in düsterem Tone, sein
Billet emporhaltend.
Fritz beantwortete diese Mittheilung durch ein so unauslöschliches
Gelächter, daß mehrere Bahnbeamte sich argwöhnisch und neidisch nach
dem Eigenthümer so vieler Heiterkeit umsahen.
»Was lachst du denn, dummer Junge?« rief Karl jetzt ergrimmt, »sage
lieber, wie Fränzchen so plötzlich darauf kommt, abzureisen! Gestern
Abend war doch noch gar nicht davon die Rede!«