Während noch schnell nach den fehlenden Tellern, Messern und Gabeln

zu Doktors hinaufgeschickt wurde, kroch der Major unter allen Sofas

und Schränken umher, um die Tischzettel zu suchen, deren einige ihm

verloren gegangen waren. Bei der etwas genialen Hausordnung konnte

es geschehen, daß er von seiner Entdeckungstour bestaubt, wie alter

Ungarwein zurückkam, und nicht einmal fand, was er suchte.

Der Hauptmann hatte es nicht mehr möglich machen können, sich Käthe

zu nähern, die schon seit zehn Minuten wartend Arm in Arm mit dem

Justizrath stand -- eine Situation, die zu den allerpeinlichsten

gehört, und die die wenigsten Leute den Verstand haben, dadurch zu

coupiren, daß sie die Dame bis zum geeigneten Moment loslassen.

So fiel denn dem Hauptmann Leontine zu, an deren anderer Seite der

Baron Platz nahm. Käthe saß schräg gegenüber; sie sprach kaum ein Wort

und sah nicht in die Höhe, so sehr der Hauptmann sich bemühte, einen

Blick von ihr aufzufangen.

Leontine bemerkte sein Bestreben wohl -- sie gab ihn auf! Als

kriegsgewandte, junge Dame änderte sie ihre Taktik sofort, und

schwenkte blitzschnell zu dem Baron hinüber, der ihr von seinem Gut

erzählte, und sie fragte, ob sie das Landleben liebe?

Diese Anknüpfung war vielversprechend, und Leontine schmiedete das

Eisen, so lange es heiß war. Von ihrem Soldatenenthusiasmus sprang sie

zur Oekonomie über, schwärmte für Stallfütterung und Rieselwiesen, und

that ganz ländlich.

Im allgemeinen belebte eine zwanglose Heiterkeit den kleinen Kreis.

Nur die Generalin machte eine Ausnahme, als sie bemerkte, daß der Sohn

ihrer Gastgeber fahnenflüchtig wurde. Ihr seelenvolles Lächeln erfror

in der schönsten Blüthe, sie war wieder ganz Würde, und der Major, der

sie gebührender Weise zu Tisch geführt hatte, erntete für seine ohnehin

nicht glänzenden Unterhaltungsversuche nur ein kühles »hm« oder »ja,

ja!«

Der Doktor war in bester Laune. Hatte nicht der Baron ihm soeben als

»seinem liebenswürdigen Hauswirth« zugetrunken, und um die Erlaubniß

gebeten, im Lauf des folgenden Vormittags Kontrakt zu machen. »Dann

soll mir aber gewiß nichts dazwischen kommen,« gelobte sich der

beglückte Vermiether innerlich, und riegelte schon im Geist alle Thüren

in dem Verhandlungszimmer ab.

Seine Frau war still und wich der Majorin scheu aus -- sie wußte nicht,

was sie von dem veränderten Wesen ihrer Tochter denken sollte -- und

ehe nicht feststand, daß der Hauptmann daran keine Schuld trug, mochte

sie mit der ganzen Familie nichts zu thun haben.

Dem Hauptmann selbst war am unbehaglichsten zu Sinne. Wenn ein Mann

von 36 Jahren sich im Lauf von 36 Stunden verliebt und erklärt, so

ist zehn gegen eins zu wetten, daß ihm der Erfolg seiner Werbung

zweifelhaft erscheint, wenn die Angebetete ihn auch nur zehn Minuten

auf das entscheidende Wort warten läßt. Und er wartete nun schon eine

ganze Stunde! Fisch, Rehbraten und Eis hatten seine Qualen mit ansehen

müssen, und jetzt saß alles so gemüthlich in den Stühlen zurückgelehnt,

als sei dies _con amore_ Nachtafeln das Beste vom ganzen Abend.

Nun, es giebt kein wahreres Wort, als: »alles nimmt ein Ende.« Die

Generalin, die sich neben dem Major nicht gerade im siebenten Himmel

des Amüsements befinden mochte, rückte hörbar mit dem Stuhl -- die

andern folgten. In dem Moment =mußte= Käthe aller menschlichen

Berechnung nach emporsehen -- sie that es! Der Hauptmann erhob sein

Glas unmerklich gegen sie, sah sie fragend an, und hielt es einen

Augenblick. Da -- o Freude! -- nahm sie ihr noch unberührtes, volles

Glas vom Tisch, sah ihn einen kurzen Moment wieder an -- erröthete

dunkel -- und trank dann in ihrer Verlegenheit so geschwind aus, als

sei sie gewohnt die Nagelprobe zu machen!

Nun war alles gut! Der Hauptmann wußte, ohne ein gesprochenes Wort,

wie die Sache stand -- hatten sie sich nicht eben zugetrunken? Und war

dieser Comment nicht die zarteste Art einer Erklärung, so war er doch

ehrlich gemeint, und das ist die Hauptsache!

Als der Hauptmann daher im Trouble des »Gesegnete Mahlzeit«wünschens

Käthe zuflüsterte: »darf ich morgen zu Ihrem Vater kommen?« genügte

er damit eigentlich nur einer Form -- er wäre auch ohne diese Frage

gekommen, und ihrer Zustimmung gewiß gewesen.

Die Hoffnung der Beiden, sich am heutigen Abend noch einen Moment

unter vier Augen sprechen zu können, trog -- kaum waren die zehn

Anstandsminuten nach Tisch durchgestanden, so rauschte die Generalin

abschiednehmend auf ihre Wirthe zu -- Leontine folgte, vom Baron auf

das liebenswürdigste geleitet. Leontine hatte eine Eroberung gemacht

-- das war klar! Am Ende hätte sie heut schon sagen können: »Sprechen

Sie mit meiner Großmutter,« ohne, wie jenes voreilige Mädchen meiner

Bekanntschaft, die betrübende Antwort zu riskiren: »wovon?«

Aber als sie heut Abend den Kopf aufs Kissen legte, lächelte sie

befriedigt. Aus allen Fragen des Barons hatte sie die »Lebensfrage«

schon verblümt herauszuhören geglaubt -- »am Ende =muß= es gerade kein

Offizier sein«, dachte sie im Einschlafen, »ein Gut in der Grafschaft

ist auch nicht zu verachten! -- was steht dort? die 26er oder die 62er?«

Über dem Zweifel schlief sie ein.

Die Doktorsfamilie empfahl sich bald nach Generals. Vergebens hoffte

Käthe, daß ihre Mutter in Anbetracht des kurzen Weges, den sie

zurückzulegen hatten, noch ein Viertelstündchen zugeben werde. -- Die

Doktorin hatte zu morgen verschiedene wirthschaftliche Absichten, mit

deren Ausführung man in aller Frühe beginnen wollte -- da war es hohe

Zeit zur Ruhe zu gehen! Man trennte sich.

Die Majorin bedankte sich noch viele, viele Male für die Gefälligkeiten

-- »Morgen in der Frühe schicke ich Ihnen alles wieder, was Sie mir

geborgt haben, liebe Lang«, versicherte sie in der Thür.

Der Hauptmann, der es sich als artiger Sohn des Hauses nicht nehmen

ließ, die Gäste bis in den Flur zu geleiten, und Käthchen beim Umnehmen

der Sachen behilflich zu sein, schied mit einem so innigen Händedruck

vom Doktor, daß dieser, bei der kurzen Bekanntschaft, sich mit Recht

über diese Gefühlsverschwendung verwunderte. --

Als die übrige Gesellschaft sich empfohlen hatte, ging der Hauptmann

noch auf sein Zimmer, um sich eine Cigarre zu holen, deren er in

wichtigen Augenblicken zur Sammlung bedurfte. Sie war auch ein

prächtiger Verlegenheitsableiter, als er zu den Eltern zurückkehrte,

die gemüthlich im Sofa saßen, und im Genuß der eingetretenen Ruhe

schwelgten.

Beide sahen auf, als der Sohn eintrat -- er aber schnitt, während er

sprach, emsig die Cigarre ab, steckte ein Schwefelhölzchen in Brand,

kurz nahm alle möglichen Handarbeiten vor, und begann dann mit etwas

unsicherer Stimme eine kleine Rede zu halten.

»Liebe Eltern«, sagte er halb heiter, halb verlegen, »ich bringe ein

paar Neuigkeiten. Die eine habe ich soeben erfahren -- ich fand auf

meinem Zimmer diesen Brief vor, der mir meine Versetzung hierher,

vorläufig privatim mittheilt.«

Die Majorin sprang, wie elektrisirt, vom Sofa auf.

»Kurt -- wirklich? mein lieber Junge! Wie ist das so schnell gekommen?«

»Ja, Mutterchen, bei uns Soldaten geht dergleichen immer mit Dampf!

Die Wahrheit zu sagen erwartete ich aber die Nachricht schon längere

Zeit, und verschwieg sie Euch nur, um Euch nicht unnütze Spannung und

Aufregung zu bereiten.«

»Ich bin ganz glücklich, Kurtchen«, rief seine Mutter immer wieder,

»und du sollst mal sehen -- sei nicht böse -- aber wenn ich dich hier

habe, wirst du dich auch viel leichter zum Heirathen entschließen.«

»Laß' ihn doch in Ruhe!« brummte der Major.

Der Sohn lächelte. »Liegt dir wirklich so viel daran, Mama? So

unendlich viel?«

»Aber, mein Junge«, sagte die Majorin etwas verwundert, »das weißt du

doch!«

»Nun denn, Mamachen -- ich bin ja kein Unmensch -- siehst du mir gar

nichts an?«

Und als die Mutter halb zweifelnd, halb bestürzt zu ihm aufblickte,

streckte er ihr beide Hände entgegen: »Gratulire mir, liebe Mama --

lieber Vater, ich bin mit Käthchen Lang verlobt.«

Die Exclamationen der überraschten Eltern, besonders der Majorin,

bei dieser zweiten Freudenbombe, die in ihr Haus fiel, zu schildern,

vermag ich nicht. Wer sich einmal vor kurzem so recht gefreut hat, weiß

ganz genau, wie man sich in solchem Fall benimmt -- und wer es nicht

weiß, dem wünsche ich von Herzen, daß er es bald erleben und an sich

ausprobiren möge.

Als man sich für die späte Stunde lang genug gefreut hatte, ging man

auseinander und zu Bett -- d. h. der Hauptmann ging nicht zu Bett,

sondern wanderte die Nacht über unruhig und glücklich in seiner Stube

auf und ab, was seinem ahnungslosen künftigen Schwiegervater einige

Donnerwetter über die Lohndiener von Majors entlockte, die über seinem

Kopf immerfort noch ab und zu liefen.

Einen Versuch Käthens, die Mutter noch einen Augenblick zu sprechen,

schnitt der Doktor kurz ab: »Ihr habt den ganzen Tag Zeit zum

Unterhalten«, brummte er, »jetzt will ich Ruhe haben. Die Frauen sind

doch wahrhaftig wie die schweren Fuhrleute -- wenn sie von früh bis

Abends nebeneinander auf der Landstraße hergegangen sind, und des

Abends ins Wirthshaus kommen, giebts kein Ende mit Erzählen.« Und er

entführte seine Gattin ohne Gnade und Erbarmen.

So suchte denn Käthe die Ruhe auf, ohne irgend jemand ihr Herz

entlastet zu haben, nur ihre Träume bauten gefällig auf dem sicheren

Grunde der jüngsten Vergangenheit glänzende Luftschlösser der Zukunft,

in deren lichten Räumen sie die Nacht verbrachte.

Der »nächste Morgen« ist an und für sich schon etwas Ernüchterndes --

nach einem Ball, -- nach einem Streit -- nach einem abgeschlossenen

Geschäft. -- Der »nächste Morgen« in seiner kühlen Beleuchtung zeigt

alle Schwächen und Mängel so viel besser, als der dämmernde Abend.

Nur für eine glückliche Braut hat der »nächste Morgen« nichts

Prosaisches -- der Zauber ihrer Erlebnisse hält dem grellen Tageslicht

Stand -- und wie schlimm auch, wenn's anders wäre! Die Liebe muß ja

im Leben durch alle Zeiten wandern, sie muß die schwüle Mittagshitze

und die Schauer des Abends tragen helfen, -- und zu glauben, daß dies

Kinderspiel sei, fällt nie so leicht, als im Brautstand, wo Wehr und

Waffen zum Lebenskampf noch glänzend und neu in der Sonne des Glücks

auffunkeln, und alle Illusionen in ungetrübter Pracht wie glänzende

Schleier sich über die Wirklichkeit breiten, so daß sie uns nur wie ein

schimmernder Garten im Morgenthau erscheint.

Käthe empfand dieses frische Glücksgefühl auch so recht, als sie am

nächsten Tage aufstand und an ihre täglichen Pflichten ging, deren

erste war, die Geschwister zur Schule zu besorgen. Sie flocht die

Zöpfchen der Schwestern mit wahrem Vergnügen, strich den Brüdern die

Butterbröte besonders reichlich, und dachte bei sich, wie doch alles

heut viel hübscher sei, als gestern.

Die Mutter schlief noch, und Käthe konnte es nicht lassen, die freie

Zeit, nachdem die Kinder abmarschirt waren, zu einem kurzen Besuch bei

Fräulein Sabine zu verwenden, um dieser treuen Seele die Botschaft

ihres Glückes zu verkünden.

Wir dürfen es uns schenken, sie dahin zu begleiten, da wir den Gang der

Begebenheiten kennen, und kehren in die Wohnung des Doktors zurück, der

sich eben zu einem Krankenbesuch anschickte. Er praktizirte nur noch

sehr ausnahmsweise bei zwei oder drei Familien, im ganzen hatte er sich

zur Ruhe gesetzt.

Der Doktor gehörte zu der weit verbreiteten Klasse von Männern,

die verlangen, daß die Stuben stets rein sind, aber nie gewaschen

werden. Dieser Eigenthümlichkeit wurde insofern genügt, als sein Haus

nur meuchlings gescheuert wurde -- d. h. man überfiel ihn mit der

vollendeten Thatsache und er ergab sich dann.

So auch heute. Im Hintergrunde lauerten schon zwei Scheuerfrauen

auf sein Verschwinden, und begannen sofort das Werk der Erneuung

an sämmtlichen Stubenböden, auf welchen die zwölf Stiefelsohlen

der schulpflichtigen Kinder deutliche Spuren des Novemberwetters

zurückzulassen pflegten. Nur das _sanctum_ des Doktors blieb verschont

und wurde für diesen Tag der Zufluchtsort der übrigen Familie.

Die Hausfrau war sehr verwundert, daß Käthe zu dieser ungewöhnlichen

Stunde zu Fräulein Sabine heraufgegangen war, sie setzte sich daher

etwas verdrießlich mit ihrer Arbeit ans Fenster in ihres Mannes Stube,

und sah auf die Straße hinab.

Als der Doktor heimkehrte, traf er im Hausflur den Hauptmann in voller

Uniform, der sehr stattlich aussah und ihn um die Erlaubniß bat, in

einer wichtigen Angelegenheit unter vier Augen mit ihm sprechen zu

dürfen.

Hätte dem Doktor nicht der Miethskontrakt so sehr im Kopf gesteckt,

so wäre ihm am Ende der Gedanke gekommen, daß es sich hier um Käthe

handeln könne. So aber lud er den Hauptmann zerstreut ein, ihm zu

folgen, öffnete die Thür zu seinem Zimmer, und steckte den Kopf herein

-- da saß seine Frau.

Aergerlich über diese Invasion schlug er die Thür wieder zu und öffnete

das Eßzimmer, dessen Pforte ihm die Perspektive auf die übrige Wohnung

erschloß. O weh -- über die Dielen der Zimmer rieselte das Wasser, ein

intensiver Seifengeruch belebte die Atmosphäre, und aus jedem Raum

stieg »ein feuchtes Weib empor.«

Das Scheuerfest in seinem unangenehmsten Stadium hatte begonnen!

Der Doktor fügte sich ins Unvermeidliche. Er lud den Gast ein, abermals

in sein Zimmer zurückzukehren, wo inzwischen das Feld rein geworden

war. Die Doktorin hatte nur ihren Mann und nicht den Hauptmann gesehen,

und wollte den ersteren, ihrem Prinzip getreu, sich erst »austoben«

lassen -- sie verschwand daher in der Küche und schnitt mächtige

Frühstücksschnitten für das heut vermehrte Hauspersonal.

Indessen stand der Hauptmann in männlich gefaßter Haltung vor dem

Doktor. Das Anfangen war doch entsetzlich -- =so= schwer hatte er

sich's nicht gedacht.

»Ich komme, verehrter Herr Doktor«, begann er mit etwas gepreßter

Stimme, »um Ihnen eine Bitte vorzutragen.«

Bautz -- ging die Thüre auf -- »der Baron von Rabeneck ist da, Papa!«

rief Käthe ins Zimmer tretend, erblickte den Hauptmann, stieß einen

kleinen Schrei aus, und war weg, wie der Blitz.

»Ach, verzeihen Sie -- verzeihen Sie einen einzigen Augenblick«, sagte

der Doktor eilfertig, »der Baron kommt, um seinen Miethskontrakt

abzuschließen -- ich stehe dann sofort zu Diensten! -- Guten Morgen,

Herr Baron -- ich freue mich -- die Herren kennen sich ja! Bitte, Herr

Hauptmann, verziehen Sie einen Augenblick, wir sind bald fertig.«

»Wie ist den Herren das gestrige Fest bekommen?« fragte der Baron

im Eintreten, anscheinend ganz aufgelegt zu einer Unterhaltung, die,

recht breit in der Anlage, einen hübschen Zeitraum bis zur Vollendung

versprach.

»O, recht gut«, sagte der Doktor, der auch nicht eilig schien, »es war

ein bischen spät.«

»Aber ein allerliebstes Fest -- auf Ehre! Wie ist Ihren verehrten

Eltern der Abend bekommen?« (zum Hauptmann gewendet.)

Dieser murmelte etwas Unverständliches -- er erstickte fast vor Zorn

und Verlegenheit.

»Und Ihre Damen, Herr Doktor?«

»Die sind schon lange wieder auf den Füßen!« bemerkte der Doktor

wohlgefällig.

»Oh -- so matinal? Sind Sie immer so matinal? Aber das finde ich sehr

recht! Morgenstunde hat Gold im Munde! Mein seliger Papa pflegte das

immer zu sagen -- Morgenstunde hat Gold im Munde -- ganz richtig --

was?«

Der Hauptmann verbeugte sich stumm -- er hätte um die Welt jetzt nicht

sprechen können. Der Doktor trat zum Schreibtisch und wühlte in den

Papieren.

»Wollen wir an unseren Kontrakt gehen, Herr Baron?«

»Sofort -- ganz zu Diensten! Ja -- noch einen Augenblick -- denken Sie,

Herr Hauptmann, wie der Zufall spielt -- nicht wahr? Einzig manchmal!

Wir sprachen doch gestern Abend von Straten -- was?«

»Ich erinnere mich nicht!« sagte der Hauptmann unklug und wuthbebend.

»Aber ich bitte Sie! Sie fragten mich noch nach ihm -- Straten, der zu

den Husaren kommandirt war, und mit dem ich bei den Dragonern stand --

besinnen Sie sich jetzt? was?«

»Ja, ja!« grollte der Hauptmann.

»Nun denken Sie, wie der Zufall spielt -- nein, man kann wirklich sagen

'=spielt=', denn er spielt manchmal, was? und wir sind sein Spielzeug!

Das ist so ein Aperçu von mir -- liebe solche Aperçus! -- nun, um auf

unsern Hammel zurückzukommen, womit ich aber nicht etwa den guten

Straten gemeint haben will -- bewahre! -- dagegen protestire ich von

vornherein -- es ist nur so eine Redensart! Ja, _enfin_! -- ich gehe

gestern Abend nach der blauen Krone -- ich komme ins Gastzimmer -- wer

sitzt da? -- Straten! Nein, ich bitte Sie!«

Der Baron lachte herzlich.

»Nun, warum sollte er nicht dasitzen?« fragte der Doktor, jetzt auch

etwas unwirsch.

»Aber, ich sage Ihnen ja -- wir hatten eben vorher von ihm gesprochen!

Er steht in Rotbergen -- zwei Meilen von hier -- und kommt gerade den

Abend her. 'Guten Abend, Straten!' sage ich. Nun hätten Sie mal seine

Ueberraschung sehen sollen! 'Guten Abend, Rabeneck!' sagt er. 'Nein,

das ist doch sonderbar, daß ich Sie hier treffe! was machen Sie denn

hier?' frage ich. 'Ach, ich langweile mich so in Rotbergen, da bin

ich heut hier herüber gekommen, um mal mein Glas Bier wo anders zu

trinken', sagt er. Und nun plauderten wir von dem alten Regiment --

ach, da hat sich auch viel verändert! Der Kommandeur ist weg -- nach

Braunschweig versetzt, mein damaliger Schwadronschef.« --

»Ja aber, Herr Baron«, unterbrach der Doktor diese interessante

Geschichte, »wenn wir vielleicht erst unseren Kontrakt machen wollten

-- Herr Hauptmann Scharff wünscht mich dann noch in einer anderen

Angelegenheit zu sprechen.«

»Ach, Pardon! -- bitte tausendmal um Entschuldigung! aber es war mir --

ich dachte, es müßte den Herrn Hauptmann interessiren -- es war doch

ein zu sonderbares Zusammentreffen, was?«

Und der Baron lächelte vergnüglich und wiegte den Kopf hin und her über

den merkwürdigen Zufall.

Während die Herren den Kontrakt durchlasen und daran herumkorrigirten,

stand der Hauptmann stumm am Fenster und sah auf die Straße. »Fatal!

=Einmal= anfangen war schon schlimm genug -- aber =zweimal= -- das ging

gar nicht!« Er biß sich zornig auf die Lippen. Und der Moment mußte

gleich wieder da sein -- die Feder des Doktors jagte nur so über das

Papier.

Da klopfte es, und ohne das »Herein« abzuwarten, wurde die Thür sehr

weit aufgemacht. Ein Dienstmädchen mit einem großen Tablet erschien,

auf dem Porzellan, Glas, Silber und andere Geräthschaften sauber

aufgestapelt waren. Sie setzte ihre Bürde auf den Tisch, und begann,

ohne auf die Herren besondere Rücksicht zu nehmen: »Eine Empfehlung von

der Frau Majorin, und sie schickt die Sachen wieder.«

»Still!« rief der Doktor mit furchtbarer Stimme -- er hatte sich

verschrieben, und das haßte er!

»Und die Frau Doktorin ist draußen nicht zu finden, da mußte ich alles

hier herein bringen«, fuhr das Mädchen unbeirrt fort.

Der Doktor schrieb.

»Wollen Sie mir nicht die Sachen abnehmen, Herr Doktor?« fragte das

Mädchen, »ich muß dafür stehen, daß nichts fehlt.«

»Rufen Sie Fräulein Käthe«, sagte der Doktor, ohne den Kopf zu wenden.

»Die will nicht hereinkommen«, erwiderte die unerschütterliche Magd.

»Hinaus!« rief jetzt der Hauptmann donnernd, und wandte sich um. Dieses

Wort hatte die Wirkung eines Sprenggeschosses -- die Botin flog davon,

und ward nicht mehr gesehn.

»So!« sagte der Doktor aufathmend und erhob sich -- »ich habe

unterzeichnet -- wollen Sie nun auch noch die Güte haben, Herr Baron?«

Der Angeredete hustete und sah etwas verlegen aus.

»Ich hätte noch eine Bitte, verehrter Herr Doktor, ehe ich

unterschreibe. -- Sie wissen, eine Wohnung ist eine wichtige Frage,

-- man muß doch einmal drin wohnen -- und -- kurzum, ich möchte mir

das Quartier noch ein letztes Mal ansehen -- so einen Ueberblick, wie

mein Papa immer zu sagen pflegte. 'Chlodwig, verschaffe dir immer einen

Ueberblick', hat er unzählige Male zu mir gesagt! Dürfte ich um diese

Gunst bitten?«

Der Doktor pfiff leise -- aber er faßte sich, und die Herren schickten

sich an, das Quartier zu besichtigen.

Den Hauptmann rührte bei dieser neuen Verzögerung seiner Aussprache

fast der Schlag! Hätte ihm ein Gott gegeben, zu weinen, so hätte er

geweint! Er trommelte den Dessauer Marsch im rasendsten Tempo auf der

Fensterscheibe -- er nahm ein Buch vom Tisch und fing an zu lesen --

obwohl er für sein Leben nicht zu sagen gewußt hätte, =was= er las.

Nachdem einige Zeit -- für den Hauptmann eine halbe Ewigkeit --

verstrichen war, traten die Herren wieder ein. Der Baron sah sehr

bekümmert aus und zog sich einen Handschuh an.

Der Doktor stellte sich an das zweite Fenster und wippte mit dem Fuß

hörbar auf und nieder -- er war offenbar schwer gereizt.

Der Miethskontrakt lag unbeachtet auf dem Schreibtisch.

Endlich näherte sich der Baron, auf den Zehen gehend, dem Hauptmann.

»Ich weiß nicht -- es ist mir so unangenehm, nein, wirklich -- es ist

mir =sehr= unangenehm!« flüsterte er, »der Herr Doktor ist so böse --

aber ich habe neulich ganz übersehen -- das Schlafzimmer liegt nach

Nordosten, und das vertrage ich nicht! Meine selige Mama sagte immer:

'Chlodwig, um alles in der Welt, Sonne im Schlafzimmer -- halbes Leben

-- halbe Gesundheit.'«

»Schlafen Sie doch wo anders!« stieß der Hauptmann rauh hervor.

»Kann ich nicht, mein Bester -- kann ich nicht! Und dann fehlt mir auch

ein Zimmer -- ein einziges Zimmer -- mein Friedrich =muß= neben mir

logiren! Ja, hätte das allerliebste, reizende Eckzimmer -- ein _bijou_

von einem Zimmer -- noch ein einziges Fenster! aber so!«

»Ich will Ihnen etwas sagen,« explodirte der Doktor, »haben Sie die

Güte, mein Haus nach Ihren Wünschen umbauen zu lassen, und dann wollen

wir wieder vier Stunden Kontrakt machen. Das ist ja --«

Der Baron sah hilflos aus.

»Umbauen? Sie scherzen, Herr Doktor! Der Herr Doktor scherzt -- nicht

wahr? ich liebe das sehr! scherze selbst gern -- ich war immer dafür

bekannt, daß ich viel scherze! mein Kommandeur sagte oft: »glaubt dem

Rabeneck nicht, er scherzt nur!« =Wie= oft! --«

»Nun, dann scherzen Sie nach Belieben,« schrie der Doktor, »mit mir

haben Sie genug gescherzt!«

Und er wandte sich ab.

»Mein Gott, wie peinlich!« sagte der Baron, und zog sich den zweiten

Handschuh an, »und ich wäre so gern hier ins Haus gezogen! aber jeder

ist sich selbst der Nächste! was? Wenn ich noch ein Zimmer brauche, das

kann mir doch keiner übel nehmen -- das finde ich -- da kann ich mir

nicht helfen!«

Und damit retirirte der Baron, und ging -- ungeleitet, denn der Doktor

war =zu= ärgerlich -- und man hörte den Weggehenden noch im Hausflur,

wie ein abziehendes Gewitter fragen, ob er sich nicht selbst der

Nächste wäre.

=Wen= er fragte, wußten die Zurückgebliebenen nicht -- es war ihnen

auch höchst gleichgültig. Der Doktor rannte wie ein gefangener Tiger

im Käfig auf und ab, und erging sich in den wohlthuendsten Aeußerungen

über den Baron.

»Dieser Einfaltspinsel -- dieser alberne Kerl -- fragt einen erst todt,

und miethet dann nicht einmal! Nein, ich war gestern Abend schon so

glücklich -- mein Quartier so gut wie vermiethet, und nun? Prosit die

Mahlzeit! Nun sagen Sie einmal selbst, ist das nicht eine ganz infame

Manier, so im letzten Augenblick abzuschnappen?«

Der Hauptmann bejahte durch eine Verbeugung -- in =diesem= Sturm konnte

er sein Schifflein nicht auslaufen lassen, erst mußte der Himmel wieder

ruhig werden.

»Aber eins sage ich,« fuhr der erregte Doktor fort, »=einen= Rath gebe

ich jedem, der ihn haben will. Wer kein Haus hat, freue sich, und wer

eins hat, zünde es an allen vier Ecken an. Das ist ja --! alle Tage was

Neues! Da will der einen Ofen gesetzt haben -- dem soll man die Thüren

streichen lassen, und dabei bleiben einem die Wohnungen noch leer

stehen! Ich danke für mein Haus -- ich schenke es weg -- da mache ich

immer noch ein gutes Geschäft. So habe ich keinen Miether und Aerger,

dann habe ich doch wenigstens keinen Miether und keinen Aerger -- nein,

wahrhaftig!«

Der Doktor schwieg erschöpft, und nahm den Kontrakt in die Hand.

Novellen Hausgenossen. — Und Doch! — Der tolle Junker. — Finderlohn. — Glück muß man haben! · 第 2 / 12 段