»Darauf machen Sie sich gefaßt,« sagte der Doktor, kochend v

Novellen

von

Hans Arnold.

Hausgenossen. -- Und doch!

Der tolle Junker.

Finderlohn. -- Glück muß man haben!

Berlin.

Verlag von Gebrüder Paetel.

1881.

Alle Rechte vorbehalten.

Herrn

Theodor Hermann Pantenius

in dankbarster Verehrung

zugeeignet.

Hausgenossen.

In dem sonnenhellen, saubern Stübchen, das sie nun schon seit zwanzig

Jahren bewohnte, saß Fräulein Sabine Krauthoff und strickte, während

sie, mit einer Hornbrille auf der Nase, in einem abgegriffenen Buche

las, welches sehr weit ab von ihr auf dem Tische lag.

Am Fenster blühten, trotz des Winters, Nelken und Balsaminen, und an

den Wänden hingen allerlei Photographien in jeder Größe und Stellung.

Aber nur Bilder von jungen Mädchen -- Fräulein Sabine war Lehrerin

gewesen. Mitten über dem Sofa prangte ein nach Fröbelscher Methode

kunstvoll gefertigtes Flechtblatt unter Glas und Rahmen -- das hatte

die Lieblingsschülerin des Fräuleins, Käthchen Lang, geflochten, bei

deren Eltern die alte Dame im Hause wohnte, und die inzwischen zu einem

großen Mädchen herangewachsen war.

Aus dem Schüler- und Lehrerinnenverhältniß hatte sich mit der Zeit

eine herzliche Freundschaft zwischen dem alten und dem jungen Mädchen

gestaltet. Käthe, die sonst leicht ein wenig hochfahrend sein konnte,

ja die in ihren Bekanntenkreisen sogar wegen ihrer kurzen Antworten

und ihres gelegentlichen Uebermuthes als »sehr schnippisch« bezeichnet

wurde, legte in der stillen Stube von Fräulein Sabine all ihre kleinen

Airs ab, und wurde immer wieder zum Kinde, das seine Thorheiten

beichtete und sich liebevoll absolviren ließ.

Nie verging ein Tag, ohne daß Käthe die drei Treppen erstieg und an

Fräulein Sabines Thür pochte -- und so sehr hatte sich die letztere an

diese täglichen Besuche gewöhnt, daß sie es recht schmerzlich empfand,

als Käthe vor einiger Zeit zu einer verheiratheten Freundin nach

auswärts ging und fast drei Wochen abwesend blieb.

Doch nun war das vorbei -- gestern hatte die Frau Doktor Lang sich ihr

Töchterchen von der Eisenbahn geholt, und Fräulein Sabine erwartete

nun ungeduldig den Besuch des allgemeinen Lieblings. Ihr Harren sollte

belohnt werden. Nicht lange, so klopfte es; auf das »herein« kam ein

junges Mädchen in die Thüre, schlank und groß gewachsen, mit einem

übermüthigen Zug um den kleinen Mund, und einem sonnigen Lächeln in

den dunkeln Augen. Sie begrüßte ihre alte Freundin mit der ihr eigenen

ungestümen Herzlichkeit und setzte sich zu ihr -- nicht auf den Stuhl,

sondern aufs Fensterbrett.

»Und wie hast du dich bei Laura amüsirt?« fragte die alte Dame,

nachdem sie den »mitgebrachten« warmen Shawl zur Genüge betrachtet und

bewundert hatte.

»O sehr gut, Sabinchen, es war eine nette Zeit! aber« --

»Nun, was »aber?« fragte Fräulein Sabine erwartungsvoll, und schob die

Brille auf die Stirn zurück.

»Ach -- ich habe wieder einmal eine meiner gewöhnlichen Dummheiten

gemacht! Soll ich sie dir erzählen? aber du mußt nicht schelten?«

»Das kann ich nicht so gewiß versprechen,« sagte die Alte, indem sie

ihren reizenden Liebling mit strahlenden Augen betrachtete, »indessen

fang nur an -- es läßt dir ja doch keine Ruhe, ehe du gebeichtet hast.«

Käthe rückte sich auf dem Fensterbrett zurecht, und pflückte eine von

den rothen Nelken von Sabinens Blumenstock.

»Nun also,« begann sie, »ich reiste allein von Laura zurück, und auf

einer kleinen Station -- Siegersdorff -- wo der Zug hielt, sah ich zum

Coupéfenster hinaus. An der Wand des Bahnhofsgebäudes mir gegenüber

steht ein Herr und sieht mich an -- nicht gerade unbescheiden, aber er

fixirt mich doch unverwandt. Du weißt ja, Sabine, so etwas kann ich

nicht leiden, ich denke also: »sollst ihm mal die Zunge herausstecken

-- der Zug fährt ja sofort ab, und du siehst ihn nie wieder.«

»Aber Käthe!« rief das Fräulein erschrocken.

»Siehst du, siehst du, daß du schiltst!« rief Käthe, und fiel ihrer

alten Freundin ungestüm um den Hals, »sei ganz still, sonst erzähle

ich nicht weiter, und du hast dein Leben lang die Angst mit dir

herumzutragen, daß ich etwas noch viel Schrecklicheres gethan habe, was

du nicht weißt!«

Die Alte machte sich lachend los.

»Laß mich nur -- ich bin ja schon still! Also --«

»Also -- in dem Augenblick, wo der Zug sich in Bewegung setzt, führe

ich mein Vorhaben aus! Nur ein ganz kleines bißchen, Sabine -- ich

dachte schon, er hätte es nicht gesehen! -- aber er lächelte spöttisch

und nahm den Hut ab. Da fuhren wir hin.«

Fräulein Sabine schüttelte den Kopf.

»Wirst du nie deinen Uebermuth ablegen, Kind!«

Käthe zerpflückte die rothe Nelke unbarmherzig in Stücke.

»O ja, Sabine«, sagte sie dann verlegen, »aber --«

»Was aber? noch mehr solcher schöne Streiche?«

»Ach, Sabine -- die Geschichte ist ja noch gar nicht zu Ende, das

Schlimmste kommt nach. Also wir fuhren, aber kaum hundert Schritte weit

-- der Zug wurde zu meinem Entsetzen nur rangirt und rutschte nach fünf

Minuten wieder in denselben Bahnhof ein. Da stand auch noch der Herr --

und hatte er vorhin gelacht, so lachte er nun erst recht!«

»Angenehm!« sagte Fräulein Sabine. »Und wie benahm er sich?«

»Er benahm sich gar nicht, sondern warf die Cigarre weg und stieg in

dasselbe Coupé mit mir. Und wir fuhren mit einander bis hierher, wo er

auch ausstieg!«

Käthe sprang vom Fensterbrett. »Und was sagst du jetzt?«

»Herzchen,« erwiderte die alte Dame und lächelte gutmüthig, »was soll

ich sagen? Zu geschehenen Dingen schweigt man am besten -- das einzig

Angenehme ist, daß du den Mann wahrscheinlich nicht wieder sehen wirst.«

Käthe sah nicht so entzückt aus, als man hätte vermuthen sollen, und

streute ihre Nelkenblättchen in die Luft. »Meinst du?«

Die Alte warf ihr einen schnellen Seitenblick zu, und zog die

Augenbrauen etwas in die Höhe, als wollte sie sagen: »aha!« Sie schwieg

aber.

»Weißt du, Sabine,« begann Käthe nach einer Weile von Neuem, »er --

der Mitreisende -- benahm sich übrigens sehr taktvoll. Da er merkte,

in welch tödtlicher Verlegenheit ich war, that er, als ob gar nichts

vorgefallen sei, und unterhielt mich von allen möglichen Dingen -- ganz

ernsthaft und sehr nett. Nur einmal, als eine alte Dame, die mitfuhr,

von der Gegend sprach, und ihn fragte, ob er nicht auch während der

Reise auf die hübsche Aussicht geachtet habe? sagte er ruhig: »o ja --

besonders in Siegersdorff!« und dann sahen wir uns an und lachten beide

-- ich auch, Sabine -- das konnte ich nicht ändern! Sonst war ich sehr

würdevoll -- nein, wirklich!«

»Davon bin ich überzeugt,« sagte die Alte ernsthaft, »wie sah denn dein

Freund oder Feind aus?«

»Sehr gut -- groß, dunkelblond und humoristisch -- und er war sehr

hübsch angezogen.«

Die alte Dame lachte.

»Wenn's nur kein Weinreisender war!«

»Aber, Sabine, schäme dich! als ob man das nicht merkte!« In dem

Augenblicke klopfte es.

»Fräulein Käthchen möchten gleich herunter kommen, Frau Majorin Scharff

wäre da, und wollte etwas aus dem Eckschrank, und Fräulein Käthchen

hätten die Schlüssel mit.«

»Unausstehlich!« sagte Käthe verdrießlich, »Scharffs erwarten in den

Tagen den gräßlichen Sohn, und borgen sich wieder einmal die ganze

Wirthschaft zusammen. Ich komme,« rief sie dem Mädchen zu.

»Ist der junge Scharff so »gräßlich,« wie du sagst?« fragte Sabine.

»Ich habe ihn nie gesehen -- aber wenn von einem Menschen schon so viel

gesprochen wird, hat man genug. »Kurt sagt, Kurt schreibt, Kurt meint«

-- so geht es immerfort, als ob =ich= mich darum kümmerte, was ihr Kurt

für Ansichten hat.«

Fräulein Sabine war auch aufgestanden.

»Weißt du, was ich glaube, Herzchen? Frau Scharff möchte dich sehr gern

für den »gräßlichen Sohn« haben.«

»Ach, das weiß ich ja schon lange! Aber ich danke, Sabine -- ich danke

-- ich will gar nicht heirathen -- oder«

»Hör einmal, Käthe, du kommst mir sonderbar vor! Deine Beichte war

unvollständig! »Oder« heißt das etwa: »oder die Bekanntschaft müßte

damit anfangen, daß ich ihm die Zunge heraussteckte?«

»Sabine,« sagte das junge Mädchen würdevoll, »ich begreife gar nicht,

wie du mich so lange aufhalten kannst, wenn du hörst, daß Mama auf die

Schlüssel wartet!«

Und fort war sie.

* * * * *

Während diese Unterhaltung stattfand, herrschte bei Käthens Eltern

große Unruhe. An der Hausthüre war schon seit längerer Zeit eine

Wohnung ausgeboten worden, und der Hausherr hatte sich bereits stummer

Verzweiflung überlassen, weil noch keine Nachfrage stattgefunden hatte.

Jeder Mensch hat bekanntlich seinen Tollpunkt -- die Vermiethungsfrage

war der Tollpunkt des Doktors!

So lange der unheilvolle, weiße Zettel über seiner Thüre prangte,

war er melancholisch -- seine Gedanken irrten mit beängstigender

Beharrlichkeit, aufgescheuchten Vögeln gleich, um das betreffende

Quartier, und er begann und schloß den Tag mit Seufzen. Wenn seine

Frau mit dem triftigen Trostgrunde ins Feld rückte, daß ja noch nie

eine Wohnung in ihrem Hause leer geblieben sei, so grub der Doktor

regelmäßig einen alten General aus, der inzwischen, nach der seitdem

verflossenen Zeit zu schließen, längst zum Feldmarschall oder unter die

himmlischen Heerscharen avancirt sein mußte, und dessen Quartier einst

ein volles Vierteljahr unvermiethet gestanden hatte.

Zeigte sich dann ein präsumtiver Miether, so begann ein neues Stadium

in dem Zustande des Doktors. Er hatte für nichts anderes Sinn und

Gedanken, als für die Chance, er sang mit dem französischen Grenadier

»was schiert mich Weib, was schiert mich Kind?« und war für alle

häuslichen Vorkommnisse taub und blind.

Heute nun war, gleich einem Sonnenblick, in sein umdüstertes Gemüth ein

Brief gefallen, in dem ein der Familie bekannter Baron von Rabeneck

um die Erlaubniß bat, am Nachmittag zu erscheinen und die annoncirte

Wohnung in Augenschein zu nehmen.

Der Baron galt zwar für einen etwas langweiligen und unsäglich

neugierigen Herrn -- aber in der Noth ist man nicht wählerisch -- der

Baron wollte miethen, und der Hausherr sah seinem Eintreffen seit drei

Uhr mit fieberhafter Spannung entgegen.

Die Familie -- Käthe, die Älteste, ausgenommen, die, wie wir wissen,

bei Fräulein Sabine war, saß um den Kaffeetisch. Eine stattliche

Reihe von schulpflichtigen Kindern -- zwar nicht so viel, als unser

schwäbischer Freund besaß, der auf eine Anfrage nach dem Befinden der

Seinen antworten konnte: »ich danke, die »Meischte« sind wohl« -- aber

immerhin genug, um zu Zeiten recht angenehmen Spektakel zu machen.

Die Hausfrau dirigirte mit Wort und Blick die stillbewegte Gruppe, die

zur Eile angetrieben wurde, um beim Erscheinen des Miethers nicht den

Eindruck der Räume abzuschwächen. Jetzt klingelte es.

»Kinder, schnell -- trinkt aus, das ist er!« rief der Vater, und ließ

sich in der Eile zu der unmännlichen Handlung des Umgießens aus der

Ober- in die Untertasse für seinen jüngsten Sohn verleiten -- doch zu

spät! Die Thür ging auf -- aber nicht der Baron erschien, sondern das

heiter lächelnde Angesicht der Frau Majorin Scharff. Die Kinder gingen

trotzdem auf einen Wink der Mutter hinaus. --

Frau Scharff bewohnte mit ihrem Gatten, einem Major a. D., die

Beletage. Dieser Gatte und ihr Sohn waren ziemlich die beiden einzigen

Gegenstände, welche sich die Frau Majorin nicht geborgt hatte, sondern

rechtmäßig besaß. Man kann es ihr daher nicht übel nehmen, wenn sie mit

besonderem Stolz auf diese beiden blickte. Eine gute, ganz gescheidte

Frau von stets heiterem Temperament, hatte sie nur die Manie, alles

zu verlegen, zu verlieren, und sich mit einer wahrhaft genialen

Unverdrossenheit durch Entlehnen von dem, was ihr momentan fehlte, aus

der Verlegenheit zu ziehen.

Ihr Mann wußte entweder nichts davon -- oder er wollte nichts davon

wissen, was ziemlich auf eins herauskommt. Er hatte es zu seiner

Vorgesetzten und seinem eigenen größten Erstaunen bis zum Major

gebracht und war dann erschöpft ins Privatleben zurückgesunken. Seine

Geisteskräfte, die ohnehin nie üppig wucherten, hatten sich seitdem auf

Whist konzentrirt, und keine Gemüthsbewegung, kein Familienereigniß

freudiger oder trauriger Natur war bisher im Stande gewesen, ihn derart

zu erregen, daß er nicht, so wie der erste Sturm vorüber war, die

Seinigen gefragt hätte: »machen wir heute keine Partie?«

Ja es ging die dumpfe Sage, daß er an dem Abend, wo sein einziger Sohn

das Licht der Welt erblickte, zwei Stunden darauf einen Whisttisch

herbeigeschoben und seiner Schwiegermutter zur Erholung eine Partie

Whist vorgeschlagen habe.

So lange seine Bequemlichkeit und sein Whist ihm ungestört

blieben, ließ er den Dingen ihren Lauf, und seine Frau mochte die

Wirthschaftsutensilien aus allen benachbarten Familien rekrutiren --

ihn focht es nicht an.

Sein Sohn, der inzwischen als sehr begabter und tüchtiger Offizier die

beste Carriere machte, hatte für ihn erst Interesse gewonnen, als er

den Dritten beim Whist abzugeben vermochte, was den jungen Mann nicht

hinderte, seinen Vater sehr zu lieben, und mit großer Ehrerbietung

an beiden Eltern zu hängen. Dieser Sohn, das Glück und der Stolz der

Mutter, wurde, wie wir von Käthe gehört haben, erwartet, und die Frau

Majorin hatte bereits eine Bettstelle mit Betten, einen Teppich, einen

Waschtisch und zwei Leuchter von der Doktorin Lang entlehnt, und kam

soeben, um zu fragen, ob ein überzähliger Flügel reiner Gardinen vakant

wäre, da sie das Gastzimmer sonst soweit in Ordnung habe.

Die gutmüthige Doktorin versprach, danach zu sehen, und lud ihre

Hausgenossin zum Sitzen ein. Doch diese lehnte ab.

»Nein, nein,« sagte sie eilfertig, »o ich habe noch sehr viel zu thun

-- denn, liebste Lang, ich komme mit einer großen Bitte -- trinken Sie

nicht heute Abend mit uns Thee? Keine Gesellschaft -- nur etwa zwölf

bis fünfzehn Personen -- bitte, schlagen Sie es mir nicht ab!«

»Wir kommen herzlich gern,« sagte die Doktorin, »wenn mein Mann nichts

dagegen hat.«

Der Doktor war herausgegangen, um die Straße herunter zu spähen, ob der

Miether sich nicht zeigte. --

»Ach, was sollte er dagegen haben!« sagte Frau Scharff, »heut muß er

kommen -- ich habe eine kleine Überraschung vor! Aber liebe Lang --

eine Bitte! Meine Pauline ist so ungewandt -- können Sie mir Ihre

Köchin auf heute Abend leihen? Wir haben nur zwei Gerichte, und sie ist

so prächtig flink -- das weiß ich! Im Hause geht das ja sehr gut!«

»Ja, ja, das will ich thun, Frau Majorin,« sagte Frau Lang lächelnd,

»kann ich sonst mit etwas dienen?«

»Nun ja -- wenn Sie mir Ihre große Bratenschüssel und zwei Dutzend

Mittelteller und Ihre Gabeln, fünfzehn Weingläser und die silberne

Zuckerdose leihen wollten, so wäre ich Ihnen sehr dankbar! Ach, und

Beste -- die beiden großen Lampen -- aber lassen Sie sie bald füllen;

meine Leute verstehen sich so schlecht darauf! Das ist alles -- denn

die Kompottschüsselchen und die Bowlengläser habe ich noch oben. Aber

richtig -- Sie haben wohl nicht ein Pfund Speck zu Hause? meine Pauline

hat es heut früh mitzubringen vergessen! Wir haben Rehrücken und sie

soll ihn noch spicken.«

»Ich werde sogleich nachsehen,« erwiderte Frau Lang, und griff in die

Tasche -- die Schlüssel fehlten! Bei dieser Gelegenheit schickte sie zu

Fräulein Sabine, um Käthe holen zu lassen, die auch bald erschien und

von der Majorin aufs zärtlichste begrüßt wurde.

»Mein liebes Käthchen -- nein, wie reizend steht Ihnen die neue Frisur!

Wie haben Sie sich bei Ihrer Freundin amüsirt? Ich bitte eben bei

Mamachen vor, ob Sie uns heute Abend nicht besuchen wollen -- ich habe

eine kleine Ueberraschung _in petto_! Nicht wahr, Sie kommen doch? Ich

schrieb noch neulich an meinen Sohn: »eine Gesellschaft ohne Käthchen

ist mir gar nicht denkbar -- sie ist so belebend!«

Käthe, die bis zu diesem letzten Satz sehr freundlich ausgesehen

hatte, machte eine ungeduldige Bewegung und zog die Hand fort.

»Nun muß ich aber gehen, liebe Frau Doktorin,« sagte die Majorin

eilfertig, »also Ihre Anna bringt nachher alles mit herauf, nicht wahr?«

Damit ging sie, und die Doktorin blieb mit Käthe allein. Sie legte

ihrer Tochter die Hände auf die Schultern und sah ihr forschend ins

Gesicht. »Käthe, warum bist du nur wieder so unfreundlich gegen die

gute Majorin?«

»Weil sie mich nicht mit ihrem langweiligen Sohn in Frieden läßt!«

erwiderte Käthe unartig.

Die Doktorin schüttelte den Kopf.

»So laß sie doch -- für die Pläne der Mutter kann der Sohn nichts --

und außerdem -- Käthe, wäre es denn nicht sehr hübsch, wenn etwas

daraus würde? Eine andere Neigung hast du nicht« --

Käthe mußte wohl an der Tischdecke gezupft haben, denn der

Schlüsselkorb fiel zur Erde, und sie mußte die Schlüssel aufheben, wozu

sie eine ganze Weile brauchte und sehr roth wieder zum Vorschein kam --

vom Bücken jedenfalls!

»Und der junge Scharff soll ein vortrefflicher, höchst gescheidter Mann

sein,« fuhr die Mutter fort, »thu mir wenigstens den Gefallen, dich

nicht von vornherein gegen ihn einzunehmen! Seine Briefe haben dir ja

immer so gut gefallen!«

Käthe schwieg hartnäckig.

»Da klingelt es,« unterbrach sich die Mutter, »hier, Käthe, ich habe

mir alles notirt, was die Majorin sich zu heute Abend leihen will --

gieb es einmal heraus!«

Käthe nahm mit einem ironischen »weiter nichts?« das Verzeichniß

in Empfang, und ging hinaus, eben, als der Vater zur andern Thür

hereintrat.

»Er kommt wieder nicht!« sagte er resignirt, »ich werde jetzt ausgehen!

Hausbesitzer sein ist ein Vergnügen.«

»Ja, ja, er kommt,« beschwichtigte seine Frau, »eben klingelt es -- da

ist er schon!«

Richtig -- so verhielt es sich! Herr Baron von Rabeneck erschien mit

einer tadellosen Verbeugung auf der Schwelle. Er war ein mittelgroßer,

schlanker Mann, mit sehr vorsichtig frisirtem, dunkelblondem Scheitel,

mit kurzsichtigen Augen, die er stets etwas einkniff, mit einem

parfümirten Taschentuch, und einem kornblumenblauen Schlips.

»Ganz ergebensten guten Tag, meine Herrschaften,« sagte er eintretend,

»Sie sind beim Kaffee? lassen Sie sich nicht stören! Trinken Sie immer

hier Kaffee?«

»Ja,« sagte der Hausherr etwas kurz. Seine Frau, der die Fragepassion

des Barons, und die kurze Geduld ihres Mannes schon bekannt war, wollte

mit einer Gegenfrage dazwischen kommen, aber der Baron ließ sich nicht

so leicht beirren. »Ich trinke auch Kaffee,« fuhr er fort, »sehr

gesundes Getränk? Was? Trinken Sie auch Kaffee, Frau Doktorin?«

»Ja,« sagte der Doktor gereizt, »meine Frau trinkt Kaffee -- meine

Tochter auch, meine ganze Familie trinkt Kaffee!«

Die Hausfrau mischte sich ins Gespräch. »Sie wollten unser leeres

Quartier sehen, Herr Baron?«

»Ja,« erwiderte der Neuangekommene behaglich, »ich sah heute bei meinem

Morgenspaziergang, den ich immer durch diese Straße mache -- hübsche

Straße, was? -- daß hier ein Miethszettel hängt -- wollte doch mal

nachfragen. Erster Stock, was?«

»Nein -- zweiter Stock -- vier Zimmer mit Balkon,« gab der Doktor

zurück.

»Oh -- charmant -- vier Zimmer? Balkon? Ganz mein Fall! Alles

Vorderzimmer? Küche? Gesund? Hoch? Still?«

»Wie wäre es,« schlug die Hausfrau vor, »wenn Sie mit mir einmal

hinaufgingen, Herr Baron, und die Wohnung selbst in Augenschein nähmen?

Ich hole mir nur ein Tuch, und bin gleich wieder da!«

»Bitte, bitte,« erwiderte der Baron verbindlich, und ging Käthe

entgegen, die eben wieder hereintrat, und am Fenster mit einer Arbeit

Platz nahm.

Sie lud den Gast durch eine schweigende Handbewegung ein, sich auch

niederzulassen. Käthe war sehr wortkarg, wenn ihr jemand nicht gefiel.

Der Baron in seiner Frageseligkeit empfand die Pause schmerzlich, und

wandte sich an das junge Mädchen.

»Sie sticken, mein Fräulein? Weiß?«

Käthe hielt ihm ihre Arbeit hin.

»Ja, Herr Baron! Interessiren Sie sich für dergleichen?«

Der Baron hustete zierlich.

»Ich interessire mich für alles, mein Fräulein! Schon meine selige

Mama sagte immer: Chlodwig, du interessirst dich für alles! Ich heiße

nämlich Chlodwig! Hübscher Name, was? Der fünfte Chlodwig in unserer

Familie -- mein Papa hieß auch Chlodwig! Wie heißt Ihr Papa?«

»Friedrich,« erwiderte Käthe, die mit Mühe ein Lächeln unterdrückte.

»Friedrich -- so so -- und Ihre Frau Mama?«

»Fragen Sie sie selbst,« sagte der Doktor ungeduldig, »da kommt sie.«

Als die Hausfrau mit dem Baron verschwunden war, sagte der Doktor zu

Käthe: »wenn =dieser= Fragekasten die Wohnung miethet, zünde ich das

Haus an allen vier Ecken an. Der fragt einen todt.«

Käthe lachte. »Laß ihn, Papa! Du brauchst ja nicht mit ihm umzugehen.

Vielleicht spielt er Whist, da kann er sich mit Scharffs befreunden,

die er ohnehin schon kennt. Weißt du denn, daß sie heute eine

Gesellschaft geben?«

»So?« brummte der Doktor, »was haben sie sich denn schon geborgt?«

»Vorläufig unsere Teller, unsere Lampen, unsere Köchin und unsere

Familie,« erwiderte Käthe spöttisch, »wir werden uns also wohl recht

heimisch fühlen.« --

Der Baron und die Doktorin kamen nach geraumer Zeit wieder, und der

erstere war entzückt von dem Quartier.

»Wenn es Ihnen recht ist, Herr Doktor,« sagte er, »so können wir gleich

Kontrakt machen -- liebe schnelle Entschlüsse -- Sie auch, -- was?«

»Gewiß!« sagte der Doktor höflich -- die Aussicht, einen Miether zu

bekommen, goß Öl auf die Wogen seines Zornes. Die beiden Herren nahmen

an einem Seitentischchen Platz, um über den Kontrakt einig zu werden.

Kaum hatte der Doktor den ersten Paragraphen vorgelesen, als die Thüre

aufging und eine Dame erschien. Sie war nicht mehr ganz jung, aber auch

durchaus nicht alt -- so hübsch in der Mitte. =Ganz= jung waren ihre

Toilette, ihre Haartracht und ihr Wesen! sie flog wie eine Elfe ins

Zimmer und umarmte Käthe mit kindlichem Ungestüm.

Das war Fräulein Leontine von Faldern, die mit ihrer Großmama, der

verwittweten Generalin, die Hälfte des zweiten Stockes im Hause

bewohnte. Der Baron hatte sie kaum erblickt, als er aufstand und auf

sie zutrat.

Der Doktor, im Ausfertigen seines Miethskontraktes unterbrochen,

kreuzte die Arme, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sagte düster:

»nett!«

»Mein gnädiges Fräulein,« begann der Baron, »ich bin entzückt, Sie zu

begrüßen! Wie ist Ihnen die Stumme von Portici bekommen?«

»O ausgezeichnet!« erwiderte Leontine, »es war eine allerliebste

Aufführung! Ich war mit Schraffenaus da -- Will ist jetzt bei ihnen

zum Besuch -- Sie wissen ja -- Will Schraffenau, der bei den zweiten

Kürassieren stand! Will kann zu amüsant sein, nicht?«

»O ja, meine Gnädigste,« erwiderte der Baron, »aber nichts gegen Lu!

Sie erinnern sich doch? Lu Schraffenau, der die zweite Sandrowsky --

Peppi Sandrowsky -- zur Frau hat? Sie kennen sie doch? Graziös, was?«

»Na!« brummte der Doktor vor sich hin, »bis die beiden jetzt den

Grafenkalender durchgearbeitet haben, kann mein Miethskontrakt schwarz

werden!«

»Denken Sie nur, meine Gnädigste, ich bin im Begriff, Ihr Hausgenosse

zu werden! Charmant, was?«

»Ach, wie reizend! Das muß ich Großmama erzählen!« rief Leontine

entzückt.

»Ja, dann lassen Sie aber den Herrn Baron erst hier zu Ende kommen,«

sagte der Doktor, und schob sein Tischchen in die andere Ecke des

Zimmers -- dort konnte er hoffen, ungestört zu bleiben, »bitte, Herr

Baron! -- der Miether verpflichtet sich« --

Während die beiden sich wieder in den Kontrakt vertieften, plauderten

die Mädchen in der Fensternische.

»Käthchen, ich komme nur, um Sie etwas zu fragen -- ist heute großer

Zauber bei Scharffs? Ich dachte schon, der Sohn wäre gekommen, den ich

von früher her kenne -- wissen Sie, er war Adjutant bei meinem Vetter

Storrwitz, und meine Cousine neckte mich immer entsetzlich mit ihm --

ist er gekommen?«

»Nein, er wird erst erwartet,« erwiderte Käthe, »ich weiß auch nicht,

warum sie heut plötzlich eine Fête geben.«

»Nun ja -- aber die Frage ist, =was= zieht man an? Rabeneck ist auch

da, ich habe die Scharff gefragt.«

Die Beiden erörterten die Toilettenfrage und Leontine hüpfte endlich ab.

Inzwischen wurde es so dunkel, daß der Doktor zu seinem Miethskontrakte

nach der Lampe rief. Das Mädchen erschien, brachte aber nur einen

Armleuchter mit einem Licht.

»Die Lampe!« donnerte der Hausherr.

»Verzeihen Sie, Herr Doktor -- unsere Lampen sind alle oben beim Herrn

Major -- die Kinder arbeiten auch bei Licht.«

»Darauf machen Sie sich gefaßt,« sagte der Doktor, kochend vor Wuth,

»wenn Sie hier ins Haus ziehen, wird Ihnen von Majors alles abgeborgt,

was Sie haben und nicht haben!«

»Aber Papa!« rief Käthe vorwurfsvoll und verlegen.

»Ich bitte Sie,« rief der Baron ängstlich, »das ist ja sehr unangenehm!

Alles verborgen? Muß man das?«

»Das frage ich mich schon seit zwei Jahren!« grollte der Doktor, »denn

so lange wohnen sie hier, und =was= sie sich alles borgen, spottet

jeder Beschreibung. Ich wollte nur, sie ließen einmal auf einen halben

Tag um =mich= bitten, da wollte ich es ihnen schon abgewöhnen! Aber

weiter: »die Wäsche muß in dem dazu bestimmten Waschhaus« --

»Eine Empfehlung von der Frau Majorin, und ob sie die silbernen

Armleuchter bekommen kann?« sagte das Dienstmädchen und griff bereits

nach dem fraglichen Gegenstand.

»Sie sind wohl verrückt!« schrie der Hausherr in verzeihlichem Ingrimm,

»sollen wir hier im Dunkeln sitzen?«

»Mein Gott, ist es denn schon so spät!« sagte der Baron, und sah nach

der Uhr, »wahrhaftig -- halb sieben! Pardon, Herr Doktor, aber ich

muß an meine Toilette gehen -- wir sehen uns ja wohl heute Abend beim

Herrn Major? Ich komme dann morgen in aller Frühe, und wir beenden das

Miethsgeschäft, was? Wann stehen Sie auf? Um sieben? Acht? Neun?«

Der gänzlich resignirte Doktor pfiff statt aller Antwort einen Walzer

-- das Symptom des letzten Verzweiflungsstadiums, als er seinen Gast

zur Thür geleitete.

»Nun borgen sie sich auch schon die Miether!« sagte er vor sich hin,

als er hinausging.

Käthe blieb allein. Die Dunkelheit, die sanft und leise zum Fenster

hinein schlich, kam ihr eben recht. Sie dachte so still vor sich hin

-- die Phantasie ist ein Nachtfalter, der seine Schwingen am liebsten

in der Dämmerstunde ausbreitet. Warum war ihr noch nie so bange vor

der Zukunft gewesen als heut -- warum noch nie der Gedanke an die

von den Ihrigen so sehnlichst gewünschte Heirath mit dem Hauptmann

Scharff so schrecklich erschienen? Ach, die Träume von den kommenden

Tagen hatten seit ihrer Reise eine bestimmte Gestalt angenommen -- zum

ersten Mal! Käthes Herz war bisher ein unbeschriebenes Blatt -- noch

nie hatte eine Begegnung ihre Einbildungskraft, viel weniger ihr Gefühl

zu erregen vermocht -- aber es war ihr auch noch nie jemand mit so

liebenswürdiger Ironie, mit so gutmüthig überlegenem Ernst entgegen

getreten, als der Fremde, dem sie sich doch wie ein unartiges Kind

gezeigt! Sein festes, kluges Gesicht mit dem humoristischen Lächeln,

seine tiefe, freundliche Stimme gaben ihr das Gefühl einer Sicherheit

und Zuversicht, wie sie es nie zuvor gekannt hatte. Doch was half

das alles! sie kannte seinen Namen nicht -- er nicht den ihren --

sie würden sich wahrscheinlich nie wiedersehen! Und mit einem tiefen

Seufzer stand sie auf, und ging in ihr Zimmer, um sich anzukleiden.

* * * * *

Inzwischen herrschte bei der Majorsfamilie schon einige Aufregung.

Die Frau des Hauses wanderte in den menschenleeren Räumen umher, die

bereits im festlichen Lichterglanz erstrahlten, rückte hier und da

an den Stühlen und stand dann wieder überlegend still, ob noch etwas

fehlte, wonach man zu Doktors schicken könnte.

Da öffnete sich die Thür und ein großer, blonder Mann trat ins Zimmer.

Die Majorin wandte sich um.

»Nun, Mamachen,« sagte der Eintretende freundlich, »du hast noch zu

thun? Ich hoffte eben auf eine gemüthliche halbe Stunde mit dir, ehe

die Gäste kommen.«

»Ich bin fertig«, sagte die Mutter, und trat vor den Stuhl, in den sich

ihr Sohn niederließ. Sie legte ihm die Hände auf beide Schultern und

sah ihm zärtlich ins Gesicht.

»Mein alter Junge -- wie du wieder verbrannt bist!«

»Im Winter, Mama? Nein, das ist wohl meine natürliche Farbe, du mußt

dich schon daran gewöhnen.«

»Und du warst ein so weißes Kind!« sagte die Mutter lächelnd. »Jetzt

sage mir aber einmal, Kurt -- ist es dir eigentlich recht, daß ich heut

Abend unsere Hausgenossen eingeladen habe? Du machtest mir bei der

Ankündigung ein so besonderes Gesicht.«

»Nun, offen gesagt, wäre ich eben so gern mit Euch allein gewesen,

Mutterchen -- aber wir sind ja, so Gott will, noch viele Abende

zusammen. Wer kommt denn heut?«

»Also,« begann die Majorin, »da ist erstens die Generalin Faldern mit

ihrer Enkeltochter Leontine --«

»Was?« unterbrach der Hauptmann lebhaft, »Tine Faldern ist hier?«

»Kennst du sie?«

»Wie sollte ich nicht! -- Als ich bei Storrwitz Adjutant war, hielt sie

sich ja einen ganzen Winter dort auf! Sie hieß damals immer die Tochter

des Regiments, weil sie so genau in der Rangliste Bescheid wußte.

Uebrigens ein hübsches, amüsantes Mädchen -- es ist mir ganz lieb, sie

einmal zu treffen, wir haben eine Menge gemeinsamer Beziehungen.«

Die Majorin sah etwas mißvergnügt aus, sagte aber nichts.

»Dann,« fuhr sie fort, »von Hausgenossen heißt das, kommt noch unser

Wirth -- der Doktor Lang mit Frau und Tochter --«

»Ach -- die berühmte Käthe! Ich kenne dich, Mama! Hätte ich mir's

nicht denken können, daß du wieder einen Heirathsplan wie einen Lasso

bereit hältst, um ihn mir Unglücklichen über den Kopf zu werfen? Aber

gieb dir keine Mühe, Mama -- es wird nichts!«

»Sei doch nicht so absprechend,« bat die Mutter, »du hast Käthe noch

gar nicht gesehen -- ich sage dir, sie ist allerliebst! Hübsch, sehr

gut erzogen und sehr gescheidt -- sie würde ausgezeichnet für dich

passen!«

»Kann sein, Mama! aber ich will dir etwas sagen -- ich werde wohl

überhaupt nicht heirathen. Sieh,« fuhr er lebhaft fort, als die Mutter

eine Bewegung des Unmuths machte, »ich bin -- nenne es phantastisch,

unpraktisch, kurz, was du willst -- aber ich bin entschlossen, mich

nur zu binden, wenn ich ein Mädchen finde, von der ich sage: 'Die oder

keine!' Und solche Dinge kommen vor! -- Ich sage dir, sie kommen vor!

Lache mich nicht aus, Mutter -- aber ich habe ein Mädchen gesehen, das

mir gefällt, und wenn ich =die= wiedersehe, und sie will mich -- dann

sollst du am längsten auf eine Schwiegertochter gewartet haben. Frage

mich aber nicht weiter -- ich bin auf der Suche -- das laß dir genug

sein. Und verschone mich mit deiner Käthe -- ich mag sie nicht!«

»Guten Abend, Frau Majorin,« sagte in diesem Augenblick die Generalin

Faldern, die in taubengrauer Seide ins Zimmer rauschte, von der

rosafarbenen Leontine gefolgt. »Sie waren so freundlich, uns zu

erlauben -- ah, das ist wohl Ihr Herr Sohn?«

»Ja, er ist gestern angekommen,« sagte die glückstrahlende Mutter, ihn

den Damen vorstellend, »er hat mich überrascht! Es ist doch einzig von

ihm; aber er war von jeher ein so guter Junge!«

Wenn diese öffentliche Liebeserklärung dem Hauptmann peinlich war, so

ließ er es durch keine Miene merken -- er lächelte sehr freundlich und

wandte sich an Fräulein Leontine, die ihm als altem Bekannten vergnügt

die Hand hinstreckte.

»Herr Hauptmann -- das ist aber eine Ueberraschung, die Ihrer Frau

Mutter vollständig gelungen ist! Allerliebst, das muß wahr sein! Und

nun erzählen Sie mir von W.... -- was machen die dritten Husaren? Und

wo stehen jetzt die Vierundzwanziger? Hat Trotha wirklich einen so

großen Pas gemacht, und muß Schulten den Abschied nehmen? Ach, es waren

doch schöne Zeiten?«

»Ihre Theilnahme für meine Kameraden rührt mich aufs tiefste, mein

gnädigstes Fräulein,« erwiderte der Hauptmann ernsthaft, »ich kann

Sie versichern, daß die dritten Husaren sich sehr wohl befinden, und

daß die Vierundzwanziger sich ohne Ausnahme Ihnen durch mich zu Füßen

gelegt hätten, wenn sie hätten ahnen können, daß ich so glücklich sein

würde, Sie zu sehen.«

»Ach, Sie spotten wieder,« schmollte Leontine, »aber ohne Scherz --

erzählen Sie mir ein bischen! Hat mein Vetter Storrwitz sich ein neues

Pferd gekauft? Der Braune von damals war doch ein süßes Thier -- er ist

mir noch manchmal im Traume erschienen!«

»Glücklicher Brauner!« sagte der Hauptmann -- und begann nun wirklich

zu erzählen. Leontine hörte fächerschlagend zu, und die Unterhaltung

war so lebhaft, daß der eintretende Gastgeber kaum seine Begrüßung

dazwischenschieben konnte. Er sah mit seinem Orden im Knopfloch und

mit seinem grauen Haar wirklich ganz stattlich aus und machte ganz

zeitgemäße Konversation mit der Generalin -- freilich sagte er meist

nur: »nun eben!« eine Wendung, die er vorzugsweise gern anwendete, und

mit der man merkwürdig weit kommt, wenn man sich erst einmal darauf

eingerichtet hat.

Inzwischen fanden sich die Gäste nach und nach ein -- schon klingelte

es wieder.

»Das sind gewiß Langs,« rief Leontine, »ich muß Käthe entgegengehen,«

und damit flog sie hinaus.

Der Hauptmann sah ihr etwas verwundert nach, und wandte sich dann, um

den Baron Rabeneck zu begrüßen, der eben erschien.

»Entzückt -- entzückt, Herr Hauptmann, Sie kennen zu lernen,« begann

der Baron schmelzend, »Sie stehen bei einem B.'schen Regiment?«

»Ja wohl, Herr Baron -- schon seit zwei Jahren,« erwiderte der

Hauptmann.

»Und vorher?«

»Bei den --schen Husaren!«

»Kamen Sie dort gleich aus dem Corps hin? Wo stehen die Husaren?«

»In W....« sagte der Hauptmann etwas verwundert.

»Ist das eine hübsche Stadt? Ja? Ich war auch Offizier -- bei den

--ten Dragonern -- reizende Uniform, was?«

»Allerliebst!« sagte der Angeredete, über dessen Gesicht ein immer

vergnügteres Lächeln flog. »Sie sind pensionirt, Herr Baron?«

»Ja -- ich sehe Ihnen wohl noch zu jung aus -- was?«

Während der Hauptmann in diesem Kreuz- und Querfeuer von Fragen stand,

in dem ihm nach und nach heißer wurde als im Kugelregen, hatte Leontine

auf dem Flur die Langsche Familie in Empfang genommen und Käthe sofort

zugeflüstert: »der Sohn ist da!«

Käthe zog die Augenbrauen zusammen: »Wie albern -- warum hat uns die

Majorin das nicht gesagt?«

»Sie wollte Sie wohl überraschen,« fuhr Leontine eifrig fort, »aber

Käthe, Sie brauchen kein so verzweifeltes Gesicht zu machen -- er

scheint kein Spießgeselle bei der Verschwörung seiner und Ihrer Mutter

zu sein -- eben als wir kamen, sagte er vernehmlich zur Majorin,

»verschone mich mit deiner Käthe -- die Art Mädchen ist nichts für

mich!«

Das hatte zwar der Hauptmann nicht gesagt -- aber darauf kam es

Leontine nicht an. Käthe, ohne sich klar zu werden, daß diese Äußerung

schon dadurch sehr unwahrscheinlich wurde, daß der Hauptmann sie nie

gesehen hatte, richtete sich hoch auf -- das stolze, jugendliche Blut

schoß ihr bis in die Stirn -- »nun, dann stimmen ja unsere Ansichten

über einander auf ein Haar« -- sagte sie -- warf den kleinen Mund

verächtlich auf, und folgte ihren Eltern in den Saal. Käthe sah

heute Abend sehr hübsch aus. Ein einfaches, weißes Kleid ließ ihre

jugendliche Gestalt zum Vortheil erscheinen, und ein Strauß von

Fräulein Sabines rothen Nelken hing an ihrem Gürtel.

Die Majorin eilte den Hausgenossen entgegen und begrüßte sie aufs

lebhafteste.

»Guten Abend, Herr Doktor -- nein, das ist reizend, daß Sie gekommen

sind, Frau Doktorin -- und hier ist auch meine kleine Ueberraschung --

sie ist freilich ein wenig groß ausgefallen -- mein Sohn!«

Käthe blickte auf -- und plötzlich drehte es sich vor ihren Augen wie

ein feuriges Rad. Der große, blonde Mann, der sich eben mit einem

ernsten, wiedererkennenden Lächeln vor ihr verbeugte, war ja ihr

Reisegefährte -- so mußte es enden! Er hatte sie also erkannt -- er

hatte auf der Tour hierher sondiren wollen, wie die Käthe sei, von

der seine Mutter ihm wohl schon eben so oft erzählt hatte, wie dieser

selben Käthe von ihm -- und was war das Resultat seiner Beobachtungen?

-- »Verschone mich mit deiner Käthe -- ich mag sie nicht!«

Alles dieses dachte sie blitzschnell in einem einzigen Augenblicke, und

ehe der Hauptmann Zeit gehabt hatte, ein Wort an sie zu richten, neigte

sie den Kopf ein ganz klein wenig, und wandte sich ab. »Guten Abend,

Herr Baron,« sagte sie mit fieberhafter Lebendigkeit, »also Sie sind

doch noch rechtzeitig mit Ihrer Toilette fertig geworden? das freut

mich.«

Der Baron eröffnete sofort ein Kreuzfeuer von Fragen über die rothen

Nelken, und daran anknüpfend über Fräulein Sabine -- Käthe war

gerettet. Denn der Hauptmann, der ihr finsteres Gesicht wohl mußte

verstanden haben, trat ruhig zurück und sprach weiter mit Leontinen,

die noch das _curriculum vitae_ eines Pferdes von ihm verlangte,

das er einst besessen hatte, und dessen weitere Schicksale sie mit

leidenschaftlicher Aufmerksamkeit durch sechs Regimenter verfolgte.

Die älteren Herrschaften gruppirten sich indeß um den runden Sofatisch,

es war noch eine Familie hinzugekommen, die eines Regierungsraths a.

D. -- in unserem Städtchen waren die meisten Leute a. D. -- vielleicht

den Bäcker und den Fleischer ausgenommen -- und der letzte Gast war ein

Justizrath, der noch von Zeit zu Zeit verfehlte Versuche machte, eine

Frau zu bekommen, und nach jedem Versuch sich auf ein Jahr wieder von

der Gesellschaft zurückzog, so daß er durchschnittlich nur den dritten

Winter in der Welt glänzte.

Die Generalin, deren Enkeltochter in beständigem _tête-à-tête_ mit dem

hoffnungsvollen Hauptmann war, stieg von ihrer unnahbaren Höhe herab

und war ganz liebenswürdig -- gewöhnlich sprach sie kein Wort. »Wie das

junge Völkchen heiter ist!« bemerkte sie zum fünftenmal, als sie ihre

Lorgnette von den Augen ließ.

Die Majorin nickte etwas bittersüß -- Käthe saß mit dem Justizrath

und dem Baron zusammen, sie war blaß und ziemlich schweigsam, und der

Hauptmann machte auch nicht den leisesten Versuch, sich ihr zu nähern.

Die Doktorin hatte im Stillen auch schon ihre Beobachtungen angestellt

und sich geärgert -- aber erstens konnte ihre Käthe ja nicht die

Initiative ergreifen, und sodann mußte sie bei der Lage der Dinge doch

thun, als ob ihr gar nichts an einer Annäherung der beiden läge. So

that sie denn sehr unbefangen, und wenn die Majorin sie verstohlen am

Kleide zupfte und betrübte Seitenblicke nach der Gruppe der jungen

Leute warf, dann lächelte sie so harmlos, als freue sie sich mit der

Generalin, daß »das junge Völkchen so heiter sei.« Ihr Mann umschlich

die Plaudernden wie ein beutelustiger Tiger -- immer den Baron im

Auge, der ja sein präsumtiver Miether war. Durch die unerhörtesten

Anstrengungen gelang es ihm auch wirklich, die Aufmerksamkeit des

Betreffenden zu erregen -- der Baron wandte sich um.

»Spielen Sie Whist, Herr Doktor?«

»Sehr gern!« erwiderte der Angeredete eifrig -- erstens langweilte er

sich, und dann wollte er den Baron wegen der Wohnung ausforschen.

»Nettes Spiel -- was? Ich spiele leider nicht -- kein Kartenspiel --

fehlt mir jedes Talent dafür. Sonst habe ich viel Talente -- meine

selige Mama sagte schon immer »Chlodwig, du bist sehr talentvoll« --

aber Karten« --

»Dummkopf,« murmelte der Doktor in sich hinein.

In diesem Augenblick klopfte ihm der Major auf die Schulter, »machen

wir heute keine Partie?«

Der Doktor war bereit, der Justizrath, der inzwischen schon im Stillen

überlegt hatte, ob er vielleicht um Leontine anhalten sollte -- sie

war ziemlich die einzige in der Stadt, bei der er sein Heil noch nicht

versucht hatte, wurde als Dritter zum Whist angeworben, und die drei

Herren setzten sich an den Spieltisch, der in dem Zimmer aufgestellt

war, wo die Jugend saß.

Bei dieser -- der Jugend -- herrschten indeß die verschiedensten

Empfindungen. Käthe, die dem Baron zum Opfer gefallen war, antwortete

auf seine zahllosen Fragen immer aufs Gerathewohl mit »ja« und »nein«

-- nur wenn die Augen des Hauptmanns zu ihr hinüber flogen, nahm sie

einen Schein von Lebhaftigkeit an und wurde gesprächiger.

Leontine, an der anderen Seite des Tisches, ließ alle Minen springen.

Sie erinnerte sich an jeden einzelnen Ball aus der Saison, die sie mit

dem Hauptmann erlebt hatte, mit überraschender Genauigkeit, und »wissen

Sie noch?« war immer der Refrain jedes dritten Satzes.

Der Hauptmann wußte aber gar nichts -- er wurde immer zerstreuter, und

als Leontine ihn nach einem Rittmeister zu fragen begann, der seiner

Zeit zu den Husaren kommandirt war, bot sich ihm ein Ausweg.

»Herr Baron,« rief er hinüber, »stand Straten nicht bei den --ten

Dragonern? den müssen Sie ja gekannt haben! Fräulein von Faldern

erkundigt sich nach ihm!«

»Straten? versteht sich!« erwiderte der Baron aufstehend, »sehr gut

gekannt, haben zwei Jahr bei einer Schwadron gestanden -- netter

Mensch, was?«

»Jawohl!« erwiderte der Hauptmann, ebenfalls aufstehend, »hier --

erzählen Sie einmal von ihm -- _changeons_!« Und damit überließ er

seinen Platz neben Leontinen dem Baron und begann, sich Käthe zu nähern.

Kaum hatte Käthe seine Absicht bemerkt, als sie sich erhob, und an den

nächsten, mit Albums bedeckten Tisch tretend, sich in die Besichtigung

derselben vertiefte.

Der Hauptmann folgte ihr und ergriff ebenfalls ein Buch.

»Das kann ich auch,« bemerkte er halblaut.

Käthe schien mit Blindheit und Taubheit geschlagen.

»Was habe ich denn hier?« fuhr der Hauptmann gemüthlich fort, und

blätterte in dem Buch, »ah -- Gedichte -- eine ganze Sammlung -- darf

ich Ihnen etwas vorlesen?«

»Ich danke,« erwiderte Käthe kurz, »ich sehe mir Bilder an!«

»Schön,« erwiderte ihr Gegner ernsthaft, »dann werde ich mir selbst

vorlesen -- ich liebe die Lyrik ungemein -- ah hier -- das ruft mir

ein Erlebniß zurück, »das Dampfroß schnaubt entlang der Halde« -- sehr

nett! Wer weiß, was wir noch von dem Dampfroß zu hören bekommen --

sollte das nicht in Station Siegersdorff halten? Ich muß mich einmal

überzeugen!«

»Ich will das Gedicht nicht hören!« sagte Käthe.

»Ich bitte sehr, mein gnädiges Fräulein -- ich lese =mir= vor! --« Er

blätterte weiter.

»Hier -- ein anderes! »Als ich zum erstenmal dich sah, verstummten

meine Worte.« Stimmt! Also ist es schon mehr Leuten so gegangen. Der

hat am Ende auch mit dem Dampfroß zu thun gehabt!«

Käthe, die sich inzwischen gesetzt hatte, stützte den Kopf in die Hand

und las, als sollte sie zu morgen eine Aufgabe lernen.

»Hier ist ja noch ein sehr schönes Gedicht,« sagte der Hauptmann,

»immer schmollen, immer grollen, für ein' Ros' wär's zu viel Dorn! Und

nun lassen Sie uns zur Prosa übergehen,« fuhr er plötzlich ernsthaft

fort und nahm neben Käthe Platz, »bitte, sehen Sie ruhig weiter in Ihr

Buch -- ich werde ein gleiches thun -- und nun,« er senkte die Stimme

--, »warum sind Sie eigentlich böse auf mich?«

»Woraus schließen Sie, daß ich böse bin?« fragte Käthe etwas unsicher.

»Nun, mein gnädiges Fräulein, wenn =das= bei Ihnen =gut= heißt, dann

möchte ich Sie allerdings einmal sehen, wenn Sie böse sind! Ich bin

zwar nicht an übertrieben freundliche Behandlung von Ihnen gewöhnt --

denken Sie nur an Station --«

»Lassen Sie doch endlich die alte Geschichte ruhen!« rief Käthe und

erröthete tief.

»Sie ist noch gar nicht alt, noch nicht sechsunddreißig Stunden --

aber ich will sie begraben -- klaftertief -- wenn Sie mir Rede und

Antwort stehen. Wollen Sie das? Sonst wird die Geschichte, die =alte=

Geschichte, wie Sie sie ungerechter Weise nennen, als Gespenst solange

vor Ihnen auftauchen --«

»Hören Sie auf,« unterbrach ihn Käthe, wider Willen lachend, »was soll

ich denn antworten?«

»Das will ich Ihnen gleich sagen -- also, =was= habe ich Ihnen zu Leide

gethan?«

»Ist hier bei diesen Bildern eine Ansicht von der Grafschaft T...?«

fragte in diesem Augenblick der Baron, sich dem Tisch nähernd, »ich

wollte Fräulein von Faldern einen Begriff von der Gegend geben, wo mein

Gut liegt. Sie kennen die Grafschaft? Hübsche Gegend, was?«

»Reizend!« sagte der Hauptmann, und nahm einen dicken Band

Landschaftsbilder vom Tisch, »hier, Herr Baron, in diesem Buche ist ein

sehr hübscher Stich, der gerade die Gegend vorstellt, die Sie zu sehen

wünschen. Wollen Sie sich überzeugen?«

Der Baron ging mit dem Buche ab.

»Natürlich wird er die Grafschaft nie finden,« bemerkte Hauptmann

Scharff, »ich habe ihm einen Band Ansichten von Spanien gegeben, da mag

er suchen! Doch zurück zu unserem Gespräch -- was habe ich Ihnen zu

Leide gethan? Warum sind Sie böse?«

Käthe nahm sich gewaltig zusammen, und begann sehr tapfer: »Ich bin

böse, weil -- nun ja, weil ich es sehr häßlich finde, daß Sie mich

unterwegs ausforschen und kennen lernen, und mir nicht sagen, wer Sie

sind.«

Die Majorin hatte indessen durch die geöffnete Thür schon ein paar sehr

befriedigte Blicke nach dem Paar gethan, und als sie sah, daß Leontine

im Begriff stand, sich dem vielversprechenden Tische zu nähern, eilte

sie wie ein Stoßvogel herbei.

»Fräulein Leontine, singen Sie uns ein Lied? Wir sind ja immer ganz

Ohr, wenn Sie am Flügel sitzen -- bitte, bitte!«

»Ach ja, mein gnädiges Fräulein,« stimmte der Baron ein, »Sie singen?

Bitte, tragen Sie uns etwas vor -- ein _Chanson_ -- eine Ballade, was?

Ich liebe die Musik leidenschaftlich -- reizende Kunst, was?«

Leontine willigte mit etwas gezwungenem Lächeln ein -- ob der Gedanke,

daß ein Baron in der Hand sicherer sei, als ein Hauptmann auf dem Dache

ihren Entschluß beeinflußte, wollen wir dahin gestellt sein lassen. Sie

verschwand, von dem Baron gefolgt, im Nebenzimmer, und bald klang ihre

sehr hübsche Stimme wohlthuend durch die Räume.

Der Hauptmann und Käthe blieben nun ungestört, denn die Herren am

Spieltische waren ganz in ihre Karten vertieft, und der jeweilige

Ruf: »zwei Trick -- _deux honneurs_« -- vermochte eine leise geführte

Unterhaltung nicht zu beeinträchtigen. Als das Feld rein war, begann

der Hauptmann von Neuem. »Ich verstehe Sie gar nicht, mein Fräulein!

Ich hätte Sie ausgeforscht? Wo denn? Unterwegs?«

Käthe nickte.

»Aber Sie sind wirklich höchst ungerecht,« rief der Hauptmann

ungeduldig, »woher sollte ich denn in der Eisenbahn wissen, daß Sie

und die viel beschriebene Käthe ein und dieselbe sind? Nun sagen Sie

einmal selbst, daß ich es nicht wissen konnte!«

»Ja ja!« gab Käthe zögernd zu.

»Nun gut -- also darin bin ich gerechtfertigt! Aber selbst, =wenn= ich

Sie gekannt hätte -- ich gestehe Ihnen offen, daß ich auch dann noch

kein Verbrechen begangen zu haben glaubte! -- es steckt wohl noch etwas

Anderes dahinter! Nicht wahr?« drängte er, als sie schwieg und tief

erröthend zu Boden blickte.

»Aber in aller Welt, so geben Sie mir doch wenigstens die Möglichkeit,

mich zu vertheidigen,« rief er fast heftig, »mein gnädiges Fräulein --

Fräulein Käthe -- wir waren doch so gute Freunde unterwegs -- waren

wir das nicht? Sehen Sie -- Sie nicken ja! nun seien Sie einmal recht

vernünftig und sagen Sie mir, =was= ich Ihnen gethan habe!«

»Was haben Sie denn zu Ihrer Mutter gesagt, ehe ich kam?« fragte Käthe

trotzig und blickte auf.

Er sah sie erst zweifelhaft an, dann lachte er -- aber etwas verlegen.

»Ich kann mir denken, =wer= Sie instruirt hat! Soll ich Ihnen das

Gespräch erzählen?« fragte er in sonderbar weichem Ton, und bückte

sich, um ihr in die Augen zu sehen. »Ja oder nein?«

»Ja!« sagte sie hastig und leise -- ihr Herz fing an, heftig zu klopfen.

»Nun denn -- ich sagte meiner Mutter, daß ich nicht Lust hätte, hier

irgend ein junges Mädchen kennen zu lernen, -- heiße sie Käthe oder

sonst wie -- weil -- nein, sehen Sie mich einmal an, Fräulein Käthe

-- weil ich mich unterwegs in der Eisenbahn, wie ein Student verliebt

hätte -- in eine Unbekannte, -- und wenn nun ein freundlicher, lieber,

guter Zufall es so gefügt hat, daß diese Unbekannte diejenige ist,

die meine Mutter -- Gott segne meine Mutter -- schon lange für mich

ausgesucht hat --«

Ein blendend heller Lichtstrahl fiel in die Stube, »es ist

angerichtet,« rief der Lohndiener mit Stentorstimme.

Der Flügel wurde zugeklappt, Stühle gerückt, die Whistspielenden warfen

die Karten zusammen -- man ging zum Abendessen.

Käthe war bei dem Eintreten des Lohndieners schnell wie der Blitz vom

Sofa fort und zu den Herren am Spieltisch geeilt. Dafür hatte sie nun

ihre Strafe! Der Justizrath reichte ihr den Arm, um sie zum Souper zu

führen.

Die Anordnung der Plätze bot noch einige Schwierigkeiten -- die Majorin

hatte aus Versehen für zwei Personen zu wenig decken lassen, und diese

beiden Uebriggebliebenen standen nun ziemlich verlegen hinter den

besetzten Stühlen der anderen.

Novellen Hausgenossen. — Und Doch! — Der tolle Junker. — Finderlohn. — Glück muß man haben! · 第 1 / 12 段