NEUNUNDVIERZIGSTES KAPITEL

Der Gerichtstag ist eine spezielle

Form der Selbsterkenntnis.

Die Nacht schrieb Jappes einen Brief an Doktor Seraph:

Doktor, auch ich habe aus dem dunklen Brunnen der Unabänderlichkeiten

getrunken und ich weiss, dass der Trank das Lethe ist, welches das

Grübeln über die Zukunft nutzlos macht. Die metaphysische Frage über den

Apriorismus des Lebens ist ein Unsinn, deshalb kann man mit logischer

Konsequenz nicht de jure über das Leben entscheiden, wohl aber de facto.

Weil letztere Frage aktiv in meiner Lebenssphäre liegt und mein

„visueller Plan“ merklich dadurch verdunkelt wird, wünsche ich in

kurzmöglichster Frist mich mit Ihnen in einer sachlichen und

konsequenten Aussprache zur Klärung und Abhilfe zu treffen. Ueber die

Struktur der medialen Substanz ein weiteres in der Zwiesprache. Dies

unter Schlüssel wegen etwaiger notwendiger Deckung. Mit einem Appell an

Ihre vorläufige Verschwiegenheit grüßt mit dankender Hochverehrung

Jappes.

Morgens ging er in den Glaspalast, Pepys ausgestellte Arbeiten zu sehen.

Obwohl die Ausstellung erst eröffnet worden war, trugen schon mehrere

Zeichnungen und Holzschnitte ein kleines Schildchen: Verkauft. Zwei

Herren interessierten sich sehr für einige Studien über Tänze in Rötel.

Sie verglichen die Arbeiten Pepys mit denjenigen eines Künstlers,

welcher Jappes unbekannt war.

„Die Kritik spricht sich sehr belobigend aus,“ sagte einer der Herren,

„ja man vergleicht sie sogar mit dem Japaner Hokusai, wegen der

Verwendung der vollen schwarzen Farben, durch welche die Künstlerin mit

magistraler Gewalt das Problem der Verquickung des graphischen mit dem

ornamentalen Zweck gelöst hat. Der Kritiker bewundert ihr feines Gefühl

für Komposition und beglückwünscht sie zu ihrem glücklichen Griff in der

Wahl der dekorativen Motive.“

„Man wird sich um sie reißen,“ bemerkte der zweite, „zudem soll sie eine

Schülerin von Meister Geraldo sein, und böse Zungen bringen sie in

Zusammenhang mit dem Aestheten und Psychologen Günther und behaupten,

ihm müsse die geistige Vaterschaft ihrer Arbeiten zugesprochen werden.

Es ist selbstverständlich Klatsch giftiger Neider, welche die Dame zum

Werkzeug degradieren wollen. Kunst und Stänkerei sind viel zu eng

miteinander verwachsen. Nun, sie hat die Befriedigung, das Lob ihres

künstlerischen Schaffens zu hören.“

Jappes hörte das Urteil: sachlich, nüchtern, gerecht. Wie hätte er die

Freundin verurteilen können?

Es gibt Seelen, die erschrecken,

wenn sie beleuchtet werden.

Mit Günthers Selbstsicherheit war es vorbei seit jenem Morgen, als das

Telephon ihm die befehlende Nachricht brachte: Seien Sie auf alle Fälle

zwischen zwei und vier zu Hause. Ich habe unumgänglich mit Ihnen zu

reden und warne Sie dringend davor, Ihr Haus zu verlassen.

Unterwürfigkeit und Auflehnung lieferten sich einen wüst-wilden Kampf

... Wer sollte ihn, den Professor, zwingen, Wort und Rede zu stehen über

sein Tun! Wer wollte Rechenschaft von ihm fordern! Wer wollte sich

unterfangen, in seinem Privatleben zu schnüffeln? Wäre das kein Skandal!

Kein Hausfriedensbruch! War die Freiheit der Person nicht gesetzlich

gesichert! Und ein Schüler, ein grüner Junge, ein Kerl, dessen Vater er

hätte sein können, wagte es, ihm telephonisch zu sagen: Ich warne Sie

dringend davor, Ihr Haus zu verlassen. Das Telephon war eine öffentliche

Sprechstelle. War er nicht schon kompromittiert, wußte nicht jedes

Telephonfräulein, daß es bei Günthers einen Skandal gab! Eine Drohung

... ich warne Sie dringend! und das war die Parole der Unterwürfigkeit.

In den Worten lag ein Zwang, eine Erniedrigung. Jappes hatte keine

Ehrfurcht vor Gelehrsamkeit, er rechnete nur mit Menschen, hart auf

hart, und rot auf rot.

Sicher ließe sich mit Jappes unterhandeln! Wenn er ihm mit kasuistischer

Verschmitztheit von der Schwäche des menschlichen Fleisches reden würde,

wenn er Jappes hintergehen könnte ...? ihm eine Komödie vorspielen, sich

anklagen, seine Verwerflichkeit in zerknirschter Demut mimen, Jappes

verwirren, machtlos machen ... erkünstelt stöhnen, sich in der

Verzweiflung vor ihm hinwerfen, die Augen mit Speichel anfeuchten und

ihn dann unter Tränen um Verzeihung bitten ...

... – Jesus hat der Maria Magdalena ihre prostituierte Prostration

verziehen und Jappes würde seine vermeintlichen Tränen, seine

Zerknirschung als Sühne nehmen ... – Er könnte sich allmählich beruhigen

und mit Jappes über die Mittel und Wege beratschlagen, wie er sich und

Pepy den Frieden der Seele und des Leibes wiedergeben könnte ...

Er fand Ruhe in der Komödie, welche er sich spielte. Die dritte

Nachmittagsstunde war kaum verklungen, als die elektrische Klingel

schrill durchs Haus bohrte. Oh! der Glocke schrille Stimme, das lange,

doppelte, dreifache, das eindringliche Bohren. Jappes meldete sich an

durch die Art, wie er schellte. Kein kurzes fröhliches Schellen: Bin da!

nein, ein langes drohendes Schrillen: M–a–a–a–ch au–auf! daß die Vokale

vibrierten.

„Es freut mich, Sie heute wiederzusehen, Herr Professor Doktor Gustav

Günther, Sie werden sich Ihres Privatschülers wohl noch erinnern?“

„Pepys Freund,“ erwiderte Günther kühn.

„Pepys Freund!“ wiederholte Jappes und stieg hinter Günther die Treppe

hoch, welche zum Atelier führte.

„Nehmen Sie Platz, Herr Professor Doktor Gustav Günther,“ wies Jappes

auf die Ottomane. „Ich weiß, daß Sie mir nichts zu sagen haben, aber ich

habe Ihnen um so mehr mitzuteilen. Sie wissen, daß Sie ein Kind in der

Zukunft haben. Wissen Sie es?“

„Ja.“

„Sie wissen, daß Sie ein Betrüger sind, ein geschlechtlicher Lügner. Sie

wissen, daß Sie einmal sagten: Versuchskarnickel sind die Weiber,

glauben Sie meiner Erfahrung, mein Freund, Versuchskarnickel! Wissen Sie

es?“

„Ja ... aber ...“

„... Dann kennst du mein Urteil, Hund,“ und Jappes bäumte sich ihm

entgegen. „Schmutziger, ehrloser Hund, bist du so wenig Herr deiner

geilen Triebe gewesen, daß du ein ehrbares Mädchen schwängern mußtest?

Fluch deinem Geschlecht, du schmählicher Ekel, du liederlicher Auswuchs

verhurter Gedanken. Hattest du kein Weib, keine Frau, die nach dir

lechzte in geschlechtlicher Brunst. Warst du zu stolz, auf die Straße zu

gehen und deinen ranzigen Samen in das Fleisch einer Prostituierten zu

geilen. Du Schmach der Verworfenheit! Ein Mädchen hast du befleckt und

ihr den Schimpf angetan, die Frucht deiner Schlüpfrigkeit zu tragen. Das

ist eine Sünde wider den Willen, eine Sünde wider den Geist, eine Sünde

wider das Blut, eine Sünde wider das Leben. Und auf dieser Sünde steht

Tod! Weißt du, daß Tod auf dieser Sünde steht?!“

Günther war in sich zusammengefallen, saß irr wie ein Trunkener, warf

sich plötzlich seinem Richter entgegen, lallte eine Antwort, ohne Sinn.

Nur ein Wort stach grell und greisenhaft flehentlich aus seinem

Stimmengestammel: Nicht töten ... Jappes zwang ihn zurück mit eisernem

Griff, brach seinen Willen, lähmte sein Wesen: „Schwächling, Feigling,

so bist du im Sturm, du Kraft ohne Richtung, du Drang ohne Halt. Ich

habe geschworen, dir dein Handwerk zu legen, du bist unmöglich geworden,

und ich sorge dafür, daß du zur Einsicht deiner Ueberflüssigkeit kommst.

Zur – Einsicht – deiner – Ueberflüssigkeit – ...“ Da fiel sein Blick auf

Meister Geraldos Skizze. Den Rahmen schlug er am Boden entzwei, und trat

mit dem Fuß in die Leinwand, daß sie zerriß. Stieß einen Blick in die

Fetzen, spreizte die Hände darüber und spuckte mit Abscheu zum Gruß.

In der Treppe reichte ihm Frau Günther die Hand – die Mutter: „Sie gehen

schon wieder, Herr Jappes? Sie hätten zum Tee bleiben sollen. Grüßen Sie

Fräulein Pepy, ich fahre morgen mit den Hunden nach Baden-Baden.“

„Was ist mit den Hunden,“ fragte Jappes, mit übereilter Erregtheit.

„Ach, Sie wissen es noch nicht, alle unsere Hunde kommen nach

Baden-Baden, aber ich sehe, Sie haben Eile,“ und sie reichte Jappes die

Hand zum Abschied. Hastig drückte er ihr die Hand: „Ja, ich habe immer

Eile, immer.“

Fetzen · 第 77 / 82 题