ACHTUNDVIERZIGSTES KAPITEL

Wer Worte bedarf, um den Zustand

seines Freundes zu erraten, weiß

wenig von dessen Seele.

Jappes schickte die Zofe mit einem Telegramm zur Post, verabschiedete

sich von Ida Telluren und fuhr mit dem Nachtschnellzug, Pepy zu

besuchen, nach München. Er sprang aus dem Wagen, noch ehe der Zug hielt,

und lief wie besessen über den Bahnsteig, wie wenn er einem lauernden

Verhängnis entronnen wäre, so raste er, als wolle er eine Gefahr

vergessen durch die Eile der Flucht. Pepy schrak zusammen, als sie ihn

im Sturmschritt daherkommen sah. Ihr Wesen duckte sich in Unfreiheit.

Ihre Erwartung, ihr tötendes Sehnen wurde durch die plötzliche

Erscheinung gelähmt. Sie hielt dem Freunde kaum die Hände entgegen,

blieb einen Augenblick regungslos stehen, als wolle sie erst den Namen,

der von Jappes’ Munde kam, in sich aufnehmen, ihn verarbeiten, ihn in

Zusammenhang bringen mit den Erinnerungen, die sich daran knüpften.

Rudibub! – Sie war es nicht mehr, und Jappes fühlte, daß seine Pulse

sich gegen das Mädchen bäumten, daß die keusche Jugendlichkeit ihrer

bebenden Anmut unter einem Wust von sündbarer Erregung begraben lag.

Pepy war erschrocken-freudig und durch ihre blonden Gesichtszüge jagte

ein dunkler Schatten wie ein fernes Zucken. Wie bei lächelnd schlafenden

Kindern, wenn die Heiterkeit ihrer Puttengesichter von einem düsteren

Traum durchhuscht wird, der am Horizont ihrer Kinderwahrnehmung drohend

steigt. Jappes fühlte, daß seine Blicke nicht mehr in die Seele des

Mädchens drangen, und fühlte, daß er an ihrem Wesen abprallte. Die Hydra

der Erregung reckte die züngelnden Köpfe, ein Gedanke in ihm warf sich

hoch, ein jäher, schriller Gedanke. – Jemand hat an ihr gefrevelt! Den

Schimpf Calvandis empfand er mit neuer bohrender Vernichtung:

Eckstein-Zwei kann ich übers Jahr zum Teile brauchen, seine schwangere

Karte! Pepy sah, wie er kämpfte und verwirrt war und sie hörte, wie ihre

Stimme lallte: „Jappes, ich bin nicht mehr froh!“

Er griff sie bei der Hand und wie Kinder gingen sie durch den Abend, wie

Kinder, die keine Eltern haben und in die Welt gehen. Sie gingen lange

und nährten die Spannung. Und die Spannung wuchs in die Nacht und griff

in die Sterne, so hoch, daß sie zum Taumel ward, zum Traum. Der Abend

lag lauernd mit den sprühenden Lichtern, betäubt von den roten

Geräuschen des Tages. Die Bäume standen wie Hymnen und flehend mit

erhoben-erhabenen Händen zum Himmel. Die Stille war wie ein leises

Gebet, das sich in den Schatten der Häuser hüllte. Die Menschen trugen

ihre Geheimnisse vorüber, führten ihre Sehnsucht zur Lust, ihr Leid in

den Reigen der taumelglühenden Farben. Die Straße lief zu den vielen

Häusern und legte sich müde vor die vielen Türen. Und die Menschen

gingen vorüber, sie dachten nicht an die Träume, welche die Nacht ihnen

streute.

Eine Menschensäule flutete aus einem gähnenden Tor. Zwei Mädchenstimmen

wurden laut: „Gelt, das ist aber doch keine richtige Verführung

gewesen?“ fragte die eine mit forschender Spannung. „Dummes Ding, eine

richtige Verführung kann man doch nicht filmen,“ belehrte die zweite,

und die erste mit milchigem Entzücken: „Aber so war’s ganz schön, gelt?“

Pepys Blicke hingen an dem riesengroßen Plakat: Die Verführte. Da stand

Jappes still und las den gelben Streifen:

Die Verführte!

Hochdramatische, spannenerregende und nervenkitzelnde Begebenheit.

Die Geschichte eines Mädchenlebens, gleichsam aus dem lebendigsten

Leben gegriffen. Zeigt in photobildlich-getreuester Form die

progressive Versumpfung eines Mädchens, welches vor Gott und

Menschen das Opfer ihres Geschlechtes wurde, durch die ruchlosen

Manipulationen eines derb-moralischen Freundes, welcher sie mit der

pervers-lasziven Attrappe moderner Eheemanzipation in seine Netze

lockte ... nebst herrlichen dazupassenden Natur- und

Landschaftsaufnahmen.

Der zweite Teil des Films: Der Verführten Wieder-Geburt, bei

Programmwechsel.

Der Druckfehlerteufel grinste Jappes aus dem gelben Plakatstreifen

entgegen:

Der Verführten Wieder-Geburt!?

Pepy faßte ihn am Arm und sah ihm in die Augen: „Jappes, ich bin auch

eine Verführte. Professor Günther ...“ Aber ihre Worte erstarben, als

Jappes die Freundin bei der Hand nahm und sie hinter sich herzog.

Am Wasserfall saßen sie beide im Englischen Garten und suchten nach

Worten, welche zu den gurgelnden Symphonien der rauschenden Wasser

passen sollten. Im fallenden Wasser sah Pepy ihr Leben fallen; der

Gischt, das quirlende Tosen, die nassen Schatten und Lichter, die

fallende Bewegung, welche in Staub zerstob, der drehende Wirbel der

verstäubten Atome, wie die Wasser sich den kreiselnden Kräften zum Trotz

sammelten, fremde Atome zu Tropfen und fremde Tropfen zur Masse der

fließenden Wasser wurden und – noch taumeltrunken vom Rauschen des

Falles, weiterflossen.

Jappes saß heute an Günthers Stelle und hielt ihre Hand wie jener, er

fühlte sich mitschuldig, weil er Mitwisser ihrer Schuld war. Er war

selbst ein Mann. Weshalb fand er keine Worte, die Brücke zwischen sich

und der Freundin zu schlagen. Sollte er sie einsam lassen mit der Frucht

ihrer Jugendkraft? Da fluchte er der Frage. „Rudibub,“ sagte er mit

unendlich weicher Stimme, daß das Mädchen weinte, legte seine Hand auf

ihre glühende Stirn, „Rudibub, ich werde dir helfen.“ Sie hörte das

prophetische Gnadenwort und ihre Antwort floß in Tränen.

Frage kein Leben, wo es herkommt,

du könntest es stören.

Jappes’ Träume zerschellten an der Wirklichkeit. Der Groll fraß sich in

sein fieberndes Leben, die Dämonen bauten ihr Narrenschloß und krönten

ihn mit der Dornenkrone höhnischen Ueberdrusses. Bekleideten ihn mit dem

Purpurmantel spöttischer Ueberhobenheit. Er fühlte, wie er über sich

wuchs, wie er über das Leben hinausragte, wie er seinem Wesen fremd

wurde. Seine Tage erhoben sich gegen ihn wie Schergen und schlugen seine

Seele blutig. Aber weshalb höhnten sie ihn? Ihn, den Narren! Er ließ die

anderen mit sich spielen und spielte selbst mit sich, lebte seine Tage

ohne Kontrolle im Ueberbewußtsein seiner suchenden Kräfte, die sein

Wesen zur Erlösung treiben sollten. Doch statt der Erfüllung ward ihm

Empörung und Kampf.

Seine Gedanken türmten sich um ihn und marschierten auf in geschlossenen

Kohorten. Das Leben bot seinen Heerbann auf und kam, dem Narren den

Tribut der Botmäßigkeit zu zollen. Die schwer-moralischen Hopliten

beugten sich waffenklirrend, die spitz-kasuistischen Lanzenträger

senkten ihre Lanzen vor dem roten König der Narren, die

locker-schwirrenden Schleuderer opferten ihm die Steine ihrer

verwirrenden Kunst. Sie verneigten sich alle vor dem Narren im

Purpurkleid und riefen: Heil sei dir Narr! Wir bekennen uns machtlos und

beugen uns vor der Tat! Die Liebe zog gefesselt vorüber und die weinende

Freude, in Blumen erstickt, beugte sich vor ihm und sprach:

Purpurpriester, die Liebe ist in Fesseln und ich muß weinen, weil es

keine Erlösung gibt. Der Schmerz trat herzu und lachte: So habe ich

wieder, einen Freund gewonnen, dessen Seele von meinen Liedern tönt. Die

Ideale schickten ihre Wortführer: Wir sind der Traum der Kinder und der

Geschlechtslosen. Wir wollen mit diesem Mädchen sein, weil der Traum

seiner Lust ein Kind ist.

Ich danke euch, erwiderte der König der Narren, ich danke euch und werde

dem Mädchen sagen, daß seine Lust ein Traum und daß sein Traum ein Kind

ist.

Pepy antwortete dem träumenden Narren: Meine Lust war eine traurige

Sünde und ein großer Schmerz.

Das Rauschen der Wasser wuchs in die Schatten der ragenden Bäume und ein

müder Wind tastete sich mit weichen Händen durch die sinnenden Dinge,

welche von Traum und Leben sangen.

Fetzen · 第 76 / 82 题