Wer Worte bedarf, um den Zustand
seines Freundes zu erraten, weiß
wenig von dessen Seele.
Jappes schickte die Zofe mit einem Telegramm zur Post, verabschiedete
sich von Ida Telluren und fuhr mit dem Nachtschnellzug, Pepy zu
besuchen, nach München. Er sprang aus dem Wagen, noch ehe der Zug hielt,
und lief wie besessen über den Bahnsteig, wie wenn er einem lauernden
Verhängnis entronnen wäre, so raste er, als wolle er eine Gefahr
vergessen durch die Eile der Flucht. Pepy schrak zusammen, als sie ihn
im Sturmschritt daherkommen sah. Ihr Wesen duckte sich in Unfreiheit.
Ihre Erwartung, ihr tötendes Sehnen wurde durch die plötzliche
Erscheinung gelähmt. Sie hielt dem Freunde kaum die Hände entgegen,
blieb einen Augenblick regungslos stehen, als wolle sie erst den Namen,
der von Jappes’ Munde kam, in sich aufnehmen, ihn verarbeiten, ihn in
Zusammenhang bringen mit den Erinnerungen, die sich daran knüpften.
Rudibub! – Sie war es nicht mehr, und Jappes fühlte, daß seine Pulse
sich gegen das Mädchen bäumten, daß die keusche Jugendlichkeit ihrer
bebenden Anmut unter einem Wust von sündbarer Erregung begraben lag.
Pepy war erschrocken-freudig und durch ihre blonden Gesichtszüge jagte
ein dunkler Schatten wie ein fernes Zucken. Wie bei lächelnd schlafenden
Kindern, wenn die Heiterkeit ihrer Puttengesichter von einem düsteren
Traum durchhuscht wird, der am Horizont ihrer Kinderwahrnehmung drohend
steigt. Jappes fühlte, daß seine Blicke nicht mehr in die Seele des
Mädchens drangen, und fühlte, daß er an ihrem Wesen abprallte. Die Hydra
der Erregung reckte die züngelnden Köpfe, ein Gedanke in ihm warf sich
hoch, ein jäher, schriller Gedanke. – Jemand hat an ihr gefrevelt! Den
Schimpf Calvandis empfand er mit neuer bohrender Vernichtung:
Eckstein-Zwei kann ich übers Jahr zum Teile brauchen, seine schwangere
Karte! Pepy sah, wie er kämpfte und verwirrt war und sie hörte, wie ihre
Stimme lallte: „Jappes, ich bin nicht mehr froh!“
Er griff sie bei der Hand und wie Kinder gingen sie durch den Abend, wie
Kinder, die keine Eltern haben und in die Welt gehen. Sie gingen lange
und nährten die Spannung. Und die Spannung wuchs in die Nacht und griff
in die Sterne, so hoch, daß sie zum Taumel ward, zum Traum. Der Abend
lag lauernd mit den sprühenden Lichtern, betäubt von den roten
Geräuschen des Tages. Die Bäume standen wie Hymnen und flehend mit
erhoben-erhabenen Händen zum Himmel. Die Stille war wie ein leises
Gebet, das sich in den Schatten der Häuser hüllte. Die Menschen trugen
ihre Geheimnisse vorüber, führten ihre Sehnsucht zur Lust, ihr Leid in
den Reigen der taumelglühenden Farben. Die Straße lief zu den vielen
Häusern und legte sich müde vor die vielen Türen. Und die Menschen
gingen vorüber, sie dachten nicht an die Träume, welche die Nacht ihnen
streute.
Eine Menschensäule flutete aus einem gähnenden Tor. Zwei Mädchenstimmen
wurden laut: „Gelt, das ist aber doch keine richtige Verführung
gewesen?“ fragte die eine mit forschender Spannung. „Dummes Ding, eine
richtige Verführung kann man doch nicht filmen,“ belehrte die zweite,
und die erste mit milchigem Entzücken: „Aber so war’s ganz schön, gelt?“
Pepys Blicke hingen an dem riesengroßen Plakat: Die Verführte. Da stand
Jappes still und las den gelben Streifen:
Die Verführte!
Hochdramatische, spannenerregende und nervenkitzelnde Begebenheit.
Die Geschichte eines Mädchenlebens, gleichsam aus dem lebendigsten
Leben gegriffen. Zeigt in photobildlich-getreuester Form die
progressive Versumpfung eines Mädchens, welches vor Gott und
Menschen das Opfer ihres Geschlechtes wurde, durch die ruchlosen
Manipulationen eines derb-moralischen Freundes, welcher sie mit der
pervers-lasziven Attrappe moderner Eheemanzipation in seine Netze
lockte ... nebst herrlichen dazupassenden Natur- und
Landschaftsaufnahmen.
Der zweite Teil des Films: Der Verführten Wieder-Geburt, bei
Programmwechsel.
Der Druckfehlerteufel grinste Jappes aus dem gelben Plakatstreifen
entgegen:
Der Verführten Wieder-Geburt!?
Pepy faßte ihn am Arm und sah ihm in die Augen: „Jappes, ich bin auch
eine Verführte. Professor Günther ...“ Aber ihre Worte erstarben, als
Jappes die Freundin bei der Hand nahm und sie hinter sich herzog.
Am Wasserfall saßen sie beide im Englischen Garten und suchten nach
Worten, welche zu den gurgelnden Symphonien der rauschenden Wasser
passen sollten. Im fallenden Wasser sah Pepy ihr Leben fallen; der
Gischt, das quirlende Tosen, die nassen Schatten und Lichter, die
fallende Bewegung, welche in Staub zerstob, der drehende Wirbel der
verstäubten Atome, wie die Wasser sich den kreiselnden Kräften zum Trotz
sammelten, fremde Atome zu Tropfen und fremde Tropfen zur Masse der
fließenden Wasser wurden und – noch taumeltrunken vom Rauschen des
Falles, weiterflossen.
Jappes saß heute an Günthers Stelle und hielt ihre Hand wie jener, er
fühlte sich mitschuldig, weil er Mitwisser ihrer Schuld war. Er war
selbst ein Mann. Weshalb fand er keine Worte, die Brücke zwischen sich
und der Freundin zu schlagen. Sollte er sie einsam lassen mit der Frucht
ihrer Jugendkraft? Da fluchte er der Frage. „Rudibub,“ sagte er mit
unendlich weicher Stimme, daß das Mädchen weinte, legte seine Hand auf
ihre glühende Stirn, „Rudibub, ich werde dir helfen.“ Sie hörte das
prophetische Gnadenwort und ihre Antwort floß in Tränen.
Frage kein Leben, wo es herkommt,
du könntest es stören.
Jappes’ Träume zerschellten an der Wirklichkeit. Der Groll fraß sich in
sein fieberndes Leben, die Dämonen bauten ihr Narrenschloß und krönten
ihn mit der Dornenkrone höhnischen Ueberdrusses. Bekleideten ihn mit dem
Purpurmantel spöttischer Ueberhobenheit. Er fühlte, wie er über sich
wuchs, wie er über das Leben hinausragte, wie er seinem Wesen fremd
wurde. Seine Tage erhoben sich gegen ihn wie Schergen und schlugen seine
Seele blutig. Aber weshalb höhnten sie ihn? Ihn, den Narren! Er ließ die
anderen mit sich spielen und spielte selbst mit sich, lebte seine Tage
ohne Kontrolle im Ueberbewußtsein seiner suchenden Kräfte, die sein
Wesen zur Erlösung treiben sollten. Doch statt der Erfüllung ward ihm
Empörung und Kampf.
Seine Gedanken türmten sich um ihn und marschierten auf in geschlossenen
Kohorten. Das Leben bot seinen Heerbann auf und kam, dem Narren den
Tribut der Botmäßigkeit zu zollen. Die schwer-moralischen Hopliten
beugten sich waffenklirrend, die spitz-kasuistischen Lanzenträger
senkten ihre Lanzen vor dem roten König der Narren, die
locker-schwirrenden Schleuderer opferten ihm die Steine ihrer
verwirrenden Kunst. Sie verneigten sich alle vor dem Narren im
Purpurkleid und riefen: Heil sei dir Narr! Wir bekennen uns machtlos und
beugen uns vor der Tat! Die Liebe zog gefesselt vorüber und die weinende
Freude, in Blumen erstickt, beugte sich vor ihm und sprach:
Purpurpriester, die Liebe ist in Fesseln und ich muß weinen, weil es
keine Erlösung gibt. Der Schmerz trat herzu und lachte: So habe ich
wieder, einen Freund gewonnen, dessen Seele von meinen Liedern tönt. Die
Ideale schickten ihre Wortführer: Wir sind der Traum der Kinder und der
Geschlechtslosen. Wir wollen mit diesem Mädchen sein, weil der Traum
seiner Lust ein Kind ist.
Ich danke euch, erwiderte der König der Narren, ich danke euch und werde
dem Mädchen sagen, daß seine Lust ein Traum und daß sein Traum ein Kind
ist.
Pepy antwortete dem träumenden Narren: Meine Lust war eine traurige
Sünde und ein großer Schmerz.
Das Rauschen der Wasser wuchs in die Schatten der ragenden Bäume und ein
müder Wind tastete sich mit weichen Händen durch die sinnenden Dinge,
welche von Traum und Leben sangen.