FÜNFZIGSTES KAPITEL

Zwei Krieger aus feindlichem Lager

können sich zusammen ans

Biwakfeuer setzen, dürfen aber

nicht dabei einschlafen.

„Sie kommen so selten, daß man Sie richtig anstaunen muß, wenn Sie mal

da sind,“ empfing Frau Winterstein den dunklen Doktor.

„Ist Jappes schon gekommen?“ fragte Molo Seraph und warf einen

forschend-flüchtigen Blick auf seinen schwarzen Ring. „Gnädige Frau, ich

bin nicht immer fähig, soviel Licht aufzunehmen. In Ihrem Salon ist es

zu hell und die Menschen sind zu fröhlich nach außen, deshalb möchte ich

euren Frieden nicht stören. Der Ring fordert immer ein Opfer, weil er im

Zusammenhang mit Toten stehen muß. Der Stammbaum des Steines ist ein

ausgedehnter Nekrolog. Er steht nicht nur in der natürlichen Art der

Kapitulation des Organismus mit dem Tod in Verbindung, sondern auch

durch die gewaltsame Art, durch den Mord. Darum hüte ich den Stein, und

für meine Umgebung ist es immer gefährlich, wenn ich ohne den

Gegenstein, den Pesach, der das Blut stillt, ausgehe. So muß ich

umkehren und auch den Blutstein anlegen, um die Wirkung des

Teufelsteines zu isolieren ...“

„Das ist selbstverständlich ein vorbereiteter Kniff von Ihnen, uns

auszukommen. Nun bleiben Sie schon ruhig hier, ich übernehme die

Verantwortung für den Abend und für den wunderlichen Stein. Gehen Sie zu

den Damen, dann hat er seine magische Gewalt schnell verloren.“

„Ach verzeihen Sie mir,“ bat Doktor Seraph, „ich vergaß, Sie zu grüßen,

als ich kam,“ und er führte die Hand der Dame an seine kalten Lippen.

Frau Winterstein dachte: Der Totenkopf hat aber wirklich einen Vogel und

lachte über ihre gut fundierte Selbstsicherheit, welche ihr das beste

Amulett gegen jeden Zauber schien. So empfand sie ihre Verantwortung für

den Zauberstein an dem Abend als eine süße Last.

Die Damen waren im Begriff, die ruhigen Bewegungen eines Rundtanzes zu

üben, als das Quittengesicht in die Türe trat. Mit erschrockener

Ueberraschung hielten sie in ihrem Reigen inne und wie aus einem Munde:

„Oh! Doktor Seraph!“ Armida trippelte auf ihn zu im zierlichsten

Menuettschritte, und Molo Seraph seinerseits war einen Augenblick

verwirrt, als die Dame in dem absonderlichen Aufputz vor ihn trat.

Armida mit angemalter Wetterbräune und keck-grünem Lodenhütl, reichte

dem perplexen Freunde die Hand: „Nanu Molo, was stierst du mich so an,

wie wenn ich ein Meerwunder und du ein Mondkalb wärest?“

„Ich habe oft Wahngebilde, so daß ich gar nicht mehr über die

Wirklichkeit zu urteilen wage,“ entgegnete der Doktor. „Tirol liegt

nicht außerhalb meines Visionsradius,“ und dabei musterte er Armidas

Tracht; der lebhaft bunte Ueberwurf, das Mieder, der weite Rock und die

Zwickelstrümpfe.

„Ach Doktorchen, du mußt mit uns üben, so, hier schau, den Tritt, im

Dreivierteltakt.“ Der Doktor aber machte einen Knicks und bat Armida um

einen Tanz. Tanzte mit ihr die Tirolienne und erregte respektvolle

Verwunderung bei den Gästen und Freunden.

„Das Bild könnte einen Maler inspirieren,“ wagte Fräulein Winterstein zu

bemerken, „sieht es nicht aus wie der tanzende Tod mit dem tanzenden

Leben?“

Arco Calvandi und Jappes trafen sich im Erfrischungsraum: „Wie fühlen

Sie sich als Bräutigam, mein Herr?“ „Oh, Dank der Nachfrage, ich bin zu

Tode glücklich verliebt. In Liebesangelegenheiten pflegte ich nie über

die Verhältnisse der anderen hinauszuleben. Das Geschlecht der Calvandi

wußte stets aus seiner Umgebung Nutzen zu ziehen. Für mein Herz beginnt

nun das goldene Zeitalter der Ruhe, und es ist keusch im Dauerofen der

ehelichen Liebe erglüht. Ich bin Ihnen darin verwandt, weil es eine Zeit

gab, wo auch Sie Geschmack an meiner Braut fanden. Und Sie sehen, ich

bin Ihr Freund, weil ich Ihnen die süßen Stunden, welche Sie mit Armida

verlebt, in die Erinnerung rufe. Ihnen vertraue ich das letzte Geheimnis

meines bewegten Junggesellentums an: Meine Frau wird nur eine angenehme

Episode in meinem Leben sein, und weil Sie Armida, kennen, verstehen Sie

auch den Sinn meiner Worte. Doch da kommt der Totenkopf, und weil ich

wußte, daß er heute bestimmt kommen würde, habe ich mich mit einer

krausen Chrysantheme bewaffnet, denn der herbe Atem der Blume paßt zu

der Friedhofsstimmung, die er um sich zu verbreiten pflegt.“

Jappes erhob ein leeres Glas und maß den „Freund“ mit einem leeren

Blick. „Ich weiß nicht, welche Flüssigkeit ich auf Ihre Gesundheit

trinken möchte,“ dann begrüßte er Doktor Seraph, welcher hinzugetreten

war. „Ich verspürte ein sinnfälliges Zucken des Ringes,“ betonte dieser

mit einem gesetzten Akzent in der Stimme, „aber ich sehe, die Herren

sind in bester Laune der Säfte. Vielleicht ist es Ihre Blume, die an den

Tod erinnert,“ wandte er sich an Arco Calvandi. „Sie belieben scheinbar

mit dem Tode zu spielen, im Uebermut der bräutlichen Tage. Sie sollten

nicht mit dem Tode spielen!“

„Wie sollte ich nicht! Ihre maskenhafte Erscheinung gemahnt eher an den

Tod als eine Totenblume. Wissen Sie nicht, daß die Gesellschaft es

liebt, mit den Toten in Verbindung zu stehen, daß sie Geister

materialisiert? Die Gesellschaft will Fleisch. – Sie lachen, Herr

Jappes. – Ja! die Gesellschaft will das Fleisch der verstorbenen

Geister, will eigentlich das verstorbene Fleisch der Geister, und Sie,

Herr Doktor, fühlen sich sicher im angenehmen Kitzel Ihrer magischen

Kraft. Frau Winterstein hat mir über die Befürchtungen, Ihren Ring

betreffend, gesprochen. Sie sind ein wunderlicher Kauz, Herr Doktor

Seraph, und unterhalten die Gesellschaft auf Ihre Art. Ich empfehle mich

und danke Ihnen, weil Sie durch Ihre Erscheinung das Gefühl des

spaßhaften Gruselns geweckt haben. Ich spiele nur auf meine Art mit dem

Tod. Herr Jappes kann Ihnen die Prognose von Ida Telluren erzählen.“ Er

zog die Schultern und ging zu den Damen, als der Doktor ihn warnte:

„Ihr Wesen ist Leben und mein Wesen ist Tod. Sie glauben nur zu spielen,

Herr Arco Calvandi. Sie sollten nicht mit dem Tode spielen – auch Sie,

Herr Jappes, scheinen zu spielen, aber Sie spielen mit dem Leben, mit

dem aktiven Leben, oder habe ich den Sinn Ihres Briefes nicht klar

gedeutet?“

Du glaubst zu zwingen und wirst

gezwungen.

Jappes zog Doktor Seraph in eine ruhige Nische, in welcher die gedämpfte

Brandung, des Abends spielte. Die Wellen der Musik fluteten in breiten,

geschwungenen Akkorden heran, fluteten zurück im Widerhall, lösten sich

auf, krochen an den Wänden hoch, als suchten sie einen Ausweg, diesem

qualmenden Getön zu entrinnen. Wogten um die gleißenden Lichter in

fieberndem Tanz und fanden den rhythmischen Tod im Verklingen der Töne.

Auch die Lichter erstarben in elektrischer Glut. Die Freude ward Chaos

und Wirbel ... So trank Doktor Seraph die sterbenden Lichter und Töne.

So genoß er den Abend mit bewußt-dämonischem Reize und trank aus den

sterbenden Dingen die Kraft für sein dunkles Wesen ...

Als Jappes zu sprechen begann, schloß der Doktor die Augen und lauschte:

„Herr Doktor, ich weiß nicht, ob es Ihren Prinzipien widerstrebt, ein

Leben zu vernichten, aber ich bitte Sie, mich anzuhören, denn es handelt

sich um ein Leben, um ein ungeborenes Leben. Mir fällt die Rolle eines

Advocatus diaboli zu. Ich soll etwas Böses um des Guten willen

verteidigen. Es ist eine sonderbare juristische Privatthese. Doch ich

will klarer reden.

Meine Freundin geht mit einem Kinde schwanger, das in geschlechtlicher

Ueberrumpelung gezeugt wurde. Sie hatte den Willen zur Begierde, aber

nicht den Willen zum Kinde. Nach dem Recht der Ungeborenen hat ihr Kind

ein Anrecht auf das Leben. Und doch bitte ich, dem Recht des Ungeborenen

zum Trotz, um Ihren klinischen Beistand zur Unterbrechung der

Schwangerschaft. Für die Antithese will ich die furchtbare Einseitigkeit

des gesetzgeberischen Moralempfindens nicht verwerten, will die Unmoral

der verdammungswütigen Gesellschaft nicht ins Feld führen, will die

Unzulänglichkeit allzu menschlicher und fehlbarer Juristerei nicht

etablieren. Tötet nicht der Krieg in Massenschlachtungen Tausende von

Menschen, zu Ehren des Staates, des Staates, welcher das Gesetz der

sozialen Fürsorge und mit ihm das Recht der Ungeborenen promulgiert hat.

Von all dem leeren Wortgeklingel will ich abstrahieren – das Mädchen ist

in seiner künstlerischen Entwicklung begriffen und darf durch die Geburt

und durch die Pflege ihres Kindes keine Hemmung ihres künstlerischen

Schaffens erfahren. Ich verbürge mich für sie, daß sie ein künstlerisch

wertvoller Mensch ist. Ich habe ihre ersten stilsicheren Arbeiten in

einer Ausstellung gesehen, und Sie müssen verhindern, daß das Talent von

der Gesellschaft in den Kot gezogen wird ...“

„Sind Sie der Vater dieses zukünftigen Kindes,“ fragte Doktor Seraph.

„Nein.“

„Dann ist Ihre Ausführung ein objektives Plädoyer zugunsten eines

Mädchens. Durch die Geburt des Kindes wird sie künstlerisch nicht

gehemmt. Ihre Kräfte werden eher gesteigert. – Und wenn sie Künstlerin

ist, wird sie nicht durch das Urteil der Umwelt leiden, wenn sie ein

Talent ist, wie Sie versichern, wird sie sich auch der Umgebung zum

Trotz durchsetzen. Meine Mithilfe muß ich Ihnen versagen, nicht weil ich

Kompromisse mit der Gesetzgebung zu schließen bereit bin, sondern weil

die Meinung der Gesellschaft kein Lebensopfer wert ist. Jüngst habe ich

in einer medizinischen Zeitschrift meine Stellungnahme zu dem Problem

klargelegt und den Standpunkt vertreten, daß es vernünftiger ist, dem

Volk und der Gesellschaft die Freiheit der Zeugung durch die gehäufte

Zahl der unehelichen Geburten zu predigen, als das ewig-verbrecherische

Dunkel um das natürlichste Geschehen zu weben.“

„Sie verweigern die Hilfe, weil der Wille zur Geburt Ihr Freiheitsdogma

ist,“ unterbrach Jappes. „Wollen denn Sie die dunklen Kräfte des Blutes

leugnen, die jahrhundertlang das Wesen der Individuen fortpflanzen,

Kräfte, die unabhängig vom Willen sind, ja, die selbst den Willen

zwingen oder isolieren. Kräfte, welche das Wesen verwirren, zur

Fortpflanzung drängen, im Unterbewußten das Erotische aktivieren, uns

mit elementarer Wucht befehlen, uns zu Werkzeugen der starren Gesetze

des Blutes stempeln. Das Mädchen ist die illegitime Tochter eines medial

veranlagten Künstlermodells. Nun ist ihr Leben dem Konflikt des Blutes

mit der Geschlechtsnorm erlegen. Diese Frucht ist eine Regelwidrigkeit

der geschlechtssoziologischen Ordnung. Der Fatalität der Vererbung der

sittlichen Schuld war das Mädchen nicht gewachsen, denn ihr Geschlecht

war zu schwach und die Begierde des Blutes zu groß. Darum bitte ich,

setzen Sie dem blutigen Fluch durch ihre Hilfe ein Ziel. Unterbinden Sie

die Wirkungsmöglichkeit der dämonischen Kräfte, Sie sind ja berufen, die

Geister zu bannen, deshalb schließen Sie diesen fatalen Ring,

unterbinden Sie die schaffende Wirkung der tätigen Geister.“

Ein flüchtiger Schein huschte über Doktor Seraphs Gesicht, wie ein

Wetterleuchten über eine matte Mondlandschaft.

„Sie muten mir Grausiges zu. Ich will das Kind nicht morden. Aber ich

will den Erbgeist des Blutes bannen, wenn Sie mir die Zukunft des

Mädchens freigeben. Dann kann ich die Geister bannen, indem ich ihr die

Mutterschaft nehme und sie fürs Leben unfruchtbar mache. Ist Ihnen der

Preis nicht zu hoch? Den Geistern muß man die Basis des Wirkens nehmen.

Ueberlegen Sie gut, das ist die Bedingung, und ich will gleich darüber

entschieden wissen. Ist das Verhängnis der würdige Gott, daß man ihm das

Opfer der Mutterschaft bringt ...?“

Jappes blieb im Banne der Frage. Pepy würde kein Opfer scheuen. Wie

hatte sie gesagt und mit verzweifelter Hand ins Wasser gedeutet? Sie

würde den Fluch ihrer Sünde nicht tragen wollen, und die Verantwortung

für die Kämpfe ihres Kindes würde sie nicht tragen können. Nicht-wollen,

Nicht-können. Das waren die Postulate, die ihren Selbstmord begründeten.

Und er hatte ihr zu helfen geschworen.

„Sei’s drum,“ sagte Jappes: „sie will kein Opfer scheuen, und das

Höchste ist auch eines.“

Da drehte der Doktor den Ring um den Finger:

„Schicken Sie das Mädchen und meiden Sie mich. Ich werde ihr Arzt sein

und ihr Geschlecht aus der Zukunft heben.“ Reichte Jappes die Hand und

lautlos verließ er den Saal.

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