SIEBENUNDVIERZIGSTES KAPITEL

Junge Krieger pflegen sogar

geräumte Festungen zu stürmen.

Ein Wagen fuhr vor. Jappes wurde aus dem Schlaf gerissen. Das hastige

Rattern des Motors erstarb und er hörte Stimmen, laute, lachende,

rufende Stimmen. Die Autolaternen warfen eine starke Lichtflut ins

Zimmer. Jappes sprang aus dem Bett und ging zum Fenster: „Ach, ja!

Armida und Arco Calvandi,“ im Lichtkegel der Autolaternen stand Arco.

Jappes sah deutlich den breiten roten Streifen an seinem linken Arm.

„Verlobt wie die Narren, die ihre Freude mimen!“ Er spuckte gegen den

Schatten Calvandis, der an die Wand seines Zimmers projiziert wurde. Ida

Telluren war es willkommen, die Erregung ihrer Erwartung mit der

plötzlichen Erregung aus den aufgescheuchten Träumen zu decken. Armida

küßte sie mit bewußter Zartheit und Calvandi erwies ihr eine

umständliche Reverenz, weiche die Tante nicht unangenehm empfand.

„Gnädige Tante,“ sagte Calvandi, „wir hatten Eile, zu Ihnen zu kommen.

Armida hat mir erzählt, daß Sie die Magie beherrschen und den Menschen

die Zukunft entschleiern. Ich habe eine Hexe gekannt, die allen ihren

Bekannten die Vergangenheit aus dem Kaffeesatz ihrer Enkel zu deuten

wußte. Die Hexeriche waren ganz drollige Pausbäcke, die keine Väter

hatten und nur Igelspeichel trinken durften. Die Hexe sagte, es sind

Knaben, die ohne Vergangenheit leben müssen. Weil ich den Sinn ihrer

Worte nicht verstand, war es mir leicht, ihr Glauben zu schenken.“

Tante Telluren setzte eine ihrer Gattung würdige Miene auf, rückte vor

Verlegenheit eine Vase zurecht, zupfte die Tischdecke schief und wieder

gerade, nahm ein Notenheft vom Flügel und stellte ein anderes hin. Sie

tat alles so schnell, als sei sie in ihrem Boudoir überrascht worden,

als versuche sie ihre diskrete Unterwäsche vor den spähenden Augen eines

Eindringlings in Sicherheit zu raffen. Armida riß die Tante aus der

fiebernden Verlegenheit. „Komm, Tante, gehöre uns, nestle an uns herum,

wir werden uns freuen.“ Zu Calvandi: „Siehst du, Arco, wie Tantchen sich

freut, eine Braut im Hause zu haben. Du mußt Geduld haben, Schatz, das

Tantchen braucht lange, ehe es ausgeschwungen hat, wenn der Pendel der

Erregung einmal bei ihr angeschlagen ist. Du entschuldigst, ich gehe

hinauf zu Jappes. Tante Ida sagte mir, daß er schon aufgestanden sei.

So, nun mach dir’s bequem,“ und sie stieß ihn nach rückwärts in einen

Klubsessel.

Tante Telluren hatte sich die Schläfen in Eau de Cologne gebadet und

beruhigt trat sie ins Zimmer. Die Zofe stellte ein dampfendes

Kaffeetablett vor den bräutlichen Gast. „Sie lieben es, während der

Nacht zu reisen,“ hub Ida Telluren an, „ich sitze seit zwei Nächten im

Lehnstuhl und habe Sie erwartet. Jappes sagte, die kommen bestimmt zur

ungelegensten Stunde. Ach, Herr Calvandi, darf ich mich bemühen, Ihnen

eine Tasse Kaffee einzuschenken?“

Calvandi gähnte der Tante entgegen und sprach: „Bei guten Tanten trinkt

man den besten Kaffee und bei den besten Tanten trinkt man den guten.

Ich schmecke am Kaffee, daß Sie die beste Tante sind.“ – Gezwungene

Pause, welche Herr Arco angenehm mit Schlürfen von Kaffee ausfüllte.

Wischte sich den Mund und fuhr fort: „Ein Genuß in früher Morgenstund.

Wenn ich mir eine Zigarre erlauben darf, bin ich wirklich in der

angenehmsten Umgebung.“

Tante Telluren nickte bejahend und musterte Arco Calvandi. „Ich bringe

den Göttern ein Rauchopfer,“ paffte der Gast und schloß die Augen, „so

wohnlich hatte ich es mir bei Ihnen nicht vorgestellt. Sie wissen, wir

sind nicht gekommen, Ihre Einwilligung zu holen, wir wollten einen

Abschiedsbesuch von unserer jungfräulichen Jugendzeit machen und Sie,

gnädigste Tante, sind Armidas einzige und liebste Verwandte. Eine leise

Sehnsucht befällt einen doch, wenn man vom Schönsten des Lebens Abschied

nimmt, um in schönere Tage hineinzuheiraten. Die Menschen nutzen sich ab

auf die Dauer und müssen sich zusammentun, um weiterbestehen zu können.

Die Frau ist das regenerierende Prinzip und der Mann ist die dynamische

Kraftquelle. Ich glaube, die Türken betreiben die Vielweiberei, wie alle

polygamen Völker, weil sie so früh erschöpft sind. Es ist nicht das

Gesetz der Triebe, der sinnlichen Lust, es ist das Gesetz der

gesteigerten Selbsterhaltung, das die Türken zwingt, ihre morschen

Glieder an vielen Frauen zu stützen. Wehe dem Abendland, wenn die Masse

der Männer so erkaltet, daß nicht mehr genügend Frauen zum Ausgleich

vorhanden sind. Kurz völkersoziologisch gesprochen: Wenn Nachfrage und

Angebot zwischen Mann und Frau keinen harmonischen Ausgleich mehr

finden.“

„Ich stimme Ihren Ausführungen bei,“ sagte Ida Telluren, von gelehrtem

Interesse geschwellt, „sehen Sie das Mammut, das Verhältnis zwischen

männlich und weiblich ist nur eins zu drei. Daran mag das Mammut

zugrunde gegangen sein. Aber es ist doch ein Jammer der Natur, daß sie

nicht imstande war, die Tiere lebenskräftig zu erhalten. Gottlob! daß

die Gigantenfossilien uns noch erhalten sind!“

Arco Calvandi machte eine huldigende Verbeugung:

„Gnädige Tante, ich sehe, Sie sind ganz recht im Bilde und reden wie der

klügste Mammutologe. Die einzige Waffe, welche die Natur dem Menschen

gegeben, ist der Kampf. Und wer die Psyche der Türken kennt, versteht

auch, weshalb sie immer Krieg führen müssen. Sie kämpfen, um sich den

nötigen Ueberschuß an Frauen zu sichern. Weil sie dem Brudermord

abgeneigt sind, kämpfen sie gegen die umliegenden Völker. Es ist meine

individuelle Auffassung, und die Geschichtsforschung schweigt darüber

aus kirchlich-dogmatischen Gründen. Wie bei jedem Volk ist die Sitte der

Türken das höchste Gesetz der Notwendigkeit. Nicht alle Türken wohnen im

Reiche der alten Kalifen.“

Calvandi zog zwei Zigarettenetuis aus der Tasche und rauchte zwei

Zigaretten zu gleicher Zeit: „Es ist schwer, mit seiner Zeit

voranzugehen, weil wir so sehr in der Vergangenheit wurzeln,“ fuhr er

fort, „ich bin Anhänger der Sekte vom ‚gemischten Aroma‘, ein

Nichtraucher kann die Theorie nicht verstehen. Die reinen Genüsse sind

uns vielleicht zu stark, vielleicht auch nicht mehr raffiniert genug.

Ich bin es gewöhnt, eine Orientzigarette mit einer nikotinfreien

zusammenzurauchen, das schwächt die Wirkung des Nikotins nicht ab, es

verinnerlicht sie eher, und der größte Genuß ist das gedämpfte Aroma. Es

ist wie eine ferne Musik, der Rhythmus bleibt und die Tonintensität wird

nur gedämpft. Das Wesen der Musik ist der rhythmische Gleichklang mit

unserem Gefühl. Gefühl und Rhythmus gemischt sind Harmonie, der Rhythmus

gibt dem an sich neutralen Gefühl den Impuls, der sich in Reizempfindung

wandelt. In Zigaretten und Frauen habe ich eine gute Routine. Ich bin

fast so kühn zu behaupten, daß die männliche vitale Substanz fast

ausschließlich durch die doppelte Narkose des Rauchens und der Ehe

zerstört wird.“

Die Tante war Nichtraucherin und viel zu kurz verheiratet gewesen, um

über den Ruin der körperlichen Substanz des Mannes ein erschöpfendes

(erschöpfendes!) Urteil fällen zu können. Sie stand Arco Calvandi

hilflos gegenüber und lauerte auf eine Gelegenheit, wo sie ihre Mammuts

hätte anbringen können. Aber es bot sich keine. So ließ sie sich von der

seichten Rede ihres Gastes einwickeln, sog die Worte ein mit dem

Zigarettenrauch und verspürte ein leises prickelndes Gefühl im Kopf, als

Aroma und Gedanken ineinanderflossen. Ein karnevalbunt gesprenkelter

Gedanke flüsterte ihr zu: Tante, wenn du jung wärest, müßtest du das

Rauchen erlernen und von Männern die süße Narkose. Ida Telluren stürzte

aus dem Zimmer, und sie fühlte, daß etwas wie eine geschlechtliche

Gedankensünde ihr Gewissen durchwühlte: Ich habe nicht genügend gelebt!

Der beschämende Vorwurf des Alters.

Arco Calvandi trat ans Fenster und sah in die dämmernde Ferne. Ein Wind

tat sich auf und griff in die Bäume. Draußen lockte ein Uhu: „Huhu! mich

friert. Der Mond ist so kalt.“

Dann ging die Stille und spann die Nebelfäden.

Träume verraten uns manchmal, was

uns im geheimen beschäftigt.

„Jeder bricht an sich selbst,“ rief Jappes, als Armida die Tür öffnete.

„Ich freue mich, daß du gekommen bist, den Traum meiner Nacht zu hören.“

„Erzähle!“

Und er: „Höre:

Ich ritt über die Heide und war ein einsames Kind, und ich hatte ein

Mädchen lieb. Da weinte mein Herz und das Pferd ging fürbaß. Eine Hexe

sprang aus dem Gras mit Feuerrock und glühendem Haar. Sie scheuchte mein

Roß und den Traum an das Mädchen. Ich wurde irr wie das Pferd und jagte

über die Heide. Drüben winkte ein kühler Wald. Im Nacken spürte ich den

feurigen Atem der Hexe. Das Roß stand still, an einen Baum gelehnt und

war tot. Da mußte ich lachen, weil ich noch kein totes Pferd an einen

Baum gelehnt sah.

Aber der Baum war der Ahorn, wo die Hexe wohnte. Da lachte auch die Hexe

und sprach: ‚So hast du noch nicht Trauer genug, daß dich das Lachen

befällt, vor Sehnsucht und Tod.‘ Ein schwaches Rinnsal gluckerte am Fuß

des Ahorns und die Hexe fuhr mit glühendem Finger hinein, daß es

zischte, rührte im Wasser und kreischte gebrochen:

‚Es rieselet und regelet kalte

In diesem grünen Walde.‘

Ein düster-fahler Blitz züngelte darauf und die Wolken rauschten und der

Regen rann. Pilze standen und glühten und hatten Köpfe wie Menschen, die

ich kannte. Auch ein Totenkopf war dabei mit offenem Hirn, das sich hob

und senkte wie ein feuchter Froschbauch. Und das Hirn leuchtete so

seltsam, wie phosphoreszierende Weiden um die Mitternacht. Eulen

dolchten aus dem Dunkel mit glühenden Augen und der Regen rann, rann

über das kalte Feuer der Augen und Pilze.

Mein Pferd kratzte mit dem Fuß und sprach: ‚Du hast mich zu Tode

geritten. Ich danke dir für den überflüssigen Hafer meiner verdaulichen

Tage. Nie wird ein Pferd einen besseren Herrn über die Heide reiten, das

schwöre ich bei meinem Pferdeschweif.‘ Das Roß wußte nicht, daß die Hexe

ihm den Schwanz ausgerissen hatte, um Wechselbälge daraus zu machen. Es

lehnte wieder am Baum und bleckte die Zunge herfür und ich mußte lachen,

weil es mir bei seinem fehlenden Schweif geschworen hatte.

Da trat die Hexe herzu und schlug ein Teufelskreuz: ‚In dreitausend

Teufelsnamen, komm in meine warme Stube. Der Kessel siedet und die

Kätzchen schnurren. Die Muhme zupft Werg und der Kater ist fort.‘ Da

lachte ich wieder und sagte: ‚Ich mag deine Sippe nicht leiden. Ich

liebe das Wetter, das durch die Wälder rast und meine Haut ist

wasserdicht. Selbst der Hexenregen geht nur bis auf die Haut.‘ Da keifte

die Hexe und zog den Pferdeschweif unter dem Rocke hervor, kehrte den

Boden damit blank, blank von den Pilzen und Morcheln und stieß an den

atmenden Totenschädel mit ihrem spitzigen Schuh, daß er wimmerte: ‚O

Gibil, Böse der Sieben, mein leuchtendes Hirn.‘ Die Hexe zog einen

Kreis, warf Kiesel gen Morgen und der Himmel ward trocken und still.

Ich lehnte mich ans tote Roß und sagte: ‚So, so!‘ Die Hexe lachte und

zog ein Hahnenei aus dem Busen: ‚Das Ei stammt aus Hokus und wurde mit

dem eigenen Pokus des großen Hahnes Krähokus gelegt.‘ Da sprang das Ei

mit einem donnernden Knall entzwei und ein seltsam putziges Wichtelchen

stand an Stelle der Hexe im Kreise. ‚Ich war ein Ei,‘ stellte es sich

vor und schlug die Hacken zusammen, daß die Eierschalenschuhe klirrten.

Das Wichtelchen zog ein Spinnweb aus der Tasche und wickelte es um

seinen Kopf wie einen Turban: ‚Der Mond sticht,‘ hüstelte es, mit

blecherner Stimme und zeigte nach oben und rückwärts. Und ich sah, daß

das Phosphorhirn des Totenkopfes aus dem Baume herniederstach. Ein

schwerer Traum flog am Totenmond vorbei und das Männchen sagte: ‚Die

Kühle ist gut für ein Hahnenei.‘

‚Weshalb bist du hier,‘ fragte ich forschend, ‚wenn du ein Ei bist?‘ Da

schüttelte es seinen Spinnenturban: ‚Ich weiß auch nicht, vielleicht,

weil ich gelegt worden bin.‘

Da fiel das tote Roß mit einem Plumpser zu Boden. ‚Steigen wir auf den

Berg,‘ rief das Männlein ganz fröhlich, ‚steigen wir auf den Totenberg,‘

und es schickte sich an, hinaufzuklettern. Es klammerte sich fest an den

Haaren wie an Sträuchern, und als es an die Stelle kam, wo der Schweif

fehlte, sagte es erschrocken stöhnend: ‚Der Berg ist hohl.‘

‚Das ist kein Berg,‘ gab ich zurück, ‚das ist mein totes schwanzloses

Pferd, das deine Mutter zu Tode gejagt hat.‘ Ich faßte das Knirpschen

mit zwei Fingern: ‚Jetzt bist du gleich oben.‘ Aber es hob sein

Fingerchen und sagte ganz listig: ‚Du Riese, ein bißchen vernünftig, ich

bin gar sehr zerbrechlich. Wir wollen eine Mücke braten und Abendmahl

feiern,‘ sagte das Wichtlein und setzte sich auf dem Pferdekadaver

zurecht. ‚Hol ein wenig Feuer vom Leuchtkäfer und melke ein wenig Fett

von der Raupe, dann wollen wir das Flieglein braten‘ – hier holte es

eine Fischschuppe hervor als Pfanne und zog eine Fliege aus einer

ausgehöhlten Knospe.

Da lachte ich zum drittenmal und rieb ein Schwedenholz an einer

Schachtel. Entsetzen packte das Männlein und es fiel seiner kurzen Länge

nach über seine verstorbene Sitzgelegenheit. Ich hörte ein leises

zischendes Weinen und ein Tränlein hing wie ein Tautröpfchen an einem

Pferdehaar. Zwischen zwei Seufzern krabbelte es sich wieder hoch und

nahm das linke Ohrläppchen zwischen Daumen und Zeigefinger: ‚Schade,

Riese, daß du alles so groß siehst.‘ Ich lachte nicht mehr und

überlegte, ob ich oder das Wichtlein an Begriffsverwirrung litt.

Das Männchen krabbelte an meiner Hose und sagte belehrend: ‚Wir dürfen

nur mit kaltem Feuer braten.‘ Ich spürte, daß seine Nägel wie

Katzenkrallen in mein Fleisch drangen. Als ich jäh zusammenzuckte, pfiff

sein trillerndes Stimmchen beglückt: ‚Fürchte dich nicht vor den kleinen

Schmerzen, Riese, du bist ja so groß. Wenn du stillschweigst, will ich

dir ein Märchen erzählen: Das Märchen vom. Leben. Ich habe es schon oft

erzählt und weiß es genau.‘ Ich rief hastig: ‚Laß los!‘ Und biß die

Zunge zwischen die Zähne vor Schmerz. ‚Ich lasse mein Märchen gleich

los,‘ sang das silberne Stimmchen.

Der Zwerg krallte sein spitziges Nagelwerk tiefer ins Fleisch und

erzählte: ‚Es war ein Zwerg und ein Riese. Der Zwerg war groß und der

Riese war klein. Der Zwerg nahm den Riesen in Dienst. Zähl mir die

Stunden, sagte der Zwerg und er gab dem Riesen eine Sonnen- und eine

Monduhr, und ein Stundenglas mit Sand gefüllt dazu. Dann legte der Zwerg

sich schlafen und schlief einen jahrhundertlangen Traum. Dann erwachte

er und fragte den Riesen: Wie lange habe ich geträumt? Hundert Stunden,

sagte der Riese und reichte dem Zwerg das Stundenglas. Gerade blieb der

Mond im letzten Viertel stille stehen. Oh! weh, rief der Zwerg, er hat

die kleine Zeit nicht gesehen, fuhr sich an den Bart und fühlte, daß er

hundert Jahre lang war. Ich will dich nicht mehr als Schatzmeister der

Zeit, denn ich habe meine Jugend verschlafen und du hast mich nicht

geweckt.

Der Riese brummte ärgerlich: Zwergstunden sehe ich nicht, und dein

Schnarchen habe ich nicht gehört. Auch wagte ich nicht, dich zu

berühren, weil ich fürchtete, dein Leben zu zerdrücken.

Der Zwerg reckte sich eine Spanne nach oben und rief: Du zertrittst das

kleine Leben und lebst doch selber keines. Geh in den Garten und säubere

die Beete vom Unkraut. Da ging der Riese und riß die Wälder aus den

Tälern und von den Hügeln, warf Felsen fort aus den Bergmassen und

machte ein Donnergepolter bei der Arbeit. Da brausten die Winde über die

ausgerodeten Wälder und heulten über die Heide, daß der Zwerg erwachte.

Der riß die Augen auf und sagte verwundert: Schlief ich nicht ein in

einem tiefen Wald? Ja, ich schlief ein in einem tiefen Wald. Ein

Windstoß fuhr gerade vorüber und der Zwerg gab ihm eine Bremse mit, den

Riesen zu rufen. Der Riese kam und hörte den fröstelnden Zwerg: Meinen

Garten solltest du pflegen, aber du hast meine Wälder zerstört. Ihr

Riesen seid zu gar nichts nutz, doch sollst du den Frevel sühnen.

Der Riese wurde erbost: Moosaffe, schrie er, und trat mit seinem derben

Schuh in die Richtung, wo das Stimmchen des Zwerges zirpte. Der Zwerg

aber huschte zwischen den klotzigen Nägeln des Riesenschuhzeugs hindurch

und lief zum Leben, ihm sein Leid zu klagen. Als der Riese das huschende

Männlein erblickte, flog ein Rabe aus seinem zottigen Haupthaar, das

Zwerglein zu schlingen. Der Zwergmann flitzte flugs in ein Mauseloch und

klagte dem Leben sein Leid: Der Riese hat meine Welt zerstört, er denkt

zu hoch über das Kleine, laß ihn einschrumpfen, daß er klein werde wie

wir.

Da sandte das Leben eine Schrumpfkrankheit und der Riese ward kleiner

und kleiner, klein wie ein Zwerg, aber er behielt seine großen Gedanken

zur Strafe.

So ist mein Leben nichts, sagte der kleine Riese, und ehe er sich an

einer Kürbisstaude am Narrenseil einer spinnenden Raupe erhängte, ging

er zum Oberriesen: Du siehst, wie ich klein geworden bin, erhöre mein

Gebet und laß wachsen den Zwerg, der mich verwünscht hat. Mache ihn so

groß wie ich war, und laß ihm nur seine winzige Kraft.

Der Oberriese weinte, weil sich ein Mitriese an einer Kürbisstaude

erhängen konnte, und er legte einen kleinen Riesenhefekuchen an die

Stelle, wo der Zwerg zu speisen pflegte. Der Kuchen war süß und weiß wie

Manna. Der genäschige Zwerg ließ seine Heuschreckenhaxe und aß vom

Kuchen. Da quoll er empor und die Winde bogen ihn wie eine Pappel, aber

er war zu schwach, um zu stöhnen, und der Wind blies ihm die Luft in die

Lungen, auf daß er nicht sterbe.‘

Da konnte ich den Schmerz nicht mehr ertragen und knipste das krallende

Männlein von meiner Hose fort. Ein Rabe, der gerade vorüberflog, biß es

in den Kopf, streifte ihm das Zwergjäckchen herunter und verschlang es

mit krächzendem Wohlbehagen.“

Jappes trat ans Fenster und hörte, wie Arco Calvandi den Uhu äffte.

Armida nahm seine Hand: „Jappes, hat dein Traum eine Bedeutung?“

Und Jappes: „Wenn ich ein Zwerg bin, vielleicht, wenn aber ein Riese,

sicher.“

Die Ereignisse der Nacht treffen

nicht zu, weil es Nacht ist. Wer

die Magie aber mit der Nacht

vergleicht, tut seiner Erfahrung

unrecht.

Frau Ida Telluren und ihre drei Gäste saßen am Tisch, welcher mit einem

reich allegorisierenden Teppich überworfen war: Ein Papagei in Ketten,

eine Dame vor einem offenen Grabe, ein lauschender Polizeidiener, eine

Frau, welche einem Helden ein Schwert überreicht, welches in eine

Schürze gewickelt ist. Zwillinge, Fische, Eber und Kälber, ein Storch,

ein Kiebitz, ein Rabe. Und Blumen, seltene Blumen mit magischer

Bedeutung: Lolch und Fuchsia, Blasenstrauch und Rittersporn, verblühter

Safflor und Binsen, Jonquille, Ephemerum und Cobaea. Gänsefuß und

Hahnenfuß in stilisierter Bedeutung. Mohn und Judasbaum und zwischen

beiden ein lachender Engelsfuß. Der Untergrund des Teppichs war mit den

Sternbildern übersät und die leuchtenden Figuren der siderischen Zeichen

stachen gar seltsam zwischen den bunten und verschrobenen Arabesken und

Schnörkeln der Pflanzen und Tiere hervor. Planeten und wunderkräftige

Zahlen und Zeichen. Wassermann, Jungfrau und Krebs, Zwilling und Widder

und Schütze und ...

„Ich bitte euch sehr ernst zu sein und aufrichtig an euer Schicksal zu

denken, wenn auch nur an das vergangene,“ sagte Tante-Sibylle, „es wird

eine sakrosankte Handlung von zukunftsicherer Bedeutung sein.“ Sie hielt

die Karten fächerförmig vor sich hin und bat, mit weltferner Stimme,

jeden der Gäste, eine Karte herauszuziehen, welche sie dann feierlich

umwendete und mit entrückten Blicken über die antwortdurstigen

Schicksalskinder sah.

Jappes’ Karte: Eckstein-Zwei – feierliche Stille und gespannte

Erwartung. Ida Telluren breitete ihre seidenweiche Hand über die Karte

und sprach, während ihre Augen sich schlossen: „Zweideutiger

Lebenswandel, Knabe, du spielst mit einem Lamm. Ein Mädchen, das seiner

Mutter den Rücken kehrt, ein schwangeres Mädchen weint. Hahnenfuß,

gelbes Veilchen, Enzian. Du beweinst ein verschwundenes Glück und hoffst

umsonst auf bessere Tage. Getäuschte Liebe, Reue, Tränen. Dein Zeichen

ist der Fisch, das Meer, der Sturm. Dein Zeichen ist ein Wasserzeichen.“

Die Stube war still und der Kerzenschein legte sich wächsern auf die

übernächtigen Gesichter. Sibylle-Telluren deutete die Zeichen der

Karten. Sie wußte nichts von den Tagen, die um Jappes ihre zitternden

Kreise zogen. Armida fragte: „Du hast doch keine Freundin, welche mit

der Karte in Zusammenhang gebracht werden könnte?“ Sie stellte die Frage

ernst und vernünftig.

„Nein,“ sagte Jappes, „ich hätte ja auch eine andere Zufallskarte

treffen können.“ Aber er dachte trotzdem an Pepy und wurde still. Es

quälte die Tante, den Freund nachdenklich zu sehen, und besorgt: „Die

Karten muß man Verlobten schlagen, heben Sie ab, Herr Arco Calvandi.“

Und sie las ihm sein Schicksal aus den Karten:

„Pique-Neun zu Ihrer Linken bedeutet Untergang. Er wird von keinem guten

Stern gelöst. Ich sehe sieben Pfeile und ein Essigrohr, die Nebenkarten

trügen nicht. Ein Mene-Tekel-Upharsin. Ein Toter hängt an einem

Weidenast, derweil ein Affe lachend mit dem Weihrauchfasse um die Leiche

springt, um einem Krebse auszuweichen, der seine Scheren nach ihm

zwickt. Der Talisman des Jupiter hat dich verlassen und die Gichtrose

blüht auf deinem Haupt. Treff-Vier zur Linken deutet Ihnen, daß eine

Dame mit Gewalt und Laune Ihren Stern zu lenken sucht. Ein Taxusbaum,

ein Grab. Der Mond mit einer Ziffer Drei fällt jäh dem Horizonte zu, ich

sehe Binsen, Hasen, eine Klapperschlange, ein Rad mit einer weißen Nabe,

doch das ist alles so entfernt, drum öffne ich den Kreis und schließe

meinen Spruch.“

Armida seltsam frohlockend: „Gottlob, Arco, daß die Karten fast immer

das Gegenteil bedeuten von dem, was eintrifft; wir werden ja nach dieser

dunklen Vorhersage eine glänzende Zukunft haben.“ Der Bräutigam saß

still und ernst. Da legte die Tante seine gewählte Karte hin:

Pique-Fünf, ihr Hauptbild, ein sterbender, verwundeter Mann. Seine

Furcht wuchs zum Zynismus, und er wurde froh. „Komm, Armida, lassen wir

Pique-Fünf, denn du bist meine Karte, ich nenne dich Piksüß.“ Und er

warf Jappes einen Schimpf über den Tisch: „Uebers Jahr können wir unsere

Karten wechseln. Wegen Armida kann ich Eckstein-Zwei dann zum Teil

gebrauchen. Sie können meine Totenkarte haben.“

Da küßte Jappes der Tante ehrerbietig die Hand und verließ das Zimmer.

Arco Calvandi küßte Armida und blies die Kerzen aus. „Es sieht wirklich

aus, wie wenn ein Toter im Zimmer wäre.“ Dann riß er die Fenster auf,

und die Morgensonne beschien die weißen Fäden, welche sich von den

Kerzendochten hinaus in die Morgenkühle zogen.

Aber der Totenkammergeruch war im Zimmer.

Fetzen · 第 75 / 82 题