Es ist schade, wenn gute Worte,
welche immer selten sind, ironisch
klingen.
„Anna,“ sagte Professor Günther zu seiner Frau, „du sagst dem Mädchen,
es soll am Vormittag nicht im Atelier abstauben, ich habe zu tun.“ Frau
Professor machte einen Knicks: „Ich werde es ausrichten.“ Nach ein paar
Augenblicken unruhigen Wartens brachte sie die Frage hervor: „Gustav,
willst du die Hunde wirklich aus dem Hause tun?“ Sie trocknete die
feuchten Härchen ihrer Augenschlitze. Keine Antwort. Professor Günther
stand ans Fenster gelehnt. „Du sagst?“ fragte er in barschem Ton.
„Mein Gemahl,“ wiederholte Frau Anna, „Gustav, willst du die Hunde
wirklich aus dem Hause tun?“
„Ob ich will?“ fiel er die Frau mit scharfer Rede an. „Du kannst doch
nicht alle Hunde aufziehen. Doktor Gehren erhält einen, Doktor Brunner
einen und Doktor Heinzfeld den dritten.“
„Gib doch dem Buben einen oder zwei,“ bettelte sie, „ich werde sie
bringen, sie sollen in der Familie bleiben, sie sind treu, und Fräulein
Pepy hat sie aus der Taufe gehoben. Es ist eine liebe Erinnerung.“
Professor Günther überlief es kalt. Was hatte Pepy mit den Boxerhunden
gemein? Richtig, bei ihrem ersten Besuch waren die Hunde „flügge“
gewesen. „Meinetwegen,“ sagte er, „bring sie alle drei nach Baden-Baden,
wenn du denkst, daß Arnulf sich freut.“
„Gustav,“ rief Frau Günther erfreut, „du bist gut, mein Gemahl, ich
weiß, du würdest mir mehr Liebe erweisen, wäre deine Zeit nicht so
knapp. Ich werde Arnulf sagen, wie gut du bist. Mein süßer Mann,“ rief
sie jauchzend, und das schmuddelige Weibchen sprang dem Professor an die
Lippen. „Nun schnell,“ fügte sie glückstrahlend hinzu, „ich weiß, du
hast zu tun und du hast wieder schwere Gedanken zu denken. Das Mädchen
wird nicht abstauben, ich richte es sofort aus.“ Schnell einen Kuß auf
seine matte Hand, und Frau Anna verschwand mit dankendem Lächeln.
Professor Günther riegelte die Tür ab und der Sicherheit wegen versuchte
er an der Klinke, ob sie wirklich geschlossen sei. Stützte den Ellbogen
auf das Schloß, legte die Stirn in die flache Rechte und lehnte den Kopf
an die Füllung. Es war wie ein Spuk, wie ein narrender Traum. Und doch
waren die letzten Tage Wahrheit. In seinen Schläfen hämmerte der
Vorwurf. Er hatte ein Mädchen verführt! Die Wirklichkeit ließ sich nicht
leugnen – eine Stimme höhnte, „die lebendige Wirklichkeit deines
Kindes“! Ein schweres, verlegenes Atmen entrang sich seiner Brust. Kein
Gedanke wollte sich bilden, er kämpfte gegen die tötende Stille ... Dann
kam die Erinnerung und hielt ihm die Lüge vor: „Das Schlimmste ist, wenn
der Mann jung bleibt und die Frau altert“ ... Lüge! sah er mit
brennenden Lettern auf dunklem Grunde glühen. Lüge, Lüge war deine ekle
Begierde. Sein Blick glitt über die Bilder des Ateliers. Venus und
Cupido, die kranke Ziege, der grinsende Faun, die Meduse, der Untergang
Pharaos. Wie ganz anders war die Bedeutung der Bilder heute.
Er streifte die Skizze von Meister Geraldo. Er dachte an die Tränen des
Meisters, welcher aus seiner Liebe die Kraft zu seinen Bildern geschöpft
hatte. Niemand hatte etwas von Meister Geraldo zu fordern. Er war nicht
verheiratet und hatte sich ein freies Weib genommen, das entschlossen
war, Freude und Leiden mit ihm zu teilen. Geraldos Liebe war ehrlich
gewesen, die Liebe hatte ihn zum Leben erweckt, Geraldo war durch die
Liebe geworden. Günther dachte an des Malers Abschiedsworte: „Ich tat
unrecht, die Frau zu verlassen, aber sie wußte, daß eine Macht mich
hinaustrieb. Ich bin glücklich, daß die Frau mir nicht flucht, und so
kann ich in Liebe von ihr scheiden.“ Damals hatte er über die Frage der
Schuld gelächelt: eine einsame Frau empfindet mehr Glück an ihrem
unehelichen Kinde, als eine verheiratete ohne Kinder. So hatte seine
eigene Lehre damals geklungen. Heute konnte er sich mit keiner
Ueberlegung retten. Vor der Gesellschaft konnte er nicht bestehen. Er
und sein Schicksal! beide waren das Opfer seiner Begierde geworden. Die
Gesellschaft anerkennt die Begierden nicht! – wenigstens nicht
offiziell. Und er wollte nach den Dogmen der Gesellschaft leben – so war
er gezwungen zu handeln. Der Flug seiner Gedanken wurde mählich kühner
und kühner. Er suchte nach Mitteln, einen Wall zu seiner eigenen
Verteidigung aufzuwerfen. Er zählte die Wege auf, die zu seiner
Ehrenrettung freiblieben. Ehrenrettung!!!
Er könnte Pepy verleugnen – doch nein, die Empfehlung, die er ihr
geschrieben, ein Hindernis und Jappes ein zweites. Ein ergebener Arzt,
der sie behandelt? ...
Er durchlief die Liste seiner Freunde. Er wagte es nicht, von einem
Freunde soviel Vertrauen zu fordern. Sein Sohn? ... Sollte er ihn zum
Mörder machen? ... Wenn ein; beglaubigter Unfall vorläge? ... Sein Sohn
durfte nichts erfahren. So verwarf er die Gedanken und griff sie wieder
auf. Der Sohn müsse dem Vater manches verzeihen. Ein solches Geständnis!
Das hieße, sich als Vater vor seinem Sohne entblößen. Seine Gedanken
jagten sich, zerrissen und knapp, die Stichworte wirbelten in ihm, wie
Fetzen im Winde; bildeten zerstückelte Sätze, halbe Gedanken. Wenn seine
Frau stürbe ... oder er selbst ... oder Pepy ... oder eine heimliche
Geburt an diskretem Ort ... ein totgeborenes Kind ... oder wenn er für
Pepy einen Bräutigam fände ... Er würde selbst auf die Suche nach einer
Hebamme gehen ... eine Frühgeburt würde die Ehre retten ... Und wenn die
Sache mißlänge ... wenn Pepy ein Opfer würde ... der Fall wäre möglich,
eine Eiterung, eine starke Blutung, ein schwaches Herz, dann ... dann
... alles um ihn drehte sich wie in einer großen schwarzen Scheibe und
zwei Worte kreisten in der drehenden Fläche: Zuchthaus – Staatsanwalt –
Worte, die ihm den Ausblick auf den Weg zu seiner Rettung versperrten.
Günther ging wie ein Trunkener durchs Atelier. Mit halbsicheren,
behutsam tastenden Schritten. Sein Atmen war ein qualvolles Saugen der
Lungen. Er lehnte sich gegen die Staffelei, welche mit lautem Krach zu
Boden schlug und ihn aus seiner Verwirrung riß. Erschrocken sah er sich
um und mit dem Instinkte eines aus dem Schlaf Erwachenden bückte er sich
hastig nach dem Gerüste. Dann horchte er auf, ein leises, schüchternes
Klopfen, er reckte sich hoch, wirklich, es klopfte. „Pepy!?“ Mit festem
Schritt ging er zur Tür, er wollte seine Unruhe scheuchen. Seine Frau!
Sie entschuldigte sich wegen der Störung und reichte Pepys Karte: „Sage,
ich bin dringend beschäftigt,“ bat der Professor, „und könnte sie heute
leider nicht sprechen. Richte das aus, Mutter.“
In der Treppe wiederholte Frau Günther: „Richte das aus, Mutter.“ Sie
dankte ihrem Mann für dieses gute Wort „Mutter!“. Sie war glücklich,
weil unter der Asche der Arbeit ihres Mannes der Funke der Liebe so
leuchtend glomm. Bebend vor Glück küßte sie Pepy die Wange: „Der Herr
Professor ist in seltener Stimmung,“ rief sie halb außer Atem, „aber er
hat wieder schrecklich zu tun, und ich hoffe, Sie werden sich mit mir
nicht langweilen. Der Gute, er hat mich Mutter genannt, wie damals, als
Sie das erstemal hier waren, und er Tee eingoß.“ Sie erzählte Pepy, daß
er ihr erlaubt hatte, die Hunde nach Baden-Baden zu ihrem Sohne zu
bringen, statt sie an Fremde zu verschenken: „Mein Gemahl ist ein süßer
Mensch,“ fuhr sie gesprächig fort, „er hat immer eine kleine
Ueberraschung für seine Frau, er ist eigentlich am nettesten, wenn er
die meiste Arbeit hat. Als Frau habe ich die letzten Jahre zwar nicht
viel von meinem Manne gehabt, und ich wünsche Ihnen, Fräulein Pepy,
einen nicht gar so schnüffeligen Bücherwurm ... Sie verstehen schon.
Aber so ist er sehr lieb, und er hat mir heute viel Freude gemacht.“
Pepy dachte an ihre erste mitleidvolle Begierde und dachte an; Günthers
große geschlechtliche Lüge. Wieviel Menschen betrog dieser Kerl? Und ihr
Wesen bäumte sich auf gegen den Dieb ihrer Ehre. Sie wußte nun, daß
seine Liebe Lüge, daß sie selbst die betrogene Betrügerin war. Die Hunde
kamen mit lautem Gequieke, die Freundin des Hauses zu grüßen. Pepy
konnte den Tränen nicht wehren. Sie durchbrachen die Schleusen der
Wimpern. Frau Anna lag schluchzend an Pepys Hals, und die Hunde zerrten
ihnen die Röcke: „Wir dürfen nicht weinen, liebe Freundin, es wird sehr
schwer sein, aber die Hunde verlassen nicht alle das Haus.“
So weinten sie lange und schwiegen.