SECHSUNDVIERZIGSTES KAPITEL

Es ist schade, wenn gute Worte,

welche immer selten sind, ironisch

klingen.

„Anna,“ sagte Professor Günther zu seiner Frau, „du sagst dem Mädchen,

es soll am Vormittag nicht im Atelier abstauben, ich habe zu tun.“ Frau

Professor machte einen Knicks: „Ich werde es ausrichten.“ Nach ein paar

Augenblicken unruhigen Wartens brachte sie die Frage hervor: „Gustav,

willst du die Hunde wirklich aus dem Hause tun?“ Sie trocknete die

feuchten Härchen ihrer Augenschlitze. Keine Antwort. Professor Günther

stand ans Fenster gelehnt. „Du sagst?“ fragte er in barschem Ton.

„Mein Gemahl,“ wiederholte Frau Anna, „Gustav, willst du die Hunde

wirklich aus dem Hause tun?“

„Ob ich will?“ fiel er die Frau mit scharfer Rede an. „Du kannst doch

nicht alle Hunde aufziehen. Doktor Gehren erhält einen, Doktor Brunner

einen und Doktor Heinzfeld den dritten.“

„Gib doch dem Buben einen oder zwei,“ bettelte sie, „ich werde sie

bringen, sie sollen in der Familie bleiben, sie sind treu, und Fräulein

Pepy hat sie aus der Taufe gehoben. Es ist eine liebe Erinnerung.“

Professor Günther überlief es kalt. Was hatte Pepy mit den Boxerhunden

gemein? Richtig, bei ihrem ersten Besuch waren die Hunde „flügge“

gewesen. „Meinetwegen,“ sagte er, „bring sie alle drei nach Baden-Baden,

wenn du denkst, daß Arnulf sich freut.“

„Gustav,“ rief Frau Günther erfreut, „du bist gut, mein Gemahl, ich

weiß, du würdest mir mehr Liebe erweisen, wäre deine Zeit nicht so

knapp. Ich werde Arnulf sagen, wie gut du bist. Mein süßer Mann,“ rief

sie jauchzend, und das schmuddelige Weibchen sprang dem Professor an die

Lippen. „Nun schnell,“ fügte sie glückstrahlend hinzu, „ich weiß, du

hast zu tun und du hast wieder schwere Gedanken zu denken. Das Mädchen

wird nicht abstauben, ich richte es sofort aus.“ Schnell einen Kuß auf

seine matte Hand, und Frau Anna verschwand mit dankendem Lächeln.

Professor Günther riegelte die Tür ab und der Sicherheit wegen versuchte

er an der Klinke, ob sie wirklich geschlossen sei. Stützte den Ellbogen

auf das Schloß, legte die Stirn in die flache Rechte und lehnte den Kopf

an die Füllung. Es war wie ein Spuk, wie ein narrender Traum. Und doch

waren die letzten Tage Wahrheit. In seinen Schläfen hämmerte der

Vorwurf. Er hatte ein Mädchen verführt! Die Wirklichkeit ließ sich nicht

leugnen – eine Stimme höhnte, „die lebendige Wirklichkeit deines

Kindes“! Ein schweres, verlegenes Atmen entrang sich seiner Brust. Kein

Gedanke wollte sich bilden, er kämpfte gegen die tötende Stille ... Dann

kam die Erinnerung und hielt ihm die Lüge vor: „Das Schlimmste ist, wenn

der Mann jung bleibt und die Frau altert“ ... Lüge! sah er mit

brennenden Lettern auf dunklem Grunde glühen. Lüge, Lüge war deine ekle

Begierde. Sein Blick glitt über die Bilder des Ateliers. Venus und

Cupido, die kranke Ziege, der grinsende Faun, die Meduse, der Untergang

Pharaos. Wie ganz anders war die Bedeutung der Bilder heute.

Er streifte die Skizze von Meister Geraldo. Er dachte an die Tränen des

Meisters, welcher aus seiner Liebe die Kraft zu seinen Bildern geschöpft

hatte. Niemand hatte etwas von Meister Geraldo zu fordern. Er war nicht

verheiratet und hatte sich ein freies Weib genommen, das entschlossen

war, Freude und Leiden mit ihm zu teilen. Geraldos Liebe war ehrlich

gewesen, die Liebe hatte ihn zum Leben erweckt, Geraldo war durch die

Liebe geworden. Günther dachte an des Malers Abschiedsworte: „Ich tat

unrecht, die Frau zu verlassen, aber sie wußte, daß eine Macht mich

hinaustrieb. Ich bin glücklich, daß die Frau mir nicht flucht, und so

kann ich in Liebe von ihr scheiden.“ Damals hatte er über die Frage der

Schuld gelächelt: eine einsame Frau empfindet mehr Glück an ihrem

unehelichen Kinde, als eine verheiratete ohne Kinder. So hatte seine

eigene Lehre damals geklungen. Heute konnte er sich mit keiner

Ueberlegung retten. Vor der Gesellschaft konnte er nicht bestehen. Er

und sein Schicksal! beide waren das Opfer seiner Begierde geworden. Die

Gesellschaft anerkennt die Begierden nicht! – wenigstens nicht

offiziell. Und er wollte nach den Dogmen der Gesellschaft leben – so war

er gezwungen zu handeln. Der Flug seiner Gedanken wurde mählich kühner

und kühner. Er suchte nach Mitteln, einen Wall zu seiner eigenen

Verteidigung aufzuwerfen. Er zählte die Wege auf, die zu seiner

Ehrenrettung freiblieben. Ehrenrettung!!!

Er könnte Pepy verleugnen – doch nein, die Empfehlung, die er ihr

geschrieben, ein Hindernis und Jappes ein zweites. Ein ergebener Arzt,

der sie behandelt? ...

Er durchlief die Liste seiner Freunde. Er wagte es nicht, von einem

Freunde soviel Vertrauen zu fordern. Sein Sohn? ... Sollte er ihn zum

Mörder machen? ... Wenn ein; beglaubigter Unfall vorläge? ... Sein Sohn

durfte nichts erfahren. So verwarf er die Gedanken und griff sie wieder

auf. Der Sohn müsse dem Vater manches verzeihen. Ein solches Geständnis!

Das hieße, sich als Vater vor seinem Sohne entblößen. Seine Gedanken

jagten sich, zerrissen und knapp, die Stichworte wirbelten in ihm, wie

Fetzen im Winde; bildeten zerstückelte Sätze, halbe Gedanken. Wenn seine

Frau stürbe ... oder er selbst ... oder Pepy ... oder eine heimliche

Geburt an diskretem Ort ... ein totgeborenes Kind ... oder wenn er für

Pepy einen Bräutigam fände ... Er würde selbst auf die Suche nach einer

Hebamme gehen ... eine Frühgeburt würde die Ehre retten ... Und wenn die

Sache mißlänge ... wenn Pepy ein Opfer würde ... der Fall wäre möglich,

eine Eiterung, eine starke Blutung, ein schwaches Herz, dann ... dann

... alles um ihn drehte sich wie in einer großen schwarzen Scheibe und

zwei Worte kreisten in der drehenden Fläche: Zuchthaus – Staatsanwalt –

Worte, die ihm den Ausblick auf den Weg zu seiner Rettung versperrten.

Günther ging wie ein Trunkener durchs Atelier. Mit halbsicheren,

behutsam tastenden Schritten. Sein Atmen war ein qualvolles Saugen der

Lungen. Er lehnte sich gegen die Staffelei, welche mit lautem Krach zu

Boden schlug und ihn aus seiner Verwirrung riß. Erschrocken sah er sich

um und mit dem Instinkte eines aus dem Schlaf Erwachenden bückte er sich

hastig nach dem Gerüste. Dann horchte er auf, ein leises, schüchternes

Klopfen, er reckte sich hoch, wirklich, es klopfte. „Pepy!?“ Mit festem

Schritt ging er zur Tür, er wollte seine Unruhe scheuchen. Seine Frau!

Sie entschuldigte sich wegen der Störung und reichte Pepys Karte: „Sage,

ich bin dringend beschäftigt,“ bat der Professor, „und könnte sie heute

leider nicht sprechen. Richte das aus, Mutter.“

In der Treppe wiederholte Frau Günther: „Richte das aus, Mutter.“ Sie

dankte ihrem Mann für dieses gute Wort „Mutter!“. Sie war glücklich,

weil unter der Asche der Arbeit ihres Mannes der Funke der Liebe so

leuchtend glomm. Bebend vor Glück küßte sie Pepy die Wange: „Der Herr

Professor ist in seltener Stimmung,“ rief sie halb außer Atem, „aber er

hat wieder schrecklich zu tun, und ich hoffe, Sie werden sich mit mir

nicht langweilen. Der Gute, er hat mich Mutter genannt, wie damals, als

Sie das erstemal hier waren, und er Tee eingoß.“ Sie erzählte Pepy, daß

er ihr erlaubt hatte, die Hunde nach Baden-Baden zu ihrem Sohne zu

bringen, statt sie an Fremde zu verschenken: „Mein Gemahl ist ein süßer

Mensch,“ fuhr sie gesprächig fort, „er hat immer eine kleine

Ueberraschung für seine Frau, er ist eigentlich am nettesten, wenn er

die meiste Arbeit hat. Als Frau habe ich die letzten Jahre zwar nicht

viel von meinem Manne gehabt, und ich wünsche Ihnen, Fräulein Pepy,

einen nicht gar so schnüffeligen Bücherwurm ... Sie verstehen schon.

Aber so ist er sehr lieb, und er hat mir heute viel Freude gemacht.“

Pepy dachte an ihre erste mitleidvolle Begierde und dachte an; Günthers

große geschlechtliche Lüge. Wieviel Menschen betrog dieser Kerl? Und ihr

Wesen bäumte sich auf gegen den Dieb ihrer Ehre. Sie wußte nun, daß

seine Liebe Lüge, daß sie selbst die betrogene Betrügerin war. Die Hunde

kamen mit lautem Gequieke, die Freundin des Hauses zu grüßen. Pepy

konnte den Tränen nicht wehren. Sie durchbrachen die Schleusen der

Wimpern. Frau Anna lag schluchzend an Pepys Hals, und die Hunde zerrten

ihnen die Röcke: „Wir dürfen nicht weinen, liebe Freundin, es wird sehr

schwer sein, aber die Hunde verlassen nicht alle das Haus.“

So weinten sie lange und schwiegen.

Fetzen · 第 74 / 82 题