Wer es versteht, über Dummheiten
nachzudenken, findet meist einen
tiefen Sinn darin.
Armida und Arco Calvandi kehrten halbwegs Berlin-Stuttgart um. Sie hatte
ein selten schön geschliffenes Parfümfläschchen aus Onyx vergessen, in
welchem sie Fleur de Nice zu kolportieren pflegte. „Ich kann den Geruch
der Menschen unmöglich vertragen, diesen fürchterlichen Hauch der
atmenden Leiber. Ihren Blicken bin ich leichter gewachsen. Wie fallen
die Nasen der Menschen mich an, gerade, als ob sie die Duftwolke
durchbohren wollten. Ich hasse die schweißige Masse mit den
staubzerfressenen Fratzen ...“ Sie schüttelte sich vor Unbehagen.
Arco stand fröstelnd am Perron und starrte in das Räderwerk einer
Lokomotive. Das Warten machte ihn frösteln, obwohl die Sonne ihr Feuer
noch sandte. Er kehrte sich zu Armida, pflückte das Monokel aus dem Auge
und sagte mit runzeligem Blicke: „Die Masse hat dich nicht immer empört
und es ist noch nicht lange, seit sich Liebe in Haß gewandelt hat. Du
solltest die Masse nicht schimpfen, sie ist wie das Meer, welches das
Elend des Grundes bedeckt und uns nach einem alten Gesetze trägt. Mir
fällt nichts Geistreiches ein, darum mache ich Vergleiche: Das Meer und
die Masse des Volkes. Viel unnütz Getier, manchmal ein leckerer Bissen,
ein wertvolles Objekt für ozeanographische Museen. Obenauf schwimmen die
Klugen, die Schlauen, alle fischen in dem großen Bassin, der eine den
Hering, die Perlen der andere, Korallen der dritte, und so treiben die
Barken oben mit den hungrigen Netzen und fischen die Massensubjekte.
Zuweilen fordert die Masse ein Opfer, das Opfer sinkt nieder und die
Wasser breiten den Schleier darüber. Andere schwimmen mit Luxusbooten
und schauen die Ferne der schillernden Massen, träumen die Rätsel der
fließenden Weite; jagen der Masse die Schönheit ab, steigern den Rausch
zum Taumel, zum herrschenden Wahnsinn. Ihr Flaggenwort lautet: Wir sind
die Herren der Meere! Ruhm trägt schnell über glatte Meere, doch wehe
dem Boote, wenn es die Strömung trifft oder ein Spielzeug der wirbelnden
Charybde wird. Dann nimmt die Masse Revanche und zeigt, wieviel Platz
sie im Schoße für Größe birgt.“
Armida legte ihm die Hand auf den Mund: „Still, mein Freund, sonst
machst du mir noch ein politisches Glaubensbekenntnis. Du glaubst an die
bewußte Kraft der Masse, du schwörst auf den Terror, ich sage dir, Arco,
die Massen sind unbewußt wie die Wasser, sie gehorchen den siderischen
Gesetzen, nur Ebbe und Flut, Trägheit und Auftrieb! Die Segler sind die
Herren des Abgrundes. Der Abgrund ist die einzige Kraft des Wassers. Die
Stürme und Riffe sind Launen und Possen. Kluge Schiffer kennen die
Zeichen der lauernden Wasser. Mir ist das Meer verhaßt, weil es brüllt,
wenn es zerstören will. Wäre die Masse des Volkes lauernd, sie wäre die
Herrin der Welt, aber sie tost gegen sich selbst, brüllt im Rausche der
bluterstickten Emeuten und frißt an sich selber im schäumenden Gischt,
durchwühlt die Tiefen der tierischen Triebe und besudelt sich selbst mit
dem Schlamm der schlummernden Tiefe. Hast du das Meer schon bei Sturm
gesehen? Es ist ein Chaos von wirbelndem Schmutz!“
„Ich unterbreche dich, Freundin, ich habe dein Urteil gehört. Du siehst
zu genau, ich glaube, du bist zu nahe am Strand. Ich begrüße mit großer
Freude, daß wir Meinungsverschiedenheiten haben, das wird die ehelichen
Verhältnisse klären und die Fesseln stählen.“
„– oder zertrümmern.“
„Es gibt auch interessante Trümmer. Das Ganze ist nicht immer
harmonisch. Weshalb willst du eigentlich zu Ida Telluren? Täten wir
nicht besser, unser Glück ganz einsam zu hegen, statt die Neugier der
Tante zu füttern. Die Tante ist ein erloschener Krater und er kann nur
von fremdem Feuer rauchen.“
„Der Rauch ist nicht das Wesen des Feuers. Ich gehe zur Tante, damit sie
mir die Zukunft aus den Karten deute. Unsere Zukunft hängt von den
Weissagungen der Tante ab. Sie hat mir manches richtig vorhergesagt.“
„Und wenn die Tante eine schwarze Zukunft deutet?“
„Schwarz oder weiß! Die Karten entscheiden die Zukunft. Und Jappes ist
auch ein Magnet. Nicht schwächer denn du, wohl mein ich, ist er noch
stärker und schneller, nur überwacht er das Tempo, er hemmt seinen Lauf,
er bedient sich der Bremse, die Kurven nimmt er mit Vorsicht, er
überdenkt seinen Weg. Das ist es, was mir Sorge macht; er will die Eile,
ohne die Katastrophe zu wollen. Stets hält er die Hand am rettenden
Hebel. Die einen nennen es Klugheit. Ich sage, Jappes ist feig. Drum
ließ ich ihn gehen, daß er in der Einsamkeit den Schlüssel zur Lösung
finde. Er hat mir zehn Worte geschrieben: ‚Armida, ich bin einsam wie
der Wind in den Lüften!‘ Die Deutung der Worte ist einfach. Er wünscht
mit dem Strome zu schwimmen, ich soll ihm wieder die Planke zum Sprunge
sein. Ich begrüße die Worte, ich sehe, ich habe einem Mann zum Willen
verholfen. Hüte dich, Arco, jemals dein eigener Herr zu werden.“
„Ich bin ein Stück deiner eigenen Herrin,“ grinste Arco Calvandi, und
mit dem Stock schrieb er Armidas Namen in die ölige Schicht der
Kolbenstange der Lokomotive. – „Willst du, daß ich dir ein Opfer
bringe?“ Er klebte sein Monokel ins Oel der Stange, tippte Finger für
Finger seiner Hände, die mit weißen wildledernen Handschuhen bedeckt
waren, ins Oel, drückte die Innenfläche der Hände gegen die schmierige
Stange: „Du siehst, wie ich allem entsage,“ – und er zog die Handschuhe
von den Händen – „es ist ein Geschenk von dir, das du mir machtest, als
wir meinen unbestimmten Geburtstag begingen. Es ist für mich die größte
Qual, ohne Handschuhe zu sein, dir bringe ich das Opfer mit Freuden.“ Er
ließ die ölbeschmierten Handschuhe, den Stock entlang, vor die Räder der
Lokomotive auf die Schienen gleiten.
„Du hast einen sonderbaren Begriff von Opfer. Es ist einfach à la Arco
Calvandi. Wann wird der Tag kommen, an welchem du deine letzte Dummheit
begehst?“
„O sicher nicht an dem Tag, wenn ich dich verlassen werde. Du bist noch
nicht zur Dummheit geboren, denn dumm werden, heißt, zu sich selbst
kommen. Ich kann dir auch ein anderes Opfer bringen und mich selbst vor
die Räder werfen. Herrin, du darfst nur befehlen, das Opfer ist immer
bereit, dir den Tribut seiner Liebe zu zollen.“
„Ich glaube, du würdest es tun?“ sagte Armida und öffnete die Augen zur
Frage, „doch mein Spielzeug will ich noch nicht zerbrechen und ich will
nicht, daß dein Opfer so tragisch sei. Bleibe nur knetbar, dann bin ich
zufrieden. Ich spiele immer à la baisse mit den Menschen und hasse die
titres fixes. Ich glaube, du wirst stets eine Marionette mit freien
Bewegungen bleiben, solange ich die Drähte halte. Willst du mir immer
untertänig sein, Arco Calvandi?“
„Ich sage nicht nein.“
„Willst du mich nie verleugnen, Arco Calvandi?“
„Ich sage nicht doch!“
Armida überlegte eine Weile: „Und wenn ich Jappes an deine Stelle
setze?“
Arco Calvandi legte den Finger an die Stirn: „Da muß ich die Antwort
erst überlegen. Auf keinen Fall bin ich zu Kompromissen entschlossen und
du weißt, meine Freundin Armida, Verrücktheit ist ein Privilegium der
Reichen. Du bist meine letzte Leidenschaft und ich werde sie auch zu
nähren wissen ...“
Ein Zeitungsjunge lief am Zug entlang: Simpel, Jugend, Lustige Blätter,
Brummer, Raddatsch – eine Atempause – Zeitungen, Frankfurter, Berliner,
Kölnische, Münchener, Stuttgarter – Simpel, Jugend – Handkarren rollten
vorüber, Träger drängten sich, eilende Menschen, Rufen, Hasten,
Kohlendampf in stinkigen Schwaden; Dröhnen und Poltern und Stoßen und
Rollen. Ein D-Zug spie Massen aus, verschluckte andere, puffte Rauch in
wirbelnden Wolken gegen die Wölbung der Halle, die nächste in die freie
Luft und draußen entschwanden die Schlußsignale. Arco Calvandi warf
seine Stirne in Falten und deutete mit dem Zeigefinger auf Armida: „Du
sagst also, die Karten entscheiden, – es wäre möglich, daß die Karten
trügen.“
Dann summte er zu einer bekannten Melodie: „Les jours d’antan sont loin!
hélas!“