Deinen Lippen sage ich meinen Gruß und denke Dein als

Golliwog.

Schwester, mein Gebet sind Tränen,

die ich in deinem Tempel weine,

aber du hörst es nicht. Vor deinem

Tempel steht ein Leierkastenmann,

er singt dir, daß niemand außer

ihm zu dir betet, und deshalb

weine ich.

Pepy weinte, als sie den Brief gelesen hatte. Es war so viel Jappes drin

und sie wußte das am besten. Sie würde ihm ihr Geheimnis anvertrauen

müssen. Er würde es anhören und noch ein gutes Wort finden. Sie hatte

Professor Günther einen Besuch versprochen. Die Zeit war längst vorüber.

Aber sie mußte zu ihm, zu irgend jemand, reden, weinen. Sie ging den Weg

zurück, ging an Günthers Garten vorbei, ging um das ganze Viertel, stand

an seiner Türe still, sah die Klingel und ging wieder fort ... noch

einmal bis ans Ende der Gartenumzäunung, dann würde sie schellen. Sie

fand keinen Mut dazu ... bis zum nächsten Viertelglockenschlag. Auch der

verklang im fallenden Abend. Die Nacht kam mit den schleichenden Nebeln,

die sich um die Häuser legten und die fernen Geräusche dämpften. Pepy

wurde das Warten zur Qual und doch empfand sie eine Wollust, die Zeit

hinauszuschieben ... noch zehn Schritte, dann würde sie klingeln, bis

fünfzig zählen, warten, bis drüben das elektrische Licht erlosch, das

einen Hausgang eine Minute lang erhellte. Sie maß die zehn Schritte,

zählte bis fünfzig, das Licht erlosch und Pepy wagte nicht, an die

Klingel zu rühren. Sie lehnte an der Tür, und die Sehnsucht trug ihre

Aengste der Ferne entgegen.

Schritte kamen übers Pflaster, Schlüssel rasselten. Professor Günther

schrak an der Tür zusammen, dann raffte er sich auf zu einem flüchtigen

Wort: „Fräulein Pepy, Sie haben wohl lange gewartet? Ich bin kurz nach

unserer verabredeten Stunde gegangen.“

„Ich hatte mich verspätet und bin zufrieden, daß ich Sie treffe. Sie

müssen mir helfen, ich verlebe schreckliche Tage in Sorge und Bangnis.“

Günther zog Pepy fort von der Türe, übers Pflaster am Garten entlang und

sagte ihr leise forschende Worte: „Einbildung! Du quälst dich mit

unnützen Sorgen. Weshalb nimmst du das Schlimmste an, du weißt nichts

... Warte erst ab ... du kennst ja die Zeichen.“ Professor Günther sah

Pepys erschrocken-büßendes Gesicht, das zu ihm durch den Schleier

blickte und ihm mit starrer Pupille in die Seele drang. Er sah, wie ihre

Lippen die Worte brachten: Die Blutwoche ist zum zweiten Male

ausgeblieben!

Das war mehr als ein Urteil. Er war dem Verhängnis nicht gewachsen, für

Mitleid war er nicht geschaffen. Er wollte fort, allein sein, das

Kommende vorbereiten. Er ging neben Pepy, abgeschlossen, berechnend,

verachtend. Sie ging ihren leichten, wiegenden Gang und fand nicht die

Kraft, einen Gedanken zu denken. Und beide wurden durch seine Worte

erlöst: „Entschuldige mich, Pepy, ich werde zu Hause von einem Kollegen

erwartet, du kannst ja morgen am Vormittag bei mir vorbeikommen.“

Kein Gruß, kein gutes Wort. Eine „gute Nacht“ so kühl wie der Nebel, der

in den Straßen lag. Ein paar hastige Schritte, eine Türe, die ins Schloß

fiel, ein freudiges Bellen, das sympathische Quieksen der jungen

Boxerhunde. Dann wuchs die Stille wieder in die unendliche Weite.

Pepy las Jappes’ Brief wieder im fahlen Licht einer zwinkernden

Straßenlaterne.

Fetzen · 第 72 / 82 题