ZWEIUNDVIERZIGSTES KAPITEL

Der Zufall ist eine männliche

Dirne, man kann mit ihm machen,

was man will, und er ist für

jedermann da.

Tante Telluren holte Jappes am Bahnhof ab. Sie hatte aufregende

Nachrichten erhalten. Jappes’ unverhofftes Telegramm, eine

Verlobungsanzeige.

„Armida – Arco Calvandi grüßen als Verlobte.“

Wo blieb Jappes, ihr Traum, der Freund Armidas? Nun war er gekommen. Sie

stand vor ihm mit feuchter Wimper und wußte sein fröhliches Lachen nicht

zu deuten. Sie dachte, er würde ankommen, geknickt, voll Liebesharm,

bleich, unglücklich. Und nun sprang er lustig aus dem Wagen, warf ihr

einen Blumenstrauß in den Arm, küßte sie auf die weiche Tantenhand,

hastig, übermütig, sprudelnd, berauschte sich voller Entsetzen an seinen

Worten – ja! sagte er nicht: „Tantchen, ich bringe gute Nachricht, Ihre

ausgezeichnete Nichte ist verlobt, mit einem schönen, reichen, jungen

Mann, mit einem witzigen Kavalier, jeder Zoll ein Gentleman.“ Alles ging

so schnell. Er riß sein Portefeuille hervor und reichte ihr eine

Photographie: Arco Calvandi, sprühend-listige Augen, schlanker, voller

Wuchs, schmatzende Lippen, korrekte Gebärde und Drill in der Haltung.

Die Menschen wogten vorüber, pustend, keuchend mit schwerem Gepäck,

Tränen und Lachen. Ida Telluren stand wie ein Pfeiler in der brandenden

Flut des hastenden Gewoges: „Arco Calvandi!“ aber auch gar keine

Aehnlichkeit mit Friedrich Schiller, keine Locken, keine klassische

Nase, kein Typ, kein Charakter. Da brach Jappes das Schweigen, die

bohrende Ueberlegung.

„Wie freue ich mich, daß ich Sie sehe, Tante Telluren!“

„Und ich! ... und ich!“

Er nahm ihren Arm und erzählte ihr vieles, was er von Calvandi nicht

wußte, erzählte ihr die prickelnden Schauer der Saßnitzer Stunden.

Brachte Grüße von Freunden, von entfernten Verwandten, einen Gruß von

Armida und Arco Calvandi. Die Verlobten kämen in nächster Bälde nach

Stuttgart, die Tante zu sehen. Ida Telluren erbebte; aus Freude, aus

Sehnsucht, aus Vorwitz, wer weiß! Sie sprachen von den Plänen der Zeit,

die in die Zukunft ging, sprachen vom Wetter, von den tückischen Launen

der jagenden Winde, schwärmten von Helios, der drüben am westlichen

Himmel die Rosse ins Feuermeer lenkte, sprachen und schwärmten und

füllten die Pausen mit privaten Gedanken.

„Du mußt an dein Examen denken,“ begann Ida zu trösten, „dann wirst du

die trüben Gedanken verscheuchen, welche dich seit Armidas Verlust

umschwirren. Arbeit ist ...“

„Gut, wenn sie gemacht ist,“ fiel ihr Jappes ins Wort, „und ich habe

keine trüben Gedanken. Uebrigens, wenn das Herz der Sitz der Liebe ist,

müßtest du mir Ruhe verschreiben, weil Ruhe für kranke Herzen der

einzige Balsam ist. Aber wie soll ich Ruhe finden?! Doch nein, Tantchen,

behandeln wir mein Herz nicht, es ist noch nicht krank. Eine Freundin,

welche heiratet, ist kein Verlust. Ein bißchen Vakanz schadet dem

fleißigsten Herzen nicht. Die Leidenschaft hat ihre Gesetze und Rechte.

Ich habe Zeit und bringe den Bruch meines Lebens auf einen

Generalnenner: die Liebe, das Verhängnis, die Schuld, man kann das Leben

durch alle teilen. Ich habe einen Weg und kein Ziel und die Zukunft ist

eine weiße Steppe. Tante, in Saßnitz hat ein Fischer den Buhlen mit

einer Freikugel zu töten geschworen, hat ein heilig-hohes Verbrechen

begangen, die Hostie gestohlen in frommer Brunst und die Liebe in Rache

gewandelt. Die seltsame Kraft des heiligen Blutes im gläubigen Herzen!

Tut der Fischer unrecht im Herzen? Der Kirche hat er den Treueid

geleistet, als sie ihm die Frau antraute. Nun hält er den göttlichen Eid

mit einem teuflischen Schauer. Es ist kein Widerspruch in dem

widerspruchsvollen Geschehen. Er sühnt die Schuld und verpfändet die

Ehre auf Leben und Tod. Ich sah ihn vom heiligen Schauer getragen, als

er seine Ehre zu rächen gelobte. Es gibt Verbrechen, die erhabener sind

als die edelste Tugend.“

Sie traten in die Wohnung von Ida Telluren. Die Zofe brachte labende

Atzung und eine feurige Flasche Lacrimae Christi. In Idas Zügen

wechselten Lichter und Schatten in rascher Folge. Die Gestalten drängten

sich und die Fülle der schnellen Gedanken. Der Fischer ... Armida ...

Verbrechen ... Rache und Schwur ... Jappes ... Calvandi ... Sühne und

Schuld und die geschändete Ehre des Mannes ... Kein Bissen berührte ihre

Zunge. Tante Telluren dachte an den rächenden Fischer, dachte an die

Freikugel und ihre blutige Bestimmung. Weshalb hatte Jappes sein

Erlebnis erzählt? War sein Fall nicht ebenderselbe?

Ein Träumer kann nichts

Geistreiches über den Traum sagen.

Es traf sich, daß Jappes am Empfangstage der Tante nach Stuttgart kam.

Ida Telluren gab einen kurzen Tee und Jappes ging auf sein Zimmer, müde

von der Reise und müde, fremde Gesichter zu sehen. Er stöberte in seinen

Büchern und Zeitschriften, die Tante Telluren wie Kleinodien verwahrte.

Fand einen Artikel von Doktor Seraph, der in einer dunkel-gelehrten

Dissertation die Geburtenhinterziehung abhandelte.

Der Doktor verfocht die juristischen Thesen über das keimende Leben,

betonte das verbrecherische Vorgehen der Aerzte, die ihre operative

Praxis in den Dienst der Vernichtung der Leibesfrucht stellten.

Bekämpfte die Ansicht, man könne vor der Geburt kein Leben vernichten,

verwies auf die Mittel, die Empfängnis zu verhindern, warnte vor den

Gefahren, welche die Mütter bedrohten, redete in menschlich-klinischer

Sprache und abstrahierte von jeglicher moralischer Abschreckung. Vertrat

die Ansicht, selbst wenn ein Kind nur statistisches Material sei, dürfe

sein Leben nicht gefährdet werden, sei das Mädchen durch die uneheliche

Geburt der Schande preisgegeben, an sich aber ein wertvoller Mensch, so

müsse man im Prinzip die Hilfe verweigern, weil der Wert ein relativer

Begriff sei und den Prinzipien absolute Gültigkeit zugesprochen werden

müsse.

Er schloß seinen Artikel mit einem Aufruf an die Aerzte: Brüder in

Aeskulap! Seien wir unserer hohen Verantwortung eingedenk. Die geringe

Widerstandskraft des kranken menschlichen Körpers und die mißlungenen

Operationen haben eine große Bresche in das Vertrauen zu uns gelegt.

Verhindern wir, daß man uns wegen einer ehrlosen Praxis gegen das

keimende Leben den Vorwurf freiwilliger Tötung entgegenhalte. Statt

durch die Häufigkeit unserer Hilfe „in derartigen Fällen“ zahllose

Mitwisser unserer verbrecherischen Schuld zu schaffen, statt Hehler und

Mördernaturen zu fördern, treten wir geschlossen auf gegen das Vertrauen

der schöpferischen Lust, das man uns entgegenbringt ... und, fuhr er

fort, ist es nicht vernünftiger, dem Volk und der Gesellschaft die

Freiheit der Zeugung durch die gehäufte Zahl der unehelichen Geburten zu

predigen, als das ewig-verbrecherische Dunkel um das natürlichste

Geschehen zu weben! Weshalb hat die Kirche die Barriere des

Ehekontraktes zwischen Mann und Frau aufgestellt! Hat die dogmatische

Tugend die Triebe besiegt? Nein! Weshalb gibt sie der Natur die Freiheit

der Leiber nicht zurück? Weiß sie die Zwangslage der gegenseitigen

Hingabe nicht zu lösen, weshalb schafft sie die Gewissenskonflikte und

zwingt zu äußerer Ehrlichkeit auf dem Weg des Verbrechens. Was ist

unsere Moral anders als die Umgehung der Natur der Dinge, nur Schein und

Trug, ein Phosphoreszieren der faulenden Tugend!

Jappes las nicht zu Ende. Er hatte die Abhandlung gelesen, weil sie von

Doktor Seraph war. Ein Gedanke hatte sich nicht losgeschält aus dem

starren Satzgefüge. Er gab sich keine Mühe, über seine eigene

Stellungnahme zu Seraphs Problem nachzudenken. Er las nur zerrissene

Sätze, sah Stichwörter, verlor den Zusammenhang. Was sollte das

theoretisierende Geschreibsel bedeuten? Was sollte ein Artikel ändern

können?

Jappes war müde. Er setzte sich ins Sofa, blies Zigarette um Zigarette

in den Raum, und die Stille tat ihm wohl und die bläuliche Wolke, die im

Zimmer schwebte. Wie die Wolke wuchs, kamen seine Gedanken und

unterhielten sich mit ihm. Sollte er Ida Telluren nicht heiraten? Es

wäre ein lustiger Witz. Er würde die Tante glücklich machen und aus

ihrem Glücke Zufriedenheit schöpfen. Die Idee war so kühn, daß er nicht

lachte und noch eine Weile damit spielen wollte. Er würde sein Leben

ändern, ihm eine andere Plattform schaffen, von wo aus er es beobachten

könnte. Er würde nicht mehr der Insurgent Jappes sein, weit entfernt!

Ein neues Operationsfeld, ganz andere Kräfte würden sich in ihm

entwickeln. Er würde ein Mann, ein Gatte sein! ... Wer weiß, was noch!

Er trat ans Fenster, dann durchmaß er das Zimmer mit hastigen Schritten.

Bekannte Gestalten erschienen: Calvandi voran, Herr Arco Calvandi am Arm

einer Fischersfrau, die gleißenden Wogen, die brausenden Fluten, der

Fremde am Strand und die graue Tasche, ein trockener Knall, ein Fischer,

das Gewehr in der Faust, sprang in ein Boot und Armida rang die Hände am

Ufer. Pepy trat herzu, legte ihren Arm um die weinende Armida und küßte

ihr die Augen trocken, mit weichen glühenden Lippen. Wirbelnd kam der

Sturm über die grollenden Wasser getanzt ... dann war plötzlich alles

licht und heiter. Jappes griff sich an die Stirne: Leben, Leben,

blutigrotes, ich tanze mit den wirbelnden Fetzen!

Die Türe ging lautlos auf und Ida Telluren erschien, im Blick eine

hastige Frage: „Jappes, du darfst nicht allein bleiben. Gott! und der

Rauch, du rauchst ja wie ein Aragonier. Du bist so erregt, du darfst

dich nicht überreizen. Schone dich, Freund, die Nerven, die Nerven.“

Er drückte einen Kuß auf ihre Hand und in seiner Pupille stand ein

glühender Funken.

Fetzen · 第 69 / 82 题