Die Mystik ist eine
geschlechtliche Depravation, man
findet sie nur bei Enthaltsamen
oder bei Ausschweifenden.
Jappes wohnte bei Ida Telluren. Sie waren sich gegenseitig ihr Fall. Er
brauchte Ruhe und sie brauchte Leben. Sie wandelten die Nacht in Tag.
Seine Worte flossen in Ida Telluren wie ein Bächlein in den Sand floß.
Sie absorbierte seine hastige Rede und die drängenden Ideen. Die Nacht
verging im Flug in der Glut der glühenden Lichter. Ida Telluren lauschte
dem gesteigerten Leben, lauschte den fließenden Worten des Freundes.
Hörte die seltsamen Kämpfe, die Folge der unglaublichen Widersprüche,
horchte, horchte und horchte – ihre Seele trank von dem eilenden
Rhythmus, trank sich trunken an der lohenden Eile, an der eilenden Hast.
Trank den Becher zur Neige, den die schäumende Gegenwart reichte. Wie
die Wolken des Alltags zerstoben! Wo blieben die lästigen Sorgen der
irdischen Zeiten. Alles war Leben und nichts war Leben. Gesteigerte
Kräfte, die sich zur Höhe türmten. Oh! Ihr Freund war groß. Sie sah sein
Leben im Flug entgleiten, wie ein Spiel sah sie sein Leben entschweben.
Sie dachte: Jappes ist groß und lauschte den Worten, die wie glühende
Tropfen durch die Stille der Nacht gingen:
Leben! du Traum der unerlaubten Begierde. Gnade der Zeit! Sehnsucht der
Nächte in Stille gehüllt. Lauernde Gluten zur Trauer geworden. Bewegung,
die sich lärmend am Gestade der Nacht gebrochen. Weltflüchtige Begierde
im Kreisel erschöpft. Leben in tanzenden Fetzen, Leben in wirbelnder
Glut! Leben zum Wahnsinn gepeitscht, Leben, Leben, Leben, dreimal
heilig-rotes Leben! Lüge der Zeiten, die Blößen zu hüllen. Schauer der
Nacktheit in der Kühle der wallenden Nebel ... Ein Leuchtturm am Strand,
umbraust von den wiegenden Fluten; ein Boot, von der Kraft der Ruder
getrieben, zum Ziel, zum Turm, zur ewigen Leuchte. Der Leuchtturm wich
in die Ferne, die Sehnen erschlafften, und ein Sturm trieb das schwanke
Fahrzeug über Wirbel und Schlünde, dem Hafen entgegen, wo die Winde
schliefen, dem Strande entgegen, wo die Wasser leckten, die Schiffe
zerschellten ... Welt der pochenden Aengste, ewigwiederkehrende Fluten
der Zeiten. Träume der dämmernden Nächte, Nichtigkeit der fiebernden
Stunden. Hysterisches Bewußtsein der Größe der Welt, Rätsel des Kosmos
durch ewige Bahnen gelenkt, rotierender Wahnsinn der schöpferischen
Allmacht, Genie, in welchem Gott und Welt zum ewigen Zwecke
verschmolzen, Geister erlöst von der Schwere des Leibes, Odem von Gott
in den Dreck geblasen, zum Menschen erniedrigter göttlicher Hauch, Liebe
des brünstigen Fleisches zur Hymne gewandelt, Halleluja der singenden
Engel im ewigen Taumel der heischenden Freude erbebend. Selige Schauer!
Gieren nach Lust der dienenden Triebe. Vorstellung und Welt, die eine
der Pol, die andere die unendlich ferne Polare.
Mit der Nacht wuchs die Ferne, die Stille, und der Ernst trug die
leichten Gedanken zu Grabe. Ida Telluren hörte das Geheimnis, das von
den Lippen des Freundes floß, als draußen die Sterne in Gluten erbebten.
Hörte, wie Jappes geworden im Spiel der Kräfte, im blinden Vertrauen der
kühnen Gewalten. Staunte, daß er die Tage in Keuschheit verlebte, daß
seltsam-tierische Kräfte die zwingenden Kreise um sein irrendes Leben
zogen. Hörte die strenge Askese, die er in schwüler Umgebung übte, wie
entsagende Abtötung ihm Spiel und ohne sittliche Größe ward, ein aktives
Leben im Banne zynischen Widerstrebens, ein rätseltrunkener Geist, der
dem Leben die Lösungen nahm und tändelnd die eilenden Tage verfolgte.
War sein Leben nicht fremd? nur das Erbe vergangener Geschlechter: Liebe
und Haß und Freude und Trauer, die ewig starren Attribute
jahrtausendalter Seelen, die irgendwo im Leben standen, liebten, haßten,
frohlockend, in Trauer sterbend, – das schwanke Erbe ausgelebter Tage.
Das Bewußtsein war sein eigen, das Wissen um das Sein der angeerbten
Dinge, das Bewußtsein, daß sein Ich der Träger altererbter Güter sei.
Jappes beichtete der Tante den Inhalt der entschwundenen Tage, alles war
Umriß und Skizze, ein Nippen von allem in zäher Begierde, ein
zerstörendes Genießen, ein Hungern der Seele in der genußvollen Fülle.
Ihm fehlte die Kraft zur Lust und der Wille zur Freude, er war ein
entsagender Dränger, ohne Hoffnung, im Leben etwas für sich zu gewinnen,
kein Christ, kein Held und kein Sektierer moralischer Dogmen, er war,
wie er war, bei allem dabei, wie ein starres Idol ohne fühlende Seele,
ein Lachen zur Trauer, zur Freude ein skeptisches Grinsen. Ihm war
nichts genug für seine weite Begierde. Weshalb ging er den Weg durchs
Leben? Weshalb trat er die Erde geformt aus der Asche der Ahnen? Weshalb
trank er den Hauch der atmenden Menschen? Weshalb bot die Erde dem einen
so viel und weshalb war sie ihm so verschlossen? Sein Leben war reich an
Erfahrung, an Befriedigung arm. Er war zu allen bereit, zäh auf der
Suche, die Werte der Jahre zu finden. Auf seinem Weg lag die
Zwittergestalt des Lebens, der Zwitter befriedigter Gier und
enttäuschter Wünsche.
Jappes war die Straße gegangen, ohne daß sich der Zwitter regte.
Ueberblickte er die wachsenden Jahre, so sah er die indifferenten Blüten
der Lebensflora am Wege stehen: befriedigte Enttäuschung und enttäuschte
Befriedigung, Blumen, die man nicht liebt und nicht bricht, Blumen, die
nicht stören und weiterblühen; man möchte sie eben so lassen, weil es
Blumen des Lebens sind.
Das Gleichgewicht ist die lähmende Kraft, die das aktive Leben zur Ruhe
dämpft, zur nagend-kriechenden Ruhe.
Ida Telluren verstand den ganzen Sinn seiner Worte nicht. Auch die Worte
waren nur Skizzen und drängende Hast. Jappes sprach, wie Menschen reden,
wenn sie von intim-inneren Sachen erzählen, ein karges Wort, ein
bedeutungsvolles Zeichen – – –
Sie fühlte sein Wesen in mimosenhaft-mütterlicher Ahnung. Was war ihr
der Mann, der sein Leben erzählte? War er ihr Freund und noch mehr? War
er ihr mehr als ihr Kind, das ein Objekt ihrer Träume geblieben? Seine
Seele war Sehnsucht, wie ihre Seele, ein Bächlein zur großen fließenden
Sehnsucht. Und Ida Telluren fand manchmal den Weg der träumenden
Stunden, die wie schwebende Lichter die Jugend erhellten. Das
schüchterne Sehnen des knospenden Mädchens, in Purpur erglüht, sich mit
dem Ewiggeliebten des Geschlechtes zu einen. Sie fühlte die Trauer vom
ewigen Scheiden der schwebenden Sehnsucht im Raume der Liebe. Sie
erbebte vor der fahlen Oede ihrer abgeschlossenen Tage, die sie seit
jener Zeit verlebt, als ihr Geliebter den schattigen Pfad der sterbenden
Seelen betrat. Wie unendlich reicher wäre ihr Leben gewesen – sie
fühlte, wie ihre Gedanken dem Abgrund nahten – die Frucht ihres Lebens
war in der Blüte geblieben, sie ahnte, wie unendlich arm ihre lebhafte
Seele dem Sturze entgegenging. Sie fühlte die schmerzliche Wonne
ersterbender Liebe, die noch einmal im Fieber verklärter Bewußtheit
erzittert. Wie kam ihr die Kraft, die schmerzliche Liebe zu tragen, die
ersehnte Verheißung zu missen, der Lust zu entsagen, die zuweilen die
Seele durchwühlte? Sie stand am Friedhof ihrer kalten Tage und ließ die
lebendige Seele vom Hauche der Sehnsucht umwehen. Oh! schauertiefes
Leiden der Frau. Oh! trauerlebendiges Herz. Du kannst den Schmerz nicht
fassen, der in ewig-wiederkehrendem Rhythmus dein Blut durchkreist.
Einsam stehst du in der Nacht der fernen Geräusche und harrst der
Stunde, wo dir Erlösung wird. Du zählst nicht die Zeit, hast kein Maß
für die einsam-tiefen Stunden, du harrst in der Nacht, bis die Sehnsucht
stirbt im sengenden Odem des Geistes, der von Mitternacht über die
Gräber weht. Frau! dein Kanon ist Liebe, dein Priester der Traum und du
bist das Opfer der ewig-blutigen Rätsel.
Die Stille lag zwischen Jappes und Ida Telluren, lähmte die Zunge der
keimenden Worte. Ihre Seelen lagen im Zwiegespräch und vermählten
einander die wachsenden Gefühle der Einsamkeit. Draußen streute die
Nacht die Ruhe und von ferne kam der junge Tag mit blutiger Lanze, die
Träume zu scheuchen. Ihre Seelen griffen ineinander und ließen die Liebe
werden, die Liebe der verbotenen Geschlechter. Tante Telluren erstickte
ihre Trauer in einem Kuß auf Jappes’ Stirn. Er erhob sich mit
elastischem Sprung und küßte der Tante die perlende Wimper.
„Tante, ich bin ein Flegel mit sanften Pfoten.“
Sprach’s und ging auf sein Zimmer.