DREIUNDVIERZIGSTES KAPITEL

Die Mystik ist eine

geschlechtliche Depravation, man

findet sie nur bei Enthaltsamen

oder bei Ausschweifenden.

Jappes wohnte bei Ida Telluren. Sie waren sich gegenseitig ihr Fall. Er

brauchte Ruhe und sie brauchte Leben. Sie wandelten die Nacht in Tag.

Seine Worte flossen in Ida Telluren wie ein Bächlein in den Sand floß.

Sie absorbierte seine hastige Rede und die drängenden Ideen. Die Nacht

verging im Flug in der Glut der glühenden Lichter. Ida Telluren lauschte

dem gesteigerten Leben, lauschte den fließenden Worten des Freundes.

Hörte die seltsamen Kämpfe, die Folge der unglaublichen Widersprüche,

horchte, horchte und horchte – ihre Seele trank von dem eilenden

Rhythmus, trank sich trunken an der lohenden Eile, an der eilenden Hast.

Trank den Becher zur Neige, den die schäumende Gegenwart reichte. Wie

die Wolken des Alltags zerstoben! Wo blieben die lästigen Sorgen der

irdischen Zeiten. Alles war Leben und nichts war Leben. Gesteigerte

Kräfte, die sich zur Höhe türmten. Oh! Ihr Freund war groß. Sie sah sein

Leben im Flug entgleiten, wie ein Spiel sah sie sein Leben entschweben.

Sie dachte: Jappes ist groß und lauschte den Worten, die wie glühende

Tropfen durch die Stille der Nacht gingen:

Leben! du Traum der unerlaubten Begierde. Gnade der Zeit! Sehnsucht der

Nächte in Stille gehüllt. Lauernde Gluten zur Trauer geworden. Bewegung,

die sich lärmend am Gestade der Nacht gebrochen. Weltflüchtige Begierde

im Kreisel erschöpft. Leben in tanzenden Fetzen, Leben in wirbelnder

Glut! Leben zum Wahnsinn gepeitscht, Leben, Leben, Leben, dreimal

heilig-rotes Leben! Lüge der Zeiten, die Blößen zu hüllen. Schauer der

Nacktheit in der Kühle der wallenden Nebel ... Ein Leuchtturm am Strand,

umbraust von den wiegenden Fluten; ein Boot, von der Kraft der Ruder

getrieben, zum Ziel, zum Turm, zur ewigen Leuchte. Der Leuchtturm wich

in die Ferne, die Sehnen erschlafften, und ein Sturm trieb das schwanke

Fahrzeug über Wirbel und Schlünde, dem Hafen entgegen, wo die Winde

schliefen, dem Strande entgegen, wo die Wasser leckten, die Schiffe

zerschellten ... Welt der pochenden Aengste, ewigwiederkehrende Fluten

der Zeiten. Träume der dämmernden Nächte, Nichtigkeit der fiebernden

Stunden. Hysterisches Bewußtsein der Größe der Welt, Rätsel des Kosmos

durch ewige Bahnen gelenkt, rotierender Wahnsinn der schöpferischen

Allmacht, Genie, in welchem Gott und Welt zum ewigen Zwecke

verschmolzen, Geister erlöst von der Schwere des Leibes, Odem von Gott

in den Dreck geblasen, zum Menschen erniedrigter göttlicher Hauch, Liebe

des brünstigen Fleisches zur Hymne gewandelt, Halleluja der singenden

Engel im ewigen Taumel der heischenden Freude erbebend. Selige Schauer!

Gieren nach Lust der dienenden Triebe. Vorstellung und Welt, die eine

der Pol, die andere die unendlich ferne Polare.

Mit der Nacht wuchs die Ferne, die Stille, und der Ernst trug die

leichten Gedanken zu Grabe. Ida Telluren hörte das Geheimnis, das von

den Lippen des Freundes floß, als draußen die Sterne in Gluten erbebten.

Hörte, wie Jappes geworden im Spiel der Kräfte, im blinden Vertrauen der

kühnen Gewalten. Staunte, daß er die Tage in Keuschheit verlebte, daß

seltsam-tierische Kräfte die zwingenden Kreise um sein irrendes Leben

zogen. Hörte die strenge Askese, die er in schwüler Umgebung übte, wie

entsagende Abtötung ihm Spiel und ohne sittliche Größe ward, ein aktives

Leben im Banne zynischen Widerstrebens, ein rätseltrunkener Geist, der

dem Leben die Lösungen nahm und tändelnd die eilenden Tage verfolgte.

War sein Leben nicht fremd? nur das Erbe vergangener Geschlechter: Liebe

und Haß und Freude und Trauer, die ewig starren Attribute

jahrtausendalter Seelen, die irgendwo im Leben standen, liebten, haßten,

frohlockend, in Trauer sterbend, – das schwanke Erbe ausgelebter Tage.

Das Bewußtsein war sein eigen, das Wissen um das Sein der angeerbten

Dinge, das Bewußtsein, daß sein Ich der Träger altererbter Güter sei.

Jappes beichtete der Tante den Inhalt der entschwundenen Tage, alles war

Umriß und Skizze, ein Nippen von allem in zäher Begierde, ein

zerstörendes Genießen, ein Hungern der Seele in der genußvollen Fülle.

Ihm fehlte die Kraft zur Lust und der Wille zur Freude, er war ein

entsagender Dränger, ohne Hoffnung, im Leben etwas für sich zu gewinnen,

kein Christ, kein Held und kein Sektierer moralischer Dogmen, er war,

wie er war, bei allem dabei, wie ein starres Idol ohne fühlende Seele,

ein Lachen zur Trauer, zur Freude ein skeptisches Grinsen. Ihm war

nichts genug für seine weite Begierde. Weshalb ging er den Weg durchs

Leben? Weshalb trat er die Erde geformt aus der Asche der Ahnen? Weshalb

trank er den Hauch der atmenden Menschen? Weshalb bot die Erde dem einen

so viel und weshalb war sie ihm so verschlossen? Sein Leben war reich an

Erfahrung, an Befriedigung arm. Er war zu allen bereit, zäh auf der

Suche, die Werte der Jahre zu finden. Auf seinem Weg lag die

Zwittergestalt des Lebens, der Zwitter befriedigter Gier und

enttäuschter Wünsche.

Jappes war die Straße gegangen, ohne daß sich der Zwitter regte.

Ueberblickte er die wachsenden Jahre, so sah er die indifferenten Blüten

der Lebensflora am Wege stehen: befriedigte Enttäuschung und enttäuschte

Befriedigung, Blumen, die man nicht liebt und nicht bricht, Blumen, die

nicht stören und weiterblühen; man möchte sie eben so lassen, weil es

Blumen des Lebens sind.

Das Gleichgewicht ist die lähmende Kraft, die das aktive Leben zur Ruhe

dämpft, zur nagend-kriechenden Ruhe.

Ida Telluren verstand den ganzen Sinn seiner Worte nicht. Auch die Worte

waren nur Skizzen und drängende Hast. Jappes sprach, wie Menschen reden,

wenn sie von intim-inneren Sachen erzählen, ein karges Wort, ein

bedeutungsvolles Zeichen – – –

Sie fühlte sein Wesen in mimosenhaft-mütterlicher Ahnung. Was war ihr

der Mann, der sein Leben erzählte? War er ihr Freund und noch mehr? War

er ihr mehr als ihr Kind, das ein Objekt ihrer Träume geblieben? Seine

Seele war Sehnsucht, wie ihre Seele, ein Bächlein zur großen fließenden

Sehnsucht. Und Ida Telluren fand manchmal den Weg der träumenden

Stunden, die wie schwebende Lichter die Jugend erhellten. Das

schüchterne Sehnen des knospenden Mädchens, in Purpur erglüht, sich mit

dem Ewiggeliebten des Geschlechtes zu einen. Sie fühlte die Trauer vom

ewigen Scheiden der schwebenden Sehnsucht im Raume der Liebe. Sie

erbebte vor der fahlen Oede ihrer abgeschlossenen Tage, die sie seit

jener Zeit verlebt, als ihr Geliebter den schattigen Pfad der sterbenden

Seelen betrat. Wie unendlich reicher wäre ihr Leben gewesen – sie

fühlte, wie ihre Gedanken dem Abgrund nahten – die Frucht ihres Lebens

war in der Blüte geblieben, sie ahnte, wie unendlich arm ihre lebhafte

Seele dem Sturze entgegenging. Sie fühlte die schmerzliche Wonne

ersterbender Liebe, die noch einmal im Fieber verklärter Bewußtheit

erzittert. Wie kam ihr die Kraft, die schmerzliche Liebe zu tragen, die

ersehnte Verheißung zu missen, der Lust zu entsagen, die zuweilen die

Seele durchwühlte? Sie stand am Friedhof ihrer kalten Tage und ließ die

lebendige Seele vom Hauche der Sehnsucht umwehen. Oh! schauertiefes

Leiden der Frau. Oh! trauerlebendiges Herz. Du kannst den Schmerz nicht

fassen, der in ewig-wiederkehrendem Rhythmus dein Blut durchkreist.

Einsam stehst du in der Nacht der fernen Geräusche und harrst der

Stunde, wo dir Erlösung wird. Du zählst nicht die Zeit, hast kein Maß

für die einsam-tiefen Stunden, du harrst in der Nacht, bis die Sehnsucht

stirbt im sengenden Odem des Geistes, der von Mitternacht über die

Gräber weht. Frau! dein Kanon ist Liebe, dein Priester der Traum und du

bist das Opfer der ewig-blutigen Rätsel.

Die Stille lag zwischen Jappes und Ida Telluren, lähmte die Zunge der

keimenden Worte. Ihre Seelen lagen im Zwiegespräch und vermählten

einander die wachsenden Gefühle der Einsamkeit. Draußen streute die

Nacht die Ruhe und von ferne kam der junge Tag mit blutiger Lanze, die

Träume zu scheuchen. Ihre Seelen griffen ineinander und ließen die Liebe

werden, die Liebe der verbotenen Geschlechter. Tante Telluren erstickte

ihre Trauer in einem Kuß auf Jappes’ Stirn. Er erhob sich mit

elastischem Sprung und küßte der Tante die perlende Wimper.

„Tante, ich bin ein Flegel mit sanften Pfoten.“

Sprach’s und ging auf sein Zimmer.

Fetzen · 第 70 / 82 题