Die Gesetze der fallenden Wasser
schließen die Wirbel nicht aus.
Professor Günther erwartete Pepy mit unruhiger Begierde. Ging im Atelier
hin und wider, dachte an den weichen Fluß ihrer Glieder, an ihre
quellende Ueppigkeit, fühlte die wohlige Nähe ihrer sprießenden
Jugendlichkeit. Strich sich mit sieghafter Gebärde über die Glatze: Ja,
sie war sein geworden. Sie hatte ihn begehrt, ihn, den alten Knaben,
sie, die wogende Jugend. Sie würde noch oft kommen, immer, ihr blutiges
Erstlingsopfer unblutig erneuern. Er wühlte sich in die Vergangenheit.
Mit wollüstiger Inbrunst dachte er an die Freundin, die ihn in Jugend
hatte aufleben lassen.
Ein hastiger Klingelzug riß ihn aus seiner Träumerei. Pepy stand an der
Tür, reichte Professor Günther die Hand und trat zaghaft ein. Sie fühlte
sich unfrei in diesem Tempel ihrer Schuld. Was lockte sie in dieses
Haus, wo sie das Opfer ihrer Nacktheit gebracht hatte? Wie unruhig war
sie seit jenem ersten Abend gewesen. Wie konnte die Besorgnis sie
foltern, die Sorge um ein Kind? Hatte sie den Verführer nicht in der
leidenschaftlichen Hingabe begehrt! Hatte sie die Sünde nicht
aufgesucht! War sie nicht selbst verantwortlich für den Verlust ihrer
Unschuld! Wie ungeheuer erhob sich die Anklage: Dirne, in den Armen
eines verheirateten Mannes! Buhlerin um die eitle Gunst deines
geschmeichelten Ehrgeizes! Was für ein Opfer hast du gebracht, um vom
betäubenden Weihrauch des Ruhmes zu riechen! O Schmach deines Leibes! O
Fluch deinem Verhängnis. Umsonst die Tränen, welche die Gewalten des
Blutes bändigen sollten. Die erschlaffende Leere nach jener Nacht, die
verlorene Mädchenehre und als Entgelt die düstere Schmach der
verhängnisvollsten Verworfenheit. Nein! es konnte nicht sein, alles war
Einbildung. Ein Kind von Professor Günther, unmöglich! nie würde sie
wieder zu ihm gehen, nie, nie wieder. Pepy wagte nicht aufzuschauen.
„Gehen wir spazieren,“ bat sie, „den ganzen Tag habe ich gearbeitet und
möchte ein wenig ins Freie.“
Günther überlegte eine Weile: „Gut, gehen wir in den Englischen Garten,
hinaus nach der Isar.“
Am Brunnhaus saßen sie am künstlichen Wasserfall. Das Rauschen umspülte
die Ohren. Das seltsame Rauschen der fallenden Wasser. Weiden standen,
nickend übers Wasser gebeugt, und der Wind raunte in den schattigen
Bäumen. Günther nahm Pepys Hand. So saßen sie umkost von den rauschenden
Wassern.
„Wir taten unrecht,“ flüsterte sie. Er blieb stumm und drückte einen Kuß
auf ihre Hand. War das eine Antwort? eine Entschuldigung? eine Anklage?
oder war es ein Ausweichen? Das zischende Quirlen der schäumenden Wasser
riß die Antworten im Wirbel mit. Pepys Hand lag schlaff in der seinen,
so zag, so weich, so versonnen. Günther steckte diese Ermattung an. Er
kapitulierte vor der geschlechtlichen Geschlossenheit des Mädchens,
dessen Sinne sich gegen den Mann wandten, dessen Gefühl aber noch auf
seiner Seite war. Erhabenes Wunder der Mädchenliebe! Das Opfer der
Nacktheit bleibt immer rein vom Makel des Hasses. Die Liebe verklärt
jene erste Stunde zum Bild, zum gesteigerten Erlebnis. Geheimnisvolle
Macht der Hingebung, der ersten Offenbarung, der hoffenden Erfüllung!
Die Kontraste türmten sich in Pepy. Hier Liebe, dort Schmach. Hier
Leben, dort Schande!
Jeder würde um ihre Tat wissen, ihr Kind würde unehelich sein. Sie
dachte an Jappes: „Die in der Gemeinschaft der Begierde Gezeugten sind
nicht unehelich!“ Taten nicht tausend dasselbe in der Ehe im liziten
Verhältnis der gemeinsamen Zeugung! Die Gesellschaft würde sie
verurteilen, wie sie jede Ausnahme verurteilt, die kurzsichtige
Gesellschaft mit der Massenmoral, mit ihren Massenbegierden. Ihr Leben
flackerte auf in greller Einsamkeit – ihre Mutter! – Was war ihr jene
unglückselige Stunde gewesen, der sie mit verhaltener Empörung fluchte?
Ein schauervoller Schmerz, ein schmerzlicher Schauer. Das Warten auf die
Entscheidung würde nur graue neblige Qual sein, manchmal durchzuckt vom
grellen Schein der Lust, der ersten gesteigerten Lust. Und die Geburt
würde Qual sein, eine markzerreißende, erschütternde Qual. Drunten
quirlten die schäumenden Fluten und lockten, lockten ... lockten ein
Leben und zwei.
Günther hielt die tote Hand, verlor den Kontakt mit den Instinkten des
Mädchens, brütete starr vor sich hin, ohnmächtig im Kampf gegen die
Natur der Dinge. „Wir taten unrecht?“ ... dazu die grollenden Durakkorde
der fallenden Wasser. Die Oede berührte ihn mit den saugenden Händen der
Leere. Die Ueberlegung lähmte seine Empfindung. Fort von der narrenden
Fratze der Sorge! Er dachte an ein Gespräch mit Pepy: „Die Tochter des
Malers Geraldo ist verdammt, den Weg ihrer Mutter zu gehen. Von Schuld
kann man nicht reden und Sühne kann niemand verlangen. Das Rätsel der
Vererbung der sittlichen Schuld ...“ Wer war dieses Mädchen, das seine
Gier des Geschlechtes wieder aufgeweckt hatte? War sie vielleicht eine
Uneheliche wie Geraldos Tochter? War sie in ihm zum Verhängnis gereift?
Er durfte keine Schuld an Pepy haben, er, der starke Mann der
Seelenleben. Könnte er nicht eine Unschuld schaffen, wie er die Schuld
erschuf? Konnte er Pepy nicht verleugnen? Sie erneut in seinen Bann
zwingen? „Nur sittliche Kräfte können der sittlichen Schuld begegnen ...
Die sittlichste Rechtfertigung ist, die Schuld durch Ueberredung des
Geistes zu tilgen durch Abstraktion von der Wirklichkeit.“ Wie bequem,
von der Wirklichkeit zu abstrahieren. Ein leichtes, wenn Jappes nicht
wäre, der Hitzkopf, der brutale Draufgänger.
„Haben Sie Nachrichten von Ihrem Freunde Jappes?“ fragte er forschend.
Pepy erbebte. Großer Gott! Jappes? Sie dachte an Golliwog und die
glückdurchbebten Tage in seiner vulkanischen Nähe: „Er ist in Stuttgart.
Es geht ihm gut, ich habe viele Briefe erhalten aus Berlin, vom Meer.
Jappes ist der beste.“
„Wann fahren Sie in die Ferien zu Ihren Eltern?“
Ein jäher Aufschrei der marterdurchzuckten Seele, ein schriller Schrei
durch die Nacht: „Geraldo!“ Pepy lag erschlafft an Günthers Arm gelehnt,
kein Laut, kein Schluchzen, kein Atemzug. In Günther tanzten die
Gespenster den verwirrenden Reigen und drunten quirlten die schäumenden
Fluten und lockten, lockten ... lockten ein Leben und zwei – – – und
lockten ein drittes.