EINUNDVIERZIGSTES KAPITEL

Die Gesetze der fallenden Wasser

schließen die Wirbel nicht aus.

Professor Günther erwartete Pepy mit unruhiger Begierde. Ging im Atelier

hin und wider, dachte an den weichen Fluß ihrer Glieder, an ihre

quellende Ueppigkeit, fühlte die wohlige Nähe ihrer sprießenden

Jugendlichkeit. Strich sich mit sieghafter Gebärde über die Glatze: Ja,

sie war sein geworden. Sie hatte ihn begehrt, ihn, den alten Knaben,

sie, die wogende Jugend. Sie würde noch oft kommen, immer, ihr blutiges

Erstlingsopfer unblutig erneuern. Er wühlte sich in die Vergangenheit.

Mit wollüstiger Inbrunst dachte er an die Freundin, die ihn in Jugend

hatte aufleben lassen.

Ein hastiger Klingelzug riß ihn aus seiner Träumerei. Pepy stand an der

Tür, reichte Professor Günther die Hand und trat zaghaft ein. Sie fühlte

sich unfrei in diesem Tempel ihrer Schuld. Was lockte sie in dieses

Haus, wo sie das Opfer ihrer Nacktheit gebracht hatte? Wie unruhig war

sie seit jenem ersten Abend gewesen. Wie konnte die Besorgnis sie

foltern, die Sorge um ein Kind? Hatte sie den Verführer nicht in der

leidenschaftlichen Hingabe begehrt! Hatte sie die Sünde nicht

aufgesucht! War sie nicht selbst verantwortlich für den Verlust ihrer

Unschuld! Wie ungeheuer erhob sich die Anklage: Dirne, in den Armen

eines verheirateten Mannes! Buhlerin um die eitle Gunst deines

geschmeichelten Ehrgeizes! Was für ein Opfer hast du gebracht, um vom

betäubenden Weihrauch des Ruhmes zu riechen! O Schmach deines Leibes! O

Fluch deinem Verhängnis. Umsonst die Tränen, welche die Gewalten des

Blutes bändigen sollten. Die erschlaffende Leere nach jener Nacht, die

verlorene Mädchenehre und als Entgelt die düstere Schmach der

verhängnisvollsten Verworfenheit. Nein! es konnte nicht sein, alles war

Einbildung. Ein Kind von Professor Günther, unmöglich! nie würde sie

wieder zu ihm gehen, nie, nie wieder. Pepy wagte nicht aufzuschauen.

„Gehen wir spazieren,“ bat sie, „den ganzen Tag habe ich gearbeitet und

möchte ein wenig ins Freie.“

Günther überlegte eine Weile: „Gut, gehen wir in den Englischen Garten,

hinaus nach der Isar.“

Am Brunnhaus saßen sie am künstlichen Wasserfall. Das Rauschen umspülte

die Ohren. Das seltsame Rauschen der fallenden Wasser. Weiden standen,

nickend übers Wasser gebeugt, und der Wind raunte in den schattigen

Bäumen. Günther nahm Pepys Hand. So saßen sie umkost von den rauschenden

Wassern.

„Wir taten unrecht,“ flüsterte sie. Er blieb stumm und drückte einen Kuß

auf ihre Hand. War das eine Antwort? eine Entschuldigung? eine Anklage?

oder war es ein Ausweichen? Das zischende Quirlen der schäumenden Wasser

riß die Antworten im Wirbel mit. Pepys Hand lag schlaff in der seinen,

so zag, so weich, so versonnen. Günther steckte diese Ermattung an. Er

kapitulierte vor der geschlechtlichen Geschlossenheit des Mädchens,

dessen Sinne sich gegen den Mann wandten, dessen Gefühl aber noch auf

seiner Seite war. Erhabenes Wunder der Mädchenliebe! Das Opfer der

Nacktheit bleibt immer rein vom Makel des Hasses. Die Liebe verklärt

jene erste Stunde zum Bild, zum gesteigerten Erlebnis. Geheimnisvolle

Macht der Hingebung, der ersten Offenbarung, der hoffenden Erfüllung!

Die Kontraste türmten sich in Pepy. Hier Liebe, dort Schmach. Hier

Leben, dort Schande!

Jeder würde um ihre Tat wissen, ihr Kind würde unehelich sein. Sie

dachte an Jappes: „Die in der Gemeinschaft der Begierde Gezeugten sind

nicht unehelich!“ Taten nicht tausend dasselbe in der Ehe im liziten

Verhältnis der gemeinsamen Zeugung! Die Gesellschaft würde sie

verurteilen, wie sie jede Ausnahme verurteilt, die kurzsichtige

Gesellschaft mit der Massenmoral, mit ihren Massenbegierden. Ihr Leben

flackerte auf in greller Einsamkeit – ihre Mutter! – Was war ihr jene

unglückselige Stunde gewesen, der sie mit verhaltener Empörung fluchte?

Ein schauervoller Schmerz, ein schmerzlicher Schauer. Das Warten auf die

Entscheidung würde nur graue neblige Qual sein, manchmal durchzuckt vom

grellen Schein der Lust, der ersten gesteigerten Lust. Und die Geburt

würde Qual sein, eine markzerreißende, erschütternde Qual. Drunten

quirlten die schäumenden Fluten und lockten, lockten ... lockten ein

Leben und zwei.

Günther hielt die tote Hand, verlor den Kontakt mit den Instinkten des

Mädchens, brütete starr vor sich hin, ohnmächtig im Kampf gegen die

Natur der Dinge. „Wir taten unrecht?“ ... dazu die grollenden Durakkorde

der fallenden Wasser. Die Oede berührte ihn mit den saugenden Händen der

Leere. Die Ueberlegung lähmte seine Empfindung. Fort von der narrenden

Fratze der Sorge! Er dachte an ein Gespräch mit Pepy: „Die Tochter des

Malers Geraldo ist verdammt, den Weg ihrer Mutter zu gehen. Von Schuld

kann man nicht reden und Sühne kann niemand verlangen. Das Rätsel der

Vererbung der sittlichen Schuld ...“ Wer war dieses Mädchen, das seine

Gier des Geschlechtes wieder aufgeweckt hatte? War sie vielleicht eine

Uneheliche wie Geraldos Tochter? War sie in ihm zum Verhängnis gereift?

Er durfte keine Schuld an Pepy haben, er, der starke Mann der

Seelenleben. Könnte er nicht eine Unschuld schaffen, wie er die Schuld

erschuf? Konnte er Pepy nicht verleugnen? Sie erneut in seinen Bann

zwingen? „Nur sittliche Kräfte können der sittlichen Schuld begegnen ...

Die sittlichste Rechtfertigung ist, die Schuld durch Ueberredung des

Geistes zu tilgen durch Abstraktion von der Wirklichkeit.“ Wie bequem,

von der Wirklichkeit zu abstrahieren. Ein leichtes, wenn Jappes nicht

wäre, der Hitzkopf, der brutale Draufgänger.

„Haben Sie Nachrichten von Ihrem Freunde Jappes?“ fragte er forschend.

Pepy erbebte. Großer Gott! Jappes? Sie dachte an Golliwog und die

glückdurchbebten Tage in seiner vulkanischen Nähe: „Er ist in Stuttgart.

Es geht ihm gut, ich habe viele Briefe erhalten aus Berlin, vom Meer.

Jappes ist der beste.“

„Wann fahren Sie in die Ferien zu Ihren Eltern?“

Ein jäher Aufschrei der marterdurchzuckten Seele, ein schriller Schrei

durch die Nacht: „Geraldo!“ Pepy lag erschlafft an Günthers Arm gelehnt,

kein Laut, kein Schluchzen, kein Atemzug. In Günther tanzten die

Gespenster den verwirrenden Reigen und drunten quirlten die schäumenden

Fluten und lockten, lockten ... lockten ein Leben und zwei – – – und

lockten ein drittes.

Fetzen · 第 68 / 82 题