Die Rezensenten sind Organe, und
der gute Ton gebietet, daß man
gewisse Organe nur mit dem
Anfangsbuchstaben andeutet. Hier
ist er zufällig A.
In Tempelhof war Abendunterhaltung. Bewegliche Damen in hauchiger
Toilette, Blumen, Gekicher, Sorbet, Wein, Liköre und Protz. Die Zimmer
reich ausgestattet, halb modern, halb orientalischer Stil. Teppiche,
Kissen und kostbares Pelzwerk. Ambraduft im molligen Retirado der Damen.
Auch die Galane hatten Zutritt, wenn sie nicht rauchten.
Am Abend wurde wenig geraucht.
Geladene Gäste und Freunde des Hauses. Der dicke Winterstein, die
Ursache des Reichtums, seine panachierte Gattin, Henny, die Tochter, die
knospende Fülle der bräutlichen Flavia. Jappes, der Bummler, der Musiker
Friedrich Wilhelm Berendtsen, Doktor Nepomuk Keupe, der Bräutigam der
holdumstrickten Flavia und andere verschwindend kleine Größen zweiter
und dritter Ordnung. Bediente hasteten wie Ordonanzen im Hauptquartier.
Doktor Nepomuk Keupe schrieb die Waschzettel bei Scherl für
Nikolausbücher. Er war durch Ullstein gegangen. Er hatte viel Gutes
getan und manch armes Geschreibsel mit den wärmenden Worten bezahlter
Anerkennung bekleidet. Aber in den Büchern war noch allzuviel armselige
Nacktheit unbekleidet geblieben. Er führte die Unterhaltung bei den
Damen, sprach ihnen über die polizeiliche Notwendigkeit der Kritik: „Die
Kritiker sind die Regulatoren der Moral, die Gegengifte der
Schamlosigkeit und der Frivolität. Gegen angemessene Bezahlung wissen
sie die Frivolität in Unflätigkeit umzumodeln, die Schamlosigkeit in
Würdelosigkeit. Die Kritiker sanieren die ethische Begriffsverwirrung
des Volkes, sie stellen die geistige Hausapotheke mit den genießbaren
Mixtürchen zusammen, versenden die anregenden Baldriantropfen gegen die
Ohnmacht lasziver Versumpfung, machen das Publikum gefeit gegen das
große Gift sittlicher Perversität, durch Verabreichung des schleichenden
Giftes in erprobter Dosis. Deshalb schufen die Verleger die
verantwortungsvollen Posten der Rezensenten, welche der Nacktheit
wenigstens eine Schwimmhose überziehen.
Der Kampf gegen die Unmoral ist auf der ganzen Linie entbrannt, wenn die
Kritiker auch das letzte Mittel noch nicht gefunden haben, die Nacktheit
wirksam zu bekämpfen. Der Kampf gegen die Bekämpfer der Konvention ist
eingeleitet. Die Kritik ist sich ihrer kulturellen Verpflichtung bewußt,
sie tritt ein für eine höhere Geistigkeit, auf ihrem Banner weht das
Motto des gesteigerten Ethos. Gebrandmarkt! die an der bestehenden
Ordnung rütteln, gebrandmarkt! welche die Anarchie der Empfindung
predigen, gebrandmarkt! die mit den heiligsten Gefühlen spielen, die mit
unersättlicher Ironie und gleißendem Witz das Intimste persifflieren,
die Heines der modernsten Salons, die ihre Federn an den obszönsten
Mätzchen wetzen. Dreimal Pfui! den schamlosen Vaterlandsverrätern,
welche, in fremdem Sold, das Teuerste ihres Volkes, wie eine Kurtisane
auf der Straße ihre Reize, feilbieten. Pfui und Elend dem eklen
Geschmeiß, das wie Heine die edelsten Triebe in der Pfütze der Zote
schleift. Pfui! Pfui! Pfui!“
Die Damen horchten der sittlichen Entrüstung, die sich wie ein
Donnerwetter aus der schwül-gespannten Atmosphäre des Doktors entlud.
Die Dramatik der polternden Verdammungsrede hatte die Damen
eingeschüchtert. Doktor Nepomuk Keupe stand wie der wetternde Moses, der
in seinem heiligen Zorn die Gesetzestafeln vor den umtanzten goldenen
Kalbsfüßen zerschellte. Jappes hörte mit lächelnder Aufmerksamkeit zu,
wie der zähe Jude Heine heruntergerissen wurde, wie der Doktor sich ins
weiche Pyjama moralisierender Stoffe drapierte, um seine abscheuliche
Nacktheit zu bedecken. Er trat näher zu dem witzigen Köter, der mit
sittlichem Gebelle in der Nacht seiner Verworrenheit den guten Mond
Heine ankläffte. Horchte den holprigen Dithyramben, die er auf das Lob
des Judenfressers und Ueberjuden Bartels sang, weil er Heinrich Heine
den letzten Tritt versetzt und ihn mit kluger Umständlichkeit hinter die
spanische Wand gebettet habe. Lauschte den literarischen Mätzchen des
kritischen Urteilsbeamten, der die Schablone zum Symbol erhob, der an
literarhistorischen Expektorationen litt, welcher zufälliges Genie vom
armseligen Postament bürgerlicher Unzulänglichkeit beurteilte.
Jappes trat zu der Gruppe: „Sie gestatten,“ er stellte sich vor: „Jappes
Paul.“
„Doktor Nepomuk Keupe.“
„Wenn Sie so viele Jahre Universität hinter sich hätten wie ich, wären
Sie nicht mehr so klug,“ wandte sich Jappes an Doktor Keupe. „Sie haben
das Lob der Kritik gesungen. Entschuldigen Sie, wenn ich mich eines
Lächelns nicht erwehren konnte. Das klang alles zu hanebüchen, zu
geschraubt. Ueberall gibt es Pharisäer und Schriftgelehrte, die den
Heiland der Wahrheit kreuzigen. Glauben Sie nicht, daß Heine nach dem
ewigen Gesetz der Kausalität geworden ist, nach dem unwandelbaren
Prinzip der Genialität? Sie sprechen ihm Würde ab. Konnte er als
Notleidender würdevoll sein? War es nicht sein gutes Recht, die
Talmiwerte der Kultur zu verstoßen? aber in den Goldkammern hat er nicht
geplündert, wie die zivile Clique der gedungenen Häscher der
Gesellschaft. Die stinkige Jauche, die aus den verschrobenen
Gehirnwindungen des Literarhistorikers Bartels floß, hat die Asche
Heines nicht besudelt. Er hat Heine den Eselstritt gegeben. Heine hat
den Tritt erhalten und uns Sterblichen blieb der Esel zurück.
Es gibt nur eines zu beweisen: Daß Heine Deutscher war. Hat jemand
Schöneres und Tieferes aus der sehnsuchtkranken tiefen deutschen Seele
geholt als der Dichter der trauerliebenden Lieder? Weshalb wollt ihr
kriechenden Verleumder beweisen, daß Heine schlecht war! Zweifelt ihr
nicht selbst an der Wahrhaftigkeit des Urteils? Wie könntet ihr sonst
beweisen wollen! Weshalb sucht ihr die Läuse des großen Meisters zu
fangen? Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, eine solche Laus ist
erhabener als ihr, denn sie hat vom lebendigen Safte des Dichters
gesogen, derweil ihr euch am Aas genugtun müßt, Leichentöter,
Leichenschänder! Heine war sittlicher denn ihr. Seine Selbstanalyse,
seine Selbstironie war seine Beichte und seine Buße. Seinen Leichnam
habt ihr für Gold verkauft. Schacher habt _ihr_ getrieben mit den
Gefühlen eures Volkes.
Treitschke verurteilt Heine, weil dem Dichter der historische Sinn
abgeht. Sollen wir Treitschke verurteilen, weil ihm der lyrische Sinn
fehlt?
Heine war das unendlich gute Enfant terrible der Literatur, die
grollend-fluchende Güte. Es ist keine Vermessenheit, Heine mit dem
alttestamentlichen Gotte zu vergleichen, mit dem ewig fluchenden,
verwünschenden, zermalmenden Urwesen, das die Erde trotzdem nicht auf
die rotierenden Gestirne prallen läßt, selbst wenn die Zornesader auf
der göttlichen Stirne zum Platzen schwillt. Hättet ihr Heine verstanden,
ihr steifen Zwerchfellträger, wie unendlich feiner könntet ihr eure
Tartüfferie zum Dogma absoluter Glaubwürdigkeit ausgeben. Weshalb rührt
ihr beständig in der Odelgrube, wenn der Gestank euch so verhaßt ist?“
Jappes stieß einen Luchspelz mit dem Fuß: „Man sollte sich schämen, im
Kragen über solche Dinge zu reden. Die Sorte Leute kommt mir wunderlich
vor. Wie ein Mensch, der ein Schloß sieht und nur über dessen W.C.s
redet, die sicherlich sehr nützliche Institute sind und in besonderen
Nöten alle Achtung verdienen. Lesen Sie Heines Lieder und die Wunder
seiner Prosa und lesen Sie ein paar Seiten gehässiger Polemik im Stile
Bartels ... Na! dann haben Sie das Schloß und die W.C. Die Leute haben
recht, so zu urteilen, aber sie sollten ihren Unrat in aller Stille
umrühren, wenn der ahnungslose Bürger friedlich schlummert!“
Herr Doktor Nepomuk Keupe reichte Jappes die Hand: „Sie ereifern sich,
mein Herr, die Auffassung Barthels’ ist durchaus nicht meine Meinung.
Sie haben recht, die unsaubersten Handwerke verhelfen am schnellsten zur
Pinke. Das Pamphlet Bartels ist eine Verquickung von Augendienerei und
Patriotismus in verschrumpelter Form. Bartels beißt den Heinekenner
heraus, er ist nur eine notwendige Verwesungserscheinung des lyrischen
Leichnams.“
Die Damen atmeten auf, als das Gespräch die abschüssige Kurve
gefährlicher Reibereien passiert hatte und in der flachen Bahn des
gegenseitigen Ausgleichs weiterrollte. Jappes verglich die Kritiker mit
Spinnen, die ihre Netze ausspannen und auf ein neues Werk lauern, um es
auszusaugen, wenn es klein genug ist, um die Maschen nicht zu zerreißen.
Er bewunderte die Unermüdlichkeit der literarhistorischen Spinnen, die
mit seltsamer Ausdauer ihre Netze immer wieder neu weben, wenn ein zu
großes Tier achtlos durch ihre Netze jagte.
„Ihre Vergleiche sind entzückend,“ sagte die besorgte Flavia, „sie sind
von seltener Treffsicherheit. Sie können so weitermachen, Herr Jappes,“
fügte sie in freundschaftlichem Tone hinzu.
„Meine Gnädigste,“ wandte sich Jappes an Flavia, „die besten Vergleiche
sind die, welche man nicht macht. Würden die Dummköpfe das Gegenteil von
dem sagen, was sie denken, sie würden die Welt in Staunen setzen.“ Ein
Ventilator zischte am Fenster: „So wird man immer ausgepumpt von den
vielen unsichtbaren Ventilatoren der Umgebung,“ fuhr er fort, „puh, ich
hasse diese Saugmaschinen, solange sie kein absolutes Vakuum erzeugen.
Mich reizt es, eine Zigarette zu rauchen, wenn die Damen gestatten.“ Er
empfahl sich und ging ins Rauchzimmer. Doktor Nepomuk Keupe folgte in
kurzem Abstand und nahm in einem für die größten Dimensionen berechneten
Klubsessel Platz. Sie sprachen über Romane, über neue Schöpfungen, über
neue Richtungen. Kramten ihre Weisheit aus über Sturm und Drang, über
die ewigstarre Klassik, gedachten der Romantik im sehnsuchtkranken
Hölderlin, hechelten das junge Deutschland und die klassizistischen
Epigonen. Trafen auf den Naturalismus voll strotzender Berühmtheiten,
wagten sich an den Expressionismus mit seinem ewig-ineinanderfließenden
und ewig-voneinanderstrebenden Naturalismus und individuellen
Mystizismus: der Schleier der Maja, jeder sah die Welt, die er sich
brennend in der Seele schuf.
Was ist die Kunst anders als das Evangelium für die Evolution des
Geistes! Sollen wir die Prediger verdammen, welche die grellen
Widersprüche zwischen Lehrern und Schülern predigen, zwischen Vätern und
Söhnen, zwischen lebender Kultur und toter Tradition? Die Jugend hat
recht in ihrer Kraft, im Schatten des Alten darf sie nicht zum
Krüppelwesen werden. Weshalb will man den wenigen Olympiern das Monopol
des Geistes zuschreiben? Haben nicht auch die Kleinen das Unrecht ihrer
Umgebung gesehen, erlebt, erlitten? Es ist nicht genug, daß Christus mit
göttlichem Pathos die Bergpredigt in die Welt verkündet hat, seine
Diener wiederholen und variieren die Gedanken des göttlichen Redners,
werden nicht müde, sie dem Volke in allen Tonarten mundgerecht zu machen
mit der Kraft der wiederholten Behauptung. Ihr nüchternen Skribenten des
grünen Tisches! Ihr habt nicht das Recht, den Kleinen den Mund zu wehren
– denn ihr gehört selbst dazu. Die Kleinen, die Auflehnung predigen, die
Gleichheit fordern, die nach Freiheit lechzen, nach der Freiheit der
Entwickelung, die den Kampf des Ichs predigen, die Selbstbehauptung, die
Selbstwerdung. Nicht alle sind Künstler des Wortes, nicht alle geben
sich die Mühe, die Gedanken im Rhythmus der fließenden Sätze zu prägen.
Weshalb wollt ihr euch müde klauben, ihr Lohnarbeiter der gewerblichen
Feder, um herauszuschnüffeln, zu welcher Kategorie ein Schriftsteller
gehört. Alle passen in euer Prokrustesbett, denn die Gedanken sind
dehnbar und mit euren sophistischen Messern wißt ihr die gangbarsten
Ideen zu amputieren. Ihr findet leicht einen Leisten, die Haut, welche
der Schriftsteller zu Markte trägt, darüber zu schlagen. Ihr findet
expressionistische Bauern, klassische Säuglinge und dadaistische Esel.
Suchet und ihr werdet finden.
Die Damen fanden die beiden Herren in erregtem Gespräch, gestikulierend,
erhitzt, in gesteigerter Unterhaltung. Doktor Nepomuk Keupe hatte gerade
eine Parallele zwischen Mark Twain und Sophokles beendet. In beiden
liegt dasselbe, man muß ihre Worte nur umkehren, aber nicht zu gleicher
Zeit. Jappes verglich das Feuer d’Annunzios mit dem Feuer von Henri
Barbusse und punktierte die Pointe, die Damen zu schonen. Der wahre
Doktor Keupe und der falsche Doktor Jappes saßen auf den braunledernen
Klubsesseln wie auf Schlachtrossen und mit kritisch geschlossenem Visier
brachen sie die literarischen Lanzen. Die Achtung gegen die Damen
schrieb ihnen ein anderes Thema vor: Ueber religiöse Mystik und
mystische Religion. Was das wohl mit Weibern zu tun hat? Sie verglichen
Wassermanns Christian Wahnschaffe, den werdenden Franziskus mit
Dostojewskis Aljoscha, der mystischen Blüte des russischen Startzentums
im epileptisch-sittlichen Verbrecherreich der Karamasoff.
Den Damen wurde die Zeit zu lang (dem Leser wohl auch!) und ihre
Mündchen strafften sich faul zum Gähnen. Fräulein Flavia unterbrach die
gelehrte Oede:
„Redet mal etwas Vernünftiges, ihr Kampfhähne, ihr macht einen Sums, als
ob ihr euch gegenseitig verschlingen wolltet. Es kann euch ja gleich
sein, was Homer über Bismarck gedacht hätte. Redet meinetwegen über die
Unsterblichkeit der Maikäfer oder über die antediluvialen Memoiren eines
Mammuts an seine Geliebte.“
Jappes dachte an Ida Telluren.