VIERZIGSTES KAPITEL

Die Rezensenten sind Organe, und

der gute Ton gebietet, daß man

gewisse Organe nur mit dem

Anfangsbuchstaben andeutet. Hier

ist er zufällig A.

In Tempelhof war Abendunterhaltung. Bewegliche Damen in hauchiger

Toilette, Blumen, Gekicher, Sorbet, Wein, Liköre und Protz. Die Zimmer

reich ausgestattet, halb modern, halb orientalischer Stil. Teppiche,

Kissen und kostbares Pelzwerk. Ambraduft im molligen Retirado der Damen.

Auch die Galane hatten Zutritt, wenn sie nicht rauchten.

Am Abend wurde wenig geraucht.

Geladene Gäste und Freunde des Hauses. Der dicke Winterstein, die

Ursache des Reichtums, seine panachierte Gattin, Henny, die Tochter, die

knospende Fülle der bräutlichen Flavia. Jappes, der Bummler, der Musiker

Friedrich Wilhelm Berendtsen, Doktor Nepomuk Keupe, der Bräutigam der

holdumstrickten Flavia und andere verschwindend kleine Größen zweiter

und dritter Ordnung. Bediente hasteten wie Ordonanzen im Hauptquartier.

Doktor Nepomuk Keupe schrieb die Waschzettel bei Scherl für

Nikolausbücher. Er war durch Ullstein gegangen. Er hatte viel Gutes

getan und manch armes Geschreibsel mit den wärmenden Worten bezahlter

Anerkennung bekleidet. Aber in den Büchern war noch allzuviel armselige

Nacktheit unbekleidet geblieben. Er führte die Unterhaltung bei den

Damen, sprach ihnen über die polizeiliche Notwendigkeit der Kritik: „Die

Kritiker sind die Regulatoren der Moral, die Gegengifte der

Schamlosigkeit und der Frivolität. Gegen angemessene Bezahlung wissen

sie die Frivolität in Unflätigkeit umzumodeln, die Schamlosigkeit in

Würdelosigkeit. Die Kritiker sanieren die ethische Begriffsverwirrung

des Volkes, sie stellen die geistige Hausapotheke mit den genießbaren

Mixtürchen zusammen, versenden die anregenden Baldriantropfen gegen die

Ohnmacht lasziver Versumpfung, machen das Publikum gefeit gegen das

große Gift sittlicher Perversität, durch Verabreichung des schleichenden

Giftes in erprobter Dosis. Deshalb schufen die Verleger die

verantwortungsvollen Posten der Rezensenten, welche der Nacktheit

wenigstens eine Schwimmhose überziehen.

Der Kampf gegen die Unmoral ist auf der ganzen Linie entbrannt, wenn die

Kritiker auch das letzte Mittel noch nicht gefunden haben, die Nacktheit

wirksam zu bekämpfen. Der Kampf gegen die Bekämpfer der Konvention ist

eingeleitet. Die Kritik ist sich ihrer kulturellen Verpflichtung bewußt,

sie tritt ein für eine höhere Geistigkeit, auf ihrem Banner weht das

Motto des gesteigerten Ethos. Gebrandmarkt! die an der bestehenden

Ordnung rütteln, gebrandmarkt! welche die Anarchie der Empfindung

predigen, gebrandmarkt! die mit den heiligsten Gefühlen spielen, die mit

unersättlicher Ironie und gleißendem Witz das Intimste persifflieren,

die Heines der modernsten Salons, die ihre Federn an den obszönsten

Mätzchen wetzen. Dreimal Pfui! den schamlosen Vaterlandsverrätern,

welche, in fremdem Sold, das Teuerste ihres Volkes, wie eine Kurtisane

auf der Straße ihre Reize, feilbieten. Pfui und Elend dem eklen

Geschmeiß, das wie Heine die edelsten Triebe in der Pfütze der Zote

schleift. Pfui! Pfui! Pfui!“

Die Damen horchten der sittlichen Entrüstung, die sich wie ein

Donnerwetter aus der schwül-gespannten Atmosphäre des Doktors entlud.

Die Dramatik der polternden Verdammungsrede hatte die Damen

eingeschüchtert. Doktor Nepomuk Keupe stand wie der wetternde Moses, der

in seinem heiligen Zorn die Gesetzestafeln vor den umtanzten goldenen

Kalbsfüßen zerschellte. Jappes hörte mit lächelnder Aufmerksamkeit zu,

wie der zähe Jude Heine heruntergerissen wurde, wie der Doktor sich ins

weiche Pyjama moralisierender Stoffe drapierte, um seine abscheuliche

Nacktheit zu bedecken. Er trat näher zu dem witzigen Köter, der mit

sittlichem Gebelle in der Nacht seiner Verworrenheit den guten Mond

Heine ankläffte. Horchte den holprigen Dithyramben, die er auf das Lob

des Judenfressers und Ueberjuden Bartels sang, weil er Heinrich Heine

den letzten Tritt versetzt und ihn mit kluger Umständlichkeit hinter die

spanische Wand gebettet habe. Lauschte den literarischen Mätzchen des

kritischen Urteilsbeamten, der die Schablone zum Symbol erhob, der an

literarhistorischen Expektorationen litt, welcher zufälliges Genie vom

armseligen Postament bürgerlicher Unzulänglichkeit beurteilte.

Jappes trat zu der Gruppe: „Sie gestatten,“ er stellte sich vor: „Jappes

Paul.“

„Doktor Nepomuk Keupe.“

„Wenn Sie so viele Jahre Universität hinter sich hätten wie ich, wären

Sie nicht mehr so klug,“ wandte sich Jappes an Doktor Keupe. „Sie haben

das Lob der Kritik gesungen. Entschuldigen Sie, wenn ich mich eines

Lächelns nicht erwehren konnte. Das klang alles zu hanebüchen, zu

geschraubt. Ueberall gibt es Pharisäer und Schriftgelehrte, die den

Heiland der Wahrheit kreuzigen. Glauben Sie nicht, daß Heine nach dem

ewigen Gesetz der Kausalität geworden ist, nach dem unwandelbaren

Prinzip der Genialität? Sie sprechen ihm Würde ab. Konnte er als

Notleidender würdevoll sein? War es nicht sein gutes Recht, die

Talmiwerte der Kultur zu verstoßen? aber in den Goldkammern hat er nicht

geplündert, wie die zivile Clique der gedungenen Häscher der

Gesellschaft. Die stinkige Jauche, die aus den verschrobenen

Gehirnwindungen des Literarhistorikers Bartels floß, hat die Asche

Heines nicht besudelt. Er hat Heine den Eselstritt gegeben. Heine hat

den Tritt erhalten und uns Sterblichen blieb der Esel zurück.

Es gibt nur eines zu beweisen: Daß Heine Deutscher war. Hat jemand

Schöneres und Tieferes aus der sehnsuchtkranken tiefen deutschen Seele

geholt als der Dichter der trauerliebenden Lieder? Weshalb wollt ihr

kriechenden Verleumder beweisen, daß Heine schlecht war! Zweifelt ihr

nicht selbst an der Wahrhaftigkeit des Urteils? Wie könntet ihr sonst

beweisen wollen! Weshalb sucht ihr die Läuse des großen Meisters zu

fangen? Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, eine solche Laus ist

erhabener als ihr, denn sie hat vom lebendigen Safte des Dichters

gesogen, derweil ihr euch am Aas genugtun müßt, Leichentöter,

Leichenschänder! Heine war sittlicher denn ihr. Seine Selbstanalyse,

seine Selbstironie war seine Beichte und seine Buße. Seinen Leichnam

habt ihr für Gold verkauft. Schacher habt _ihr_ getrieben mit den

Gefühlen eures Volkes.

Treitschke verurteilt Heine, weil dem Dichter der historische Sinn

abgeht. Sollen wir Treitschke verurteilen, weil ihm der lyrische Sinn

fehlt?

Heine war das unendlich gute Enfant terrible der Literatur, die

grollend-fluchende Güte. Es ist keine Vermessenheit, Heine mit dem

alttestamentlichen Gotte zu vergleichen, mit dem ewig fluchenden,

verwünschenden, zermalmenden Urwesen, das die Erde trotzdem nicht auf

die rotierenden Gestirne prallen läßt, selbst wenn die Zornesader auf

der göttlichen Stirne zum Platzen schwillt. Hättet ihr Heine verstanden,

ihr steifen Zwerchfellträger, wie unendlich feiner könntet ihr eure

Tartüfferie zum Dogma absoluter Glaubwürdigkeit ausgeben. Weshalb rührt

ihr beständig in der Odelgrube, wenn der Gestank euch so verhaßt ist?“

Jappes stieß einen Luchspelz mit dem Fuß: „Man sollte sich schämen, im

Kragen über solche Dinge zu reden. Die Sorte Leute kommt mir wunderlich

vor. Wie ein Mensch, der ein Schloß sieht und nur über dessen W.C.s

redet, die sicherlich sehr nützliche Institute sind und in besonderen

Nöten alle Achtung verdienen. Lesen Sie Heines Lieder und die Wunder

seiner Prosa und lesen Sie ein paar Seiten gehässiger Polemik im Stile

Bartels ... Na! dann haben Sie das Schloß und die W.C. Die Leute haben

recht, so zu urteilen, aber sie sollten ihren Unrat in aller Stille

umrühren, wenn der ahnungslose Bürger friedlich schlummert!“

Herr Doktor Nepomuk Keupe reichte Jappes die Hand: „Sie ereifern sich,

mein Herr, die Auffassung Barthels’ ist durchaus nicht meine Meinung.

Sie haben recht, die unsaubersten Handwerke verhelfen am schnellsten zur

Pinke. Das Pamphlet Bartels ist eine Verquickung von Augendienerei und

Patriotismus in verschrumpelter Form. Bartels beißt den Heinekenner

heraus, er ist nur eine notwendige Verwesungserscheinung des lyrischen

Leichnams.“

Die Damen atmeten auf, als das Gespräch die abschüssige Kurve

gefährlicher Reibereien passiert hatte und in der flachen Bahn des

gegenseitigen Ausgleichs weiterrollte. Jappes verglich die Kritiker mit

Spinnen, die ihre Netze ausspannen und auf ein neues Werk lauern, um es

auszusaugen, wenn es klein genug ist, um die Maschen nicht zu zerreißen.

Er bewunderte die Unermüdlichkeit der literarhistorischen Spinnen, die

mit seltsamer Ausdauer ihre Netze immer wieder neu weben, wenn ein zu

großes Tier achtlos durch ihre Netze jagte.

„Ihre Vergleiche sind entzückend,“ sagte die besorgte Flavia, „sie sind

von seltener Treffsicherheit. Sie können so weitermachen, Herr Jappes,“

fügte sie in freundschaftlichem Tone hinzu.

„Meine Gnädigste,“ wandte sich Jappes an Flavia, „die besten Vergleiche

sind die, welche man nicht macht. Würden die Dummköpfe das Gegenteil von

dem sagen, was sie denken, sie würden die Welt in Staunen setzen.“ Ein

Ventilator zischte am Fenster: „So wird man immer ausgepumpt von den

vielen unsichtbaren Ventilatoren der Umgebung,“ fuhr er fort, „puh, ich

hasse diese Saugmaschinen, solange sie kein absolutes Vakuum erzeugen.

Mich reizt es, eine Zigarette zu rauchen, wenn die Damen gestatten.“ Er

empfahl sich und ging ins Rauchzimmer. Doktor Nepomuk Keupe folgte in

kurzem Abstand und nahm in einem für die größten Dimensionen berechneten

Klubsessel Platz. Sie sprachen über Romane, über neue Schöpfungen, über

neue Richtungen. Kramten ihre Weisheit aus über Sturm und Drang, über

die ewigstarre Klassik, gedachten der Romantik im sehnsuchtkranken

Hölderlin, hechelten das junge Deutschland und die klassizistischen

Epigonen. Trafen auf den Naturalismus voll strotzender Berühmtheiten,

wagten sich an den Expressionismus mit seinem ewig-ineinanderfließenden

und ewig-voneinanderstrebenden Naturalismus und individuellen

Mystizismus: der Schleier der Maja, jeder sah die Welt, die er sich

brennend in der Seele schuf.

Was ist die Kunst anders als das Evangelium für die Evolution des

Geistes! Sollen wir die Prediger verdammen, welche die grellen

Widersprüche zwischen Lehrern und Schülern predigen, zwischen Vätern und

Söhnen, zwischen lebender Kultur und toter Tradition? Die Jugend hat

recht in ihrer Kraft, im Schatten des Alten darf sie nicht zum

Krüppelwesen werden. Weshalb will man den wenigen Olympiern das Monopol

des Geistes zuschreiben? Haben nicht auch die Kleinen das Unrecht ihrer

Umgebung gesehen, erlebt, erlitten? Es ist nicht genug, daß Christus mit

göttlichem Pathos die Bergpredigt in die Welt verkündet hat, seine

Diener wiederholen und variieren die Gedanken des göttlichen Redners,

werden nicht müde, sie dem Volke in allen Tonarten mundgerecht zu machen

mit der Kraft der wiederholten Behauptung. Ihr nüchternen Skribenten des

grünen Tisches! Ihr habt nicht das Recht, den Kleinen den Mund zu wehren

– denn ihr gehört selbst dazu. Die Kleinen, die Auflehnung predigen, die

Gleichheit fordern, die nach Freiheit lechzen, nach der Freiheit der

Entwickelung, die den Kampf des Ichs predigen, die Selbstbehauptung, die

Selbstwerdung. Nicht alle sind Künstler des Wortes, nicht alle geben

sich die Mühe, die Gedanken im Rhythmus der fließenden Sätze zu prägen.

Weshalb wollt ihr euch müde klauben, ihr Lohnarbeiter der gewerblichen

Feder, um herauszuschnüffeln, zu welcher Kategorie ein Schriftsteller

gehört. Alle passen in euer Prokrustesbett, denn die Gedanken sind

dehnbar und mit euren sophistischen Messern wißt ihr die gangbarsten

Ideen zu amputieren. Ihr findet leicht einen Leisten, die Haut, welche

der Schriftsteller zu Markte trägt, darüber zu schlagen. Ihr findet

expressionistische Bauern, klassische Säuglinge und dadaistische Esel.

Suchet und ihr werdet finden.

Die Damen fanden die beiden Herren in erregtem Gespräch, gestikulierend,

erhitzt, in gesteigerter Unterhaltung. Doktor Nepomuk Keupe hatte gerade

eine Parallele zwischen Mark Twain und Sophokles beendet. In beiden

liegt dasselbe, man muß ihre Worte nur umkehren, aber nicht zu gleicher

Zeit. Jappes verglich das Feuer d’Annunzios mit dem Feuer von Henri

Barbusse und punktierte die Pointe, die Damen zu schonen. Der wahre

Doktor Keupe und der falsche Doktor Jappes saßen auf den braunledernen

Klubsesseln wie auf Schlachtrossen und mit kritisch geschlossenem Visier

brachen sie die literarischen Lanzen. Die Achtung gegen die Damen

schrieb ihnen ein anderes Thema vor: Ueber religiöse Mystik und

mystische Religion. Was das wohl mit Weibern zu tun hat? Sie verglichen

Wassermanns Christian Wahnschaffe, den werdenden Franziskus mit

Dostojewskis Aljoscha, der mystischen Blüte des russischen Startzentums

im epileptisch-sittlichen Verbrecherreich der Karamasoff.

Den Damen wurde die Zeit zu lang (dem Leser wohl auch!) und ihre

Mündchen strafften sich faul zum Gähnen. Fräulein Flavia unterbrach die

gelehrte Oede:

„Redet mal etwas Vernünftiges, ihr Kampfhähne, ihr macht einen Sums, als

ob ihr euch gegenseitig verschlingen wolltet. Es kann euch ja gleich

sein, was Homer über Bismarck gedacht hätte. Redet meinetwegen über die

Unsterblichkeit der Maikäfer oder über die antediluvialen Memoiren eines

Mammuts an seine Geliebte.“

Jappes dachte an Ida Telluren.

Fetzen · 第 67 / 82 题