Der Tod ist eine Allegorie, die
aus einem praktischen Gebrauch
entstanden ist: Dem Sterben.
Die Nacht ging Jappes am Hafen entlang. Aufgestapeltes Kistenzeug für
den Versand der Fische türmte sich ins Dunkel. Lastkrane griffen in die
Luft. Traniger Petroleumgeruch schwängerte um die Kohlenschiffe, die in
den Docks lagen, wie schwarze Seeungeheuer. Toter Fischgeruch kam mit
dem scharfen Seewind. Der Leuchtturm am Ende der ins Meer getriebenen
Mole zwinkerte sein abwechselnd erlöschendes und aufflackerndes Licht
herüber. Jappes wunderte sich, daß der Hafen so regungslos lag, wie
ausgestorben. Keine Hafenschenke mit wettergebräunten Gesichtern, keine
Schnapsräusche und Schlägereien. Und die Stille tat ihm weh im atmenden
Rhythmus des flüsternden Windes. Kam an den Eingang zur Mole; las eine
Warnungstafel: „Das Betreten des Molo bei Sturm oder Nebel ist
verboten!“ Das Wasser leckte an dem massiven Gemäuer. Er kletterte vom
Fahrdamm auf die breite Brüstung, die ihren blankgespülten Streifen zum
Leuchtturm zog. Ein Passagierdampfer mit schiefen Schornsteinen schlief
friedlich in der Brut der schwarzen Fischerbarken. Jappes sprang über
das spitzstäbige Geländer und stieg die Treppe hinauf, die zu den
Lichtschlitzen des Leuchtturmkopfes führte.
Sein Leben setzte sich neben ihn und blätterte mit ihm in der
Erinnerung. Seine Art Leben war erschöpfend, aber nicht befriedigend.
Vielleicht kannte er die Ansprüche nicht, die er an das Leben stellte,
er wandte nur Kräfte an, die dem Unterbewußtsein entsprangen, und sein
Ziel war der Zufall. Sein Ziel war allerorts. Weshalb war er so
geworden? Die Jahre reihten sich aneinander, immer kleiner, entfernter,
bis sie irgendwo um die Ecke bogen, wo Leben und Unleben sich scheiden.
Zeiten, deren Substrat sein Leben war. Kämpfe, Glauben, Schwankungen,
Zuversicht. Er trieb im Leben, getragen von der starr-unsichtbaren
Gesetz- und Zweckmäßigkeit des sittlichen Auftriebs. Er speicherte seine
Kräfte auf, immer bereit zur Entladung, zum Schlag, zum jähen
Panthersprung, federnd, instinktiv.
Im Strome, der ihn trug, trieben Episoden, zerstückeltes Leben,
verronnene Träume. Er überholte die irrenden Fetzen, und die Jahre woben
daraus sein gobelinhaft-allegorisierendes Reliefleben. Die Tage standen
da, starr wie Stangen; trugen Fahnen oder trugen keine, trugen bunte
wehende Wimpel oder graue hängende Tücher. Manche Tage hatten auf
Halbmast geflaggt, die toten Tage der Sehnsucht. Er sah eine ragende
Flaggenstadt. Die grellen Farben töteten das Grau und die Oriflammen, er
sah seine bewegte Welt der wogenden Fahnen. Wie oft war er die
verschlungensten und unsichersten Pfade gegangen, die Pfade, die jeden
Augenblick aufhören konnten, irgendwohin weiterzuführen. Aber ihn hatten
sie in die große Lichtung geführt, wo die Tatsachen des Lebens in ihrer
Nichtigkeit zerstoben.
Das Meer atmete seine stickigen Nebel in die Nacht und die Stille kroch
über das Wasser. Pepy trat in seine Erinnerung. Das rothaarige,
blutbebende Mädchen. War sie die Braut des Engländers ...? Hatte sie den
Weg der Lust schon beschritten ...? War ihr junger Leib in den Zuckungen
des Taumels erbebt ...? War sie noch Pepy oder hatte sie den Stempel der
gierigen Lust schon empfangen ...? Er litt seine Sehnsucht nach ihr, er
fühlte seine schmerzliche Liebe, litt in seiner Seele beim Gedanken an
das unberührte, hingebungsvolle Mädchen, das in den Jahren der
unbewachten Begierde ihr Leben entscheiden mußte. Er riß sich los von
den quälenden Gedanken und durch den Nebelflor klang sein Gebet in die
Nacht: Ruth, mein Rudibub!
Weshalb kam er nicht von Armida los, von diesen schwebenden Wesen ohne
Begierden und voller Lüste! War es der Reiz des Zwittergeistes, der in
ihr steckte? War es die lockende Kraft ihres ernst-tändelnden Daseins?
Weshalb lockte ihn das Meer? Die Fragen verwirrten ihn. Gab es überhaupt
eine Antwort darauf? Er folgte ihr, weil er wollte, weil er mußte. Er
folgte dem hüpfenden Irrwisch, dem tänzelnden Flämmchen. Er folgte! –
Calvandi erschien mit einem sarkastischen Grinsen, mit seiner ermüdeten
Geilheit in den Augen. Jappes krampfte die Finger zusammen. Er dachte an
die foltereinsame Nacht im Park der Winterstein. Weshalb ließ er sich
von Armida befehlen, weshalb war er vor Calvandi gewichen? Mit dem
Finger schrieb er die Antwort in die Nacht: Feigling! Dachte an seinen
Spaziergang mit dem Fremden am Strand und an die graue Sorgentasche, die
er ins Meer geschleudert hatte. Wo war der Fremde? In Berlin. Wo war
Calvandi? Bei Armida. Wo war Armida? Bei Calvandi. Eine heiße Blutwelle
schoß ihm in die Schläfe. Er war tolerant, duldete, daß seine
Freundinnen Freunde hatten, war liebenswürdig gleichgültig gegen sie.
Weshalb betrog er sich in seiner laxen Liebe! weshalb duldete er alles
mit erlebter Selbstverständlichkeit?! War er ans Meer gegangen, um
Armida einen Gefallen zu tun? ... Nein! er war Calvandi ausgewichen, und
das Bewußtsein der duckenden Feigheit folterte ihn.
Jappes opferte zu vielen Göttern.
Der Mord geht durch die Nebel und
küßt seine Opfer.
Feucht von dem haftenden Nebel trat er in eine Schenke. Dunkle
Teerjacken hockten an den schmierigen Tischen, stützten die Ellbogen auf
und stierten in die Fuselgläser. Schnapstrinker reden und lärmen wenig.
Sie rauchten aus braunen Erdkloben und hatten die Mützen im Nacken.
Ueber dem Schanktisch nickte die verhutzelte Wirtin. Sie schien ihre
beste Kundin zu sein. Dann und wann kam sie mit trunkensicheren
Schritten und schenkte die Gläser voll bis scharf an den Rand, ohne
einen Tropfen zu vergießen. Die Trinker stießen ihren Gruß vor sich hin,
ohne nach dem Eintretenden hinzublicken. Jappes setzte sich an ihren
Tisch und bestellte eine Runde, bestellte eine Flasche, eine zweite.
Bestellte Kautabak, schob einen Priem in die Backe, gab die Spirale
weiter. Die Fischer bissen hinein und das Feuer in ihren scharfen Augen
hinter den schweren Wimpern begann zu glimmen, wurde zur Lohe
gesteigert. Es waren nicht mehr die stummen Trinker, die in Gedanken um
ihr geplagtes Dasein den Schnaps hinuntergossen, als hätten sie
Bewußtsein vom Unrecht, das sie sich taten. Der Alkohol war ihr
Sorgenbrecher, der sie von der Erde loslöste, sie aus der Fron der
strengen Tage herausriß in höhere Gefilde, wo sie wieder zu ihrer Natur
kamen, sich stark fühlten und frei, den Augenblick der Beseligung
genossen und keinem armseligen Erwachen entgegendachten. Und sie
tranken, tranken, weil ein anderer zahlte und wurden froh dabei.
Da saßen die massiven Gestalten und brachten Gesundheiten aus, erzählten
Jappes irgendwelche Begebenheiten, die ihnen gerade einfielen; die
Wirtin war näher getreten, lehnte an der rauchbraunen Holzwand, horchte
auf die Erzählungen, mit denen sie seit Jahren vertraut war, aber
horchte, weil sie einem Fremden erzählt wurden. Jedes Wort kam stoßweise
wie eine Bö, wie ein Ruderschlag, und die Erzählung schwamm sicher
weiter.
Sie erzählten ihr Leben ohne Murren, ohne überhobene Freude; erzählten
von ihren Leistungen, jeder war ein Held, ein Sieger in den Gefahren.
Was hatten diese Männer erlebt neben ihrer Arbeit! Seenot, gekenterte
Boote, tote Kameraden, zerrissene Netze. Das Meer war ihnen Fluch und
Segen. Die Türe flog auf. Ein junger Fischer mit federnden Schritten
trat ein, er roch nach der frischen Nacht. Die Trinker blieben in
atemspannender Erwartung und sogen die Kühle, die von der Tür kam. „Ein
Glas!“ dröhnte der Fischer, riß ein Gewehr von der Schulter und stampfte
mit dem Kolben auf den Tisch. Das Hutzelweib brachte ein Weinglas
Schnaps. Die Gläser klangen zusammen, der Fischer musterte Jappes scharf
und stieß sein Glas an das seine: „Prost! Das fließt wie Oel und brennt
wie Feuer,“ rief er, und die Wirtin füllte sein Glas wieder voll.
„Heute können wir dir gleichtun,“ sagte ein Trinker mit schwerem Baß zum
jungen Fischer und, auf Jappes deutend: „Der Fremde zahlt eine freie
Nacht.“
„Ich zahle eine freie Kugel,“ gab der Junge zurück, „es geschieht ein
Unglück. Ihr wißt, daß gestern nacht ein Boot mit einer Leiche ans Ufer
getrieben wurde. Ich kam vom Hafen herauf. Da stand das Boot auf dem
Sand mit der angefaulten Leiche.“ – Dann schleuderte er sein gefülltes
Glas in die Ecke und ergriff sein Gewehr: „Jan Meeren fand ich bei
meinem Weib,“ brüllte er wutbebend, „hier ist sein Tod! Am Morgen bin
ich zu den Sakramenten gegangen und habe die Hostie aus dem Munde
genommen, ins Gewehr gesteckt und in die Sonne geschossen. – So bin ich
himmlischer Freischütz geworden ...“
Dann hatte er die Tür aufgerissen und war in die Nacht hinausgegangen.
Niemand wagte über den Teufelsschützen zu reden – sein Vorhaben war zu
ungeheuerlich, zu satanisch, zu gerecht. Ein alter Seebär saß in der
Ecke und weinte. Die Fischer sagten: er ist schwermütig, und wenn er
Schnaps trinkt, muß er immer weinen. Als er jung war, gab es keinen
fideleren Burschen auf der ganzen Insel, und keinen verwegeneren. Einer
flüsterte Jappes ins Ohr: „Vielleicht hat er einmal eine Hostie
gestohlen!“
Ein Holländer, der mit zwei Pinken im Hafen lag, sang mit breiter
wässeriger Stimme:
„Lust en rust mijn genoegen,“ kippte sein Glas leer, sabbelte sein
schnapsgeschwängertes „Aannemen“ hervor, warf einen „blanken gouden
Willem“ auf den Tisch: „Ik heb geen kleingeld bij mij. Kun je mij
wisselen?“ Die Wirtin hob den Willemsd’or auf, als wolle sie ihn auf
seine Echtheit prüfen: „Ich kann nicht wechseln,“ schnäpselte die Alte
und ließ das Stück auf den Tisch klinkern. „Ich zahle die ganze Zeche,“
rief Jappes der Wirtin zu, „lassen Sie dem Mann das Geld und bringen Sie
uns noch eine Flasche.“
„Ik dank U, mijn-heer,“ empfahl sich der Holländer, „hier verkoopt men
sterke dranken,“ und er beschrieb einen unsicheren Bogen nach der Tür.
Die Nacht ging zur Neige und die Schenke war voll Qualm und Fuselduft.
Die Trinker sägten im Schlaf, daß die Stube zitterte. Jappes zahlte die
freie Nacht und zahlte eine zweite. Draußen dachte er an den
Freischützen, der einen Gottesraub begangen hatte, um die Schmach zu
rächen, die ein anderer ihm angetan hatte durch Benutzung seines Weibes.
Der Morgenwind spielte im Sandrohr. War es nicht wie eine Toteninsel?
Was sollte die seltsame Leiche bedeuten? Ein Unglück? Eine Rache? Und er
dachte an den Freischütz, dachte an Arco Calvandi.
Auf der Post gab er ein Telegramm auf: Tante Ida empfangen Sie mich um
Schillers willen, Jappes.
Draußen brannte die Sonne in Gluten.