NEUNUNDDREISSIGSTES KAPITEL

Der Tod ist eine Allegorie, die

aus einem praktischen Gebrauch

entstanden ist: Dem Sterben.

Die Nacht ging Jappes am Hafen entlang. Aufgestapeltes Kistenzeug für

den Versand der Fische türmte sich ins Dunkel. Lastkrane griffen in die

Luft. Traniger Petroleumgeruch schwängerte um die Kohlenschiffe, die in

den Docks lagen, wie schwarze Seeungeheuer. Toter Fischgeruch kam mit

dem scharfen Seewind. Der Leuchtturm am Ende der ins Meer getriebenen

Mole zwinkerte sein abwechselnd erlöschendes und aufflackerndes Licht

herüber. Jappes wunderte sich, daß der Hafen so regungslos lag, wie

ausgestorben. Keine Hafenschenke mit wettergebräunten Gesichtern, keine

Schnapsräusche und Schlägereien. Und die Stille tat ihm weh im atmenden

Rhythmus des flüsternden Windes. Kam an den Eingang zur Mole; las eine

Warnungstafel: „Das Betreten des Molo bei Sturm oder Nebel ist

verboten!“ Das Wasser leckte an dem massiven Gemäuer. Er kletterte vom

Fahrdamm auf die breite Brüstung, die ihren blankgespülten Streifen zum

Leuchtturm zog. Ein Passagierdampfer mit schiefen Schornsteinen schlief

friedlich in der Brut der schwarzen Fischerbarken. Jappes sprang über

das spitzstäbige Geländer und stieg die Treppe hinauf, die zu den

Lichtschlitzen des Leuchtturmkopfes führte.

Sein Leben setzte sich neben ihn und blätterte mit ihm in der

Erinnerung. Seine Art Leben war erschöpfend, aber nicht befriedigend.

Vielleicht kannte er die Ansprüche nicht, die er an das Leben stellte,

er wandte nur Kräfte an, die dem Unterbewußtsein entsprangen, und sein

Ziel war der Zufall. Sein Ziel war allerorts. Weshalb war er so

geworden? Die Jahre reihten sich aneinander, immer kleiner, entfernter,

bis sie irgendwo um die Ecke bogen, wo Leben und Unleben sich scheiden.

Zeiten, deren Substrat sein Leben war. Kämpfe, Glauben, Schwankungen,

Zuversicht. Er trieb im Leben, getragen von der starr-unsichtbaren

Gesetz- und Zweckmäßigkeit des sittlichen Auftriebs. Er speicherte seine

Kräfte auf, immer bereit zur Entladung, zum Schlag, zum jähen

Panthersprung, federnd, instinktiv.

Im Strome, der ihn trug, trieben Episoden, zerstückeltes Leben,

verronnene Träume. Er überholte die irrenden Fetzen, und die Jahre woben

daraus sein gobelinhaft-allegorisierendes Reliefleben. Die Tage standen

da, starr wie Stangen; trugen Fahnen oder trugen keine, trugen bunte

wehende Wimpel oder graue hängende Tücher. Manche Tage hatten auf

Halbmast geflaggt, die toten Tage der Sehnsucht. Er sah eine ragende

Flaggenstadt. Die grellen Farben töteten das Grau und die Oriflammen, er

sah seine bewegte Welt der wogenden Fahnen. Wie oft war er die

verschlungensten und unsichersten Pfade gegangen, die Pfade, die jeden

Augenblick aufhören konnten, irgendwohin weiterzuführen. Aber ihn hatten

sie in die große Lichtung geführt, wo die Tatsachen des Lebens in ihrer

Nichtigkeit zerstoben.

Das Meer atmete seine stickigen Nebel in die Nacht und die Stille kroch

über das Wasser. Pepy trat in seine Erinnerung. Das rothaarige,

blutbebende Mädchen. War sie die Braut des Engländers ...? Hatte sie den

Weg der Lust schon beschritten ...? War ihr junger Leib in den Zuckungen

des Taumels erbebt ...? War sie noch Pepy oder hatte sie den Stempel der

gierigen Lust schon empfangen ...? Er litt seine Sehnsucht nach ihr, er

fühlte seine schmerzliche Liebe, litt in seiner Seele beim Gedanken an

das unberührte, hingebungsvolle Mädchen, das in den Jahren der

unbewachten Begierde ihr Leben entscheiden mußte. Er riß sich los von

den quälenden Gedanken und durch den Nebelflor klang sein Gebet in die

Nacht: Ruth, mein Rudibub!

Weshalb kam er nicht von Armida los, von diesen schwebenden Wesen ohne

Begierden und voller Lüste! War es der Reiz des Zwittergeistes, der in

ihr steckte? War es die lockende Kraft ihres ernst-tändelnden Daseins?

Weshalb lockte ihn das Meer? Die Fragen verwirrten ihn. Gab es überhaupt

eine Antwort darauf? Er folgte ihr, weil er wollte, weil er mußte. Er

folgte dem hüpfenden Irrwisch, dem tänzelnden Flämmchen. Er folgte! –

Calvandi erschien mit einem sarkastischen Grinsen, mit seiner ermüdeten

Geilheit in den Augen. Jappes krampfte die Finger zusammen. Er dachte an

die foltereinsame Nacht im Park der Winterstein. Weshalb ließ er sich

von Armida befehlen, weshalb war er vor Calvandi gewichen? Mit dem

Finger schrieb er die Antwort in die Nacht: Feigling! Dachte an seinen

Spaziergang mit dem Fremden am Strand und an die graue Sorgentasche, die

er ins Meer geschleudert hatte. Wo war der Fremde? In Berlin. Wo war

Calvandi? Bei Armida. Wo war Armida? Bei Calvandi. Eine heiße Blutwelle

schoß ihm in die Schläfe. Er war tolerant, duldete, daß seine

Freundinnen Freunde hatten, war liebenswürdig gleichgültig gegen sie.

Weshalb betrog er sich in seiner laxen Liebe! weshalb duldete er alles

mit erlebter Selbstverständlichkeit?! War er ans Meer gegangen, um

Armida einen Gefallen zu tun? ... Nein! er war Calvandi ausgewichen, und

das Bewußtsein der duckenden Feigheit folterte ihn.

Jappes opferte zu vielen Göttern.

Der Mord geht durch die Nebel und

küßt seine Opfer.

Feucht von dem haftenden Nebel trat er in eine Schenke. Dunkle

Teerjacken hockten an den schmierigen Tischen, stützten die Ellbogen auf

und stierten in die Fuselgläser. Schnapstrinker reden und lärmen wenig.

Sie rauchten aus braunen Erdkloben und hatten die Mützen im Nacken.

Ueber dem Schanktisch nickte die verhutzelte Wirtin. Sie schien ihre

beste Kundin zu sein. Dann und wann kam sie mit trunkensicheren

Schritten und schenkte die Gläser voll bis scharf an den Rand, ohne

einen Tropfen zu vergießen. Die Trinker stießen ihren Gruß vor sich hin,

ohne nach dem Eintretenden hinzublicken. Jappes setzte sich an ihren

Tisch und bestellte eine Runde, bestellte eine Flasche, eine zweite.

Bestellte Kautabak, schob einen Priem in die Backe, gab die Spirale

weiter. Die Fischer bissen hinein und das Feuer in ihren scharfen Augen

hinter den schweren Wimpern begann zu glimmen, wurde zur Lohe

gesteigert. Es waren nicht mehr die stummen Trinker, die in Gedanken um

ihr geplagtes Dasein den Schnaps hinuntergossen, als hätten sie

Bewußtsein vom Unrecht, das sie sich taten. Der Alkohol war ihr

Sorgenbrecher, der sie von der Erde loslöste, sie aus der Fron der

strengen Tage herausriß in höhere Gefilde, wo sie wieder zu ihrer Natur

kamen, sich stark fühlten und frei, den Augenblick der Beseligung

genossen und keinem armseligen Erwachen entgegendachten. Und sie

tranken, tranken, weil ein anderer zahlte und wurden froh dabei.

Da saßen die massiven Gestalten und brachten Gesundheiten aus, erzählten

Jappes irgendwelche Begebenheiten, die ihnen gerade einfielen; die

Wirtin war näher getreten, lehnte an der rauchbraunen Holzwand, horchte

auf die Erzählungen, mit denen sie seit Jahren vertraut war, aber

horchte, weil sie einem Fremden erzählt wurden. Jedes Wort kam stoßweise

wie eine Bö, wie ein Ruderschlag, und die Erzählung schwamm sicher

weiter.

Sie erzählten ihr Leben ohne Murren, ohne überhobene Freude; erzählten

von ihren Leistungen, jeder war ein Held, ein Sieger in den Gefahren.

Was hatten diese Männer erlebt neben ihrer Arbeit! Seenot, gekenterte

Boote, tote Kameraden, zerrissene Netze. Das Meer war ihnen Fluch und

Segen. Die Türe flog auf. Ein junger Fischer mit federnden Schritten

trat ein, er roch nach der frischen Nacht. Die Trinker blieben in

atemspannender Erwartung und sogen die Kühle, die von der Tür kam. „Ein

Glas!“ dröhnte der Fischer, riß ein Gewehr von der Schulter und stampfte

mit dem Kolben auf den Tisch. Das Hutzelweib brachte ein Weinglas

Schnaps. Die Gläser klangen zusammen, der Fischer musterte Jappes scharf

und stieß sein Glas an das seine: „Prost! Das fließt wie Oel und brennt

wie Feuer,“ rief er, und die Wirtin füllte sein Glas wieder voll.

„Heute können wir dir gleichtun,“ sagte ein Trinker mit schwerem Baß zum

jungen Fischer und, auf Jappes deutend: „Der Fremde zahlt eine freie

Nacht.“

„Ich zahle eine freie Kugel,“ gab der Junge zurück, „es geschieht ein

Unglück. Ihr wißt, daß gestern nacht ein Boot mit einer Leiche ans Ufer

getrieben wurde. Ich kam vom Hafen herauf. Da stand das Boot auf dem

Sand mit der angefaulten Leiche.“ – Dann schleuderte er sein gefülltes

Glas in die Ecke und ergriff sein Gewehr: „Jan Meeren fand ich bei

meinem Weib,“ brüllte er wutbebend, „hier ist sein Tod! Am Morgen bin

ich zu den Sakramenten gegangen und habe die Hostie aus dem Munde

genommen, ins Gewehr gesteckt und in die Sonne geschossen. – So bin ich

himmlischer Freischütz geworden ...“

Dann hatte er die Tür aufgerissen und war in die Nacht hinausgegangen.

Niemand wagte über den Teufelsschützen zu reden – sein Vorhaben war zu

ungeheuerlich, zu satanisch, zu gerecht. Ein alter Seebär saß in der

Ecke und weinte. Die Fischer sagten: er ist schwermütig, und wenn er

Schnaps trinkt, muß er immer weinen. Als er jung war, gab es keinen

fideleren Burschen auf der ganzen Insel, und keinen verwegeneren. Einer

flüsterte Jappes ins Ohr: „Vielleicht hat er einmal eine Hostie

gestohlen!“

Ein Holländer, der mit zwei Pinken im Hafen lag, sang mit breiter

wässeriger Stimme:

„Lust en rust mijn genoegen,“ kippte sein Glas leer, sabbelte sein

schnapsgeschwängertes „Aannemen“ hervor, warf einen „blanken gouden

Willem“ auf den Tisch: „Ik heb geen kleingeld bij mij. Kun je mij

wisselen?“ Die Wirtin hob den Willemsd’or auf, als wolle sie ihn auf

seine Echtheit prüfen: „Ich kann nicht wechseln,“ schnäpselte die Alte

und ließ das Stück auf den Tisch klinkern. „Ich zahle die ganze Zeche,“

rief Jappes der Wirtin zu, „lassen Sie dem Mann das Geld und bringen Sie

uns noch eine Flasche.“

„Ik dank U, mijn-heer,“ empfahl sich der Holländer, „hier verkoopt men

sterke dranken,“ und er beschrieb einen unsicheren Bogen nach der Tür.

Die Nacht ging zur Neige und die Schenke war voll Qualm und Fuselduft.

Die Trinker sägten im Schlaf, daß die Stube zitterte. Jappes zahlte die

freie Nacht und zahlte eine zweite. Draußen dachte er an den

Freischützen, der einen Gottesraub begangen hatte, um die Schmach zu

rächen, die ein anderer ihm angetan hatte durch Benutzung seines Weibes.

Der Morgenwind spielte im Sandrohr. War es nicht wie eine Toteninsel?

Was sollte die seltsame Leiche bedeuten? Ein Unglück? Eine Rache? Und er

dachte an den Freischütz, dachte an Arco Calvandi.

Auf der Post gab er ein Telegramm auf: Tante Ida empfangen Sie mich um

Schillers willen, Jappes.

Draußen brannte die Sonne in Gluten.

Fetzen · 第 66 / 82 题