Es gibt Menschen, bei denen der
Fortpflanzungstrieb stärker ist,
als der Selbsterhaltungstrieb.
„Es reizt mich, dich zu heiraten mit allem Formelkram und allem
Jirimiri. Dein angetrautes Weib! Ein Jahr vergeht im Flug, bis dahin bin
ich dieses Abenteuers überdrüssig. Die Welt dreht bunt zu unseren Füßen,
wir täten unrecht, uns nicht mitzudrehen. Wo ist der Weg, den diese Welt
durchmißt? Sie dreht und dreht um Sonne, Mond und Sterne, und übers Jahr
ist sie am selben Fleck. Vergiß nicht, daß die Drehung rasch ist und daß
der Taumel uns die Richtungswerte nimmt.“
So sprach Armida und Calvandi grinste:
„Es wird ein seltenes Paar, und Seltenheit ist selten auf dem
Torkelglobus. Ich werde dir am Tage treu und nachts dein Diener sein.
Die Familie beruht auf Beischlaf, und das Glück des Kindes hängt vom
Vatersegen ab. Mein Täubchen, komm, sei meine süße Maus. Die Ehehälften
müssen sich zu einem Ganzen schlagen. Wir gehen los: zum Schöps, zum
Paternoster, kehren heim in unsere trauten Brautgemächer. O holder Engel
du! In meinen Tränendrüsen herrscht die ewige Ebbe, heute wär ein Tag,
dem Glücke von der salzigen Flut zu spenden. Wie ist der Brauch allhier:
darf man die ungeweihte Braut mit einem Kuß versehen?“
„Tu wie du willst und laß den Brauch für die Gebräuche.“
„Du honigsüße Lorelei. Laß mich den Inhalt deiner Waben pressen und
meine Muskelkraft mit dir in der Umschlingung üben. Die Schnute fix! Wie
feierlich die Gegend schweigt – – – Deine Fresse ist recht appetitlich,
noch einen Kuß für deinen Lippenzwilling, bei Ehr, das ist der beste
Liebesschilling.“
„Laß mich schnaufen, Arco, du bist grob.“
„Ich bin nie grob, manchmal stürmisch galant. Die Last der Ehe wird die
Glut schon dämpfen. In Flittertagen darf man nicht empfindlich sein.
Bist du nicht Mutter übers Jahr, dann sterben meine Vaterträume, die in
der heißen Brust gehegten. Wie schön, von einer Frau geliebt zu sein!
Arme Freundin, das kannst du nie erleben und mußt mit eines Mannes Liebe
fürliebnehmen. Du hast mich doch lieb? Verzeih, wenn du dein Denken
durch die Ueberlegung schändest.“
„Ich glaube ja und du?“
„Ich habe mich nicht lieb.“
„Und mich?“
„So lieb, wie wir uns beide gegenseitig lieben. Ich habe Sehnsucht nach
den Hügeln meiner Träume, nach dem Tale meiner Sehnsucht. Treten wir ins
Eden, ins Dorado, dein Michael ist abgereist, der am Garten der Armida
Wache stand. Du bist die Schlange, ich der Apfel und der Teufel wird
beim Pflücken geigen.“
„Jappes ist am Meer mit seinem Flammenschwerte und das Dorado steht dir
offen. Vergiß nicht, daß der Teufel Kolophonium zum Fiedeln braucht. Die
Schlange häutet sich noch nicht. Jappes-Michael muß sein Nein zum Ja für
dich verwandeln. Das Jawort ist die Klausel der Geschlechter, und
Michael ist eine Großmacht, die mit zähem Wall mein Ich umschlossen
hat.“
„Weh mir der Qual, den Terminus noch abzuwarten!“
„Denk, daß du ein Mann und ein Franzose bist und einer Dame ritterlich
entgegenstehst. Der Rittersinn soll nicht allein im Rosse liegen. Ich
denke, deine Ahnen waren Ritter?“
Perversität und Genie treiben zum
selben Ziel: dem Wahnsinn.
„Von meinen Ahnen soll ich dir erzählen, dem Stammbaum meiner
Ritterschaft, mein Pedigree ... Vom: Hausgeist derer, die sich meine
Väter nannten, von der Kette meiner Uren, die sich zum Gedeih des
Stammes der Calvandi zeugten. Frankreich steht und fällt mit dem
Geschlechte der Calvandi! Unsere ersten Streitrosse standen unter Ludwig
dem Frommen, le Débonnaire. Nach dem Normannenzug ritten sie zum Grafen
Eudes, als bei Karl dem Kahlen keine Wolle mehr zu scheren war. Der
Stammbaum reitet durch die Wirren treu an königlicher Tafel seinem
Glanze nach. Meine Ahnen waren kühne Zeitgenossen aller großen Taten;
mit den Königen standen sie auf du und du, mit der Reihe derer, die man
Ludwig nennt, auf geldvertrautem Fuß. Meine Phantasie illuminiert mir
die Taten aller Louis, wenn ich an die Namen denke, die von ihrem Wesen
Kunde geben; Ludwig der Fromme, der Dicke, der Junge, der Löwe, der
Heilige, der Zänker, der Elfte, der Vater des Volkes, der
Unglücksziffrige, der Sonnenkönig, der Namenlose, mit Maria Leszczynska
ins Ehebett getraut, der Sechzehnte, den man vom Denken suspendierte.
Die Philipp, Karl und Heinrich, die in den Ludwigslücken glänzen, haben
meiner Ahnen Tätigkeit am eigenen Leib erfahren und sie für ihren Raub
geadelt.
Seit der große Korse die Ländertafel anders malte, leben meine Väter vom
Goldstaub der Jahrhunderte. Mein Vater war korrekt und zäh in der
Verfolgung eines Zieles. Es soll kein Tadel sein: Drei Jahre ritt er an
der Bahn entlang mit einem Terzerol, den Führer eines Zugs, der ihn zu
spät aus der Provinz zu einer Freundin in die Stadt gebracht, zur
Rechenschaft zu ziehen. Mit verhängtem Zügel hat er sein Roß am Zug
entlang gepeitscht ... Da dämmerte im dritten Jahr in seinem
geistverwirrten Sinn, daß er nicht wußte, wie der Führer war. Die
Jugendtage hat er in heilig-augustinischer Versunkenheit verliebt, die
Kirche wurde sein Refugium. Zur Vesperzeit sah man ihn mit einer Koppel
Hunde und mit seinem Jagdgewehr im kühlen Raum der Kirchenwölbung, mit
unverwandtem Blick die Frauen äugend ... Seltsam, keine lachte.“
„Die Ehrfurcht ist um die Ehre länger als die Furcht. Dein Vater war ein
Feuergeist. Sein Hitzkopf ist dein Erbe. Ich liebe Männer, die sich
Opfer bringen.“
„Ich nutze meine Zeit, eh auch der Wahnsinn mich befällt. Der Geist, der
die Calvandi lenkt, wird müde nach dem ersten Drittel ihres Lebens. Kein
Edelstein ist erblich in der Familie, der den dunklen Geist des Hauses
bannt und seine Kraft für den Ruin des Trägers ins Spiel der Zeiten
wirft. So sterben wir durchs Blut, das unserem Leben seinen Rhythmus
leiht. Der letzte unserer Art wird nie geboren werden. Der Wahnsinn ist
der starke Geist, das Absolutgesetz, das willenlos den freien Willen
zwingt. Die transzendente Kraft des Wahnsinns schafft den Uebergeist.
Und Priester dieses Geistes sind wir alle vom Geschlechte der Calvandi!“
Armida nahm seinen Arm und sie verließen Calvandis Zimmer.