ACHTUNDDREISSIGSTES KAPITEL

Es gibt Menschen, bei denen der

Fortpflanzungstrieb stärker ist,

als der Selbsterhaltungstrieb.

„Es reizt mich, dich zu heiraten mit allem Formelkram und allem

Jirimiri. Dein angetrautes Weib! Ein Jahr vergeht im Flug, bis dahin bin

ich dieses Abenteuers überdrüssig. Die Welt dreht bunt zu unseren Füßen,

wir täten unrecht, uns nicht mitzudrehen. Wo ist der Weg, den diese Welt

durchmißt? Sie dreht und dreht um Sonne, Mond und Sterne, und übers Jahr

ist sie am selben Fleck. Vergiß nicht, daß die Drehung rasch ist und daß

der Taumel uns die Richtungswerte nimmt.“

So sprach Armida und Calvandi grinste:

„Es wird ein seltenes Paar, und Seltenheit ist selten auf dem

Torkelglobus. Ich werde dir am Tage treu und nachts dein Diener sein.

Die Familie beruht auf Beischlaf, und das Glück des Kindes hängt vom

Vatersegen ab. Mein Täubchen, komm, sei meine süße Maus. Die Ehehälften

müssen sich zu einem Ganzen schlagen. Wir gehen los: zum Schöps, zum

Paternoster, kehren heim in unsere trauten Brautgemächer. O holder Engel

du! In meinen Tränendrüsen herrscht die ewige Ebbe, heute wär ein Tag,

dem Glücke von der salzigen Flut zu spenden. Wie ist der Brauch allhier:

darf man die ungeweihte Braut mit einem Kuß versehen?“

„Tu wie du willst und laß den Brauch für die Gebräuche.“

„Du honigsüße Lorelei. Laß mich den Inhalt deiner Waben pressen und

meine Muskelkraft mit dir in der Umschlingung üben. Die Schnute fix! Wie

feierlich die Gegend schweigt – – – Deine Fresse ist recht appetitlich,

noch einen Kuß für deinen Lippenzwilling, bei Ehr, das ist der beste

Liebesschilling.“

„Laß mich schnaufen, Arco, du bist grob.“

„Ich bin nie grob, manchmal stürmisch galant. Die Last der Ehe wird die

Glut schon dämpfen. In Flittertagen darf man nicht empfindlich sein.

Bist du nicht Mutter übers Jahr, dann sterben meine Vaterträume, die in

der heißen Brust gehegten. Wie schön, von einer Frau geliebt zu sein!

Arme Freundin, das kannst du nie erleben und mußt mit eines Mannes Liebe

fürliebnehmen. Du hast mich doch lieb? Verzeih, wenn du dein Denken

durch die Ueberlegung schändest.“

„Ich glaube ja und du?“

„Ich habe mich nicht lieb.“

„Und mich?“

„So lieb, wie wir uns beide gegenseitig lieben. Ich habe Sehnsucht nach

den Hügeln meiner Träume, nach dem Tale meiner Sehnsucht. Treten wir ins

Eden, ins Dorado, dein Michael ist abgereist, der am Garten der Armida

Wache stand. Du bist die Schlange, ich der Apfel und der Teufel wird

beim Pflücken geigen.“

„Jappes ist am Meer mit seinem Flammenschwerte und das Dorado steht dir

offen. Vergiß nicht, daß der Teufel Kolophonium zum Fiedeln braucht. Die

Schlange häutet sich noch nicht. Jappes-Michael muß sein Nein zum Ja für

dich verwandeln. Das Jawort ist die Klausel der Geschlechter, und

Michael ist eine Großmacht, die mit zähem Wall mein Ich umschlossen

hat.“

„Weh mir der Qual, den Terminus noch abzuwarten!“

„Denk, daß du ein Mann und ein Franzose bist und einer Dame ritterlich

entgegenstehst. Der Rittersinn soll nicht allein im Rosse liegen. Ich

denke, deine Ahnen waren Ritter?“

Perversität und Genie treiben zum

selben Ziel: dem Wahnsinn.

„Von meinen Ahnen soll ich dir erzählen, dem Stammbaum meiner

Ritterschaft, mein Pedigree ... Vom: Hausgeist derer, die sich meine

Väter nannten, von der Kette meiner Uren, die sich zum Gedeih des

Stammes der Calvandi zeugten. Frankreich steht und fällt mit dem

Geschlechte der Calvandi! Unsere ersten Streitrosse standen unter Ludwig

dem Frommen, le Débonnaire. Nach dem Normannenzug ritten sie zum Grafen

Eudes, als bei Karl dem Kahlen keine Wolle mehr zu scheren war. Der

Stammbaum reitet durch die Wirren treu an königlicher Tafel seinem

Glanze nach. Meine Ahnen waren kühne Zeitgenossen aller großen Taten;

mit den Königen standen sie auf du und du, mit der Reihe derer, die man

Ludwig nennt, auf geldvertrautem Fuß. Meine Phantasie illuminiert mir

die Taten aller Louis, wenn ich an die Namen denke, die von ihrem Wesen

Kunde geben; Ludwig der Fromme, der Dicke, der Junge, der Löwe, der

Heilige, der Zänker, der Elfte, der Vater des Volkes, der

Unglücksziffrige, der Sonnenkönig, der Namenlose, mit Maria Leszczynska

ins Ehebett getraut, der Sechzehnte, den man vom Denken suspendierte.

Die Philipp, Karl und Heinrich, die in den Ludwigslücken glänzen, haben

meiner Ahnen Tätigkeit am eigenen Leib erfahren und sie für ihren Raub

geadelt.

Seit der große Korse die Ländertafel anders malte, leben meine Väter vom

Goldstaub der Jahrhunderte. Mein Vater war korrekt und zäh in der

Verfolgung eines Zieles. Es soll kein Tadel sein: Drei Jahre ritt er an

der Bahn entlang mit einem Terzerol, den Führer eines Zugs, der ihn zu

spät aus der Provinz zu einer Freundin in die Stadt gebracht, zur

Rechenschaft zu ziehen. Mit verhängtem Zügel hat er sein Roß am Zug

entlang gepeitscht ... Da dämmerte im dritten Jahr in seinem

geistverwirrten Sinn, daß er nicht wußte, wie der Führer war. Die

Jugendtage hat er in heilig-augustinischer Versunkenheit verliebt, die

Kirche wurde sein Refugium. Zur Vesperzeit sah man ihn mit einer Koppel

Hunde und mit seinem Jagdgewehr im kühlen Raum der Kirchenwölbung, mit

unverwandtem Blick die Frauen äugend ... Seltsam, keine lachte.“

„Die Ehrfurcht ist um die Ehre länger als die Furcht. Dein Vater war ein

Feuergeist. Sein Hitzkopf ist dein Erbe. Ich liebe Männer, die sich

Opfer bringen.“

„Ich nutze meine Zeit, eh auch der Wahnsinn mich befällt. Der Geist, der

die Calvandi lenkt, wird müde nach dem ersten Drittel ihres Lebens. Kein

Edelstein ist erblich in der Familie, der den dunklen Geist des Hauses

bannt und seine Kraft für den Ruin des Trägers ins Spiel der Zeiten

wirft. So sterben wir durchs Blut, das unserem Leben seinen Rhythmus

leiht. Der letzte unserer Art wird nie geboren werden. Der Wahnsinn ist

der starke Geist, das Absolutgesetz, das willenlos den freien Willen

zwingt. Die transzendente Kraft des Wahnsinns schafft den Uebergeist.

Und Priester dieses Geistes sind wir alle vom Geschlechte der Calvandi!“

Armida nahm seinen Arm und sie verließen Calvandis Zimmer.

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