Die Sünde ist eine
Erbschleicherin, die auf den Tod
der Tugend lauert.
„Meine ganze Mappe wird im Glaspalast ausgestellt,“ rief Pepy
freudestrahlend und hob ihre Hand graziös an Professor Günthers Lippen.
„Ich bin sehr glücklich und ich danke Ihnen vielmals, mein Freund.“
„Schön, schön, für seine Freunde muß man immer etwas Angenehmes tun
können und es wird zur Pflicht, wenn man ein Talent fördern kann. Wir
gehen ins Atelier hinauf, da können wir ungestörter plaudern. Gestört
werden wir sowieso nicht, meine Frau ist mit einer Freundin ins
Residenztheater.“
Sie stiegen die Treppe hinauf und die Läufer dämpften ihre Schritte.
Professor Günther ging hinter diesem jugendbebenden Wesen. Sein Blick
umfaßte die vollen geschweiften Hüften des Mädchens, die prall-molligen
Waden, in gemusterten durchsichtigen Strümpfen gerundet. Er umfing ihre
Bewegung, trank den Rhythmus, der von ihr ausströmte, berauschte sich an
seinem glühenden Verlangen. Sein wild pulsierendes Blut trieb ihn,
dieses rothaarige Kind zu berühren, ihr in lodernder Brunst seine
Sehnsucht zu klagen, in ihrem weichen elastischen Busen zu wühlen, ihr
heißes Fleisch zu küssen, jede Fläche, einzeln, lange, lange ... Er
stolperte die Treppe hinauf, von der Begierde gepeitscht, von der
Unsicherheit gefesselt.
* * * * *
Wer könnte die geheimnisvolle Macht des Fleisches bezweifeln! Sind die
mystischen Verzückungen der Heiligen etwas anderes als erotischer
Taumel? Sind die devoten Verzückungen der Klosterfrauen etwas anderes
als saugende Erschöpfung im Andenken an das liebeglühende Herz des
Erlösers? Ewige Gesetze des Blutes, die uns die Sinne verwirren, die uns
im Rausch der kreisenden Säfte zum gesteigerten Leben führen. Göttlicher
Funke der Empfindung, der du das Leben zur Wonne machst! Oh! die Wollust
der schlingenden Arme. Oh! die Nähe der rieselumrauschten Umarmung. Oh!
der Zauber der müden Gestalten. Taumel, Wirbel, Glut und Beben und selig
still Versinken in sich selbst.
Günther und Pepy sahen keine Staffelei, keine Bilder. Ihre gegenseitigen
Gedanken waren Wirklichkeit. Sie gehörten sich, von Mund zu Mund, von
Fleisch zu Fleisch. Das Mädchen in erschrocken-erregter Erwartung
erzitterte, als Günther ihr das gekräuselte Gelock löste, ihr glühendes
Gesicht an seine pochende Schläfe drückte, ihr Stirn und Auge
streichelte und in langer Umarmung ihre Lippen preßte. Sie begehrte
diesen Mann, wie er sie begehrte. Ihre köstlich-reifen Brüste quollen
aus dem gelösten Mieder, und Wonne durchschauerte den willenlosen
Körper, als er seine Lippen zum Kuß hinunterneigte. Löste ihre
leuchtende Unterkleidung und ihr Fleisch quoll hervor, perlend, blendend
weich. Wundersam samtige Knie, die Fülle der flaumigen Beine, die
Wölbung des bebenden Leibes, der dunkle Schatten der männlichen
Sehnsucht. Günther hüllte sie ein mit den Blicken. Umschmeichelte
streichelnd die lockenden Reize und seine Sinne stöhnten von der Marter
des flutenden Blutes. Biß seine Zähne in das saftige Fleisch, das sich
wehrlos dem Drängen entgegenspreizte, zuckend in betäubender Lohe.
Worte sind schwache Trabanten, wissen nicht von den Lüsten der Menschen
zu sprechen. Und Taten sind stumm ...
Heilig ist die Lust, welche die Sinne berauscht, welche die
Begehrenssehnsucht nach dem Tempel der Freude weckt. Mensch! entsprossen
aus dem Mutterleib, ewig zieht es dich zum Mutterschoß zurück. Der Traum
vom Kind, der Traum vom Weib wird nie so schön geträumt als unbewußt. O
heilig-weicher Schoß! du birgst das Wunder einer Welt in Seligkeit aus
nichts erschaffen. Fluch dem Schöpfer, daß er die Begierde nackter
Zweisamkeit bei Tieren schuf! Ward der Mensch erniedrigt? Ward das Tier
erhoben? Das Leben ist aus Lust geworden nach einem heiligen Schmerz im
Mutterleib. Liebend hegt die Frau die Frucht, die ihr mit
schmerzlich-banger Qual die Mutterschaft zerriß. Geheimnisvoll Gefäß der
schmerzlich-süßen Lust! O Litanei der süßen Namen! Nicht Fleisch ist
Schöpfer – Heiliger Geist aus jenem Wunderland, das die Erlösung in die
Welt gesetzt. Marter ist dein Traum von Lust und alle träumen wir die
martervolle Freude. Kelch der Gnade, du Labung des begierdevollen
Opfertums. O Mater lacrimosa, hast du auf Golgatha das Wunder deiner
Ueberschattung nicht verzückt beweint, als mit dem Sohnesblut das
Mutterwort vom Kreuze tropfte? Weh deiner heiligen Ohnmacht, daß du den
Tabernakel glückverklärter Herrlichkeit nicht künftiger Erlösung weihen
durftest. Löwenmutter, die nur einen Sohn der Wüste schenkte, wende
deine Huld den Armen zu, die deine Leiden in der Mutterwürde büßen.
Kunst und Leben: Traum und
Wirklichkeit; Erwachen liegt
dazwischen.
Pepy kannte kalte Marmormänner, die mit ihren toten Reizen keine Sinne
kitzeln. Gips und Stein! so war die Kunst, kalt und tot. In dieser Nacht
sprach der erste warme Mann zu ihr, den sie wie einen Traum erlebte.
Fleisch und Blut! so ist das Leben warm und schaffend.