SIEBENUNDDREISSIGSTES KAPITEL

Die Sünde ist eine

Erbschleicherin, die auf den Tod

der Tugend lauert.

„Meine ganze Mappe wird im Glaspalast ausgestellt,“ rief Pepy

freudestrahlend und hob ihre Hand graziös an Professor Günthers Lippen.

„Ich bin sehr glücklich und ich danke Ihnen vielmals, mein Freund.“

„Schön, schön, für seine Freunde muß man immer etwas Angenehmes tun

können und es wird zur Pflicht, wenn man ein Talent fördern kann. Wir

gehen ins Atelier hinauf, da können wir ungestörter plaudern. Gestört

werden wir sowieso nicht, meine Frau ist mit einer Freundin ins

Residenztheater.“

Sie stiegen die Treppe hinauf und die Läufer dämpften ihre Schritte.

Professor Günther ging hinter diesem jugendbebenden Wesen. Sein Blick

umfaßte die vollen geschweiften Hüften des Mädchens, die prall-molligen

Waden, in gemusterten durchsichtigen Strümpfen gerundet. Er umfing ihre

Bewegung, trank den Rhythmus, der von ihr ausströmte, berauschte sich an

seinem glühenden Verlangen. Sein wild pulsierendes Blut trieb ihn,

dieses rothaarige Kind zu berühren, ihr in lodernder Brunst seine

Sehnsucht zu klagen, in ihrem weichen elastischen Busen zu wühlen, ihr

heißes Fleisch zu küssen, jede Fläche, einzeln, lange, lange ... Er

stolperte die Treppe hinauf, von der Begierde gepeitscht, von der

Unsicherheit gefesselt.

* * * * *

Wer könnte die geheimnisvolle Macht des Fleisches bezweifeln! Sind die

mystischen Verzückungen der Heiligen etwas anderes als erotischer

Taumel? Sind die devoten Verzückungen der Klosterfrauen etwas anderes

als saugende Erschöpfung im Andenken an das liebeglühende Herz des

Erlösers? Ewige Gesetze des Blutes, die uns die Sinne verwirren, die uns

im Rausch der kreisenden Säfte zum gesteigerten Leben führen. Göttlicher

Funke der Empfindung, der du das Leben zur Wonne machst! Oh! die Wollust

der schlingenden Arme. Oh! die Nähe der rieselumrauschten Umarmung. Oh!

der Zauber der müden Gestalten. Taumel, Wirbel, Glut und Beben und selig

still Versinken in sich selbst.

Günther und Pepy sahen keine Staffelei, keine Bilder. Ihre gegenseitigen

Gedanken waren Wirklichkeit. Sie gehörten sich, von Mund zu Mund, von

Fleisch zu Fleisch. Das Mädchen in erschrocken-erregter Erwartung

erzitterte, als Günther ihr das gekräuselte Gelock löste, ihr glühendes

Gesicht an seine pochende Schläfe drückte, ihr Stirn und Auge

streichelte und in langer Umarmung ihre Lippen preßte. Sie begehrte

diesen Mann, wie er sie begehrte. Ihre köstlich-reifen Brüste quollen

aus dem gelösten Mieder, und Wonne durchschauerte den willenlosen

Körper, als er seine Lippen zum Kuß hinunterneigte. Löste ihre

leuchtende Unterkleidung und ihr Fleisch quoll hervor, perlend, blendend

weich. Wundersam samtige Knie, die Fülle der flaumigen Beine, die

Wölbung des bebenden Leibes, der dunkle Schatten der männlichen

Sehnsucht. Günther hüllte sie ein mit den Blicken. Umschmeichelte

streichelnd die lockenden Reize und seine Sinne stöhnten von der Marter

des flutenden Blutes. Biß seine Zähne in das saftige Fleisch, das sich

wehrlos dem Drängen entgegenspreizte, zuckend in betäubender Lohe.

Worte sind schwache Trabanten, wissen nicht von den Lüsten der Menschen

zu sprechen. Und Taten sind stumm ...

Heilig ist die Lust, welche die Sinne berauscht, welche die

Begehrenssehnsucht nach dem Tempel der Freude weckt. Mensch! entsprossen

aus dem Mutterleib, ewig zieht es dich zum Mutterschoß zurück. Der Traum

vom Kind, der Traum vom Weib wird nie so schön geträumt als unbewußt. O

heilig-weicher Schoß! du birgst das Wunder einer Welt in Seligkeit aus

nichts erschaffen. Fluch dem Schöpfer, daß er die Begierde nackter

Zweisamkeit bei Tieren schuf! Ward der Mensch erniedrigt? Ward das Tier

erhoben? Das Leben ist aus Lust geworden nach einem heiligen Schmerz im

Mutterleib. Liebend hegt die Frau die Frucht, die ihr mit

schmerzlich-banger Qual die Mutterschaft zerriß. Geheimnisvoll Gefäß der

schmerzlich-süßen Lust! O Litanei der süßen Namen! Nicht Fleisch ist

Schöpfer – Heiliger Geist aus jenem Wunderland, das die Erlösung in die

Welt gesetzt. Marter ist dein Traum von Lust und alle träumen wir die

martervolle Freude. Kelch der Gnade, du Labung des begierdevollen

Opfertums. O Mater lacrimosa, hast du auf Golgatha das Wunder deiner

Ueberschattung nicht verzückt beweint, als mit dem Sohnesblut das

Mutterwort vom Kreuze tropfte? Weh deiner heiligen Ohnmacht, daß du den

Tabernakel glückverklärter Herrlichkeit nicht künftiger Erlösung weihen

durftest. Löwenmutter, die nur einen Sohn der Wüste schenkte, wende

deine Huld den Armen zu, die deine Leiden in der Mutterwürde büßen.

Kunst und Leben: Traum und

Wirklichkeit; Erwachen liegt

dazwischen.

Pepy kannte kalte Marmormänner, die mit ihren toten Reizen keine Sinne

kitzeln. Gips und Stein! so war die Kunst, kalt und tot. In dieser Nacht

sprach der erste warme Mann zu ihr, den sie wie einen Traum erlebte.

Fleisch und Blut! so ist das Leben warm und schaffend.

Fetzen · 第 64 / 82 题