Niemand glaubt gern die
Erlebnisse: der andern, und es
gibt Erlebnisse, die man nicht für
einen anderen erleben möchte.
„Jappes,“ sagte Armida, „ich brauche Calvandi allein. Tu mir den
Gefallen und fahre nach Saßnitz. Das Meer wird dich entschädigen und du
wirst deine Ueberflüssigkeit vergessen. Arco Calvandi reizt mich, und du
weißt, was das bedeutet.“
In Stralsund wartete das Schiff, das den D-Zug auf seinem starken Buckel
nach dem Eiland hinüberbrachte. Jappes saß in seinem Abteil mit der
Gleichgültigkeit eines Weggeschickten, der kein Ziel hat, auf alle Fälle
aber acht Tage auf irgendeine Weise totschlagen muß. Der scharfe Wind,
der von der See dem fahrenden Schiff entgegenblies, riß den
Zigarrenrauch jäh in den feuchten Morgen. Schwarze Fischerbarken mit
gelbgrauen Segeln trieben auf den schlecht gekämmten Wellen. Ein Eiland
reihte sich ans andere und alle grüßten mit ihren Laubwäldern herüber.
Auf dem Wasser gibt es keine Jahreszeit.
Kaputte Fische trieben mit der Strömung, die weiß-tote Bauchfläche nach
oben. Der Tod kehrt das Unterste nach oben, das ist das Wesen des Todes.
Jappes zielte mit einer halben Zigarre nach einem toten Hering, und die
beiden Leichen schwammen friedlich nebeneinander. Ein erloschener Hering
und eine tote Zigarre tun sich gegenseitig nichts. Er warf sich in die
Polster, brach Schokolade aus der Tasche in den Mund und rauchte eine
Zigarette dazu. Ihm gegenüber saß ein Reisender. Sonst war niemand im
Abteil. Eine graue Handtasche nickte vom Netz herunter: Merkwürdig, daß
Menschen graue Handtaschen haben, dachte Jappes, die Farbe der
Scheinlosigkeit, der Unauffälligkeit, die Farbe des Nichts, der
unausstehlichen Ueberflüssigkeit, des Elendes. Ich muß mir eine graue
Handtasche kaufen. Seine Züge sprangen vom Netz herunter und wühlten
sich in die Züge des Reisenden. Zuckerbäcker! schoß es Jappes durch den
Kopf. Schwammig-verwaschene Züge wie Zuckerbäcker, Zuckerbäcker sind nie
Charaktere.
War überhaupt ein Anhaltspunkt vorhanden vom Aeußeren auf das Innere
dieses Menschen zu schließen? Die Konturen des Kopfes waren nicht scharf
geprägt. Graumeliertes Haar oder blond? Man konnte nicht genau
unterscheiden. War der Mann unrasiert oder überpudert? Die Augen
verrieten nichts und sandten nur zufällige Blicke hinaus. Ein Mann, der
zu allem unendlich viel Zeit zu haben schien und dann noch warten
konnte, wenn diese schon abgelaufen war. Die staubigen Stiefel, der
verschlissene Mantel, die Hände ... sollte er ein Philosoph sein? Auf
keinen Fall paßt das zum Fahrpreis, fiel es Jappes ein. Uuiih ... da ist
etwas nicht in Ordnung! Gibt es nicht in uns allen jene odische Lohe,
mit deren Hilfe wir den sympathischen oder unsympathischen Nimbus
unseres Gegenüber durchforschen können? Gibt es nicht in uns allen jene
undefinierbare Kraft, die uns vor den Gedanken der Umgebung warnt, in
uns die widerstrebende Regung wachruft, nichts von uns preiszugeben, ja!
stehen wir nicht unverrückbar fest unter dem dunkel-machtvollen Gesetz
der Dämonologie! Liegen die Geister, welche von unserem Körper Besitz
ergriffen haben, nicht beständig auf der Lauer, sich gegen die
Einwirkung von außen zu schützen! Wir sterben nicht, die aktiven Geister
müssen den Totengeistern weichen, die ihren Raub in der Erde bergen, wo
er ihnen von den Lebensgeistern wieder langsam Stück für Stück entführt
wird, um irgendwo in der Ferne die neue Wohnung alter Geister zu sein.
Weshalb hätten wir sonst den Traum und die Sehnsucht nach der Ferne?
Der Fremde saß unbeweglich, in sich abgeschlossen. Kein Gedanke verriet
sich nach außen. Sein huschender Blick trug irgend etwas von Jappes in
die Denkmaschinerie, verarbeitete es zu einer Hypothese, ein Schluß
entstand und wieder eilte der Blick, eine neue Partikel zu holen. Die
Unbeweglichkeit des verschossen Gekleideten in der Ecke störte Jappes,
er fühlte, wie die Blicke ihn umklammerten, wie die Augen an ihm
leckten. Es widerte ihn an, mit diesem abgefeimten Wesen
zusammenzusitzen. Ueber Altefähr hinaus rasselte der Zug wieder auf den
Rädern, und Jappes fühlte sich unbehaglich in dieser zweideutigen
Gegenseitigkeit, in dieser rollenden Ruhe. Er fühlte, wie die Spannung
sich in ihm vorbereitete, wie das Mißtrauen wuchs, wie es sich innerlich
in ihm aufbäumte, sich diesem verrucht Ruhigen und gleichgültig
Beobachtenden zu entziehen.
War es Furcht? ... War es die Wehrlosigkeit gegen das Unbestimmte? ...
Da erwachte der Teufel in ihm: Der in der Ecke war ein Schurke! Huh! ...
seine bohrenden Blicke stachen in jede Pore ... berührten mit frecher
Gebärde sein Ich ... auflösend, zerstörend. Nichts war diesem Blicke
heilig ... er bohrte und berechnete ... Stellte das Verhältnis der
gegenseitigen Muskelkraft auf ... Maß die Schulterbreite ... studierte
die Bewegungen ... berechnete kühl, ob eine Ueberrumpelung die Kräfte
lähmen oder stärken würde ... hatte Zweifel, wie sie Mörder haben, ehe
sie fähig sind zum Mord.
Jappes erbebte, als ihm die Gewißheit wurde, was in dem Fremden vorging.
Die Erregung schüttelte ihn wie ein jäher Frost und mit der Rechten
griff er in die Tasche und umklammerte seine Pistole. Der Reisende sagte
mit ruhig-sicherer Stimme: „Sie frösteln, es ist etwas kühl, vielleicht
schließen wir das Fenster.“ Die Worte kamen wie ein Verhängnis durch die
schadhaften Zähne. Jappes hörte eine mahnende Stimme: Gib dir keine
Schwäche, befolge seinen Willen nicht. Laß ihn keine Kraft in dir
festsetzen. Er hörte die Stimme schwach, wußte nur, daß sie widerriet,
fühlte, daß es gut sein mußte, wie sie gebot.
„Danke, nein,“ gab er zurück, „es ist nicht kalt.“
Der Fremde ließ nicht mehr locker, und Jappes war es angenehm, durch die
Rede Gewißheit über seine Zweifel zu erhalten:
„Der Zug hat Anschluß an den Dampfer nach Trelleborg?“ fragte er Jappes.
„Wann kommen Sie in Trelleborg an?“ und sein Blick lauerte, die Wirkung
zu haschen.
„Ich fahre nicht nach Trelleborg,“ erwiderte Jappes, „ich steige in
Saßnitz Hauptbahnhof aus, der Zug fährt bis zum Hafen weiter.“
„Sie kennen Saßnitz wohl gut, vielleicht können Sie mir ein Hotel
empfehlen.“
„Ich war nie dort, deshalb kann ich Ihnen gut alle empfehlen, Hotels,
die man einmal besucht hat, pflegt man nicht gerne zu empfehlen.“
„Ach so, Sie kennen Rügen nicht.“
„Nein, nur einmal bin ich von Stralsund herübergekommen, um am Strand zu
bummeln.“
Jappes überdachte die Fragen, inquisitorisch waren sie nicht, nicht
einmal verfänglich, vielleicht nicht einmal neugierig, vielleicht nur
Gelegenheitsfragen? – Der Schaffner kontrollierte die Fahrscheine. „Ich
zahle einen Zuschlag zweiter ab Stralsund,“ erklärte der Fremde und
überreichte sein Billett.
„Der Fahrschein ist am Stettiner Bahnhof gelöst, Sie müssen die
Uebergangskarte von Berlin nach Saßnitz nachlösen.“
Der Fremde zog eine Karte aus der Westentasche: „Ich dachte anfangs nur
bis Stralsund zu fahren und habe den Zuschlag nur bis Stralsund bezahlt.
Heute habe ich mich entschlossen, weiterzufahren.“
Jappes horchte auf, klang das nicht verdächtig? Hatte er den Mann nicht
schon gesehen? Jappes war einen Tag in Stralsund geblieben. Sonderbar?
Der Kontrolleur überreichte die Scheine: „So sind wir schon in Ordnung.“
„Herr Schaffner,“ bat Jappes und bot ihm eine Zigarette an, „ist der
erste Tunnel vor Bergen oder nach Bergen?“
„Es gibt keinen Tunnel auf dieser Strecke,“ dankte der Schaffner für die
Zigarette. „Dann ist mein Reiseführer nicht genau,“ sagte Jappes.
Es war kein Zweifel, der Fremde war ein Verbrecher und es reizte Jappes,
mit ihm zu spielen. Er empfand die lebhaft brennende Gier, diesem
Fremden seine Ahnungslosigkeit zu zeigen, und er redete mit der
verschwenderischen Offenheit und mit der sprunghaften Erzählerlust, wie
sie Freunde befällt, die lange nicht mehr zusammen waren und ihr
Programm überhastend entwickeln, um Fragen auszulösen, und alles
möglichst schnell anzudeuten suchen, um die Reichhaltigkeit ihrer
Erlebniskarte darzulegen.
„Ich steige im Strandhotel ab,“ begann er, „es ist jedenfalls das
vornehmste in Saßnitz, vielleicht wohnen wir zusammen? Vielleicht haben
Sie auch keine Zeit, keine Lust, na, jedenfalls können wir zusammen
Mittagbrot essen und eine Flasche leeren. Ich werde baden und um zwei
Uhr können wir uns treffen. Ich hole noch ein paar postlagernde
Telegramme; ich erwarte auch einen Scheck von der Dresdener Bank.
Nachmittags können wir ja einen Spaziergang am Meere entlang machen,
vielleicht über den Hafen gegen Stubbenkammer, wo das Meer braust und
die Felsen öde sind. Ich habe mich sehr aufs Meer gefreut. Das Meer
lockt mich immer mit starker Kraft. Die letzten Tage haben mich
niedergedrückt ... doch das ist eine subtile Affäre, ich will Sie lieber
damit verschonen.“
Der Fremde fühlte eine große Sicherheit und seine Gedanken wimmelten um
sein neues Ziel: – gegen Stubbenkammer, wo das Meer braust und die
Felsen öde sind, wiederholte er für sich und laut: „Ja, gut, das können
wir tun, es wird mich freuen, den Spaziergang mit Ihnen zu machen. Bis
zwei Uhr habe ich noch geschäftlich zu tun. Ich glaube, ich traf Sie
einmal an der Dresdener Bank, als Sie einen Scheck abhoben. Ich glaube,
hunderttausend Mark?“
„Ich erinnere mich nicht,“ sagte Jappes, „ich habe ein schwaches
Personengedächtnis, aber hundert Mille habe ich einmal abgehoben.“
Der D-Zug hielt. Saßnitz Hauptbahnhof. Jappes stieg aus und der Fremde
fuhr bis zum Hafen. Vom Meer blies ein scharfer Wind: „Das gibt Sturm,“
sagten zwei Reisende und deuteten auf den westlichen Himmel.
Christus und der jüdische
Schächer: Als Tatsache unmöglich,
als Symbol unglaublich, als
Märchen wertvoll.
Jappes hatte sich unter dem Namen Dr. Golliwog ins Fremdenbuch
eingetragen. Er ließ sich und seinen grauen Gast in einem Separatzimmer
bedienen: „Wünscht Herr Doktor jetzt schon zu zahlen?“ dienerte der
Kellner, erstaunt, weil Jappes ihn um die Rechnung bat.
„Ja!“ scherzte Jappes, „ich liebe es nicht, mit einer Schuld ans Meer zu
gehen, man weiß nie, wo man bei einer Seefahrt landet. Das Essen und den
Wein zusammen, bitte.“ Der Fremde und der Kellner lachten zu dem Scherz.
Jappes zog eine schwergefüllte Banknotentasche hervor, blätterte durch
die braunen und blauen Scheine, warf die Tasche nachlässig zur Seite und
langte nach einem kleinen Maroquintäschchen, faltete ein großes
Trinkgeld für den Kellner zurecht, zahlte die Zeche, brannte eine
Zigarre an und ging mit dem eilfertigen Fremden zum Strand.
Wer ein Stück Wegs am Meer entlang auf Lohme zugeht, merkt bald, wie der
Weg zum Pfade wird und zwischen den massigen Kieselklötzen eingeengt
kaum Platz für einen Strandläufer bietet. In fremder Begleitung ist es
gefährlich im Gänsemarsch zu gehen, dachte Jappes und hüpfte nebenher
von Stein zu Stein wie die Springflut. „Oh, ich liebe es, über die
Steine zu springen,“ wehrte er der Einladung des Fremden, im Pfade zu
gehen, „das Meer, das Meer, es macht mich ganz trunken, ganz toll.
Drüben ist das Meer wilder, da lagern wir uns in der windgeschützten
Tannenpflanzung hart am Wasser.“
Der Fremde trug seine graue Handtasche und schritt vorsichtig an den
ragenden Kieseln vorbei: „Sie sind ein Schwärmer, mich hat das Meer auch
immer begeistert.“ Die ewigen Wellen schluckten über die Kiesel und die
Möwen zogen ihre schreienden Kreise tangierend an die wogende Fläche.
Vom Hertha-See herüber ragt eine weiße Kreidenase ins Meer. Spült eine
Welle heran, dann zerschellt sie an der kahlen Wand, sonst ist der Boden
sandig und ein eilender Fuß kann bis zur nächsten Welle jenseits des
eckigen Felsens sein.
„Sie warten die Welle ab und laufen hinüber,“ rief Jappes, „ich komme
noch rechtzeitig hin und ein kleines Fußbad schadet nicht viel.“
Der Fremde lief mit steifer Bewegung und kam trocken hinüber. Jappes
plätscherte durchs Wasser der antreibenden Welle und setzte sich auf
einen abgerundeten Felsblock, der auf dem Trockenen lag.
„So stelle ich mir die Predigt am See Genezareth vor, erhaben auf einem
Stein und mit dem Wellengang um die Wette brüllend. Setzen Sie sich
einen Augenblick, fremder Freund, die Sonne malt die Wasser gerade rot.
– Seltsam, heute früh haben wir nichts voneinander gewußt und schon
flanieren wir zusammen am Strand. Wenn das Meer so rieselnd blutig ist,
reizt es mich, peitscht mein Blut, mich ins Wasser zu stürzen, einen
Menschen umzubringen und dazu zu brüllen, damit ich sein heilig-letztes
Röcheln nicht vernehme. Die Wassergeister haben eine geheimnisvolle
Kraft, die Undinen, Elfen, Nixen – der Meermann, das ganze Heer der
Nebelmänner. Mich überläuft es kalt. Heiiih ... die ewig schwebenden
Wellen, der lockende Wassertanz, das Spiel der tanzenden Geister.“ Er
riß seine Pistole aus der Tasche und feuerte sie ins Meer. Der Fremde
fuhr zusammen und kauerte auf einem Stein. Jappes krallte seinen Blick
in die irrenden Augen des Gegners: „Meine Pistole trage ich immer bei
mir. Meine siebenmal treue Freundin – einmal in Westerland auf Sylt –
doch nein! weshalb die Stimmung verderben durch eine Raubmordgeschichte,
die ich dort mit einem Fremden ... Puh, heiih ... keine Grillen! unsere
Opfer sind uns alle sicher.“ Ein zweiter Schuß rollte übers Meer und
Jappes sprang vor den Fremden.
„Ich bin ein Mörder!“ brüllte er im Sprung und zielte mit der Pistole in
das aschfahle Gesicht. „Wie du, bin ich ein Mörder! Geh deinen Weg
zurück. An mir kannst du dein blutiges Handwerk nicht üben! Heb deine
Hände hoch, du verstehst die Parole ja: Hie Geld, hie Blut! Beim Mord
geht es von rot auf rot!“ – Zog dem Fremden einen kleinen vernickelten
Revolver aus der Westentasche, öffnete dessen graue Reisetasche: Ein
Rock, Charpie und Watte, eine Mütze, ein Dietrich, Seife, Taschentücher
und ein massives Brecheisen. Der Fremde starrte mit verlorenem Blick und
eine wutverhaßte Linie zog sich um seinen Mund. Jappes warf ein paar
Kiesel in die Tasche und schleuderte sie ins Meer. Machte dem Fremden
ein Zeichen, daß er vor ihm hergehe.
Sie warteten zwei Stunden am Bahnhof und der Fremde fuhr mit dem
Nachtschnellzug nach Berlin. Jappes löste ihm einen Fahrschein zweiter
Klasse und reichte ihm die Hand bei der Abfahrt: „Ich hoffe, Sie
brauchen keinen Zuschlag für die erste Klasse nachzulösen.“