FÜNFUNDDREISSIGSTES KAPITEL

Wer viel vom Leben spricht, nimmt

es nie von der ernsten Seite. Wir

nennen die Flöhe Ungeziefer, weil

sie uns jucken, ein Flohologe hat

allerdings zwei Namen dafür, den

wissenschaftlichen und den

vulgären.

Sie machten einen Ausflug mit der Wannseebahn, Jappes, Armida und Arco

Calvandi. Stiegen in Schlachtensee aus. Es war irgendeine Zeit.

Vielleicht warm, vielleicht kühl – ein angenehmes Halbdunkel in den

verschlungenen Pfaden, die sich durch den Wald am See entlang

schlängelten. Die spezifisch ewige Stimmung, wie sie einen befällt, wenn

man einen schattigen See entlang bummelt. Die breite, gleißend-ruhige

Fläche des Sees mit abwechselnd dunklen und weißen Einkerbungen am Ufer,

lag in dem schweren Holzrahmen der umragenden Wälder. Herr Arco

Calvandi, der bewußt-verrückte Franzose, der schäkernde Lebemann, mit

einem freien Knabengesicht. Ein leichtes, zugestutztes flaumiges

Bärtchen, wie hingeklebt in das milch-rosige, gutmütig-offene

Muttergesicht. Mit den Privilegien der Reichen hatte er von seinem Vater

jene Offenheit und Gutmütigkeit derer in den Zügen, die nie jemandem

Rechenschaft abzulegen haben und von frühester Jugend durch toleranteste

Erziehung daran gewöhnt sind, über die intimsten Angelegenheiten des

Lebens mit gentlemanreifer Bravour zu reden, ohne zu erröten. Ein

bezaubernder Mensch, der kein Hehl daraus machte, daß Menschen seiner

Ansicht nach zu gegenseitiger Lust geschaffen sind, und es so schnell

wie möglich einsehen sollen. Sein wiegend sicherer Gang und seine

Kleidung verrieten den Autofahrer, der daran gewöhnt war, sich bei den

schaukelnden Bewegungen sicher und ohne Anstrengung zu äquilibrieren.

Armida hatte eines ihrer ungezählten aber gutgezahlten

Cover-coat-Strapazierkleider an. Kragen und Schlips und Reitgerte. Eine

deplacierte englische Miß mit der ungeduldigen Spannung eines Walter

Scottschen Romanes auf das Abenteuerlichste gefaßt und, was für Armida

charakteristisch war, zu naivst-mädchenhaften Kapitulationen vor starken

Männern bereit. So war sie heute.

Jappes war die dritte Seite dieses ungleichseitigen Dreieckes. Er schien

überflüssig, wie für den Geometer die dritte Seite eines rechtwinkligen

Dreieckes, die man leicht mit der Hypotenuse Calvandi, der Grundlinie

Armida und aus dem Verhältniswinkel beider bestimmen konnte nach dem

Lehrsatz: sagt mir, wer ihr seid, und ich sage euch, mit wem ihr umgeht.

Von seiner sportlichen Praxis her war Calvandi gewöhnt, das Tempo

anzugeben. Das knabenhaft listige Feuer seiner lüsternen Augen wußte die

Ironie seiner Worte ohne das Mienenspiel zu markieren. Seine

unsicher-stockende Ausdrucksform gab seiner Sprache etwas Hastendes, als

habe er Eile, eine gedachte Pointe durch die Lebhaftigkeit der Rede über

die Lücken der fehlenden Wörter hinwegzuheben. Er faßte seinen Besuch

bei Armida sehr ernst und für sich ausschlaggebend auf. Calvandi und

Jappes musterten sich mit der ruhigen Unruhe zweier Menschen, die in

derselben fatalen Lage sind: Bei einer Frau und zwei Männern gibt es

immer eine doppelte Intrige, denn eine Frau hat immer einen Schimmer von

Aufmerksamkeit für einen dritten, der in ihr Leben hereinspielt, sei es

in der Hoffnung, einen Freund zu gewinnen durch die Maske ihres

Interesses, sei es, ihren Mann durch die Eifersucht fester an sich zu

schmieden. Eine doppelt umworbene Frau hat unfehlbar die stärksten

Trümpfe in der Hand und kann ruhig Jeu ansagen. Sie wird selten

verlieren.

„Wir nehmen die Direktion am See entlang,“ begann Calvandi zu Armida

gewandt, „wir werden einen charmanten Abend haben, ein reizendes

Hors-d’oeuvre für die pikante Nacht. Liebespärchen pflegen nicht zu

dritt zu gehen, wir werden also auffallen.“

„Wir sind nicht mehr im Alter, wo man verliebte Mondscheinbummel macht,“

lachte Jappes, „Verlobte pflegen sich nicht mehr öffentlich und vorlaut

in der Liebe zu betätigen. Ich hätte dem Sittenrichter einen Vorschlag

zu machen: Einen roten Crêpe am rechten Arm für Verlobte, damit man sie

erkennt wie die Trauernden am schwarzen Flor.“

„Eine Idee!“ baute Calvandi aus, „eine deliziöse Idee! Wenn die

Verlobten ihre Verliebtheit nicht mehr durch gegenseitige Anhuldigungen

nach außen betätigen, sollten sie den roten Crêpe tragen bis zur Ehe,

dem Gesetz der zwangsvoll-gegenseitigen Hingabe.“

Armida verzog die Lippen zu spöttisch-fragender Grimasse und bewegte die

Reitgerte mit gelenkigen Fingern. „Sonderbar, die Männer reden immer

über Frauen und denken dabei an Liebe, oder sie reden über Liebe und

denken dabei an Frauen, – ob ein Mann aufrichtig liebt, persönlich

lieben kann ...? na, ich wollte die Frage nicht entscheiden.“

„Verzeihen Sie, Madame; meine erste größte Dummheit wäre es gewesen,

wenn ich mich nicht sterblich in Sie verliebt hätte,“ sagte der

Blaubart, „für Sie allein habe ich mehr Dummheiten begangen, als für

meine übrigen Eintagsfrauen zusammen. Madame, mein Herz hat sich in

glühender Liebe für Sie verzehrt ...“

Armida wehrte: „Freund, keine Flausen, die uns kompromittieren könnten.

Mir scheint das größte Uebel für einen jungen Mann, wenn das Gerücht

über sein wildverbraustes Leben schlimmer ist als die Wirklichkeit.“

„Madame,“ fiel Arco hastig ein, „heute bedauere ich zum ersten Male in

meinem Leben, kein Tagebuch geführt zu haben, ein persönliches Bändchen

Casanova, ein paar schwüle Kapitel Paul de Kock. Meine Sprache stört Sie

wohl am meisten. Die Form ist ungelenk, meine Calembours kann ich nicht

richtig anbringen.“

Jappes machte eine Bewegung voll graziöser Koketterie: „Ich glaube, wir

langweilen uns so agréable als possible.“

Die grössten Schweiger waren

Philosophen und umgekehrt.

Schade, dass sie geschrieben

haben.

Mit nachlässig-nebensächlicher Gebärde bot Calvandi Zigaretten an und

hielt das Etui, aus getriebenem Silber mit massivem Wappen und

verschnörkelten Initialen, spielend in der Hand. Jappes dankte, sein

Geschmack gehe nach einer Zigarre. „Die Liebe ist die einzige Religion,

in welcher es keine Renegaten und keine Sektierer gibt,“ – Arco Calvandi

unterbrach – und reichte Armida Feuer. „Die Leidenschaften muß man bis

zur Gewohnheit abschwächen. Sehen Sie die Zigarette, ein einzelner

Massengenuß. Die einzelne Zigarette verraucht und Kenner halten sich

nicht an eine Marke. Die Namen vergißt man, vielleicht erinnert man

sich, daß man einmal ein wunderbares Kraut verdampft hat. Das Rauchen an

sich ist das große Beständige, das Bleibende, der Reiz am Rauchen. Eine

einzelne Zigarette macht das Rauchen nicht aus, wir brauchen mehr, viel,

nur keine Spezialitäten. Allmählich stellen wir den Geschmack auf ein

besonderes Aroma ein und bleiben dabei. Es genügt, daß wir rauchen. So

ist die Liebe, eine Gewöhnung an die Frau, bei einer Marke dauert es

zuweilen länger, – vielleicht ist die Marke eines Tages ausverkauft, wir

finden eine andere, nicht schlechter, nicht besser –, das Wesentliche

ist, daß die Leidenschaft unterhalten wird, dann erst werden die Gefühle

seßhaft und lernen an der alten Scholle kleben. Der Vergleich ist mir so

eingefallen in rauchender Damengesellschaft.“

„Möglich, daß der Vergleich stimmt,“ eiferte Armida, Calvandi zu

unterstützen. „Mancher verbrennt sich an der Zigarette, kriegt Kopfweh,

verpulvert sein Vermögen für Luxuszigaretten. Sie haben mich überzeugt,

Herr Arco, habe ich richtig verstanden, eine Frau ist Gift in brennender

Hülle?!“

„Darf ich noch einmal um Feuer bitten,“ bettelte Jappes, „die meine

scheint schief gewickelt – und ist doch keine Gewohnheitszigarre zum

Hausgebrauch für die besten Freunde. Die Gewohnheiten sind die

erloschenen Krater der Leidenschaft; die Leidenschaft ist ein Spiel, das

Spiel unserer Instinkte mit den Kräften. Wir werden gespielt, wie wir

gelebt werden – irgendein großer Lebenskünstler hat das Leben so

geprägt.“

Arco Calvandi dachte an die Tage von Monte Carlo, wo er sechs Millionen

im Roulett verjeut hatte, dachte an seine Auferstehung, die er durch

Armida erhoffte, dachte an die Wiedergeburt des Sünders aus dem Pfuhle

zügelloser Verschwendung, dachte, daß Berlin sein Damaskus werden

sollte. Er hatte Gründe genug, ein ernstes Wort zu reden, aber der

Zwittergeist von Witz und Ironie diktierte ihm:

„Manches Leben endigt in einem Spiel und manches Spiel in einem Leben.

In der Ehe hält die Frau die Grillen eines Mannes warm. Für einen Roman

ist sie die Hauptperson, weil sie für die Spannung sorgt. Die Frau ist

zäh und wird auf Seite 313 in Romanen erst getötet oder in der Ehe

unschädlich gemacht.“

„Schau ihn, den Weisheitsstengel,“ und Armida klopfte ihm mit der

Reitpeitsche auf die Finger, „er spricht wie ein ergrautes Ehesemester.

Dümmer als die Rede eines Weisen klingt es nicht. Die Frauen haben alle

eine Grille, nennt mir sie schnell – nanu, wie still! Wie heißt die

Grille, Freunde?“

„???“

„Ihr schweigt, wohlan, die Grille ist der Mann. Ein Mann ist eine kleine

Welt. Das Feuer einer Frau ist viel zu groß, um so ein Einzelgrillchen

alleine daran zu wärmen. Nicht nur Frauen heiraten in Romanen – Wie

könnten sie allein die Tragik schaffen! Romane, wo eine Frau und viele

Männer sind, kann man zum Ueberdruß noch lesen. Wo nur ein Mann und

viele Frauen vorkommen – bei Gott! – da hält der Mann den letzten Akt

nicht aus. Er zappelt hin und her und stirbt aus Ueberdruß. Ist er ein

Kavalier, schießt er sich eine Kugel vor. Ist er ein Lump, tut er

desgleichen. Und ist die Frau allein im Prunkgebäude des Romans, dann

wird gekämpft, bis nur der Stärkste übrigbleibt – und der gehört dann

noch der Frau.“

Arco Calvandi dankte für die Belehrung. „Mein Exempel hat diesmal nicht

recht gestimmt. Es ist nicht schwer daneben hauen, denn das Beispiel

trifft den Fall ganz einfach oder trifft ihn nicht.“

Jappes stellte sich beiden in den Weg, kreuzte die Arme über der Brust:

„Es wär vernünftiger, das Leben nach einem Roman zu leben, als einen

Roman nach dem Leben zu schreiben. Alle berechenbaren Zufälligkeiten

würde man miterleben, während das Pikante der Romane nur der

Treppengeist des Lebens ist. Im Leben fällt uns immer erst später ein,

was wir hätten tun sollen. Würde einer von Jugend auf nach einem

gegebenen Roman leben, dann käme wenigstens eine unglaubliche Spannung

hinein. Romane soll man für die Jugend schreiben, aber die Romane nicht

aus dem Hinterhalt aufs Leben loslassen, wie eine zahnlose Meute mit dem

Schaum der Moral in dem lüsternen Maul. Treppengeist! Die vernünftige

Jugend lacht die meisten Romanhelden aus, sie würde heute ganz anders

gehandelt haben: Keine langen Intrigen, um etwas zu erhaschen, was man

viel leichter im Laden nebenan haben kann. Alle Helden und alle

Heldinnen verschenken dasselbe. Die Romane müßte man von rückwärts

schreiben. Sie würden verblüffend kurz und auch ...“

„Wir sind vom Leben abgekommen,“ unterbrach Calvandi, „die Romane der

Armen werden viel zu oft gelebt, um geschrieben werden zu dürfen, und

die Romane der Reichen werden viel zu oft geschrieben, um gelesen werden

zu sollen. Die Ehe ist die schweinslederne Ausgabe unserer

sterilisierten Gefühle. Das Kind ist eine Dichtung zu zweien. Die

Dichtung ist das fidele Handwerk, das die Liebe mit der Welt versöhnt.

Setzt Frau statt Liebe, Mann statt Welt, und der Vergleich ist fertig,

wenn ihr Kind statt Dichtung setzt. Ihnen, gnädige Frau, will ich mein

Herz zu Füßen legen ...“

Jappes lachte laut auf: „Ihr Herz hat sich in glühender Liebe für sie

verzehrt – – oder wie sagten Sie erst kurz? – und jetzt wollen Sie es

ihr zu Füßen legen. Selbst Armida kann zurückdenken.“

Armida lachte Arco spöttisch an: „Rückfällige Kranke sind die

undankbarsten Patienten. Ich danke, Freund, für Ihre edle Herzenssache.

Ist die Glut zu groß in Ihrem Herzen, dort ist der See, die Glut zu

kühlen.“

Da fiel das Lachen auch Calvandi an: „Verliebte sind immer lächerlich,

Madame, Sie wägen die Worte auf der feinen Wage, weh! ich habe schon

verlernt, die Komplimente gut zu drechseln.“

Und Jappes: „Wir sind schon daran gewöhnt, die Menschen nicht mehr ernst

zu nehmen.“ Vor Wannsee ließ der Pfad den See und kroch zum Bahnhof. Vom

See sprang ein kühler Wind und rüttelte die Bäume aus dem Schlaf, weil

der Mond schon aufgegangen war und neidisch auf die elektrischen Lichter

hernieder sah.

„Kommt, Freunde,“ rief Armida, „ich sollt von mir auch etwas haben.“ Sie

riß beide an ihre Seite und hängte sich ein. Sie hüpfte zwischen den

beiden dunklen Gestalten und wunderte sich über die Männer im

allgemeinen und über die ihren im besonderen.

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