VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL

Die Magie ist ein Kompendium

tierisch-wertvoller Naturen.

Doktor Seraph war ein maskenhafter Mensch, wie eine verwischte Skizze

zum Leben. Seine Stirne, die blutleer schien, war mattgrau wie

plastischer Fensterkitt und von zwei Linien durchfurcht, die an den

beiden Enden zusammenliefen und ein Schifflein bildeten. Der Mund war

wie zugeklebt und ohne Lippen. Runzeln von den Augen fächerförmig über

die intelligent mageren Backen sich verlierend, bargen die Bitternis

einer hartverlebten Jugendzeit. Die schmalen gepreßten Schultern

verrieten die bückende Haltung bei grübelnder Beschäftigung. Die unruhig

flackernden Augen schienen beständig eine Gefahr erspähen zu wollen. Der

Prototyp jener telepathischen Vorführungskünstler, die in ihrer

zuckenden Ueberreiztheit ihre abgrundtiefen animalischen Kräfte

betätigen. Seit seiner Geburt hatte er nicht gelebt – und seltsam – er

war wie eine versteinerte Figur, mit den bedeutungstiefen Runen

diabolischer Rätsel. Mit ruhigen verglasten Augen stierte er mit

weitausholendem Blick in die Ferne, wie ein Somnambule, der plötzlich

durch eine unglaubliche Macht erschreckt, ins Endlose starrt. Etwas

schwebend Taumelndes in der Erstarrung.

Trug an dem mager-langen Ehefinger einen schwarzen Ring, der alles Licht

auftrank. Ein Pfand des Teufels, das sich in der Familie weitererbte.

Ein Stein, der den Schlaf raubte, und alle, die ihn trugen, in

Verbindung mit Toten brachte. Doktor Seraphs Ahnen waren Aerzte und

Totengräber. Ein Großonkel war katholischer Pfarrer gewesen, hatte sich

am Vorabend seiner Primiz verachtend von seinem Ring getrennt und ihn in

ein Kästchen eingeschlossen. Ein unruhiger Traum hatte ihn gequält.

Etwas Grausiges war geschehen und doch konnte er sich nicht entsinnen,

was es war. Er amtierte kein Jahr in seiner fetten Pfründe, da kam

Freund Hein, um ihm den Ring zu kündigen. In der ganzen Pfarrei hatte

niemand einen schöneren Herren gesehen und die Trauer war groß, als er

so plötzlich starb. Nach der Weissagung einer Wahrfrau sollte Doktor

Seraph der letzte Träger des Ringes sein und in seiner Hand war eine

übermäßig große Lebenslinie.

Am Zeigefinger der rechten Hand trug er den Pesach, einen Blutstein in

Platin gefaßt. Der Stein hatte die Kraft, den Blutfluß zu stillen. Wenn

eine Frau ihn bei der Entbindung in die Hand nahm, gebar sie ihr Kind

ohne Schmerzen. Die trübrote Farbe war wie ein Blutfleck auf dem Finger

des Doktors.

Er war erschrocken-naiv wie ein Medium im magnetischen Schlaf. Sein

lautloser Katzentritt und die vorgehaltene Rechte wie bei einem

Wünschelrutengänger ließen an das Wahngebilde eines Spukes denken.

Mitschüler erzählen, daß er vieles wußte, was er nie gelernt hatte, und

niemand erinnerte sich, den schwarzen Doktor je lachen gesehen zu haben.

Er hatte nie Freunde gehabt, und seine Wirtsfrau hatte ihn nie zu

Gesichte bekommen. Alle Aufträge schrieb er mit fadendünner englischer

Steilschrift auf ein Konzeptpapier, in höflich-geschraubter Form, als

richte er eine untertänige Bitte an die durchlauchtigst allmächtigste

Majestät.

Der schwarze Ring hatte eine merkwürdige Herkunft. Eine ganze

Legendenwelt war drum gedichtet worden. Alle dreihundert Jahre sollte

der Ring nach Californien zurückkehren, an den Ort seiner Herkunft. Der

Stammbaum der Seraphs trieb seine Aeste ein halbes Jahrtausend aufwärts,

und es schien wie ein sonderbarer Zufall, daß alle den schwarzen Stein

trugen, oder war es durch die Kraft des Steines, daß der Stammbaum bis

auf den ersten Inhaber zurückging? Ende des vorigen Jahrhunderts erhielt

Doktor Seraph plötzlich in Heidelberg, wo er studierte, ein Päckchen mit

dem seltsamen Ring aus Californien, wo ein entfernter Verwandter, der

Millionär Eduard Bain in Pasadova gestorben war. Bain war dreiviertel

Jahrhundert alt und die letzten sechzehn Jahre hatte er nicht

geschlafen. Man erzählte sich im geheimen, weil der Zufall den Stein von

dem Toten getrennt habe (denn Bain verkehrte nur mit lebenden Leichen,

für welche der Stein keine Affinität zeigte), habe der Tod auch den

Schlaf, seinen dunklen Bruder, von ihm gerissen ...

Der Millionär konnte nur in Theatern und geräuschvollen Lokalen

einnicken.

Doktor Seraph saß oft stundenlang in träumerischer Betäubung vor einem

Kästchen aus dreifachem Holz, Taxus, Kreuzdorn und Hollunder. Legte den

Blutstein hinein und geriet in eine schlaflose Erschöpfung. Sein

scheinbar erloschenes Leben flackerte mählich auf, steigerte die Kräfte

bis zum magneto-elektrischen Prozeß. Seine Gesichtszüge wurden von einer

unendlich verzückten Beseligung beschienen, seine mattgebeizte

Fleischfarbe nahm ein leichtes hauchiges Rot an und mit einer bis zum

Paroxysmus gesteigerten Aufmerksamkeit schien er berauschender Musik zu

lauschen, schien das Farbenspiel eines Festgepränges zu verfolgen,

schien von ambrosischen Düften umfächelt, geriet in Ekstase, bis zum

Wahnsinn gesteigerte Begeisterung, machte keine Bewegung, alles bildete

sich in seinen plastischen Wachszügen. Die Ermattung warf den

leuchtenden Ausdruck plötzlich aus seinem Gesicht und die Totenstarre

malte den gelben Ton über sein Fleisch. Er schien von einem unendlichen

Leiden gefoltert, von ungeheueren Krämpfen zerrissen, von stechender

Qual zermürbt.

Mechanisch griff er in das Kästchen. Steckte den Blutring an den Finger

und legte den Teufelstein lautlos hinein ... Sprach mit eintönig

hölzerner Stimme – die Worte wie Bewegungen eines Hypnotisierten, eckig

und zäh – sagte Sätze mit unheimlicher Bedeutung und mit schleichend

dürrem Tonfall: „Tödin-Tod ihr bejaht das Gegenteil! – Geist von

Mitternacht furchtbarer als das Leben! – Schauerjungfern fliegen aus und

säen Kindersamen auf die keuschen Mädchenäcker. Ungetauft sind sie im

Tod erlöst. Weilen ohne Gut und Bös am seltenen Ort, in Nobiskraten.

Legt eine offene Schere auf – die jungen Wiegen sind dann erlöst vom

Nachtgejaid. Wechselbälge – Haare – Beine. Schwefelhölzer – Spinnen –

Molche – Kröten – Echsen. Aeugig eins der Hase, Beine drei, ist Loki

nicht der Feind vom Morgen? Gehenkte klappern schon am Galgenholz. Im

Sturm nimmt Wodan die gehängten Seelen mit. Geborsten und verflucht –

naht der Gesell mit Dreispitz schon, mit Feuerstein und läßt die Funken

stieben.

Zottig zottig Hühnerei

Hahnenkamm im Wirbelwind

Reicht ihm schnell den Hexenbrei

Beule – Warze – Narbe – Grind

Schafriri, friri, riri, zi – –“

Dann änderte sich seine Stimme plötzlich, wurde weich, schwebend,

melodisch; er griff in das Kästchen und tanzte mit den Ringen durchs

Zimmer, singend schien er einem Trugbild zu folgen.

Tod mit Muck

In jähem Lauf

Leg Spuck auf Spuck

Und spucke drauf.

Wer Herr seines Schicksals ist,

ist selbst das Opfer einer großen

Kraft, die aus der Ferne wirkt.

So war sein Schlaf, seine Träume. Träume ohne Schlaf sind seltsame

schwebende Gebilde, und wer Bilsenkraut oder Nachtschatten in der

Walpurgisnacht durch einen hohlen Totenknochen schlürft, kann eine

schaurige Fahrt machen.

Armida wußte um das geheimnis- und verhängnisvolle Dasein des schwarzen

Doktors. Ihre Weiberlist, ihn des Ringes im Schlaf ledig zu machen, war

nicht anwendbar – er schlief nie. Seraph hatte ein höllisches Laster, er

trank den Totenhauch der Sterbenden ... Das stechende Feuer seines

düster-fahlen Blickes gab seinen Augen etwas Ausgehöhltes, etwas

Feucht-Kühles, Unterirdisch-Nächtliches. Doktor Seraph empfand sein

Leben nicht als Verhängnis. Es war für ihn eine Tatsache, ein

So-sein-müssen, Sich-nicht-denken-können wie anders sein. Er war schön

wie der Tod im Leichenhaus. Kein Mitarzt wußte um ihn, allen war er der

Totenkopf, der nur die Operationen vornahm, die vom Aerztekollegium als

unmöglich erklärt worden waren. Trotzdem waren nicht alle unter seinem

Messer geblieben, und das Staunen war groß im Operationssaal.

Armida kannte ihn aus seiner Studentenzeit von Heidelberg her. In der

Anatomie saß er neben ihr, schaute sie nie an und gab ihr jeden Tag

einen kleinen Würfel weißen Zuckers. Im dritten Semester hatten sie sich

plötzlich gegenseitig und zu gleicher Zeit angeredet: „„Weshalb reden

wir eigentlich nichts??““ Eine Woche waren sie nicht aus dem Lachen

gekommen, beim Anblick befiel beide ein hysterisches, konvulsivisches,

unstillbares Lachen. Das übertolle Lachen brachte das Semester dazu,

Armida „Gluckerchen“ zu nennen. In dieser Zeit des erotischen

Frühscheins wollte Seraph der Medizin entsagen. Er bereitete sich vor,

die leichttönende Leier seiner Muse in würdigen Empfang zu nehmen,

schrieb fleißig Rezensionen und Skizzen, schlief ganze Tage und die

Nächte dazu, ließ die medizinischen Vorlesungen im Stich, schwänzte die

Uebungen, schaffte sich alle möglichen und unmöglichen Romane an, besang

„seine befreite Armida“ und kündigte seinem Professor seine

Promotionszusage. Schrieb ihm einen Brief voll Hohn auf die

Quacksalberei: Plötzlich habe er sie satt bekommen, um sich auf das

Feuerroß der Begeisterung zu setzen, das mit der Phantasie, dem Hafer

der utopischen Begabung gefüttert, den Olymp des Ruhmes erstürmt. In

Knüttelversen hatte er seine Umsattlung angedeutet:

Mein Doktor wartet unentwegt auf die Geburt,

Doch fehlt die Amme, ihn zu säugen,

Wenn so ein Knabe literarisch hurt,

Kann er doch keinen Doktor zeugen ...

Er hatte seine medizinische Bibliothek an einen Trödler losgeschlagen

und mit Ekel an sein Leichenschinder-Leben zurückgedacht; voller Ekel

dreimal vor dem Namen Arzt ausgespuckt, wie schwäbische Bauern tun, wenn

sie einem Schwein begegnen, verlebte mit Gluckerchen sanfte Tage

gegenseitiger Ergüsse in lyrischer Umarmung, dachte an Familienleben,

geordnete Zukunft, eine gesicherte Tracht Ruhm, vor den Kritikern, den

Prügeljungen der Literatenkaste, noch rechtzeitig gerettet. Da kam

plötzlich der schwarze Ring und mit ihm der freudelose Pflichteifer an

seinem eklen Handwerk.

Fetzen · 第 61 / 82 题