Die Magie ist ein Kompendium
tierisch-wertvoller Naturen.
Doktor Seraph war ein maskenhafter Mensch, wie eine verwischte Skizze
zum Leben. Seine Stirne, die blutleer schien, war mattgrau wie
plastischer Fensterkitt und von zwei Linien durchfurcht, die an den
beiden Enden zusammenliefen und ein Schifflein bildeten. Der Mund war
wie zugeklebt und ohne Lippen. Runzeln von den Augen fächerförmig über
die intelligent mageren Backen sich verlierend, bargen die Bitternis
einer hartverlebten Jugendzeit. Die schmalen gepreßten Schultern
verrieten die bückende Haltung bei grübelnder Beschäftigung. Die unruhig
flackernden Augen schienen beständig eine Gefahr erspähen zu wollen. Der
Prototyp jener telepathischen Vorführungskünstler, die in ihrer
zuckenden Ueberreiztheit ihre abgrundtiefen animalischen Kräfte
betätigen. Seit seiner Geburt hatte er nicht gelebt – und seltsam – er
war wie eine versteinerte Figur, mit den bedeutungstiefen Runen
diabolischer Rätsel. Mit ruhigen verglasten Augen stierte er mit
weitausholendem Blick in die Ferne, wie ein Somnambule, der plötzlich
durch eine unglaubliche Macht erschreckt, ins Endlose starrt. Etwas
schwebend Taumelndes in der Erstarrung.
Trug an dem mager-langen Ehefinger einen schwarzen Ring, der alles Licht
auftrank. Ein Pfand des Teufels, das sich in der Familie weitererbte.
Ein Stein, der den Schlaf raubte, und alle, die ihn trugen, in
Verbindung mit Toten brachte. Doktor Seraphs Ahnen waren Aerzte und
Totengräber. Ein Großonkel war katholischer Pfarrer gewesen, hatte sich
am Vorabend seiner Primiz verachtend von seinem Ring getrennt und ihn in
ein Kästchen eingeschlossen. Ein unruhiger Traum hatte ihn gequält.
Etwas Grausiges war geschehen und doch konnte er sich nicht entsinnen,
was es war. Er amtierte kein Jahr in seiner fetten Pfründe, da kam
Freund Hein, um ihm den Ring zu kündigen. In der ganzen Pfarrei hatte
niemand einen schöneren Herren gesehen und die Trauer war groß, als er
so plötzlich starb. Nach der Weissagung einer Wahrfrau sollte Doktor
Seraph der letzte Träger des Ringes sein und in seiner Hand war eine
übermäßig große Lebenslinie.
Am Zeigefinger der rechten Hand trug er den Pesach, einen Blutstein in
Platin gefaßt. Der Stein hatte die Kraft, den Blutfluß zu stillen. Wenn
eine Frau ihn bei der Entbindung in die Hand nahm, gebar sie ihr Kind
ohne Schmerzen. Die trübrote Farbe war wie ein Blutfleck auf dem Finger
des Doktors.
Er war erschrocken-naiv wie ein Medium im magnetischen Schlaf. Sein
lautloser Katzentritt und die vorgehaltene Rechte wie bei einem
Wünschelrutengänger ließen an das Wahngebilde eines Spukes denken.
Mitschüler erzählen, daß er vieles wußte, was er nie gelernt hatte, und
niemand erinnerte sich, den schwarzen Doktor je lachen gesehen zu haben.
Er hatte nie Freunde gehabt, und seine Wirtsfrau hatte ihn nie zu
Gesichte bekommen. Alle Aufträge schrieb er mit fadendünner englischer
Steilschrift auf ein Konzeptpapier, in höflich-geschraubter Form, als
richte er eine untertänige Bitte an die durchlauchtigst allmächtigste
Majestät.
Der schwarze Ring hatte eine merkwürdige Herkunft. Eine ganze
Legendenwelt war drum gedichtet worden. Alle dreihundert Jahre sollte
der Ring nach Californien zurückkehren, an den Ort seiner Herkunft. Der
Stammbaum der Seraphs trieb seine Aeste ein halbes Jahrtausend aufwärts,
und es schien wie ein sonderbarer Zufall, daß alle den schwarzen Stein
trugen, oder war es durch die Kraft des Steines, daß der Stammbaum bis
auf den ersten Inhaber zurückging? Ende des vorigen Jahrhunderts erhielt
Doktor Seraph plötzlich in Heidelberg, wo er studierte, ein Päckchen mit
dem seltsamen Ring aus Californien, wo ein entfernter Verwandter, der
Millionär Eduard Bain in Pasadova gestorben war. Bain war dreiviertel
Jahrhundert alt und die letzten sechzehn Jahre hatte er nicht
geschlafen. Man erzählte sich im geheimen, weil der Zufall den Stein von
dem Toten getrennt habe (denn Bain verkehrte nur mit lebenden Leichen,
für welche der Stein keine Affinität zeigte), habe der Tod auch den
Schlaf, seinen dunklen Bruder, von ihm gerissen ...
Der Millionär konnte nur in Theatern und geräuschvollen Lokalen
einnicken.
Doktor Seraph saß oft stundenlang in träumerischer Betäubung vor einem
Kästchen aus dreifachem Holz, Taxus, Kreuzdorn und Hollunder. Legte den
Blutstein hinein und geriet in eine schlaflose Erschöpfung. Sein
scheinbar erloschenes Leben flackerte mählich auf, steigerte die Kräfte
bis zum magneto-elektrischen Prozeß. Seine Gesichtszüge wurden von einer
unendlich verzückten Beseligung beschienen, seine mattgebeizte
Fleischfarbe nahm ein leichtes hauchiges Rot an und mit einer bis zum
Paroxysmus gesteigerten Aufmerksamkeit schien er berauschender Musik zu
lauschen, schien das Farbenspiel eines Festgepränges zu verfolgen,
schien von ambrosischen Düften umfächelt, geriet in Ekstase, bis zum
Wahnsinn gesteigerte Begeisterung, machte keine Bewegung, alles bildete
sich in seinen plastischen Wachszügen. Die Ermattung warf den
leuchtenden Ausdruck plötzlich aus seinem Gesicht und die Totenstarre
malte den gelben Ton über sein Fleisch. Er schien von einem unendlichen
Leiden gefoltert, von ungeheueren Krämpfen zerrissen, von stechender
Qual zermürbt.
Mechanisch griff er in das Kästchen. Steckte den Blutring an den Finger
und legte den Teufelstein lautlos hinein ... Sprach mit eintönig
hölzerner Stimme – die Worte wie Bewegungen eines Hypnotisierten, eckig
und zäh – sagte Sätze mit unheimlicher Bedeutung und mit schleichend
dürrem Tonfall: „Tödin-Tod ihr bejaht das Gegenteil! – Geist von
Mitternacht furchtbarer als das Leben! – Schauerjungfern fliegen aus und
säen Kindersamen auf die keuschen Mädchenäcker. Ungetauft sind sie im
Tod erlöst. Weilen ohne Gut und Bös am seltenen Ort, in Nobiskraten.
Legt eine offene Schere auf – die jungen Wiegen sind dann erlöst vom
Nachtgejaid. Wechselbälge – Haare – Beine. Schwefelhölzer – Spinnen –
Molche – Kröten – Echsen. Aeugig eins der Hase, Beine drei, ist Loki
nicht der Feind vom Morgen? Gehenkte klappern schon am Galgenholz. Im
Sturm nimmt Wodan die gehängten Seelen mit. Geborsten und verflucht –
naht der Gesell mit Dreispitz schon, mit Feuerstein und läßt die Funken
stieben.
Zottig zottig Hühnerei
Hahnenkamm im Wirbelwind
Reicht ihm schnell den Hexenbrei
Beule – Warze – Narbe – Grind
Schafriri, friri, riri, zi – –“
Dann änderte sich seine Stimme plötzlich, wurde weich, schwebend,
melodisch; er griff in das Kästchen und tanzte mit den Ringen durchs
Zimmer, singend schien er einem Trugbild zu folgen.
Tod mit Muck
In jähem Lauf
Leg Spuck auf Spuck
Und spucke drauf.
Wer Herr seines Schicksals ist,
ist selbst das Opfer einer großen
Kraft, die aus der Ferne wirkt.
So war sein Schlaf, seine Träume. Träume ohne Schlaf sind seltsame
schwebende Gebilde, und wer Bilsenkraut oder Nachtschatten in der
Walpurgisnacht durch einen hohlen Totenknochen schlürft, kann eine
schaurige Fahrt machen.
Armida wußte um das geheimnis- und verhängnisvolle Dasein des schwarzen
Doktors. Ihre Weiberlist, ihn des Ringes im Schlaf ledig zu machen, war
nicht anwendbar – er schlief nie. Seraph hatte ein höllisches Laster, er
trank den Totenhauch der Sterbenden ... Das stechende Feuer seines
düster-fahlen Blickes gab seinen Augen etwas Ausgehöhltes, etwas
Feucht-Kühles, Unterirdisch-Nächtliches. Doktor Seraph empfand sein
Leben nicht als Verhängnis. Es war für ihn eine Tatsache, ein
So-sein-müssen, Sich-nicht-denken-können wie anders sein. Er war schön
wie der Tod im Leichenhaus. Kein Mitarzt wußte um ihn, allen war er der
Totenkopf, der nur die Operationen vornahm, die vom Aerztekollegium als
unmöglich erklärt worden waren. Trotzdem waren nicht alle unter seinem
Messer geblieben, und das Staunen war groß im Operationssaal.
Armida kannte ihn aus seiner Studentenzeit von Heidelberg her. In der
Anatomie saß er neben ihr, schaute sie nie an und gab ihr jeden Tag
einen kleinen Würfel weißen Zuckers. Im dritten Semester hatten sie sich
plötzlich gegenseitig und zu gleicher Zeit angeredet: „„Weshalb reden
wir eigentlich nichts??““ Eine Woche waren sie nicht aus dem Lachen
gekommen, beim Anblick befiel beide ein hysterisches, konvulsivisches,
unstillbares Lachen. Das übertolle Lachen brachte das Semester dazu,
Armida „Gluckerchen“ zu nennen. In dieser Zeit des erotischen
Frühscheins wollte Seraph der Medizin entsagen. Er bereitete sich vor,
die leichttönende Leier seiner Muse in würdigen Empfang zu nehmen,
schrieb fleißig Rezensionen und Skizzen, schlief ganze Tage und die
Nächte dazu, ließ die medizinischen Vorlesungen im Stich, schwänzte die
Uebungen, schaffte sich alle möglichen und unmöglichen Romane an, besang
„seine befreite Armida“ und kündigte seinem Professor seine
Promotionszusage. Schrieb ihm einen Brief voll Hohn auf die
Quacksalberei: Plötzlich habe er sie satt bekommen, um sich auf das
Feuerroß der Begeisterung zu setzen, das mit der Phantasie, dem Hafer
der utopischen Begabung gefüttert, den Olymp des Ruhmes erstürmt. In
Knüttelversen hatte er seine Umsattlung angedeutet:
Mein Doktor wartet unentwegt auf die Geburt,
Doch fehlt die Amme, ihn zu säugen,
Wenn so ein Knabe literarisch hurt,
Kann er doch keinen Doktor zeugen ...
Er hatte seine medizinische Bibliothek an einen Trödler losgeschlagen
und mit Ekel an sein Leichenschinder-Leben zurückgedacht; voller Ekel
dreimal vor dem Namen Arzt ausgespuckt, wie schwäbische Bauern tun, wenn
sie einem Schwein begegnen, verlebte mit Gluckerchen sanfte Tage
gegenseitiger Ergüsse in lyrischer Umarmung, dachte an Familienleben,
geordnete Zukunft, eine gesicherte Tracht Ruhm, vor den Kritikern, den
Prügeljungen der Literatenkaste, noch rechtzeitig gerettet. Da kam
plötzlich der schwarze Ring und mit ihm der freudelose Pflichteifer an
seinem eklen Handwerk.