Armida drehte sich mit einem unwilligen Ruck jäh um. „Flegel!“

Jappes pflanzte sich breit vor sie hin: „Freundin,“ sagte er demütig,

„deine Nerven sind heute nicht für die Maximalbelastung berechnet. Wenn

ich ungenießbar bin, so will ich mich erziehen. Gewiß, um Schönheit zu

genießen, darf man mit keinem Mann vertraut werden. Ich bin noch nicht

klug, nur kühn bin ich, und das ist keine Tugend. Der Mann ist ein

gefährliches Prinzip. Ich bin durch eine Ironie der Natur geschaffen.

Die Taten sehe ich nicht, ich sehe nur Zwecke und die Beweggründe der

Menschen, und deshalb bin ich so geworden. Du wolltest mich für deine

Bedürfnisse ausschlachten, und deine Vorwürfe gegen mich sind nichts als

Erkenntnisse deines Irrtums. Wo ist deine große Toleranz, die manchmal

dein Wesen bestimmt, alle Menschen zu entschuldigen? Mein Herz kriegt

schier eine Gänsehaut, wenn ich die abgeschöpften Moralpauken aus deinem

Munde höre ...“

Armida ließ Jappes stehen und eilte durch den Park der Villa zu. Jappes

stand eine Weile still und paffte die blauen Kringel einer Zigarette in

den Abend. Dachte nach über den plötzlichen Umschwung bei Armida und

ging mit sich zu Gericht. Er richtete eine sich selbst verspöttelnde

Anklage gegen den Bummler Jappes: Weshalb soll ich mich mit der trüben

Neigung herumbalgen und zahm werden! Mensch, du bist ein lachender

Fetzen im Wirbel deiner Gewohnheiten. Weshalb soll ich mich in die allzu

engen Grenzen des Lebens zwängen? Ich tummle mich jenseits der Barriere,

mache Kapriolen wie ein tolles Zicklein und ergötze mich am

Feiglingsgewimmel, das nach Genüssen lechzt, sie aber nicht befriedigen

kann, weil es sich müde an seinen Prinzipien und Moralparagraphen

schleppt, unfähig, die huschenden Freuden zu haschen. ... Der Wert des

Lebens steckt im Sittlichen? dann hat mein Leben keinen Wert. Abseits

vom Leben geht ein dunkler Pfad, der Pfad der Isolierten, den soll ich

gehen und mich zur korrekten Sittlichkeit erniedrigen? Was ist

Sittlichkeit? Pilatusfrage! – Zum Schlagwort erniedrigte Lebensnorm,

Thema einer kapitelweisen Abhandlung eines Lehrbuches der Ethik,

Tummelplatz der Relativisten. Oh! die Sittlichkeit ist erhaben in den

Lehrbüchern, in den Erziehungsanstalten, auf den Kanzeln, in der

Gesellschaft. Sittlichkeit ist das Mutabor der Erziehungskalifen – sich

damit zur Welt des Scheins zurückzulügen. Was ist Sittlichkeit? frage

ich in den Zuchthäusern und Bordellen, was ist Sittlichkeit? frage ich

in den Klöstern, in den Tiergärten und was ist Sittlichkeit? frage ich

die kriechenden Legionen der Unterdrückten auf dem Wege nach Paria. Alle

antworten mir im Chor: Knute und Knebel und Maske! Wiederum frage ich:

Wer hat euch eure Sittlichkeit gelehrt? Im Chore fallen sie ein: –

Unsere Sittlichkeit ist die Lüge, die vom Willen, sich im Leben

behaupten zu müssen, vernichtet wurde. Unser ganzes Sein war Lüge, unser

Glaube, unsere Hoffnung und unsere Liebe war Lüge, die Lüge an uns! Der

Storch bringt die Kinder, der Weihnachtsmann die Geschenke, der Wauwau

ist das böse Prinzip. Die junge Seele wird reif für die Lüge gemacht.

Haben die materiellen Geister mit ihrer Freigebigkeit keine Zugkraft

mehr, dann kommen die geistigen Kobolde und Wichtelmännchen, Engel und

Teufel, Vergeltung und Sühne ... Der Löwe legt seine Pranken an das

Gitter des Zwingers, die sittliche Barriere, die Freude und Freiheit

umklammert, und brüllt in die Nacht U-u-u-a-h! ... Der tierische Schrei

nach Freiheit, nach sittlicher Gerechtigkeit, nach der bestmöglichen

erschaffenen der Welten. Der Appell des Instinktes an die Vernunft, die

im Zwang der Erniedrigung in wollüstiger Selbstanbetung ihre Macht

bewundert. Elend Gekreuch, den Ekel meiner Verworfenheit spucke ich dir

in die lachende Fresse!

Eifersüchtige sind tragische

Figuren, die eine komische Rolle

spielen.

Der Abend schwieg im lauernden Dunkel und in Jappes kochte die Wut der

Empörung. Er stieß einen gellenden Pfiff in die Nacht, riß ein paar

Immortellen von einem Beete: „Narr sei klug!“ warf er hervor und lief

dem Lichte entgegen.

„Soll ich dich lieber mit meiner Abwesenheit beehren?“ fragte Jappes und

reichte Armida die Immortellen. „Die Unterwürfigkeit ist die legitime

Tochter der Erziehung, ich will die Tochter adoptieren und pflegen.“

„Bleib,“ sagte Armida, und dankend nahm sie die Blumen, „ich bedauere,

daß du so bist, und wünsche doch, daß du so bleibst. Unterhalte dich gut

und referiere mir über den Abend. Herr Calvandi kommt erst um elf Uhr

an. Am Potsdamer Bahnhof. Such mich morgen auf.“ Reichte Jappes eine

Karte, hielt ihm die Hand zum Kuß hin und verließ den Saal. Jappes

dachte an Pepy und die Sehnsucht krampfte sein Herz zusammen. Mit

verstörter Miene schritt er durch den Saal und trat an ein Tischchen, wo

Erfrischungen für die Gäste bereit standen. Begrüßte ein paar Bekannte,

wechselte gleichgültige Worte mit ihnen und suchte den Dämon zu töten,

der in seiner Seele wühlte, seit Armida den Namen Calvandi gesprochen.

Fräulein Flavia Winterstein konzentrierte ihre ganze Aufmerksamkeit auf

Jappes. Sie war ein wundervollbusiges Mädchen, entzückend und weich wie

die geträumte Begierde. Voll kecker Grazie und übersprudelnder Tollheit,

wie ein taumelnder Schmetterling, der auf die leuchtende Blüte flattert.

Sie liebte den bittersüßen Honig, den Jappes barg. Sie war geschaffen,

die verwirrten Sinne des Gastes zu ordnen. Er stand mit unheiliger Braue

wie ein grollender Gott: „Nanu,“ lächelte Flavia, „allein auf dem Ball?

Einen Tanz habe ich für Sie reserviert. Sind Sie schon für den ganzen

Abend vergeben?“

„Der Teufel tanzt heute mit mir den höllischen Reigen und die Geister

der trüben Gedanken spielen dazu. Verflucht und zugenäht! Ich bin in

einer verrückten Stimmung. Heute tanze ich nicht, kommen Sie später, wir

verplaudern die Pause bei einem Gläschen Chartreuse.“

„Ich werde kommen,“ sagte sie entschwebend, und im Gehen ließ sie ihr

schönes Lächeln zu ihm spielen: Cakewalk und Czardas, Pas-de-deux und

Walzer, Foxtrott und Steps wechselten in rhythmischer Folge. Française

artete aus in Cancan. Jappes entdeckte die lüsternen Blicke, verfolgte

die lohende Brunst, die nach einer Umarmung geilte, kippte Glas um Glas,

und die Sehnsucht folterte ihn. Er wünschte mit Pepy zu tanzen, wünschte

sich an ihrem lodernden Jubel zu berauschen, wenn sie mit fliegenden

Locken und erhitztem Fleisch dem Tanz ihre Hingebung weihte. Dachte an

Armida, und eine Blutwelle schoß ihm jäh in die Schläfe. Verließ den

Saal und trat in die Stille. Lehnte sich an einen Baum und lauschte dem

Huschen der Schatten, horchte dem Schritt der Einsamkeit, die lautlos

durch die Nacht ging und seine Seele mit weichen Händen berührte. Die

jagende Hast der vergangenen Tage flog vorüber, seine Zeit, seine

nutzlos verbrachte Zeit. Er hörte eine Stimme flüstern: Jappes, du bist

noch nicht weit, du hast erst das Bewußtsein zum Tier. Du kennst erst

den Schein und verfolgst das Trugbild, den Wahn. Kehre um, der Inhalt

des Lebens liegt hinter dir! – Seltsame Kämpfe, die dich zur Qual der

Erkenntnis führen! Du hast den Weg zum Leben verloren. Deine Träume sind

schleichende Einsamkeit und deine Freude ist Qual. Trug ist dein Wesen

und Sorge. Schleune den Schritt und lasse den Wahn des irrenden Dunkels.

Dein Weg geht nach rückwärts zur dämmernden Sphinx.

Jappes stand mit geschlossenen Augen: Irgendeine Landschaft sah er in

drehender Bewegung, die zum Wirbel wuchs, fühlte sich emporgehoben, von

der Erde gelöst, schwebend, drehend, machtlos. Fühlte, daß er einer

Ohnmacht nahe war, einem Wahnsinnsanfall, daß der Taumel ihn ergriff,

daß er ein Spielzeug war und die Macht über sich verlor ... Teilte die

Augenlider und tastete sich an den dunklen Umrissen der Gegenstände zur

Wirklichkeit zurück. Sagte die Namen des Geschauten ... ein Baum, der

Weg, ein Beet, orientierte sich in der Umgebung, hob die Blicke hinüber

zu den Walzertakten, die von der Villa kamen, sah die tanzenden Schatten

an den verhangenen Fenstern – gab sich einen Ruck mit der Schulter,

schritt über den knirschenden Rieselkies und dachte an das verwirrende

Spiel der Dämonen.

Die Pause war längst vorüber. Fräulein Winterstein hatte sich am

Serviertisch beim Diener nach Jappes erkundigt. Der Diener kniff ein

Auge zu und sagte mit vertraulicher Geste: „Der Herr hat eine Halbe

Kognak binnen,“ und er wies auf die Flasche, „er ist benebelt und paßt

in die Nacht.“

Doktor Seraph hatte sich entschuldigen lassen. Frau Kommerzienrat

brachte der Tochter die Nachricht: „Der Totenkopf kommt wieder nicht. Er

muß eine Leiche massieren.“

Fetzen · 第 59 / 82 题