Christus hat uns sein Reich
gepredigt, aber er hat uns keinen
Fingerzeig gegeben, wie wir es
erkennen können, deshalb ist unser
Irrtum Unwissenheit und schuldlos.
Bei Kommerzienrat Winterstein drängten sich die Gäste. Die Zeit webte
den Abend am westlichen Himmel. Lässige Paare schlenderten raschelnd
durch das Laub der Parkwege der Villa in Tempelhof. Leicht erregte
Gestalten, in animierter Stimmung, im Gespräche, von Tee und Wein und
Kaffee, von Zigarren- und Zigaretten-Wirkung diktiert. Leicht fröstelnde
Damen mit übergeworfenem Shawl, gütig gelangweilt der Unterhaltung
lauschend. Die Kavaliere interessiert erzählend. Ein wohliger Rhythmus
schwebte durch die Abendschatten, und taumelnd sanken dürre Blätter
nieder. Ueber den spärlich nackten Baumgipfeln grinste der Mond, gelb
wie eine Kunsthonigscheibe, auf die gesellschaftlichen Feinschmecker.
Der Abend streute herbstlich herbe Gerüche in die steigenden Nebel.
Frau Kommerzienrat in ihrer leichtgerafften Robe redete ihrem Gemahl
eindringlich zu, und neben seiner geschwollenen Fleischigkeit sah sie
aus wie die geschmackvolle Garnitur einer appetitlichen Platte. Armida
und Jappes sprachen über Calvandis Brief. Herr Arco Calvandi wurde für
den Abend erwartet, auch Doktor Seraph war geladen.
Das Kicksen der Billardbälle sprang aus einem offenen Fenster in den
Park: „Die Leute drinnen arbeiten tüchtig am Billard,“ begann Jappes,
eine Zigarette inhalierend, „arbeitsames Volk, muß immer den Bizeps
betätigen und Gehirngymnastik machen im Zusammenzählen der Pointen ...“
Armida im eleganten Ballkleid mit übergeworfener Mantille ging
nachdenklich und achtete nicht auf das, was Jappes sagte. Ihre Gedanken
weilten in der Welt ihrer Träume, Bekannten lachte sie ein automatisches
Lächeln im Vorübergehen, oder sandte einen zeremoniellen Gruß hinüber.
Jappes trat Kastanien entzwei, welche am Boden lagen und schnalzte zu
dem knirschenden Platzen der aufspringenden Stachelschalen. Stieß hie
und da einen unzufriedenen, einsilbigen Ruf aus: „Pf! ... Blöd! ... Puh!
... Hm ... Uuuh! ...“
„Du illustrierst deine Langweile,“ spöttelte Armida, „du hast nur ein
Ohr für Lächerlichkeiten, auch deine Art, dich zu benehmen, treibt
manchem die Galle auf. Meide die Gesellschaft, wenn sie dich ärgert.
Auch in deiner Welt ist nichts wahr. Nichts ist originell, alles ist
Gegenteil, Geist oder Widerspruch, Täuschung und Betrug an dir selbst.
Dein Leben ist Ichsucht und Verleugnung der bestehenden Ordnung ohne
Ersatz für dich. Deine mitleidlose Sittlichkeit ist für deine eigene
Bequemlichkeit zugeschnitten, und der ätzende Humor mit der
hingeluderten Ausdrucksform ist kein Beweis von Geist. Jappes, du bist
mein größter Irrtum!“
„Mäßige deinen göttlichen Eifer,“ begegnete ihr Jappes ironisch, „der
Narr ist mir noch nicht geschnitten, solange ich warm bin, hast du noch
Aussicht, daß ich mich bessere. Bei allen neunundneunzig Namen Gottes!
ja, ich bin ein großer Lump und will kein Hehl daraus machen. Sei
dreimal verflucht, du Weib, weil ich dir folge, keinen Anteil an dir
habe und doch nicht von dir loskomme. Wie willst du, daß ich dich liebe,
wie in einem Roman, wie in einer Novelle, wie in einer Zote?“