ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL

Christus hat uns sein Reich

gepredigt, aber er hat uns keinen

Fingerzeig gegeben, wie wir es

erkennen können, deshalb ist unser

Irrtum Unwissenheit und schuldlos.

Bei Kommerzienrat Winterstein drängten sich die Gäste. Die Zeit webte

den Abend am westlichen Himmel. Lässige Paare schlenderten raschelnd

durch das Laub der Parkwege der Villa in Tempelhof. Leicht erregte

Gestalten, in animierter Stimmung, im Gespräche, von Tee und Wein und

Kaffee, von Zigarren- und Zigaretten-Wirkung diktiert. Leicht fröstelnde

Damen mit übergeworfenem Shawl, gütig gelangweilt der Unterhaltung

lauschend. Die Kavaliere interessiert erzählend. Ein wohliger Rhythmus

schwebte durch die Abendschatten, und taumelnd sanken dürre Blätter

nieder. Ueber den spärlich nackten Baumgipfeln grinste der Mond, gelb

wie eine Kunsthonigscheibe, auf die gesellschaftlichen Feinschmecker.

Der Abend streute herbstlich herbe Gerüche in die steigenden Nebel.

Frau Kommerzienrat in ihrer leichtgerafften Robe redete ihrem Gemahl

eindringlich zu, und neben seiner geschwollenen Fleischigkeit sah sie

aus wie die geschmackvolle Garnitur einer appetitlichen Platte. Armida

und Jappes sprachen über Calvandis Brief. Herr Arco Calvandi wurde für

den Abend erwartet, auch Doktor Seraph war geladen.

Das Kicksen der Billardbälle sprang aus einem offenen Fenster in den

Park: „Die Leute drinnen arbeiten tüchtig am Billard,“ begann Jappes,

eine Zigarette inhalierend, „arbeitsames Volk, muß immer den Bizeps

betätigen und Gehirngymnastik machen im Zusammenzählen der Pointen ...“

Armida im eleganten Ballkleid mit übergeworfener Mantille ging

nachdenklich und achtete nicht auf das, was Jappes sagte. Ihre Gedanken

weilten in der Welt ihrer Träume, Bekannten lachte sie ein automatisches

Lächeln im Vorübergehen, oder sandte einen zeremoniellen Gruß hinüber.

Jappes trat Kastanien entzwei, welche am Boden lagen und schnalzte zu

dem knirschenden Platzen der aufspringenden Stachelschalen. Stieß hie

und da einen unzufriedenen, einsilbigen Ruf aus: „Pf! ... Blöd! ... Puh!

... Hm ... Uuuh! ...“

„Du illustrierst deine Langweile,“ spöttelte Armida, „du hast nur ein

Ohr für Lächerlichkeiten, auch deine Art, dich zu benehmen, treibt

manchem die Galle auf. Meide die Gesellschaft, wenn sie dich ärgert.

Auch in deiner Welt ist nichts wahr. Nichts ist originell, alles ist

Gegenteil, Geist oder Widerspruch, Täuschung und Betrug an dir selbst.

Dein Leben ist Ichsucht und Verleugnung der bestehenden Ordnung ohne

Ersatz für dich. Deine mitleidlose Sittlichkeit ist für deine eigene

Bequemlichkeit zugeschnitten, und der ätzende Humor mit der

hingeluderten Ausdrucksform ist kein Beweis von Geist. Jappes, du bist

mein größter Irrtum!“

„Mäßige deinen göttlichen Eifer,“ begegnete ihr Jappes ironisch, „der

Narr ist mir noch nicht geschnitten, solange ich warm bin, hast du noch

Aussicht, daß ich mich bessere. Bei allen neunundneunzig Namen Gottes!

ja, ich bin ein großer Lump und will kein Hehl daraus machen. Sei

dreimal verflucht, du Weib, weil ich dir folge, keinen Anteil an dir

habe und doch nicht von dir loskomme. Wie willst du, daß ich dich liebe,

wie in einem Roman, wie in einer Novelle, wie in einer Zote?“

Fetzen · 第 58 / 82 题