EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL

Wäre die Kunst Gemeingut, man

könnte den Sinai abtragen.

„Sie haben den reinsten Kunstsalon,“ sagte Pepy zu Professor Günther,

„das muß ich mir mal alles ansehen.“

„Oh, bitte, bitte,“ dienerte Herr Günther, „gnädiges Fräulein soll sich

ungeniert umsehen. Originalkopien und Originaldrucke!“ – „und wunderbare

Rahmen in passender Ausführung,“ ergänzte Pepy. Der Geschmack des

Professors fühlte sich angenehm gekitzelt. In der Sammlung gab es nur

feinste Kultur und höchste Rasse: Aus der oberdeutschen Schule die

leckere Frau Venus mit dem putzigen Cupidobuben von Cranach dem

Jüngeren. Von seinem künstlerischen Namensvetter, Lukas dem Alten, der

Untergang Pharaos. Zwei Originalkopien der holländischen Schule: eine

kranke Ziege von Du Jardin und ein seltsam juckendes Bild von Dou, eine

greise Mutter, welche junge Läusebrut auf einem Bubenkopf zerstört.

Pepy dachte, das ist höchste Rasse, würde Jappes sagen, weil sie obenauf

krabbeln.

Der Professor deutete ihr Lächeln auf das komische Motiv. Der

Barberinische Faun, in einer feuchten Nische von lebendem Efeu umrankt,

grinste sein übermütiges Satyrlachen im Schlaf. An der Wand die

seltsame, rätselumlauerte Medusa Rondanini, und des großen griechischen

Meisters Boethos Gans mit den ringenden Knaben. Der Kopf des

phantastisch-phantasierenden Homeros, mit einem Auge die olympischen

Ueberfreuden schauend, mit dem anderen das Tosen der Feldschlacht

verfolgend. Demosthenes, der klassischste Kopf Athens, der

Kieselstein-lutschende Bürger der Polis. Die große Allegorie mit den

Triumphen Petrarcas, aus der Schule von Andrea Mantegna: Ruhm und Zeit,

Ewigkeit, Keuschheit und Tod. Murillos Betteljungen, Trauben und Melonen

verspeisend.

Ein paar Gelegenheitsbilder, teils Geschenke, teils zufällige

Ankäufe – modern chaotische Farbenagglomerationen, sprühend

witzige Farbensynthesen, kraß grollendes Geschehen, hysterisch

zusammengeschweißte Koloraturen, taumelnde Bewegung, pointilliertes

Gestoppel auf schreiender Leinwand, drängend stoßendes Genie, im Ruck

des Zufalls Unverdauliches prostituierend, visionäre Gestalten,

apokalyptische Gebilde, hingerülpst, Unflat hingespuckt – da! –

Linienwelle, Punkt, strebende Fläche, Strich, Klecks, ein Name: Dada im

Bilde. Irrende Pinsel, und lachendes Niesen. Ein Stolpern der Farbe,

geile Fetzen im Traume der Lues, Krüppelwesen in verquetschten Formen,

krötige Brunst im Schlamme der Zeit, kreiselnder Drang und flatternde

Lappen.

Klassik: Meine Eisstücke kühlen

dein siedendes Hirn.

Moderne Kunst: Meine fliessenden

Wasser treiben deine Mühlen.

„Die Modernen machen sich das Handwerk leicht,“ begann Professor Günther

die Unterhaltung, „sie schöpfen nicht, sie erschöpfen sich, aber sie

scheinen ihre Kunst wirklich ernst zu nehmen.“ Pepy zog ihre Augen von

einer kolorierten Zeichnung von Paul Klee und zu Herrn Günther gewandt:

„Ist es nicht das erhabenste Opfer, sich im Dienste der Kunst zu

erschöpfen? Unsere Künstler leben im raschen Wirbel der Zeit und dürfen

nichts Ausgeglichenes schaffen. Sie müssen die Fetzen der Eindrücke

gobelinartig zusammensetzen, um nicht fremd zu erscheinen. Sie wollen

los von der Natur, von der Materie, sie wollen los von der klassischen

Form, von der geraden Gebärde. Die Antike ist überwunden. Der

beschleunigte Schritt der Zeit erlaubt nicht genau hinzusehen, sie

wollen Seelen malen und wandelbare Eindrücke. Die Körper sind alle

gezeichnet und das war nur ein Vorstudium für die Kunst der Gegenwart.

Die Kunst hat nie eine Vergangenheit, die lebendige Kunst. Ein Moderner

kann sich nicht an die Antike anlehnen, nicht an die Renaissance, nicht

an das Barock. Gesetzt, die moderne Kunst sei eine Krankheit, auch eine

Krankheit muß man ernst nehmen. Ein Künstler muß Lebendiges schaffen und

das Vergangene ist tot.“

Professor Günther: „Die Pflanze und das Tier bauen ihre Gewebe aus dem

Verfall ihrer Ahnen. Es ist die ewige Kette des Geschehens, in welchem

jedes Lebende nur ein auslösbares und ein einschaltbares Glied

bedeutet.“

Pepy: „Die Zeichentechnik ist das formhaft Kompakte, was der Moderne

braucht, aber sein Erlebnis ist die vitale Substanz. Das Erlebnis kann

so verschieden gedeutet werden, um den Ausgleich zwischen Außen- und

Innenwelt herzustellen. Wir sind alle etwas Künstler geworden und unser

Schaffen ist das Ringen unserer Seele, uns nach außen zu erleben. Unsere

Kunst ist das romantisch-ironische Spiel, unser Selbst vor uns zu

behaupten. Die Alten hatten das Monopol in ihrem künstlerischen

Schaffen, sie waren die Träger der Idee, des Absoluten. Die wenigen

Olympier hatten die Möglichkeit, ihre Träume nach eigenen festen

Gesetzen zu gestalten, es gab nur Mensch und Tier und Pflanze und

Träume. Ihr Betätigungsfeld war begrenzt. Sie schufen ihre Werke, um

sich über die Nöte der Zeit hinwegzuhelfen. Sie schufen ihre Werke, um

ihrem Ideal näher zu rücken. Aber sie schufen kein Leben, sie schufen

Natur durch getreue Kopie des Gegebenen. Die Deutung ihrer Werke hat

ihrem Schaffen den Inhalt gegeben.“

Professor Günther: „Ueber Ansichten kann man nicht streiten. Die

künstlerische Objektivität hat den sittlichen Relativismus geschaffen,

aus welchem die Gesetze unserer sozialen Entwicklungsrichtung geflossen

sind. Die Idee mußte in einer Form auskristallisiert werden und die

alten Meister vollführten die Sublimation in der Retorte ihres Geistes.

Das wortgewordene Prinzip hat die Richtlinien für unsere ethische

Entwicklung gezogen.“

„Die Modernen verleugnen die Antike nicht. Sie erkennen sie

stillschweigend an. Sie schaffen auf einem neuen Boden. Das neue Prinzip

in der Kunst ist die Anklage der Zeit, der Schrei der fiebernden Zeit,

das Sichhineinbohren in den Charakter der kino-dramatischen Zeit;

deshalb werden die Thesen der Kunstgelehrten zu schwindsüchtigen Dogmen.

Die Kunstideologie der führenden Männer fußt in der Tiefe des Irrtums

des individual Geschauten, und weil sie jedes Paktieren mit dem

Geschmack der Masse ablehnt, muß sie abseits und fremd dastehen wie jede

Utopie. Von ein paar Anhängern geglaubt, von ein paar Eingeweihten zum

Popanz erhoben, sind die Kunstideen in klassischer Fassung unverdaulich

für die praktische Sucht der Allgemeinheit. Der starre Dogmenglaube hat

in der Philosophie den Skeptizismus geschaffen; so weckt auch die

bedingungslose Unterwürfigkeit der kompromißlosen Klassik die Skepsis

gegen das stereotyp-traditionelle Artistentum, gegen die Regel, die

Schablone, gegen die Prinzipien.

Kunst ist ein Lavieren zwischen Geist und Materie. Kunst entsteht in der

Siedeglut der keimenden Jahre, und unsere Zeit ist zerfetzt. Ein ewiges

Fließen und Wirbeln in zügellosem Rasen der Zeit. Wir sind alle mehr

Künstler denn je, die Bewegung, die Fläche und die Linie stehen in einem

anderen Verhältnis zwischen Anschauung und Wirklichkeit. Der Idee kommt

man näher durch Schaffen illusorischer Typen als durch die Methode des

naturgetreuen Konterfeis. Wie könnten die Klassiker unsere dröhnende

Zeit malen! ... Wie gelänge es den größten, die stampfende Eile zu

bannen ... Wie würde Goethe die bebende Hast der keuchenden

Industrieapparate besingen ...? Die Alten verstehen die klassische

Gebärde, aber nicht die wogende Bewegung der Seele. Die Antiken zeichnen

ingenieurmäßig die verdauliche Behäbigkeit der hämmernden Mittelpunkte,

aber die Bewegung fehlt, die weltflüchtige kämpfende Gier.

Das Bestreben der Modernsten ist das Loslösen der Bewegung von der Form,

und die Kritik will ihnen das Suchen verbieten. Die Kleinen sind die

Vorläufer, die Verheißer der neuen Epoche, unwürdig im Vergleich zu dem,

der da kommen wird, die Seele der pulsierenden Kräfte zu fassen. Die

vielen suchenden Künstler im drängenden Sturm sind die Steine zum Aufbau

der mächtigen Pyramide, auf deren Spitze der Große erscheint, um den

Anachoreten der Wüste zu predigen ...“

Pepy war erschöpft von der langen Tirade, und Professor Günther stand

bewundernd vor der jungen Kampfnatur, die ihm ihr unausgeglichenes Wesen

zur Schau stellte. Er staunte den Willen des Mädchens an, weil sie die

Tradition verleugnete und sich eine neue Welt zu schaffen gesonnen war.

Ihre wirren, brandroten Locken über der pochenden Schläfe reizten ihn,

und ihre junge lebende Fülle lockte wie die zittrige Glut ihrer

Ausführungen. Ihre Begeisterung hatte ihn einen Augenblick gebannt, dann

kam es ihm wieder ins Bewußtsein, daß er dieses junge Mädchen nicht zu

sich geladen hatte, um Kunstprobleme mit ihr zu erörtern ...

Fetzen · 第 57 / 82 题