Die Menschen sind das beste
Bildungsmaterial. Es wird durch
unseren Umgang abgenützt, erneuert
sich aber selbst an uns.
Pepy verlebte Tage harmlosen Glücks. Sie war in dem Alter, wo junge
Mädchen anfangen, über ihre Begierden nachzudenken, in den Jahren, wo
junge Mädchen noch selbst die knospende Fülle des Busens streicheln und
in schüchterner Sehnsucht an ihre Bestimmung denken. Uebermütig wie ein
junges Füllen, sanft wie ein Täubchen, lieb wie ein Kind und manchmal
der unglücklich-phantastische Zug, den sie wohl von Geraldo hatte. Sie
wußte, sie trug eine fatale Bestimmung mit sich.
Hatte eine große Vorliebe für illustrierte Romane und Märchen. Hatte
nicht durch Zufall Busch- und Andersen-Märchen gelesen, Meyrink und E.
T. A. Hoffmann nahm sie in Stunden der dunklen Gedanken. Merkwürdig
genug zu hören, daß alle ihre Vorstellungen in ihr irgendeine graphische
Form auslösten. Ihre Freude war nicht ohne Besorgnis, als sie ihr Talent
entdeckte und an die Mutter dachte, an den Weg, den diese gegangen war;
in Freude und Erwartung, in Schmerz und sterbender Enttäuschung.
Jappes hatte für Pepy gesorgt nach seiner Bekanntschaft mit Armida,
hatte sie in eine der besten Pensionen gesteckt und ihr Geld für ihre
Garderobe zur Verfügung gestellt. „Ich kann doch nichts annehmen von
dir,“ hatte sie anfangs gesagt, aber es war Jappes nicht schwer
geworden, sie zu überzeugen, daß eine schöne Ausstaffierung ihr gar
nicht unwillkommen sei. Sie fügte sich und sah es als einen guten Wink
ihres Schicksals an, daß ihr nach den paar Monaten großer Entbehrungen
auf einmal soviel Glück – denn Geld ist Glück! – in den Schoß fiel. Er
hatte ihr gesagt: „Pepy, du bist im Zeichen Merkurs geboren und wirst
immer Geld im Ueberfluß haben.“ Pepy glaubte ihm, vergaß aber, an die
Vergangenheit zu denken. Sie wußte, daß Jappes sein Wort hielt und er
hatte versichert: Er habe Geld, solange die anderen welches hätten, und
er sei nicht gesonnen mit dem Gelde der anderen sparsam zu wirtschaften.
Ehe die Reise- und Abenteuerlust Jappes nach Berlin verschlugen, pflegte
er mit Pepy zu beratschlagen, was aus ihr werden solle. Er nannte es den
„Familienrat“. Es war das reinste Idyll, wenn sie zur Beratung
zusammenkamen, immer in der Bude von Jappes. Er dachte gerne an die
Stunden zurück, wenn Pepy die Brote strich und er den Tee übers
Tischtuch goß, wenn Frau Wertheim der Sicherheit halber an der Türe
erschien, um zu fragen: Ob der Herr Doktor Jappes nichts benötige? Er
dachte gerne an die schwesterlich-traute Sorge, die Pepy für ihn hegte
und fühlte sein Herz von Bruderliebe durchpulst. Er sah es nicht als
Tugend an, daß er Pepy so gelassen hatte, wie sie zu ihm gekommen war.
Ihm schien alles wie ein romantischer Studentenwitz, ein junges Mädchen,
frisch und rosig, sein eigen zu nennen, dabei die Grenzen des
Unerlaubten nicht zu überschreiten. Pepy war ihm so ergeben, weil er
sich trotz seines lebhaften Temperamentes in der Tat sehr anständig
benahm. Jappes selbst deutete sein „kavaliermäßiges“ Benehmen Pepy
gegenüber nur als ein Schnippchen, das er dem allgemeinen Umgang zu
schlagen suchte – nicht so zu sein wie die anderen. Er war zu ehrlich
und zu klug, ein Mädchen verführen zu wollen, denn trotz allem
Barock-Burschikosen und allem Sinnlich-Unausgeglichenen stak ein guter
Kerl in ihm. Er war nicht nur Student, sondern auch Mensch, der den
Charitasgedanken nicht mit den leeren Worten tonsurierter Dunkelmänner
predigte, sondern auch in die Tat umsetzte.
Es ist schwer, das Rätsel der naiven Liebe zu ergründen. Man weiß nicht,
was sie ist, nicht was sie will. Nicht alle naiv-verliebten
Werthergestalten endigen mit einer Knallerbse. Dazu ist die moderne Zeit
nicht mehr dumm genug. Unsere Zeit ist eher dazu angetan, die Idee der
platonisch-naiven Liebe in einer Wertherform zu opfern und sich für
erlittene Unbill durch olympische Blasiertheit schadlos zu halten. Der
junge Werther in Sturm und Drang mit dem romantisch-knallenden Tode ist
eine Parallele zur enttäuschten Jugendliebe. Und ist der klassisch
abgebrühte Goethe nicht eine Parallele zum blasierten Junggesellentum? –
ein Parallelismus, der nicht mit Winkel und Reißschiene nachzuweisen
ist!
Jappes trug Pepy eine ganze Bibliothek Kunstschmöker zu. Sie beeilte
sich, die Lücken ihres Wissens in Gemeinschaft mit ihm zu füllen: „Wenn
du auch einstweilen nur über die Kunst orientiert bist, das aber weißt
du doch gründlich,“ meinte der Freund.
Pepy lachte, war stolz auf ihr Wissen und ihren geschäftigen Impresario.
Wenn Gott kein Künstler wäre,
hätte er keinen nackten Menschen
erschaffen dürfen.
Pepy trat in die Kunstgewerbeschule ein. Dasio und Ehmke lehrten sie die
Kniffe der graphischen Praxis. Das Neue lockte sie. Der Holzstock und
die eigene Technik, welche aus der Uebung entstand. Das neue Leben
gefiel Pepy. Die strenge Arbeit, die Betätigung des ganzen Talentes, der
Ehrgeiz, eine gestellte Aufgabe originell zu lösen. Das Bewußtsein,
etwas zu können, der Wunsch, etwas Großes zu werden, die erbauenden
Stunden an der vollendeten Technik Holbeins und Dürers. Die Anregung der
Klasse selbst und deren Auffassung, das Lehrerkorps und die Studenten
beiderlei Geschlechts allegorisierend darzustellen. Das laute Hallo,
wenn ein Professor unter irgendeiner Tierform herumgereicht wurde. Mit
tropfenden Knüttelversen bekleckste Skizzierbogen, die lustig-intimen
Feste und kleinen Verschwörungen, die Großzügigkeit, mit welcher man
sich gegenseitig die Lächerlichkeiten austrieb. In ihrer Umgebung sah
Pepy die werdenden Künstler, das Sichloslösen von den Stänkereien des
Alltags, alles Allegorie und epigrammatische Zeichnungsmethode, neben
der zensurierbaren Arbeit der obligatorischen Stunden, welche Anspruch
auf ernste Auffassung haben mußten.
Die Kunstgewerbeschule ist kein Institut für Mädchen, deren rote
Hautpigmente zu nahe an der Oberfläche der Gesichtsfassade liegen. Für
künstlerisches Schaffen ist das sinnliche Gleichgewicht ein Postulat,
und das erotische Prinzip überdeckt ein großes Areal unserer sinnlichen
Welt.
Welcher Künstler könnte im Taumel ein großes Werk schaffen! Im Taumel
wird die Idee konzipiert und wenn der Künstler genügend Abstand gewonnen
hat, wenn alle Eindrücke auskristallisiert sind zur konsistenten Masse
schöpferischer Kraft, dann entsteht das Werk einer stilisierten oder
idealisierten Form, oder unter natürlicher Gestalt, beleuchtet von dem
Scheine künstlerischen Schauens. Anfangs fand Pepy Anstoß an der
Natürlichkeit des Akt-Zeichnens. Es dauerte nicht lange, bis sie alles
als künstlerische Natürlichkeit hinnahm. Das angenehme Gift lasziver
Perversität, das in den sprühenden Zötchen genießbar herumgereicht
wurde, machte Pepy mit der Theorie der sinnlichen Praxis vertraut.
Die Wahrheit Salomons stammt aus
dem Harem, seine Moral ist eine
sündige Frucht in heiliger
Packung.
Sind wir Männer nicht alle Bösewichte, die junge Mädchen verführen
wollen, und sehen wir nicht immer mit der größten Empörung, wenn ein
anderer dasselbe getan hat. Oh! wir geilen Bocksgesichter mit der Maske
des moralischen Anstandes können vor dem ewigen Richter nicht bestehen,
am Jüngsten Tage, wenn das Tal Josaphat von verführten Freundinnen
wimmelt. Trauern wir in Sack und Asche, ehe die Tage da kommen, von
denen der Prophet lamentiert: Ihr Berge fallet über uns und ihr Hügel
bedecket uns! Wer wollte beim großen Gerichte an die Brust schlagend
bekennen: Das Blut derer, die wir verführt haben, komme über uns selbst.
Wir lüsternen Feiglinge mit dem grinsenden Faunskopf haben der Frau in
ihrer aufopfernden Gläubigkeit die Fabel von der Schlange erzählt, um
sie kirre zu machen für unsere armseligen Hundebegierden. Wir
taumeltrunkenen Silene, Ritter vom Phallus, haben die groteske Gebärde
der Zeugung erfunden, weil unsere Begierde sich nicht genug an uns
fressen konnte.
Erdenwurm! du pflanzest deine Art fort in brünstiger Betäubung und auf
dem Todbett quält dich noch der Kitzel des Fleisches. Der Tag ist schon
nahe, an welchem alles in erotischem Wirbel ertanzt und Eros schwingt
seine Fackel um die gleißenden Fliegen des Alltags. Wir malen das
Fleisch mit raffinierter Exaktheit, unsere Musik erschauert vom Zucken
verhaltener Begierde. Schreit nicht alles: Komm, nimm mich, Leben!
Tanzen wir nicht die Begierde mit lässigem Schnörkel, sind unsre Tänze
nicht Symbole der Unzucht? Wie soll uns Erlösung werden aus dem Pfuhle
der Sünde! Christus kann sein consummatum est nicht mehr von Golgatha
rufen, Christus der Langverheißene, der bewußt in den Tod ging. Ein
göttlicher Selbstmörder, der sich im Freitod von aller Begierde
lossagte, aller Liebe entschwor, das Leben von sich warf, als Jugendsaft
ihm seine Lenden schwellte.
In Pepy wuchsen die Begierden der Jugend, erst weiche Pfötchen und
zahnlose Mäuler, dann spitzige Krallen und verschlingende Schlünde.
Jappes lehrte Pepy, die Tiere bändigen: „Durch Hunger macht man sie
zahm.“ Und Pepy hungerte nach Liebe. Alle die freundlichen Freunde
umlungerten Pepy: Die Musik und die Männer, die Tänze und ihr eigen
Geschlecht. Der fatale Geist ihrer dunklen Seele flüsterte: der Weg zur
Erlösung geht über die Trümmer des Verderbens!
Pepy wollte rasch zur Erlösung kommen und die Verführung lauerte, sie
ins Verderben zu jagen.