NEUNUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Die Menschen sind das beste

Bildungsmaterial. Es wird durch

unseren Umgang abgenützt, erneuert

sich aber selbst an uns.

Pepy verlebte Tage harmlosen Glücks. Sie war in dem Alter, wo junge

Mädchen anfangen, über ihre Begierden nachzudenken, in den Jahren, wo

junge Mädchen noch selbst die knospende Fülle des Busens streicheln und

in schüchterner Sehnsucht an ihre Bestimmung denken. Uebermütig wie ein

junges Füllen, sanft wie ein Täubchen, lieb wie ein Kind und manchmal

der unglücklich-phantastische Zug, den sie wohl von Geraldo hatte. Sie

wußte, sie trug eine fatale Bestimmung mit sich.

Hatte eine große Vorliebe für illustrierte Romane und Märchen. Hatte

nicht durch Zufall Busch- und Andersen-Märchen gelesen, Meyrink und E.

T. A. Hoffmann nahm sie in Stunden der dunklen Gedanken. Merkwürdig

genug zu hören, daß alle ihre Vorstellungen in ihr irgendeine graphische

Form auslösten. Ihre Freude war nicht ohne Besorgnis, als sie ihr Talent

entdeckte und an die Mutter dachte, an den Weg, den diese gegangen war;

in Freude und Erwartung, in Schmerz und sterbender Enttäuschung.

Jappes hatte für Pepy gesorgt nach seiner Bekanntschaft mit Armida,

hatte sie in eine der besten Pensionen gesteckt und ihr Geld für ihre

Garderobe zur Verfügung gestellt. „Ich kann doch nichts annehmen von

dir,“ hatte sie anfangs gesagt, aber es war Jappes nicht schwer

geworden, sie zu überzeugen, daß eine schöne Ausstaffierung ihr gar

nicht unwillkommen sei. Sie fügte sich und sah es als einen guten Wink

ihres Schicksals an, daß ihr nach den paar Monaten großer Entbehrungen

auf einmal soviel Glück – denn Geld ist Glück! – in den Schoß fiel. Er

hatte ihr gesagt: „Pepy, du bist im Zeichen Merkurs geboren und wirst

immer Geld im Ueberfluß haben.“ Pepy glaubte ihm, vergaß aber, an die

Vergangenheit zu denken. Sie wußte, daß Jappes sein Wort hielt und er

hatte versichert: Er habe Geld, solange die anderen welches hätten, und

er sei nicht gesonnen mit dem Gelde der anderen sparsam zu wirtschaften.

Ehe die Reise- und Abenteuerlust Jappes nach Berlin verschlugen, pflegte

er mit Pepy zu beratschlagen, was aus ihr werden solle. Er nannte es den

„Familienrat“. Es war das reinste Idyll, wenn sie zur Beratung

zusammenkamen, immer in der Bude von Jappes. Er dachte gerne an die

Stunden zurück, wenn Pepy die Brote strich und er den Tee übers

Tischtuch goß, wenn Frau Wertheim der Sicherheit halber an der Türe

erschien, um zu fragen: Ob der Herr Doktor Jappes nichts benötige? Er

dachte gerne an die schwesterlich-traute Sorge, die Pepy für ihn hegte

und fühlte sein Herz von Bruderliebe durchpulst. Er sah es nicht als

Tugend an, daß er Pepy so gelassen hatte, wie sie zu ihm gekommen war.

Ihm schien alles wie ein romantischer Studentenwitz, ein junges Mädchen,

frisch und rosig, sein eigen zu nennen, dabei die Grenzen des

Unerlaubten nicht zu überschreiten. Pepy war ihm so ergeben, weil er

sich trotz seines lebhaften Temperamentes in der Tat sehr anständig

benahm. Jappes selbst deutete sein „kavaliermäßiges“ Benehmen Pepy

gegenüber nur als ein Schnippchen, das er dem allgemeinen Umgang zu

schlagen suchte – nicht so zu sein wie die anderen. Er war zu ehrlich

und zu klug, ein Mädchen verführen zu wollen, denn trotz allem

Barock-Burschikosen und allem Sinnlich-Unausgeglichenen stak ein guter

Kerl in ihm. Er war nicht nur Student, sondern auch Mensch, der den

Charitasgedanken nicht mit den leeren Worten tonsurierter Dunkelmänner

predigte, sondern auch in die Tat umsetzte.

Es ist schwer, das Rätsel der naiven Liebe zu ergründen. Man weiß nicht,

was sie ist, nicht was sie will. Nicht alle naiv-verliebten

Werthergestalten endigen mit einer Knallerbse. Dazu ist die moderne Zeit

nicht mehr dumm genug. Unsere Zeit ist eher dazu angetan, die Idee der

platonisch-naiven Liebe in einer Wertherform zu opfern und sich für

erlittene Unbill durch olympische Blasiertheit schadlos zu halten. Der

junge Werther in Sturm und Drang mit dem romantisch-knallenden Tode ist

eine Parallele zur enttäuschten Jugendliebe. Und ist der klassisch

abgebrühte Goethe nicht eine Parallele zum blasierten Junggesellentum? –

ein Parallelismus, der nicht mit Winkel und Reißschiene nachzuweisen

ist!

Jappes trug Pepy eine ganze Bibliothek Kunstschmöker zu. Sie beeilte

sich, die Lücken ihres Wissens in Gemeinschaft mit ihm zu füllen: „Wenn

du auch einstweilen nur über die Kunst orientiert bist, das aber weißt

du doch gründlich,“ meinte der Freund.

Pepy lachte, war stolz auf ihr Wissen und ihren geschäftigen Impresario.

Wenn Gott kein Künstler wäre,

hätte er keinen nackten Menschen

erschaffen dürfen.

Pepy trat in die Kunstgewerbeschule ein. Dasio und Ehmke lehrten sie die

Kniffe der graphischen Praxis. Das Neue lockte sie. Der Holzstock und

die eigene Technik, welche aus der Uebung entstand. Das neue Leben

gefiel Pepy. Die strenge Arbeit, die Betätigung des ganzen Talentes, der

Ehrgeiz, eine gestellte Aufgabe originell zu lösen. Das Bewußtsein,

etwas zu können, der Wunsch, etwas Großes zu werden, die erbauenden

Stunden an der vollendeten Technik Holbeins und Dürers. Die Anregung der

Klasse selbst und deren Auffassung, das Lehrerkorps und die Studenten

beiderlei Geschlechts allegorisierend darzustellen. Das laute Hallo,

wenn ein Professor unter irgendeiner Tierform herumgereicht wurde. Mit

tropfenden Knüttelversen bekleckste Skizzierbogen, die lustig-intimen

Feste und kleinen Verschwörungen, die Großzügigkeit, mit welcher man

sich gegenseitig die Lächerlichkeiten austrieb. In ihrer Umgebung sah

Pepy die werdenden Künstler, das Sichloslösen von den Stänkereien des

Alltags, alles Allegorie und epigrammatische Zeichnungsmethode, neben

der zensurierbaren Arbeit der obligatorischen Stunden, welche Anspruch

auf ernste Auffassung haben mußten.

Die Kunstgewerbeschule ist kein Institut für Mädchen, deren rote

Hautpigmente zu nahe an der Oberfläche der Gesichtsfassade liegen. Für

künstlerisches Schaffen ist das sinnliche Gleichgewicht ein Postulat,

und das erotische Prinzip überdeckt ein großes Areal unserer sinnlichen

Welt.

Welcher Künstler könnte im Taumel ein großes Werk schaffen! Im Taumel

wird die Idee konzipiert und wenn der Künstler genügend Abstand gewonnen

hat, wenn alle Eindrücke auskristallisiert sind zur konsistenten Masse

schöpferischer Kraft, dann entsteht das Werk einer stilisierten oder

idealisierten Form, oder unter natürlicher Gestalt, beleuchtet von dem

Scheine künstlerischen Schauens. Anfangs fand Pepy Anstoß an der

Natürlichkeit des Akt-Zeichnens. Es dauerte nicht lange, bis sie alles

als künstlerische Natürlichkeit hinnahm. Das angenehme Gift lasziver

Perversität, das in den sprühenden Zötchen genießbar herumgereicht

wurde, machte Pepy mit der Theorie der sinnlichen Praxis vertraut.

Die Wahrheit Salomons stammt aus

dem Harem, seine Moral ist eine

sündige Frucht in heiliger

Packung.

Sind wir Männer nicht alle Bösewichte, die junge Mädchen verführen

wollen, und sehen wir nicht immer mit der größten Empörung, wenn ein

anderer dasselbe getan hat. Oh! wir geilen Bocksgesichter mit der Maske

des moralischen Anstandes können vor dem ewigen Richter nicht bestehen,

am Jüngsten Tage, wenn das Tal Josaphat von verführten Freundinnen

wimmelt. Trauern wir in Sack und Asche, ehe die Tage da kommen, von

denen der Prophet lamentiert: Ihr Berge fallet über uns und ihr Hügel

bedecket uns! Wer wollte beim großen Gerichte an die Brust schlagend

bekennen: Das Blut derer, die wir verführt haben, komme über uns selbst.

Wir lüsternen Feiglinge mit dem grinsenden Faunskopf haben der Frau in

ihrer aufopfernden Gläubigkeit die Fabel von der Schlange erzählt, um

sie kirre zu machen für unsere armseligen Hundebegierden. Wir

taumeltrunkenen Silene, Ritter vom Phallus, haben die groteske Gebärde

der Zeugung erfunden, weil unsere Begierde sich nicht genug an uns

fressen konnte.

Erdenwurm! du pflanzest deine Art fort in brünstiger Betäubung und auf

dem Todbett quält dich noch der Kitzel des Fleisches. Der Tag ist schon

nahe, an welchem alles in erotischem Wirbel ertanzt und Eros schwingt

seine Fackel um die gleißenden Fliegen des Alltags. Wir malen das

Fleisch mit raffinierter Exaktheit, unsere Musik erschauert vom Zucken

verhaltener Begierde. Schreit nicht alles: Komm, nimm mich, Leben!

Tanzen wir nicht die Begierde mit lässigem Schnörkel, sind unsre Tänze

nicht Symbole der Unzucht? Wie soll uns Erlösung werden aus dem Pfuhle

der Sünde! Christus kann sein consummatum est nicht mehr von Golgatha

rufen, Christus der Langverheißene, der bewußt in den Tod ging. Ein

göttlicher Selbstmörder, der sich im Freitod von aller Begierde

lossagte, aller Liebe entschwor, das Leben von sich warf, als Jugendsaft

ihm seine Lenden schwellte.

In Pepy wuchsen die Begierden der Jugend, erst weiche Pfötchen und

zahnlose Mäuler, dann spitzige Krallen und verschlingende Schlünde.

Jappes lehrte Pepy, die Tiere bändigen: „Durch Hunger macht man sie

zahm.“ Und Pepy hungerte nach Liebe. Alle die freundlichen Freunde

umlungerten Pepy: Die Musik und die Männer, die Tänze und ihr eigen

Geschlecht. Der fatale Geist ihrer dunklen Seele flüsterte: der Weg zur

Erlösung geht über die Trümmer des Verderbens!

Pepy wollte rasch zur Erlösung kommen und die Verführung lauerte, sie

ins Verderben zu jagen.

Fetzen · 第 54 / 82 题