ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Mitmann, wenn deine Freundin sich

nach deiner Mitfreundin erkundigt,

tut sie es nicht immer aus

Eifersucht, sondern manchmal auch

aus Neugierde.

„Vielleicht steigen wir in Erfurt aus und kaufen der Tante

Sonnenblumensamen für die Papageien,“ sagte Jappes in Ritschenhausen zu

Armida, „dort gibt es die größten und besten Sämereien.“

„Du scheinst dein Herz ummöbliert zu haben seit deiner Münchener und

Stuttgarter Reise,“ warf Armida nachlässig hin, „und wenn du mich ganz

ausrangieren willst, tu es bitte gleich und gebrauche keine langen

Flausen, dich von meiner Nebensächlichkeit zu überreden.“ Dabei sah sie

seltsam-schön aus. Um ihre Lippen zuckte ein nervöses Lächeln und ihre

Nasenflügel erbebten. Sie hielt die Augen geschlossen und die Locken

tropften über ihre Stirn. Ihr leichtbrauner Teint, der sich unter den

untern Lidern zum Halbbogen verdunkelte, diente dem kastanienbraunen

welligen Gelock als Folie. „Gott, die Circe ist schön,“ dachte Jappes.

So seltsam unruhig hatte er sie nie gesehen. „Die Galle muß ihr ins Blut

gelaufen sein,“ phantasierte er weiter, „sonst ist sie weiß wie

Alabaster und flaumig-rosig wie ein Pfirsich,“ aber von ihrem Gesichte

kam er nicht mehr los.

Sie saß unbeweglich und ein blaugesprenkelter Reiseshawl wehte um ihren

Kopf. Sie schien dem Poltern der Räder zu lauschen und ein rieselndes

Vibrieren durchlief sie. Die eigenartige Wollust des stampfenden Rollens

zeichnete zuweilen in ihren Zügen die Gier, sich von diesen drehenden

Rädern zermalmen zu lassen. Jäh zuckte sie dann zusammen und ein Schauer

krampfte in ihr. Ein Schauer, der ihr die Lider preßte. Sie riß die Knie

aneinander und biß die Eckzähne zusammen, daß ihr Gebiß aus der

klaffenden Muschel der Lippen leuchtete. Ein frostiger Schauer warf ihr

die Schulter hoch und eine Sekunde oder zwei schien sie im

Trancezustand, so entrückt war sie allem Irdischen. Wie das Meer war

sie, im jähen Wechsel zwischen körnigem Gekräusel und brüllender Gier

und glatter lauernder Ruhe.

Jappes liebte es, sie so zu sehen. Er wußte, dann gab es einen wilden

Kampf in ihr. Sie haßte die Gleichgültigkeit, mit welcher er sich ihr

gegenüber benahm und doch hatte sie ihm gesagt, er solle sich keine

Schmeicheleien erlauben, denn sie halte ihn keiner fähig, er solle ihr

nie den Hof machen und seine Aufmerksamkeiten nicht in eine

überschwengliche Form kleiden. Er solle Jappes sein, hatte sie ihm

befohlen, so wie sie sich ihn denke. Er liebte zu sprechen und als seine

Bewunderung für Armida bis zu dem Grade gesteigert war, daß er ihre

Stimme vernehmen wollte, lehnte er sich hinüber und flüsterte:

„Armida, heute möchte ich nicht Jappes sein. Heute ist es uns zu schwer,

die Harmonie unserer Seelen richtig zu finden. Hat dich die Reise

ermüdet?“

Armida hielt die Augen geschlossen und flüsterte zurück: „Ich ertrage

schwer, daß du nicht bei mir bist. Hat dein Münchener Rudibub dich so

fest umstrickt?“ Sie sagte es mit einem langgedehnten Satz, und ihre

Frage klang bestimmt wie ein Ausruf.

„Du verstehst das nicht mehr, Freundin. Die naive Liebe und Pepys

Jugendlichkeit haben meiner irrenden Seele viel Glück gebracht. Ich

lache, wenn ich das Fremdwort meiner Seele höre. Pepy liebt mich nicht.

Sie liebt etwas in mir, was sie ahnt und was mir nicht gehört, Pepy

liebt Menschen aus Mitleid und mich liebt sie, weil ich mit dem Glücke

spiele. Pepy ist das naive Verhängnis im Kampf mit den Urgewalten der

Triebe. Ich bin zu feig, um mich über das Glück zu freuen und Pepy ist

zu schwach, um das Glück zu genießen. Ich bin vermessen gegen das Glück

meiner Jugend und das ist mein erstes tödliches Gebot.“

„Und das zweite?“ fragte Armida ... Jappes fürchtete sich vor dem Blick,

der die drei Worte wie eine düstere Melodie begleitete.

„Das zweite in mir ist, mit Seelen zu spielen, wie wir es tun. Ich

möchte sagen das böse Prinzip, das Dämonische. Aber beide Gebote

schließen sich ein.“ Er sagte es mit einem fixierenden Blicke und

betonte jedes Wort, was dem Satze das Gepräge eines Vorwurfs gegen

Armida gab. „Ich bin müde,“ sagte sie, „meine Gedanken haben mich

ermüdet. Erzähle mir von Pepy und von deiner Liebe, ich freue mich an

eurem Glücke. – An eurem kranken, menschlichen Glück!“

Jappes erzählte ihr die uneheliche Geschichte der Mutter Pepys aus dem

Tagebuch des Malers Geraldo und erzählte ihr die Pfandhausszene. Jappes

liebte Pepy teils aus Mitleid, weil sie ein apokryphes Mädchen war,

teils aus Stolz, denn die Welt sieht nicht gern, daß uneheliche Mädchen

Verehrer haben! – Die Welt liebt es nicht, den Selbstmördern ein

liebevolles Andenken zu bewahren. Selbstmörder und Uneheliche sind

Menschen, denen ein apokalyptisches Zeichen anhaftet, das wir nicht zu

deuten vermögen: „Ihre piksüße Innigkeit“, fuhr Jappes in seiner

Erzählung fort, „und ihre schmiegsame Anhänglichkeit sind es, was ich an

Pepy liebe. Sie hat Künstlerblut und einen regen Geist, es gibt noch

vieles in ihr zu wecken, und viel Waches in ihr zu ergründen. Von Pepys

Seele habe ich dir mehr gesagt, als sie selbst davon weiß, der Verkehr

mit ihrer Seele ist mir kein Spiel. Mit einem Verhängnis kann man nicht

spielen.“

„Ich glaube, du wärest imstande, Pepy eine Liebeserklärung zu machen.“

Sie warf ihm einen kätzchenpfotenweichen Blick zu, und Jappes bemerkte:

„In einem süßen Blick liegt immer eine Schlinge.“

Armida: „Das Lächeln einer Frau ist eine Gunst, die sie dem Mann

erweist.“

Jappes: „Wenn Frauen geben, haben sie immer einen Wunsch. Ich fürchte

diese weiblichen Danaer.“

Sie: „Für mich ist es kein Grund zu trauern, wenn du eine gute Freundin

hast.“

Jappes war gereizt: „Wenn Frauen weinen, sind ihnen alle anderen Waffen

ausgegangen. Und du weinst nicht. Ich möchte ein wenig in deinem Arsenal

herumstöbern und deine Angriffsrequisiten ansehen. Tante Telluren hat

uns schon getraut. Wir sollen in der Ehegaleere durchs Leben schiffen.“

„Tanten vermischen oft Traum und Wirklichkeit,“ erwiderte Armida und

lachte ihr seltsames Lachen.

Fetzen · 第 53 / 82 题