Mitmann, wenn deine Freundin sich
nach deiner Mitfreundin erkundigt,
tut sie es nicht immer aus
Eifersucht, sondern manchmal auch
aus Neugierde.
„Vielleicht steigen wir in Erfurt aus und kaufen der Tante
Sonnenblumensamen für die Papageien,“ sagte Jappes in Ritschenhausen zu
Armida, „dort gibt es die größten und besten Sämereien.“
„Du scheinst dein Herz ummöbliert zu haben seit deiner Münchener und
Stuttgarter Reise,“ warf Armida nachlässig hin, „und wenn du mich ganz
ausrangieren willst, tu es bitte gleich und gebrauche keine langen
Flausen, dich von meiner Nebensächlichkeit zu überreden.“ Dabei sah sie
seltsam-schön aus. Um ihre Lippen zuckte ein nervöses Lächeln und ihre
Nasenflügel erbebten. Sie hielt die Augen geschlossen und die Locken
tropften über ihre Stirn. Ihr leichtbrauner Teint, der sich unter den
untern Lidern zum Halbbogen verdunkelte, diente dem kastanienbraunen
welligen Gelock als Folie. „Gott, die Circe ist schön,“ dachte Jappes.
So seltsam unruhig hatte er sie nie gesehen. „Die Galle muß ihr ins Blut
gelaufen sein,“ phantasierte er weiter, „sonst ist sie weiß wie
Alabaster und flaumig-rosig wie ein Pfirsich,“ aber von ihrem Gesichte
kam er nicht mehr los.
Sie saß unbeweglich und ein blaugesprenkelter Reiseshawl wehte um ihren
Kopf. Sie schien dem Poltern der Räder zu lauschen und ein rieselndes
Vibrieren durchlief sie. Die eigenartige Wollust des stampfenden Rollens
zeichnete zuweilen in ihren Zügen die Gier, sich von diesen drehenden
Rädern zermalmen zu lassen. Jäh zuckte sie dann zusammen und ein Schauer
krampfte in ihr. Ein Schauer, der ihr die Lider preßte. Sie riß die Knie
aneinander und biß die Eckzähne zusammen, daß ihr Gebiß aus der
klaffenden Muschel der Lippen leuchtete. Ein frostiger Schauer warf ihr
die Schulter hoch und eine Sekunde oder zwei schien sie im
Trancezustand, so entrückt war sie allem Irdischen. Wie das Meer war
sie, im jähen Wechsel zwischen körnigem Gekräusel und brüllender Gier
und glatter lauernder Ruhe.
Jappes liebte es, sie so zu sehen. Er wußte, dann gab es einen wilden
Kampf in ihr. Sie haßte die Gleichgültigkeit, mit welcher er sich ihr
gegenüber benahm und doch hatte sie ihm gesagt, er solle sich keine
Schmeicheleien erlauben, denn sie halte ihn keiner fähig, er solle ihr
nie den Hof machen und seine Aufmerksamkeiten nicht in eine
überschwengliche Form kleiden. Er solle Jappes sein, hatte sie ihm
befohlen, so wie sie sich ihn denke. Er liebte zu sprechen und als seine
Bewunderung für Armida bis zu dem Grade gesteigert war, daß er ihre
Stimme vernehmen wollte, lehnte er sich hinüber und flüsterte:
„Armida, heute möchte ich nicht Jappes sein. Heute ist es uns zu schwer,
die Harmonie unserer Seelen richtig zu finden. Hat dich die Reise
ermüdet?“
Armida hielt die Augen geschlossen und flüsterte zurück: „Ich ertrage
schwer, daß du nicht bei mir bist. Hat dein Münchener Rudibub dich so
fest umstrickt?“ Sie sagte es mit einem langgedehnten Satz, und ihre
Frage klang bestimmt wie ein Ausruf.
„Du verstehst das nicht mehr, Freundin. Die naive Liebe und Pepys
Jugendlichkeit haben meiner irrenden Seele viel Glück gebracht. Ich
lache, wenn ich das Fremdwort meiner Seele höre. Pepy liebt mich nicht.
Sie liebt etwas in mir, was sie ahnt und was mir nicht gehört, Pepy
liebt Menschen aus Mitleid und mich liebt sie, weil ich mit dem Glücke
spiele. Pepy ist das naive Verhängnis im Kampf mit den Urgewalten der
Triebe. Ich bin zu feig, um mich über das Glück zu freuen und Pepy ist
zu schwach, um das Glück zu genießen. Ich bin vermessen gegen das Glück
meiner Jugend und das ist mein erstes tödliches Gebot.“
„Und das zweite?“ fragte Armida ... Jappes fürchtete sich vor dem Blick,
der die drei Worte wie eine düstere Melodie begleitete.
„Das zweite in mir ist, mit Seelen zu spielen, wie wir es tun. Ich
möchte sagen das böse Prinzip, das Dämonische. Aber beide Gebote
schließen sich ein.“ Er sagte es mit einem fixierenden Blicke und
betonte jedes Wort, was dem Satze das Gepräge eines Vorwurfs gegen
Armida gab. „Ich bin müde,“ sagte sie, „meine Gedanken haben mich
ermüdet. Erzähle mir von Pepy und von deiner Liebe, ich freue mich an
eurem Glücke. – An eurem kranken, menschlichen Glück!“
Jappes erzählte ihr die uneheliche Geschichte der Mutter Pepys aus dem
Tagebuch des Malers Geraldo und erzählte ihr die Pfandhausszene. Jappes
liebte Pepy teils aus Mitleid, weil sie ein apokryphes Mädchen war,
teils aus Stolz, denn die Welt sieht nicht gern, daß uneheliche Mädchen
Verehrer haben! – Die Welt liebt es nicht, den Selbstmördern ein
liebevolles Andenken zu bewahren. Selbstmörder und Uneheliche sind
Menschen, denen ein apokalyptisches Zeichen anhaftet, das wir nicht zu
deuten vermögen: „Ihre piksüße Innigkeit“, fuhr Jappes in seiner
Erzählung fort, „und ihre schmiegsame Anhänglichkeit sind es, was ich an
Pepy liebe. Sie hat Künstlerblut und einen regen Geist, es gibt noch
vieles in ihr zu wecken, und viel Waches in ihr zu ergründen. Von Pepys
Seele habe ich dir mehr gesagt, als sie selbst davon weiß, der Verkehr
mit ihrer Seele ist mir kein Spiel. Mit einem Verhängnis kann man nicht
spielen.“
„Ich glaube, du wärest imstande, Pepy eine Liebeserklärung zu machen.“
Sie warf ihm einen kätzchenpfotenweichen Blick zu, und Jappes bemerkte:
„In einem süßen Blick liegt immer eine Schlinge.“
Armida: „Das Lächeln einer Frau ist eine Gunst, die sie dem Mann
erweist.“
Jappes: „Wenn Frauen geben, haben sie immer einen Wunsch. Ich fürchte
diese weiblichen Danaer.“
Sie: „Für mich ist es kein Grund zu trauern, wenn du eine gute Freundin
hast.“
Jappes war gereizt: „Wenn Frauen weinen, sind ihnen alle anderen Waffen
ausgegangen. Und du weinst nicht. Ich möchte ein wenig in deinem Arsenal
herumstöbern und deine Angriffsrequisiten ansehen. Tante Telluren hat
uns schon getraut. Wir sollen in der Ehegaleere durchs Leben schiffen.“
„Tanten vermischen oft Traum und Wirklichkeit,“ erwiderte Armida und
lachte ihr seltsames Lachen.