Es gibt Menschen, die glauben, nur
das Erhabene sei lächerlich.
Der D-Zug eilte mit Jappes nach Stuttgart. Armida lag schlafend wegen
Unpäßlichkeit. Ida Telluren bereitete Jappes einen emphatischen Empfang.
Als Geschenk brachte er eine Büste von Schiller. Die Tante war im
siebenten Himmel. „Herr Jappes,“ rief sie aus, „das ist schön von Ihnen,
oh! wie liebe ich Schiller! das ist schön, Herr Jappes. Wir müssen zur
Akademie hinüber, in die Solitude,“ sagte sie mit stolpernden Worten,
„dort ist mein Heiligtum. Wo Schiller die Räuber schrieb.“
Jappes dachte: ein romantisches Tantchen.
Ida Telluren führte den Gast in ihr Schillerkabinett: Gipsabgüsse,
Aquarelle, Marmorbüsten, Kupferstiche, Oeltempera, Terrakotta und
Majolika – alles Schillerdarstellungen. „Freund Armidas,“ nahm sie seine
Hand, „das Traurigste, was ich in meinem Leben empfand,“ – und sie
zeigte auf den Abguß einer überlebensgroßen Schillerbüste – „Sie wissen,
daß Dannecker in einem Anfall geistiger Umnachtung noch soviel Bosheit
fand, die Stirnlocken des Dichters wegzumeißeln.“ Mit zitternder Hand
strich sie über die fehlenden Locken und vertraute ihrer Schürze einen
salzigen Tropfen an, der von der tantigen Wimper troff. „Wir müssen am
Nachmittag auf den Bopser,“ unterbrach sie die schluchzende Rührung,
„nach der Schillerhöhe, ein Platz, der dem Dichter gebührt.“
Die weiße Haube einer Zofe gab zu an daß der Tee serviert sei. Jappes
und Tante Telluren überboten sich in Höflichkeitsphrasen, wem der
Vortritt gebühre. Die Tante als die Klügere gab nach. Mit der
Schillerbüste unter dem Arm, trat sie an den Teetisch. Ein Papagei
rollte modulierend L-o-o-r-r-a, Lorra. Nur durch die süße
Vermittlung eines Stückchen Zuckers war er stumm zu machen. Die
weichsamten-diaphanen Hände von Ida Telluren griffen nach der Teekanne.
„Ich weiß nicht, was für einen Trost ich in meinem Alter gefunden
hätte,“ seufzte die Tante, „wenn Schiller nicht geboren worden wäre.“
Sie servierte Jappes ein Stück Sandkuchen. Eine große Rosine gähnte in
dem körnigen Gebäck und mit einem bißchen Phantasie war es anzusehen wie
ein malaiischer Zyklop. Jappes liebte süße Aufmerksamkeiten: „Sie sind
noch jung, erlauben Sie, daß ich Sie Tante Telluren nenne,“ schmeichelte
er, „wenn man eine solche geräuschvolle Umgebung aushalten kann,“ – und
er zeigte auf den Papageienzwinger – „dann hat man noch gesunde
Empfindlichkeitssträhne.“
„Mit den Nerven bin ich nicht geplagt, gottlob, und Veronal nehme ich
selten. Höchstens als Gegenwirkung für Kaffee.“ Sie lächelte beschämt,
weil sie etwas Intim-Tantenhaftes preisgegeben hatte.
„Jedenfalls eine gesunde Konstitution,“ bemerkte Jappes, „mir wäre Opium
angenehmer,“ fügte er feinschmeckerisch hinzu, „wegen der üppigen
Träume, die man im Schlafe noch gratis vorgefilmt bekommt.“
„Opium hat einen lasterhaften Beigeschmack und ich leide eigentlich
nicht an Traumlosigkeit. Ich habe mich schon nach einem Antitraumin
umgesehen, aber die Apotheker führen das nicht. Ich habe manchmal
absonderliche Träume, wenn der Sturm draußen um die Fenster paukt: An
einem stürmisch-kalten Novemberabend träumte mir, ich erhalte hohen
Besuch. In der Eile goß ich eine Tasse Kaffee über das lilienreine
Tischtuch. Bin vor Schreck aufgewacht ... und dachte nach über den
Traum, es war klar, was er bedeuten sollte: Die Ankunft Schillers, denn
es war der 10. November, der Geburtstag des meistgefeierten Deutschen.
Heute beschleicht noch eine bittere Wehmut mein Herz, wenn ich daran
denke, daß der Kaffeeklecks – (übrigens ein wunderbarer Schillerkopf) –
mir das hold-elegische Gesicht vorenthalten hat, denn der Traumgott
hatte mich ausersehen, den hohen Gast zu bewirten.“
Jappes fand, daß seine Bildung noch lange nicht ausreichte, die Träume
der Ida Telluren zu deuten. An den traumdeutenden alttestamentarischen
Joseph dachte er nicht, denn Tante Telluren hatte mit Potiphars Weib
nichts gemeinsam, und es war keine Gefahr, einen Mantel zu riskieren.
Die Frau ist eine Blume des
Paradieses, die nach dem
Sündenfall ihren Namen verloren
hat, deshalb wird sie heute so
verschieden klassifiziert.
„Ich hatte einen erbaulichen Traum,“ plapperte die unermüdliche Tante,
„ich sah meine Nichte in einer Nische der Kirche als Mutter der
immerwährenden Hilfe. Viele junge Männer kamen, Armida ihre Not zu
klagen. Sie erhörte alle. Von Milde und Güte war sie durchschauert, daß
ich mir das Bild von einem tüchtigen Pinsel in Farbe gewünscht habe.“
„Ein schöner Traum, ein erhabenes Bild, wahrlich, Armida kann jeden
Pinsel entzücken!“ Und Jappes begoß seine Zunge mit der würzighellen
arabischen Brühe.
„Ihr Wesen ist Liebe,“ sagte die Tante mit sanfter Gebärde. „Armida voll
Klang und Melodie. Klingt es nicht wie ein Teufelswort, wenn man sie die
Tochter Arbilans, des Königs von Damaskus, nennt. Doch täuschend ist ihr
Bild, so zauberisch-schön, und Männer wird sie auch dereinst verwirren
wie Arbilans Tochter mit den Christenhelden tat. Rinaldo war ein
tapferer Held, den sie in ihren Zaubergarten in Antiochia lockte und
durch Wollust seinem Tatendrang entzog.“
„Tante Ida, Sie sind eine kluge Sibylle. Armida ist verführerisch-schön
und weiß die Männer auch zu locken. Soll ich etwa ein Rinaldo sein,
meine kluge Sibylle, fürwahr, es wäre keine Schande, tatenlos in ihren
Gärten zu verweilen.“
„Tapferer Freund, am Teetisch lernt man eines Mannes Werte kennen. Herr
Jappes wird schon seinen Gottfried finden, der ihn vom süßen Taumel löst
im Zaubergarten der Armida; mir bangt nur, daß Torquato Tasso mit der
selten-ausgereimten Frucht der listig schönen Magd Armida meines
Schillers Räuber einst verdrängen wird?“
„Tante, in Ihrem großen Herzen wird wohl Platz für beide sein, Rinaldo
war doch auch ein Räuber ...“
„Recht, mein Freund,“ sprach Frau Telluren, „für ideale Räuber gab es
immer Platz in meinem Herzen und wenn mein neuer Räuber einst mein Neffe
wird, soll er in meinem Herzen eine warme Kammer haben.“
Die Abreise beweinte Ida Telluren in stiller Abgeschiedenheit. Erst die
abendliche Ruhe löste ihre Stimme.
„Ein schöner Tag im reinsten Licht,“ klang es der Zofe an die Ohren. Der
Tante Wunsch war, in der Nacht dem Neffen mit der Nichte still im
Liebeszwiegespräch zu lauschen. „Gott segne meine Träume,“ war ihr Gebet
voll Innigkeit.
Dann klappten ihre Augen zu.