SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Es gibt Menschen, die glauben, nur

das Erhabene sei lächerlich.

Der D-Zug eilte mit Jappes nach Stuttgart. Armida lag schlafend wegen

Unpäßlichkeit. Ida Telluren bereitete Jappes einen emphatischen Empfang.

Als Geschenk brachte er eine Büste von Schiller. Die Tante war im

siebenten Himmel. „Herr Jappes,“ rief sie aus, „das ist schön von Ihnen,

oh! wie liebe ich Schiller! das ist schön, Herr Jappes. Wir müssen zur

Akademie hinüber, in die Solitude,“ sagte sie mit stolpernden Worten,

„dort ist mein Heiligtum. Wo Schiller die Räuber schrieb.“

Jappes dachte: ein romantisches Tantchen.

Ida Telluren führte den Gast in ihr Schillerkabinett: Gipsabgüsse,

Aquarelle, Marmorbüsten, Kupferstiche, Oeltempera, Terrakotta und

Majolika – alles Schillerdarstellungen. „Freund Armidas,“ nahm sie seine

Hand, „das Traurigste, was ich in meinem Leben empfand,“ – und sie

zeigte auf den Abguß einer überlebensgroßen Schillerbüste – „Sie wissen,

daß Dannecker in einem Anfall geistiger Umnachtung noch soviel Bosheit

fand, die Stirnlocken des Dichters wegzumeißeln.“ Mit zitternder Hand

strich sie über die fehlenden Locken und vertraute ihrer Schürze einen

salzigen Tropfen an, der von der tantigen Wimper troff. „Wir müssen am

Nachmittag auf den Bopser,“ unterbrach sie die schluchzende Rührung,

„nach der Schillerhöhe, ein Platz, der dem Dichter gebührt.“

Die weiße Haube einer Zofe gab zu an daß der Tee serviert sei. Jappes

und Tante Telluren überboten sich in Höflichkeitsphrasen, wem der

Vortritt gebühre. Die Tante als die Klügere gab nach. Mit der

Schillerbüste unter dem Arm, trat sie an den Teetisch. Ein Papagei

rollte modulierend L-o-o-r-r-a, Lorra. Nur durch die süße

Vermittlung eines Stückchen Zuckers war er stumm zu machen. Die

weichsamten-diaphanen Hände von Ida Telluren griffen nach der Teekanne.

„Ich weiß nicht, was für einen Trost ich in meinem Alter gefunden

hätte,“ seufzte die Tante, „wenn Schiller nicht geboren worden wäre.“

Sie servierte Jappes ein Stück Sandkuchen. Eine große Rosine gähnte in

dem körnigen Gebäck und mit einem bißchen Phantasie war es anzusehen wie

ein malaiischer Zyklop. Jappes liebte süße Aufmerksamkeiten: „Sie sind

noch jung, erlauben Sie, daß ich Sie Tante Telluren nenne,“ schmeichelte

er, „wenn man eine solche geräuschvolle Umgebung aushalten kann,“ – und

er zeigte auf den Papageienzwinger – „dann hat man noch gesunde

Empfindlichkeitssträhne.“

„Mit den Nerven bin ich nicht geplagt, gottlob, und Veronal nehme ich

selten. Höchstens als Gegenwirkung für Kaffee.“ Sie lächelte beschämt,

weil sie etwas Intim-Tantenhaftes preisgegeben hatte.

„Jedenfalls eine gesunde Konstitution,“ bemerkte Jappes, „mir wäre Opium

angenehmer,“ fügte er feinschmeckerisch hinzu, „wegen der üppigen

Träume, die man im Schlafe noch gratis vorgefilmt bekommt.“

„Opium hat einen lasterhaften Beigeschmack und ich leide eigentlich

nicht an Traumlosigkeit. Ich habe mich schon nach einem Antitraumin

umgesehen, aber die Apotheker führen das nicht. Ich habe manchmal

absonderliche Träume, wenn der Sturm draußen um die Fenster paukt: An

einem stürmisch-kalten Novemberabend träumte mir, ich erhalte hohen

Besuch. In der Eile goß ich eine Tasse Kaffee über das lilienreine

Tischtuch. Bin vor Schreck aufgewacht ... und dachte nach über den

Traum, es war klar, was er bedeuten sollte: Die Ankunft Schillers, denn

es war der 10. November, der Geburtstag des meistgefeierten Deutschen.

Heute beschleicht noch eine bittere Wehmut mein Herz, wenn ich daran

denke, daß der Kaffeeklecks – (übrigens ein wunderbarer Schillerkopf) –

mir das hold-elegische Gesicht vorenthalten hat, denn der Traumgott

hatte mich ausersehen, den hohen Gast zu bewirten.“

Jappes fand, daß seine Bildung noch lange nicht ausreichte, die Träume

der Ida Telluren zu deuten. An den traumdeutenden alttestamentarischen

Joseph dachte er nicht, denn Tante Telluren hatte mit Potiphars Weib

nichts gemeinsam, und es war keine Gefahr, einen Mantel zu riskieren.

Die Frau ist eine Blume des

Paradieses, die nach dem

Sündenfall ihren Namen verloren

hat, deshalb wird sie heute so

verschieden klassifiziert.

„Ich hatte einen erbaulichen Traum,“ plapperte die unermüdliche Tante,

„ich sah meine Nichte in einer Nische der Kirche als Mutter der

immerwährenden Hilfe. Viele junge Männer kamen, Armida ihre Not zu

klagen. Sie erhörte alle. Von Milde und Güte war sie durchschauert, daß

ich mir das Bild von einem tüchtigen Pinsel in Farbe gewünscht habe.“

„Ein schöner Traum, ein erhabenes Bild, wahrlich, Armida kann jeden

Pinsel entzücken!“ Und Jappes begoß seine Zunge mit der würzighellen

arabischen Brühe.

„Ihr Wesen ist Liebe,“ sagte die Tante mit sanfter Gebärde. „Armida voll

Klang und Melodie. Klingt es nicht wie ein Teufelswort, wenn man sie die

Tochter Arbilans, des Königs von Damaskus, nennt. Doch täuschend ist ihr

Bild, so zauberisch-schön, und Männer wird sie auch dereinst verwirren

wie Arbilans Tochter mit den Christenhelden tat. Rinaldo war ein

tapferer Held, den sie in ihren Zaubergarten in Antiochia lockte und

durch Wollust seinem Tatendrang entzog.“

„Tante Ida, Sie sind eine kluge Sibylle. Armida ist verführerisch-schön

und weiß die Männer auch zu locken. Soll ich etwa ein Rinaldo sein,

meine kluge Sibylle, fürwahr, es wäre keine Schande, tatenlos in ihren

Gärten zu verweilen.“

„Tapferer Freund, am Teetisch lernt man eines Mannes Werte kennen. Herr

Jappes wird schon seinen Gottfried finden, der ihn vom süßen Taumel löst

im Zaubergarten der Armida; mir bangt nur, daß Torquato Tasso mit der

selten-ausgereimten Frucht der listig schönen Magd Armida meines

Schillers Räuber einst verdrängen wird?“

„Tante, in Ihrem großen Herzen wird wohl Platz für beide sein, Rinaldo

war doch auch ein Räuber ...“

„Recht, mein Freund,“ sprach Frau Telluren, „für ideale Räuber gab es

immer Platz in meinem Herzen und wenn mein neuer Räuber einst mein Neffe

wird, soll er in meinem Herzen eine warme Kammer haben.“

Die Abreise beweinte Ida Telluren in stiller Abgeschiedenheit. Erst die

abendliche Ruhe löste ihre Stimme.

„Ein schöner Tag im reinsten Licht,“ klang es der Zofe an die Ohren. Der

Tante Wunsch war, in der Nacht dem Neffen mit der Nichte still im

Liebeszwiegespräch zu lauschen. „Gott segne meine Träume,“ war ihr Gebet

voll Innigkeit.

Dann klappten ihre Augen zu.

Fetzen · 第 52 / 82 题