Jappes: „Ich weiß auch nicht. Ich meine nur so.“

„Es gibt nur einen Glauben, das ist die Erfahrung. Glauben Sie mir,

Freund, die Frau ist nicht mehr als ein Prinzip, eine Idee, das Prinzip

der Zeugung, mehr strebt das Weib im Leben nicht an. Alles in der Frau

ist Liebe und was dazu führen kann.“

„Das ist doch weiter nicht schlimm oder ...?“

„Bewahre, bewahre,“ fuhr Professor Günther fort, „wenn der Auerhahn

balzt, versteckt er den Kopf. Er balzt nur in der Brunstzeit. Die Natur

hat ein Exempel statuiert. Sie will zeigen, wie die Liebe das blinde

Prinzip ist, das Lichtscheue.“

„Auch der Strauß versteckt seinen Kopf in den Wüstensand,“ warf Jappes

ein, „wenn er verfolgt wird, aber aus purer Furcht.“

„Liebe und Furcht ist dasselbe,“ lachte der Professor, „sehen Sie,

Freund, wenn das Mädchen verliebt ist, fürchtet es, keinen Mann zu

finden und findet es einen, so fürchtet es, ihn zu verlieren – von

anderer Furcht nicht einmal zu reden. Ergo, Liebe ist dasselbe wie

Furcht. Quod erat demonstrandum!“

„Die Ableitung ist sehr gut, eine akademische Form. Sicher und logisch,

aber das Weib muß sich doch seines Wertes auch bewußt sein, weil es mit

den Männern spielt. Im Flirt, dem spezifisch-weiblichen Attribut, ist

von der ‚lieblichen Blindheit‘ verdammt wenig dran.“

„Freund, Sie sehen etwas, aber nichts Genaues. Ich erkläre Ihnen den

Vorgang. Um banal zu sein: Der Flirt beruht auf Gegenseitigkeit.

Verstehen Sie mich recht! Sie haben eine Dame gefunden und wünschen ihre

Bekanntschaft zu machen. – Ich spreche Ihnen soviel Geschmack zu, daß

ich annehmen darf, die Dame hat noch viele andere Freunde. – Wenn Sie

der Dame den Hof machen, fühlt sie sich geschmeichelt und hat sie auch

Sympathie für Sie, so entwickelt sich der Flirt. Aus Courtoisie gegen

die Dame geben die Männer gesellschaftlich zu: der Flirt gehe von den

Damen aus. Unter uns gesagt, Freund Jappes, die Sachen liegen doch nicht

gar so pantoffelartig für uns. Wir sind scheinbar die Mucker und

Duckmäuser und doch führen wir die Frauen am Narrenseil!“

„Oh, das tu ich nicht und glaube nicht, daß man es tun kann mit

selbständigen Frauen.“

„Alle Frauen sind abhängig,“ sagte der Professor gereizt, „und

diejenigen, welche sich einbilden, am unabhängigsten zu sein, sind

gerade die Unselbständigsten. Noch ein Wort, mein Freund, was bei den

Frauen Koketterie ist, das ist es, womit wir spielen. Wir spielen also

mit dem Wesen der Frau, weil jede Frau kokett ist und mit sich spielen

läßt.“

„Das ist ein Sophismus,“ betonte Jappes, „meine Auffassung vom Wesen der

Frau ist grundverschieden. Ich denke, die Frau ist das, was den Mann

ergänzt und um so tiefer ergänzt, je unbewußter die Frau ist.“

„Wahr, wahr, Freund Jappes,“ beeilte sich der Professor zuzugestehen,

„sehr wahr für schlappe Pantoffelritter, für Lappschwänze, aber für

ganze Männer, nein. Die Frau ist da nur eine Begleiterscheinung der

Größe eines Mannes, der Nebel, der den Kometen begleitet. Ein astroides

Nebulargebilde.“ Dazu lachte er, daß das Zimmer wackelte. – „Sprechen

wir praktisch. Wir renommieren soviel mit den Frauen, die wir uns kirre

gemacht haben, wie es die Frauen tun, die uns den Kopf verdreht haben.“

„Eine Frau wird mehr umworben als ein Mann,“ stellte Jappes die

Antithese.

„Pflichte Ihnen nicht bei, Herr Jappes,“ sagte der Professor wichtig,

„nach der Ueberlieferung ist die Liebe beim Mann und bei der Frau eine

Parallelerscheinung. Der okkulte Kult der Aegypter erzählt, daß Osiris

und Isis sich schon im Mutterleibe geliebt haben. Die Aegypter haben uns

wichtige Papyri über die Frauen hinterlassen. Sicher ist, daß die Liebe

ein einträgliches Geschäft war. Einträglicher wie zu unserer Zeit, was

doch beweist, daß die Frau wirtschaftlich bedeutend gesunken ist.“

„Die Anspielung verstehe ich nicht,“ entgegnete Jappes nachdenklich. Und

Professor Günther belehrte ihn: „Als Cheops seine Pyramiden baute,

geriet er in Geldverlegenheit und um ihr abzuhelfen, gab er seine

Tochter den Edlen seines Hofes preis.“ – Und lächelnd fügte er bei –

„Die Prinzessin fand soviel Geschmack an der Erbauung der Pyramiden, daß

sie sich selbst eine Pyramide errichten ließ, alles von ihrem eigenen

Gelde.“

„Sie wollen daraus die Werterniedrigung der Frau ableiten, ich bin eher

der Ansicht, daß die Männer zur Zeit der Pyramide des Cheops noch nicht

so ausgepowert waren wie heute.“

„Wenn Sie Ihre Bemerkung nicht ernst auffassen, verzeihe ich Ihnen die

Wortklauberei recht gerne. Die Welt wäre längst mit den Gestirnen in

Kollision geraten, hätten nicht Kepler und Newton und Laplace und die

anderen siderischen Lokomotivführer ihre Bahnen und die Wege der

Gestirne erkannt. Da finden Sie keine Frau. Keine Erfindung segelt unter

der Flagge der Frau. Ueberall ist der Mann das Agens, die treibende

Kraft. Nennt man heute den Namen einer Frau, dann ist es immer im

Zusammenhang mit einem großen männlichen Namen.“

„Der Frau spricht man doch die Erfindung der Sünde zu, und all den

hysterischen Zappelfritzen der Geschichte hätte man kein Kind bis zur

Geburt anvertrauen können. Die Frau hat die Geduld, ein Kind zu gebären

und sie würde es vielleicht noch länger als dreiviertel Jahr verborgen

halten, wenn der Vorwitz danach bei ihr nicht so groß wäre. Das Monopol

der Menschenerneuerung wollen Sie der Frau doch nicht absprechen? Die

Frauen sind zu bescheiden, um den Ruhm für sich zu nehmen, deshalb

setzen sie ihre Trabanten in die Welt, ihre geistigen Kulis, die

Erfindungen zu machen und die Wissenschaften zu fördern. Jeder Gelehrte

hat sein Leben von einer Frau geschenkt bekommen, und die Arbeit eines

jeden Mannes ist Dienst zur Ehre des Weibes.“

Professor Günther wehrte mit der Hand ab. „Versuchskarnickel sind die

Weiber, glauben Sie meiner Erfahrung, mein Freund, Versuchskarnickel!“

Die Gesellschaft ist ein

Fünfuhrtee. Es wird leider meist

Aufguß serviert.

Frau Professor und Pepy erschienen mit einem Körbchen junger, wippender

Boxerhündchen. Das Windspiel heulte auf und schlug Alarm, weil es sich

in seiner Hundeliebe zurückgesetzt fühlte. Frau Professor nahm es in

ihren Schoß und tröstete es über die Eifersucht auf die jungen Hunde.

Das Windspiel hatte einen russischen Namen: Duschitschko-Seelchen.

Professor Günther, dem das Winseln verhaßt war, klingelte dem

Zimmermädchen: „Bringen Sie den Hund Gassi-gassi, er möchte nach dem

Wetter sehen.“ Frau Günther hob ein zitterndes Hündchen aus dem Korb,

führte es mit einem jähen Ruck an die Lippen und knutschte es ab,

spielte Fangball damit und nannte es Mollchen, Knäuelchen, Bubele. Der

Herr Professor gab Aufschluß über die Eigenarten des deutschen

Boxerhundes und die Frau wandte sich stolz an Pepy: „Mein Gemahl kennt

sich aus in der Hundezucht.“

„Der Tee wird kalt, Mutter,“ beeilte sich Herr Professor Günther

einzuschenken. „Belieben gnädiges Fräulein Rum oder Zitrone?“

„Danke, Herr Professor, ich erlaube mir ein Stückchen Zucker und etwas

Milch.“ „Wie gnädiges Fräulein belieben!“ Und er reichte ihr das

Gewünschte. Frau Günther reichte eine Dose mit petits fours und biscuits

de Reims. Herr Günther servierte Himbeergelee: „Das Süße den Süßen,“

fügte er liebenswürdig und kavaliermäßig lächelnd hinzu. Er bediente

Pepy und seine Frau – die Mutter.

Pepy sprach sich belobigend über die tadellose Einrichtung aus. Frau

Günther nannte die Preise der einzelnen Möbel, nannte einen

übertriebenen Preis für den gemusterten Smyrnateppich und fand ihn

lächerlich billig für so ein Prachtstück. „Schöngeister“ – und sie

zeigte auf Professor Günther, „brauchen eine luxuriöse Umgebung, das

weckt die kühnsten Gedanken.“

Der Tee war alle und die Uhr ging auf zwölf. „Der Uhr geht die Zeit aus,

und wir möchten uns heute noch verabschieden,“ sagte Jappes. Frau

Günther geleitete die Gäste bis zur Tür: „Gelt, Fräulein Pepy, Sie

schauen mal nach den Hündchen.“ Pepy versprach zu kommen.

Dann traten sie in die Nacht.

Vom Salon bis zur Küche ist oft

nur ein Schritt.

„Eine liebe Frau,“ sagte Pepy, „ein glückliches Verhältnis, die zwei.“

„Sehr anständige Menschen,“ bemerkte Jappes, „die einem nicht sagen, daß

man überflüssig ist. Aber es ist schön, die Rolle des Geduldetwerdens zu

spielen.“

„Die Leute sind riesig nett,“ und Pepy hängte sich in Jappes’ Arm, „er

ist ein entzückend liebenswürdiger Mensch. Siehst du, wenn du den

Professor vom Katheder los machst, ist er auch ein Mensch ...!“

„Zu Hause ein Mordsvieh,“ unterbrach Jappes, „gewiß, aber immer noch

furchtbar klug und sehr beschränkt. Mag sein, daß ich Vorurteile habe,

für mich ist es eine Gesellschaft, die den Tee im Salon serviert, die

Schwarte vom Schinken und die Rinde vom Käse herunterschneidet – sie

aber in der Küche auffrißt, wenn der Besuch gegangen ist.“ Pepy zwickte

Jappes in den Arm: „Jappes, du bist ein Kerl. Wie kommst du auf einmal

auf den Gedanken? Mit dir kann man nicht reden. Sie waren doch sehr

aufmerksam gegen uns, weshalb redest du das konfuse Zeug?“

„Ich meine nur so,“ sagte Jappes.

Das Pflaster warf die hallenden Schritte durch die Nacht. Polizisten

drückten sich in die Ecken, in ihre blauen Pelerinen gehüllt. Sie sahen

aus, als fürchteten sie etwas Polizeiwidriges zu sehen. Aus der Ferne

rollte das dumpfe Gedröhne eines Eisenbahnzuges. Manchmal schlich eine

Katze duckend übers Trottoir und verschwand in einer Kellerluke. Der

Wind trieb die Wolken von Westen. Jappes brachte Pepy bis zur Pension,

wo sie wohnte. Ein Kuß, und dann Abschied.

„Gelt Jappes,“ sagte sie, „die Hundchen waren doch nett.“

„Sehr nett, Pepy.“

Mitleid ist die letzte Form des

Anstandes.

„Ich reise mit dem Frühzug nach Stuttgart,“ sagte Jappes zum Portier der

Vier Jahreszeiten, „richten Sie das Frühstück und wecken Sie mich um

fünf.“ In seinem Zimmer schrieb er an Pepy: Mein Rudibub, ich wollte Dir

den Abschied ersparen. In der Früh, um sieben Uhr, bin ich nach

Stuttgart gefahren. Schreib, wenn Du etwas, oder mich brauchst. Ich bin

Dein Freund.

Herzlichst Dein Golliwog.

Er fügte eine Visitenkarte bei auf den Namen Doktor Golliwog. Er schrieb

darauf: Ich lasse meine Visitenkarten in Zukunft immer mit dem

Spitznamen drucken.

Fetzen · 第 51 / 82 题