SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Es gibt drastische Wahrheiten, die

wie Lügen klingen, aber viel

gefährlicher sind.

Professor Günther stak in einer grauen Litewka mit braunen Kordeln. Ohne

die Lorbeeren am Kragen hätte er wie ein Husar ausgesehen. Saß in seiner

Bibliothek vor einem Stoß Manuskripte und rauchte aus einer aromatischen

Ruhla. Ein russisches Windspiel lag auf einem Bärenpelzfetzen neben dem

Spucknapf. Jappes hatte sich telephonisch angemeldet: Wenn es Herrn

Professor genehm sei, komme er auf einen Sprung vorbei, ob es nicht

störe, wenn die Freundin mitkomme? Im Gegenteil, hatte der Professor

verbindlich gesagt. Kommen Sie ungeniert. Auf Wiedersehen! Jappes und

Pepy wurden mit lebhafter Höflichkeit empfangen.

Es wurde Tee serviert und Frau Professor dazu. Ein schmuddeliges

Weibchen, das ihrem Manne alles mit talmudistischer Ueberzeugungstreue

glaubte und manch verworrene Ehekonflikte auf die unverständliche

Gelehrsamkeit ihres Mannes zurückzuführen gewußt hatte. Sie hatte sich

schon vom Leben zurückgezogen, weil alle ihre Wünsche erfüllt waren.

Einen berühmten Gatten, einen berühmten Sohn und eine geordnete

Häuslichkeit. Sicher war dieses ausgeglichene Wesen ein Werk des

Psychologen. Frau Günther hatte sich in ihren Betrachtungen eingekapselt

und lebte ihren Gedanken: von der Außenwelt um ihr Glück beneidet zu

werden. Ohne Bedürfnis nach fremden Männern, fand sie keine Worte für

Jappes außer den zeremoniellen Begrüßungsformeln:

„Wir haben allerliebste kleine Hunderl,“ platzte sie heraus, „ich liebe

sie so sehr. Vielleicht hat gnädiges Fräulein Lust, die zappelnden

Dingerchen zu sehen.“ Pepy warf Jappes einen fragenden Blick hin. Er

kniff die Augen zu und schürzte die Lippen: Geh halt mit der Frau! Pepy

und Frau Günther gingen zur Hundeschau.

„Die Frauen sind seltsame Dinge,“ begann der Professor. „Sie haben immer

ein Steckenpferd und es ist das Glück der Männer, wenn sie sich sehr

früh von ihnen abwenden: Der Instinkt vertritt bei ihnen den Geist und

immer zum Vorteil der Frau.“

„Das könnte ich nicht gerade behaupten,“ sagte Jappes, um nicht zu

schweigen. Und Professor Günther: „Wieso?“

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